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Ford Madox Ford – Die allertraurigste Geschichte

Die allertraurigste Geschichte

2.6 von 5 Sternen bei 5 Bewertungen

Verlag: Diogenes

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 272

ISBN: 9783257205329

Termin: Juli 2003

  • - Das Buch -


    Edward Ashburnham, erstklassiger Soldat und perfekter englischer Gentlemen, hat eine verhängnisvolle Schwäche: Er kennt keinen Skrupel in Herzensangelegenheiten. Die allertraurigste Geschichte – erzählt von Ashburnhams Freund, dem Ehemann, den er betrogen hat – konfrontiert mir bitterer Ironie die oberflächliche Idylle eines Kuraufenthalts zweier befreundeter Paare in Bad Nauheim mit den finsteren Geheimnissen von Verrat und Ehebruch.
    Ford Madox Fords bester Roman und ein Meilenstein in der Literatur des frühen zwanzigsten Jahrhunderts – heute noch so aktuell wie damals.



    - Meine Meinung -


    „Dies ist die traurigste Geschichte, die ich je gehört habe.“ So beginnt Ford Madox Fords wohl bekanntester Roman und er erzählt die Geschichte zweier Ehepaare und – wie der Titel ja schon andeutet – vieler Tragödien. Im Jahre 1904 begegnen sich die Ashburnhams und die Dowells zum ersten Mal in Bad Nauheim, einem Kurbad für Herzkranke. Dort treffen sie sich in den folgenden neun Jahren auch immer wieder und lernen sich so kennen – so könnte man zumindest glauben. Denn die Fassade der „ordentlichen Leute“ ist eben nicht viel mehr als eine zu bröckeln beginnende Fassade.
    Nach dem Tode seines Freundes blickt der Icherzähler (nicht nur) auf die gemeinsame Zeit zurück und zeichnet das Bild eines Lebens, in dem nach von Lügen und Illusionen dominierten. Er gibt sich Mühe dem Leser ein möglichst vollständiges Bild zu liefern, indem er die einzelnen Mosaiksteinchen, die er im Laufe der Zeit erzählt bekommen, erfahren oder sich zusammengereimt hat, zusammensetzt. Dabei springt er zwischen Zeit und Raum vor und zurück, versucht einmal die eine Person in den Mittepunkt zu rücken und deren Sichtweise und Handlungen zu erklären und dann wieder bemüht er sich, die Dinge aus der Sicht einer anderen zu sehen. Er möchte ein möglichst komplettes und unvoreingenommenes Bild widergeben, bemüht sich auch immer wieder, den Charakter des gerade eben beschriebenen Protagonisten wieder positiver zu färben aus einer augenscheinlichen Angst heraus, dieser Person vielleicht nicht gerecht zu werden. Er, der belogene und betrogene Ehemann, scheint noch nicht einmal im Angesicht von Tod und Wahnsinn den Mut zu finden, offen zu sagen, was er denkt, wo er doch weit weg von seiner amerikanischen Heimat so gut wie alleine in einem englischen Herrenhaus sitzt, das sich seine Frau wünschte. Er scheint sich noch immer nicht eingestehen zu können, was genau er wirklich fühlt.


    Bei der Lektüre dieses Buches hatte ich große Schwierigkeiten mit dem Erzählstil, denn der besagte Icherzähler hält sich an keine Chronologie oder sonst was, sondern erzählt alles, wie es im gerade in den Sinn zu kommen scheint, und springt daher munter von einem Ereignis zum anderen und wieder zurück. Daher hatte ich wirklich Probleme dem Verlauf der Handlung zu folgen und ich glaube darum auch nicht, dass ich den Roman wirklich verstanden habe. Die Presse hat das Buch ja hochgelobt und auch im Nachwort der Diogenes-Ausgabe wird es als „großes Werk“ beschrieben. Und das mag es auch wohl sein, doch in meinen Augen ist es eher ein verwirrendes Stück Literatur - aber vielleicht geht mir auch einfach nur das gewisse Gespür und das nötige Wissen dafür ab, um es schätzen zu können.
    Für mich ist der Icherzähler der schlechteste, der mir je begegnet ist, und daher ist die Geschichte am Ende auch nicht bei mir angekommen. Als Leser habe ich ja immerhin nicht die Möglichkeit zu fragen, "Halt! Wie war das jetzt gleich noch mal?", da ich dem Erzähler ja nicht gegenüber sitze. Ford Madox Ford mag ein großartiger Romancier gewesen sein, ich kann und will das auch gar nicht beurteilen, doch dieses Buch hat mich leider nicht wirklich überzeugt.

