Derek Raymond - Ich war Dora Suarez/ I Was Dora Suarez

Affiliate-Link

Ich war Dora Suarez

4.5|3)

Verlag: Maas Verlag

Bindung: Taschenbuch

ISBN: 9783929010701

Termin: Dezember 2000

  • Kurzbeschreibung:


    Ein Killer veranstaltet mit seiner Axt in einem Apartment des Londoner Stadtteils South Kensington ein abscheuliches Massaker. Eine schwere Aufgabe für die FACTORY und das zuständige Dezernat für ungeklärte Todesfälle, denn bei der anschließenden Ermittlung ergeben sich weder Anhaltspunkte noch Zusammenhänge. Trotz vieler Bedenken macht man die Suspendierung eines ehemaligen Mitarbeiters des A14 rückgängig, der diesem Fall als einziger gewachsen zu sein scheint. Doch gerade bei ihm hinterläßt der Anblick der ermordeten Dora Suarez tiefe psychische Wunden. Auf der Suche nach dem Killer bohrt er sich wie besessen in die Schattenbereiche einer degenerierten Gesellschaft, die sich jenseits unserer Vorstellungskraft befinden. Dieses Buch ist ein radikaler Meilenstein des Brit Noir, ein literarischer Amoklauf, der künstlerisch und moralisch neue Grenzen im gesamten Genre definiert.


    Meine Meinung:


    Der Roman beginnt stark mit der Schilderung dreier scheußlicher Morde und macht sofort auch deutlich, dass man es hier nicht mit einem gebildeten, mit feinen Manieren ausgestatteten Massenmörder im Stile eines Hannibal Lecter zu tun hat, sondern mit einem kranken Menschen, der selber kaum eine richtige Vorstellung hat, von dem was er tut. Die Einzelheiten der Morde sind widerlich, aber sie werden nicht unnötig spektakulär ausgemalt. Im weiteren Verlauf des Romans lernt man den ermittelnden, namenlosen Inspector kennen, dessen Suspendierung wegen Personalmangel rückgängig gemacht wurde, seinen Hintergrund, seine Art zu denken und wie er sich ohne Rücksicht gegenüber Kollegen, Vorgesetzte oder sich selbst, in sehr persönlich betroffener Weise in den Fall kniet. In der zweiten Hälfte läßt der Roman meiner Meinung nach etwas nach, in den anstehenden Verhören werden Verdächtige eher in Starsky und Hutch-Manier "vollgelabert", als dass sie wirklich zu einer Aussage gebracht werden. Die fortschreitende Aufklärung des Falles wird nicht immer schlüssig dargelegt, aber der Roman bleibt spannend bis zum Schluß, er gewährt nachvollziehbare Einblicke in die Denkungsart des psychopathischen Mörders, in dunkle Teile unserer Welt und er beleuchtet Schattenseiten einer Gesellschaft, die man lieber nicht persönlich kennenlernen möchte. Für Freunde harter Krimis zu empfehlen, aber leider nicht mehr im normalen Buchhandel erhältlich.

  • Das ist die englische Erstausgabe aus dem Jahr 1990, bei Scribner erschienen:

    David Lynch & Kristine McKenna "Traumwelten" (189/746)

    William Faulkner "Licht im August" (263/418)


    Jahresbeste: Denton Welch (2018), Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
    Gelesen: 132 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Larry Brown "Fay" (6.12.)

  • Dann will ich doch auch einmal meine Meinung dazu los werden... :)


    Das ist er also, der beste, der endgültige Serienkiller-Roman – der das Sujet gleich dort verortet, wo es hingehört: in der Gesellschaft, im Menschlichen, im Fehlen von Empathie. Ein Buch über den Versuch, sich Selbstachtung zu bewahren, Hoffnungen zu haben in einer hoffnungslosen Welt. Ein Buch über Hilfe, die immer zu spät kommt. Ja: Es geht um nichts weniger als um Erlösung und fehlende Barmherzigkeit.


    Wer durch dieses atemlose, manische Buch durchgewatet ist, wird sich nicht mehr mit durchgestylten Format-Romanen über Serienmörder, die zu blöden Pop-Ikonen aufgeblasen werden, begnügen, die höchstens spannend und wahrscheinlich eklig sind, doch deren einzige Absicht es ist, dem Autor und dem Verlag Geld in die Taschen zu spülen; die den Zeitgeist befriedigen, aber nichts vom Wahnsinn erzählen, nichts von Menschen, die nie gezwungen waren, sich ihre eigene Hoffnungslosigkeit bewusst zu machen - und so zu Mördern anstatt zu Selbstmördern wurden; Romane also, die im Grunde moralische, gesetzestreue Spießerliteratur sind, anstatt dass sie wirkliche Grauzonen und soziale Abgründe ausleuchten. Bei Derek Raymond wird dagegen alles in die Waagschale geworfen, was ein Mensch zur Verfügung hat, Haut und Haar und Seele, hier wird etwas riskiert, und sei es, das Publikum vor den Kopf zu stoßen!


    Hier gibt es nur die Höchstwertung oder Verachtung. Und wer nicht die Höchstwertung vergibt, dem kann man schon fast unterstellen, sich seinen innersten Ängsten nicht stellen zu wollen. Und dann bekommt man wahrscheinlich noch zu hören, der Roman „Ich war Dora Suarez“ würde Logik vermissen, wäre übertrieben - und die Polizisten auch nichts anderes als großmäulige Machos. Ach, komm: Als wenn sich Teenager nach einem Splatterfilm über die schlecht gemachten Effekte unterhalten! Alles Ablenkung, die das eigene Entsetzen klein halten will! Hier geht es einfach nicht um clever ausgedachte Mordpläne, sondern um Schuld und Sühne, Verbrechen und Strafe. Aber wie es schon die Hauptfigur in dem Roman sagt: "Die Öffentlichkeit will nur die schmutzigen Konturen, nicht die intimen, ekligen Details." (S.193 der Black-Lizard-Ausgabe)


    Der namenlose Ermittler aus einer Polizeieinheit der FACTORY, die sich mit den hoffnungslosen Fällen beschäftigt, wird für die Jagd nach einem sadistischen Killer zurück in den Polizeidienst geholt. Mit der Hauptfigur ist wahrlich nicht gut auskommen, da er weiß, was er will, und er sich nicht ausbremsen lassen will von den vielen Trotteln, die die Welt bevölkern. Er weiß, alles Nützliche, das getan wird, wird für andere getan. Und der direkte Weg ist der beste. Das Leben ist so kostbar, dass es einen eines Tages sogar blenden kann, doch die Welt, in der er lebt, ist so schrecklich, dass man am liebsten die Augen vor ihr verschließt. Nur er kann das nicht. Er ist dafür da, dass die Opfer der Täter, die er jagt, ihre Ruhe finden. Und er ist überzeugt, dass wir alle keine Ruhe finden werden, wenn es die Opfer nicht tun. Er ist ganz offensichtlich nicht der modisch abgewrackte Kommissar mit Ehekrach und Alkoholproblemen. Er ist einfach nur ein Einzelgänger mit privater Tragödie im Schlepptau und übergroßem Einfühlungsvermögen. Und er ist der Beste in seinem Job. Vorgesetzte und Untergebene (und völlig Unbeteiligte) schnauzt er gleichermaßen an - nicht einfach weil sie da sind, sondern weil sie seiner Suche (sowie seiner und unser aller Erlösung) durch ihre eigene kleingeistige Borniertheit im Weg stehen. Wie ein Besessener kniet er sich in seine Arbeit hinein. Doch bei der Suche nach dem Täter geht es ihm nicht um den Rechtsstaat, nicht um das eigene Ego oder die Beförderung, es geht ihm nur um das Opfer. Die Empathie mit den Opfern geht bei ihm so weit, dass er an ihrem Leid fast zerbricht. Es ist ein Grad der Zerrüttung erreicht, wo eigene Existenz fast nicht mehr möglich ist. Er muss quasi zum Opfer werden, um den Täter zu finden. Der Anblick des billigen Kleides der toten Dora Suarez und die bei einer Werbeanzeige für einen Hawaii-Urlaub aufgeschlagene Illustrierte auf ihrem Küchentisch, treiben ihm, dem Hypersensitiven, die Tränen in die Augen, erzählen diese Dinge doch von ihrem Wunsch, sich schön zu machen für eine hässliche Welt, sich Träume und Sehnsüchte im Saustall des Lebens zu bewahren. Er küsst ihre Haare, er liest ihr Tagebuch. Die Identifikation mit dem Opfer nimmt wahrlich ungesunde Züge an, wahrscheinlich verliebt er sich in sie (und die Beziehung von Ermittler zu Opfer und Täter wird zu einem morbiden Liebes-Dreieck); doch er muss verstehen, wie es soweit kommen konnte, an welcher Stelle ihr Leben zur Hölle wurde.


    Zitat

    Und Suarez wurde umgebracht, weil sie schön, arm und krank und auf unsere Barmherzigkeit angewiesen war, und wir zeigten keine, möge unser Land sich deshalb schämen.

    (S. 173 der Black-Lizard-Ausgabe)


    Und was hört man noch immer wieder von Kritikern des Romans? Der Anfang sei gut, doch zum Schluss lasse er nach!? Ja, ihr Gore Hounds, wenn der Axtmörder seine blutige Arbeit aufnimmt, findet ihr es geil, aber dann, wenn man später mitfühlen muss, dann wird es euch zu viel. Der Schluss sei mau? Es ist ganz sicher kein Showdown als Spektakel, kein Selbstzweck. Denkt einfach nochmal an die Verbindung von Richter, Henker, Erlöser, wenn ihr über das absolut stimmige Finale sprechen wollt.


    Was man nach der Lektüre hoffentlich begriffen hat, ist, dass Mord kein Spaß ist, kein Toter irrelevant, dass Menschen selbst für literarische Mordtaten nicht leichtfertig geopfert werden sollten. Spannung darf kein Selbstzweck, Spannung muss immer mit Haltung verknüpft sein; und das ist sie bei Gertriebenen wie Derek Raymond. Sowas muss man den Leuten tatsächlich sagen: Menschen, die das Schreckliche jedes einzelnen Toten erst begreifen können, wenn man es umständlich auf sie selbst bezieht und fragt: „Und was wäre, wenn das deiner Frau, deiner Tochter passiert wäre?!“ Anders begreift ihr's nicht, was?! Was Derek Raymond in diesem Roman tut, ist, sich das denkbar schrecklichste, das moralisch verwerflichste Verbrechen auszudenken (und, ja: das hat noch nicht einmal mit dem perversen Axtmörder zu tun, um den es "eigentlich" geht - das ist ja das Schlimme!), und es mit der denkbar größten Tragik zu vermischen: Einem Menschen die letzte Chance zu nehmen, sich einen Funken Selbstachtung zu bewahren. Dieses Buch ist ein Albtraum mit den Mitteln des Polizeiromans! Und man darf nicht vergessen: Die gesetzlosen, prügelnden und aggressiven Polizisten sind diejenigen, die in dem Roman zumindest einen Funken Hoffnung verbreiten, die eben nicht aufgeben. Das sei all denen gesagt, die mit Reflex-Abscheu reagieren, wenn männliche Polizisten sich in Romanen daneben, sich ungesetzlich benehmen. Machos? In "Dora Suarez" will doch niemand irgendwem was beweisen oder sich profilieren! Die beiden Haupfiguren sind die letzten, die in einer Welt, in der jedes Elend seinen Preis hat, seinen Käufer findet, noch auf Glaube, Liebe, Hoffnung setzen, umgeben von Zweiflern und den Verwaltern der eigenen Mittelmäßigkeit. Selbstjustiz? Besser einer hat das Gesetz in der Hand, als niemand hat das Gesetz in der Hand. Strahlende Helden müsst ihr euch woanders suchen. Kommt damit klar, Mainstream-Leser: Das ist einer der besten Kriminalromane aller Zeiten. Alles auf die Spitze getrieben! Ich bin hellauf begeistert!


    Zitat

    Demaskiere das Grauen, sieh es dir ungeschminkt an, versteck dich nicht, lauf nicht davon, und dann wird das Gute kommen, selbst wenn es durch die Hölle gehen muss, um dich zu finden.

    (S. 174)



    Der Autor (nach Klappentext und Wikipedia): Derek Raymond alias Robin Cook wurde 1931 als ältester Sohn eines Textil-Magnaten geboren und standesgemäß in der Eliteschule Eton erzogen, die er allerdings abbrach Anstatt seine Laufbahn in Oxford fortzusetzen, trieb er sich in der Londoner Halbwelt herum, arbeitete als Pornoproduzent, Glücksspielveranstalter und Taxifahrer - und begann zu schreiben. Er lebte in Spanien (unter anderem im Gefängnis), Italien (zeitweise in einer anarchistischen Kommune) und in New York. 1974 er in seine Wahlheimat, in den Südwesten Frankreichs. Raymonds literarischer Stil und seine schwarzen Visionen einer Gesellschaft im Verfall lassen Zuordnungsversuche zur gängigen Kriminalliteratur zwangsläufig problematisch werden. Er war fünfmal verheiratet und geschieden. Er starb 1994 in London an Krebs. Am meisten bekannt ist er für seine fünf FACTORY-Romane, dessen vierter „Ich war Dora Suarez“ unter anderem 1991 den Deutschen Krimi-Preis erhielt.


    Romane (Auswahl): He Died with His Eyes Open/Er starb mit offenen Augen) (1984), The Devil's Home on Leave/Der Teufel hat Heimaturlaub (1985), How the Dead Live/Wie die Toten leben (1986), Cauchemar Dans La Rue/Alptraum in den Straßen (1988 als Robin Cook), I Was Dora Suarez/Ich war Dora Suarez (1990) , The Hidden Files/Die verdeckten Dateien (1992), Dead Man Upright/Profil eines Serienmörders (1993 in Deutschland als Robin Cook), Not Till the Red Fog Rises/Roter Nebel (1994)

    David Lynch & Kristine McKenna "Traumwelten" (189/746)

    William Faulkner "Licht im August" (263/418)


    Jahresbeste: Denton Welch (2018), Willa Cather (2017), Adrian Tomine (2016), Derek Raymond (2015), James Agee (2014), Ken Kesey (2013), Jim Nisbet & Richard Ford (2012) :king:
    Gelesen: 132 (2018), 119 (2017), 180 (2016), 156 (2015), 77 (2014), 58 (2013), 39 (2012)
    Letzter Buchkauf: Larry Brown "Fay" (6.12.)

Anzeige