    With freedom, books, flowers, and the moon, who could not be happy? ― Oscar Wilde

  • Danke! :kiss:
    Ich finde deine Rezi sehr schön und informativ. Sie hat auch meine Vorurteile bestätigt. Das Buch ist nichts für mich. 8)
    Nochmals vielen lieben Dank für deine Bemühungen und deine gelungene Rezi :thumleft: (kannst ruhig öfter welche schreiben.... :-# :-, :friends: )

  • Die allerbekloppteste Geschichte...
    Wichtig ist natürlich, dass es eine Satire ist. Hier ist nichts vordergründig zu verstehen. Der Ich-Erzähler ist ein in Konventionen gefangener Mensch, der nicht wahrhaben darf, dass er eine verkommene, unmoralische Frau geheiratet hat und eben solche Freunde hat. Daher erzählt er die Geschichte als Tragödie, was sie für ihn selber wohl auch ist, aber aus völlig anderen Gründen. Nicht die anderen leiden an ihrer Gutheit, sondern nur er selber. Das wiederum gelingt ihm nur mit den abstrusesten gedanklichen Volten. Blind für das, was die Umwelt ihm antut, laviert er sturheil in seinen traditionellen Erklärungen und macht sich zum totalen Deppen. Das finde ich sehr lustig!
    Zugegeben, der Stil ist langatmig, manchmal schwülstig und irgendwie aus der Zeit gefallen. Das macht das Lesen ziemlich mühsam. Ein pageturner ist das Buch gewiss nicht. Aber wenn man sich einmal auf diesen Wahnsinn einlässt, so ist es doch wieder recht unterhaltsam.
    Ich bin froh, dieses Buch zu kennen.

  • In den Jahren vor dem 1. Weltkrieg verbringen zwei reiche Ehepaare, die Ashburnhams und die Dowells, ihre Sommerfrische regelmäßig in Bad Nauheim, ehe tragische Ereignisse die vermeintliche Idylle für immer zerstören.

    John Dowell, der die Geschichte aus seiner Sicht erzählt, erkennt erst nach dem Tod seiner Frau Florence deren wahren Charakter. Aber auch Edward Ashburnham ist nicht der moralisch tadellose Offizier, der er zu sein vorgibt.


    Der Inhaltsangabe zufolge habe ich mir eine spannende Geschichte erwartet, große Gefühle, heftige Leidenschaften, einen dramatischen Schlussakkord, und das alles auf hohem sprachlichen Niveau.

    Angefangen hat das Buch auch gar nicht schlecht, eher geheimnisvoll, voller Andeutungen seitens des Erzählers, die die Neugier des Lesers wecken. Bald aber wurde mir klar, dass nichts von dem zutrifft, was ich mir erhofft hatte.

    Gewiss passieren Tragödien, der Erzähler erwähnt sie aber fast wie nebenbei, so als würde er von der Wetterlage oder einer Menüfolge berichten. Es ist ihm überhaupt nicht gelungen, mich emotional ins Geschehen einzubeziehen; es gibt keine Figuren, die mir sympathisch waren, niemanden, mit dem ich mitleben und mitleiden konnte. Fern und fremd, beinahe theatralisch in ihrem Verhalten irrlichtern sie durch die Seiten, weshalb es mir auch nicht möglich war, sie mir als fühlende, liebende Wesen vorzustellen.

    Gewiss verliefen Ehen vor 100 Jahren anders als heute, waren unglückliche Frauen Gefangene ihres Standes, mussten die Geliebten und Lieblosigkeiten ihrer Männer ertragen - und doch ließe sich diese Realität wohl auch lebensnäher darstellen. Genauso eigenartig wie die Protagonisten waren auch die Nebendarsteller, die eigentlich Hauptdarsteller hätten sein sollen, Edwards zahlreiche Geliebte oder Florences Liebhaber. Weder den Ehebrechern noch den Betrogenen konnte der Autor meiner Meinung nach Profil verleihen, keiner vermochte mein Herz zu berühren.

    Stilistisch gesehen hat mir der Roman ebenfalls nicht zugesagt. Die Sprache empfand ich als gefühllos und distanziert, weder Wärme noch Anteilnahme, aber auch keine Wut oder Trauer spricht aus den Worten des Erzählers, der zugleich ja auch Beteiligter war.

    Bestimmt war diese Geschichte nicht die allertraurigste, aber eine der seltsamsten, die ich je gelesen habe.


    Dafür gibt es leider nur einen einsamen allertraurigsten :bewertung1von5: