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Gerbrand Bakker - Oben ist es still / Boven is het stil

  • Buchdetails

    Titel: Oben ist es still


    Verlag: Suhrkamp

    Bindung: Taschenbuch

    Seitenzahl: 315

    ISBN: 9783518461426

    Termin: Januar 2010

  • Bewertung

    4.3 von 5 Sternen bei 24 Bewertungen

    85,4% Zufriedenheit
  • Inhaltsangabe zu "Oben ist es still"

    Helmer van Wonderen räumt auf. Er verfrachtet seinen bettlägerigen Vater ins Obergeschoß des alten Bauernhauses, entrümpelt das Erdgeschoss, streicht die Wände und schafft neue Möbel an. Das Gemälde mit den schwarzen Schafen, die Fotografien von Mutter und die alte Standuhr kommen nach oben, alle Pflanzen, die blühen können, auf den Misthaufen. Und da Vater ihm nicht den Gefallen tut, einfach zu verschwinden, sich von einem Windstoß hinwegfegen zu lassen oder wenigstens zu sterben, richtet der Sohn sein Leben unten neu ein. Doch die ländliche Ruhe währt nicht lang, denn Helmers Neffe Henk, der pubertierende Sohn seines verstorbenen Zwillingsbruders, soll bei seinem Onkel das Arbeiten lernen … Genau in der Beobachtung von Mensch und Natur, subtil in der Anspielung und von zärtlicher Skurrilität, entwickelt Bakkers trockener, lakonischer Erzählstil von der ersten Seite an einen unwiderstehlichen Sog.
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  • Kurzbeschreibung (amazon)
    Helmer van Wonderen, Bauer wider Willen, macht klar Schiff. Er verfrachtet seinen bettlägerigen Vater ins Obergeschoß, entrümpelt Wohn- und Elternschlafzimmer, streicht Dielen, Fenster, Türen und Wände und schafft neue Möbel an. Das Gemälde mit den schwarzen Schafen, die Fotografien von Mutter und die alte Standuhr kommen nach oben, alle Pflanzen, die blühen können, auf den Misthaufen. Da Vater ihm nicht den Gefallen tut, einfach zu verschwinden, sich von einem Windstoß hinwegfegen zu lassen oder wenigstens zu sterben, richtet Helmer sein Leben unten neu ein. Seine ungelebten Träume kann er jedoch nicht so leicht entsorgen. Als er eines Tages unerwartet Post erhält, brechen sich Erinnerungen Bahn. »Henk hätte hier wohnen sollen. Mit Riet und mit Kindern.« Henk, der Zwillingsbruder, ist lange tot. Riet aber lebt, und sie hat einen Sohn.


    Gerbrand Bakkers erster Roman war in den Niederlanden ein großer Publikumserfolg. Genau in der Beobachtung von Mensch und Natur, subtil in der Anspielung und von zärtlicher Skurrilität, entwickelt Bakkers trockener, lakonischer Erzählstil von der ersten Seite an einen unwiderstehlichen Sog. Unversehens findet man sich mit einem wortkargen Bauern inmitten von Milchkühen, Texel-Schafen, einer Nebelkrähe und zwei Eseln an die großen Fragen des Lebens erinnert und versteht, daß Komik und Tragik, Witz und Wehmut, oben und unten unauflöslich zusammengehören.


    Der Autor
    Zum Autor: Gerbrand Bakker, 1962 in Wieringerwaard geboren, studierte niederländische Sprach- und Literaturwissenschaft in Amsterdam, arbeitete als Übersetzer von Untertiteln und ist Diplomgärtner. Er ist Autor eines etymologischen Wörterbuchs der niederländischen Sprache und des Jugendromans "Birnbäume blühen weiß".(Perlentaucher)


    Meine Meinung
    Helmer verfrachtet seinen alten Vater, mit dem er sich wohl nie so richtig gut verstanden hat, in die obere Etage. Sein Zwillingsbruder Henk ist mit 19 Jahren tödlich verunglückt.
    Henk hat seinem Vater auf dem Bauernhof geholfen, während Helmer in Amsterdam mit einem Studium begonnen hat. Allerdings muss er nach dem Tod von Henk das Studium abbrechen und auf dem Hof helfen. Er wird zum Knecht des Vaters. Sein Leben ist fremdbestimmt - er wollte nie Knecht oder Bauer werden.
    Nun versucht er, sich in seinem "neuen" Leben einzurichten und reflektiert über das Vergangene - wieso bin ich der, der ich bin?
    Als übriggebliebener Zwilling fühlt er sich nur "halb". Immer wieder taucht eine Nebelkrähe auf, wohl als "Todesbote".
    Am Ende ist Helmer allein - d. h. er ist jetzt eigenbestimmt.
    Es ist ein ruhiges und melancholisches Buch. Es lässt sich leicht und flüssig lesen.
    Aber nicht alles fand ich stimmig, zum Beispiel kommt der Sohn von Henks damaliger Verlobten Riet auf den Hof. Riet hat Helmer darum gebeten, ihren Sohn (den sie Henk genannt hat), da der Junge daheim nur untätig rumsitzt. Und das nach etlichen Jahren, wo sie gar nichts miteinander zu tun hatten - schickt man seinen zwar schon jugendlichen Sohn, zu jemanden, den man fast 20 Jahre nicht mehr gesehen hat?
    und zu welchem Zweck?

  • Inhalt: „Oben ist es still“, aber der ungeliebte, bettlägerige Vater ist trotzdem noch da. Der einstmals dominante Mann ist auf die Hilfe und Pflege seines Sohnes Helmer angewiesen. Doch ihr Verhältnis war nie das beste, und so verfrachtet Helmer den Vater auf den Dachboden, schottet ihn von den Nachbarn ab und kümmert sich nur um das Nötigste. Er verdrängt die Anwesenheit des Vaters und wünscht ihn einfach weg.
    Fühlte sich Helmer schon in seiner Jugend gegenüber dem Vater lediglich geduldet, („Henk war der Bauer, Henk war Vaters Sohn“), leidet er heute zunehmend darunter, die Rolle des Landwirts ausfüllen zu müssen, die seinem tödlich verunglückten Bruder Henk bestimmt war. Erst ein Brief von Henks ehemaliger Verlobten Riet bringt Veränderung in Helmers einsames, eintöniges und ritualisiertes Leben.


    Meine Meinung: Es ist die klare, reduzierte Sprache, die dem Roman Profil verleiht. Klar und einfach wie das Leben auf dem Bauernhof. Erstaunlich, wie wenig Worte es braucht, damit der Leser versteht. Helmers besondere Beziehung zu seinem Zwillingsbruder Henk und die tiefe Trauer über dessen Tod ziehen sich durch die ganze Geschichte. Stück für Stück werden Erinnerungen wach.
    Es ist eine Geschichte, die bewegt. Manchmal tragisch, manchmal absurd-komisch, immer sehr ruhig und gelassen erzählt. Die Figuren sind wortkarg und die Dialoge dementsprechend kurz.
    Letztendlich ist es aber diese Ruhe, die Handlung ohne wirkliche Höhepunkte, weswegen ich nur :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: vergebe. Vielleicht war der Zeitpunkt zum Lesen einfach der Falsche. Für mich passt das Buch nicht zum beginnenden Frühling, es ist eher eine melancholische Geschichte für dunkle Winterabende.

    Aber nicht alles fand ich stimmig, zum Beispiel kommt der Sohn von Henks damaliger Verlobten Riet auf den Hof. Riet hat Helmer darum gebeten, ihren Sohn (den sie Henk genannt hat), da der Junge daheim nur untätig rumsitzt. Und das nach etlichen Jahren, wo sie gar nichts miteinander zu tun hatten - schickt man seinen zwar schon jugendlichen Sohn, zu jemanden, den man fast 20 Jahre nicht mehr gesehen hat?
    und zu welchem Zweck?

    Vernünftig war es vielleicht nicht, den Sohn zu einem mittlerweile fremdgewordenen Mann zu schicken, aber stimmig fand ich es schon. Riet trauert so der Vergangenheit nach - sie ist nicht wirklich glücklich und ausgefüllt - dass ihr die zwanzig Jahre vermutlich gar nicht so bewusst sind. Sie hat nie abschließen können. Wäre Helmer nicht Henks Zwillingsbruder, hätte sich Riet womöglich rationaler verhalten, aber die Ähnlichkeit zu Henk macht sie vertrauensselig.


    Die Erwähnung von Adas Mann Wim ist für mich übrigens fast schon ein Running Gag, nie hat er Zeit für Besuche oder Beerdingungen, immer ist irgendwas am Hof zu erledigen und bis zum Ende bekommt man ihn nie zu Gesicht :wink:

  • Oben wie unten ist es sehr still, ein ganz leiser Roman mit tiefer Wirkung.


    Niederlande, in der Nähe von Amsterdam befindet sich ein kleiner Bauernhof mit Kühen, Schafen, Hühnern und zwei Eseln. Auf dem Anwesen wohnt Helmer mit seinem alten Vater zusammen.
    Der Roman beginnt mit den Worten: “Ich habe Vater nach oben geschafft.” Helmer trägt nicht nur seinen gebrechlichen Vater nach oben, sondern auch das alte Bild mit den schwarzen Schafen, die Standuhr, die Familienfotos und die alten Möbel. Unten beginnt er zu renovieren, reißt den uralten Teppich heraus, streicht die Dielen sowie die Fensterrahmen. Er bestellt sich sogar für sein neues Schlafzimmer, das ehemalige Elternschlafzimmer, ein neues Bett. Ein Befreiungsschlag!
    Denn Helmer wollte gar nicht Bauer werden. Er hat nach dem Abitur Literaturwissenschaft studiert bis an den Tag als sein Zwillingsbruder Henk starb. „Jetzt bist du der Bauer.“
    Nur noch halb anwesend begibt sich Helmer in dieses Schicksal. Doch jetzt ist er Mitte 50 und nur die zwei Esel entspringen seinen Wünschen. Er mag keine Kühe, und Schafe sind dumm. Morgens melken und füttern, abends melken und füttern. Im Frühjahr, im Sommer, im Herbst und im Winter.


    “Ich habe Vater nach oben geschafft.”


    Der Roman spiegelt eine trostlose Verlassenheit, und ist in einer ganz kargen Sprache geschrieben, aber diese Ödnis hätte er anders nicht besser verdeutlichen können. Eigentlich ist alles tot: Oben die Toten und der Vater, der schon ein bisschen tot ist, und unten der Lebendige, der aber auch schon halb tot ist. Aber durch den Akt, die Toten nach oben zu bringen, kann sich Helmer in ganz kleinen Schritten etwas befreien, die ganze Last kann er jedoch nicht abwerfen.


    Ein wunderbares Roman-Debüt von Bakker, bei dem man hoffen darf, dass da noch einige weitere gute Bücher folgen werden. Lediglich einen Schönheitsfehler besitzt das Werk, dass nämlich eineiige Zwillinge nie so verschieden sind. Dennoch sehr empfehlenswert!




    Zitat

    Und das nach etlichen Jahren, wo sie gar nichts miteinander zu tun hatten - schickt man seinen zwar schon jugendlichen Sohn, zu jemanden, den man fast 20 Jahre nicht mehr gesehen hat?


    Na ja, so kann man das nicht sehen, denke ich. 1. trägt Riet ihren verloren Henk (Zwillingsbruder) ständig mit sich. Er ist ihr so Nahe, als ob er noch leben würde. Meine kleine Kritik, dass nämlich eineiige Zwillingsbrüder nie so verschieden sind, fällt hier wieder auf, denn Riet hat schon das Bild in sich, dass Helmer ihren Henk sehr gleicht, deshalb schickt sie ihren Sohn Henk zu Helmer. Und Helmer verrichtet auch gute Methoden an diesen verstockten Jungen heran zu kommen.
    2. Riet hatte es zudem auf Helmer abgesehen, die benutzt Henk dazu, wieder in Kontakt mit Helmer zu kommen.

  • Von diesem Buch geht ein ganz besonderer Charme aus. Nüchtern und karg, fast monoton wird von Helmer erzählt und spiegelt so das triste und monotone Leben des Protagonisten am abgelegenen Bauernhof wieder. Hin und wieder ein wortkarger Dialog mit der Nachbarin, hin und wieder eine Fahrt ins Dorf um Zigaretten, ansonsten gleicht jeder Tag dem anderen. Der Leser fühlt sich von der ersten Seite an in diese "Einschicht" versetzt, so authentisch und treffend wird der Alltagstrott, die Atmosphäre, die Landschaft, das Leben mit den Tieren geschildert. Man fühlt und lebt mit Helmer, teilt mit ihm die Einsamkeit und das Schicksal. Helmer, der sich zeit seines Lebens zurückgesetzt fühlte, immer eher geduldet als angenommen, muss nach dem Tod seines Zwillingsbruders (der zugleich seine Identität war) in dessen Fußstapfen treten mit dem Wissen, niemals die Erwartungen erfüllen zu können. Seine eigenen Träume vom Literaturstudium, vom Leben in der Stadt mussten von einem Tag auf den anderen begraben werden. Und dann ist da noch diese Sehnsucht nach Dänemark!


    Zitat von Conor

    Aber nicht alles fand ich stimmig, zum Beispiel kommt der Sohn von Henks damaliger Verlobten Riet auf den Hof. Riet hat Helmer darum gebeten, ihren Sohn (den sie Henk genannt hat), da der Junge daheim nur untätig rumsitzt. Und das nach etlichen Jahren, wo sie gar nichts miteinander zu tun hatten - schickt man seinen zwar schon jugendlichen Sohn, zu jemanden, den man fast 20 Jahre nicht mehr gesehen hat?
    und zu welchem Zweck?


    Das fand ich eigentlich gar nicht konstruiert. Riet sagt ja auch einmal ganz offen zu Helmer, dass Henk für sie die große Liebe war und ihr Ehemann Wien eigentlich nur "Ersatz", zweite Wahl. Kein Tag verging in den 20 Jahren, an dem sie nicht an Henk gedacht hat und an ihr Leben, das sie mit Henk verbracht hätte. Nicht umsonst hat sie ihren Sohn Henk getauft.Deshalb war es eigentlich nur eine Frage der Zeit, wann sie die Spuren zur Vergangenheit sucht.



    ist Euch auch aufgefallen, dass

    Herzliche Grüße
    Rosalita


    :study:
    Wenn das Schlachten vorbei ist - T.C. Boyle


    *Life is what happens to you while you are busy making other plans* (Henry Miller)

    2 Mal editiert, zuletzt von Rosalita ()

  • Ich bin auf das Buch aufmerksam geworden, weil unser Pfarrer eine seiner Predigten darauf aufgebaut hatte.


    Am Anfang war ich etwas skeptisch bzw. fand ich die Atmosphäre des Buches ziemlich beklemmend - teilweise wollte ich nicht weiterlesen. Dem Autoren gelingt es sehr gut, die Atmosphäre des Hofes zu beschreiben, ohne viel Worte zu benutzen.


    Es ist ein leises Buch, in dem scheinbar kaum etwas passiert und dennoch fand ich die Handlung sehr fesselnd. Es war sehr spannend, die Entwicklung von Helmer zu verfolgen, mit ihm gemeinsam in die Vergangenheit zu reisen und somit einen Einblick zu bekommen, warum sein Leben so verlaufen ist.


    Eine Entdeckung für mich :thumleft: .


    LG
    Bine

  • Ein großartiges Buch. Ich bin begeistert.


    Die karge, lakonische Sprache, die perfekt das Wesen des Protagonisten spiegelt, die handlungsarme, aber fesselnde Geschichte - hier passt alles zusammen.


    Zu Rositas Spoiler:

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)




  • Ich schliesse mich dem an. Ein ausgezeichnetes Buch, in dem Verdrängung, Homosexualität, Wehmut, auch Hass auf den Vater eine Rolle spielen. Ich habe nicht verstehen können, dass viele die dunkele und traurige Seite im gleichen Masse beurteiloen, wie eine scheinbare humorige Seite. Ein grosser Teil stimmt traurig. Aber wie toll geschrieben! :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „Gerbrand Bakker - Oben ist es still“ zu „Gerbrand Bakker - Oben ist es still / Boven is het stil“ geändert.
  • Mit dem Buch habe ich vorhin angefangen - es gefällt mir bisher gut - und der Protagonist erinnert mich an den Bauern Tor aus "Lügenhaus" von Anne B. Ragde :)

    ☆¸.•*¨*•☆ ☆¸.•*¨*•☆ La vie est belle ☆¸.•*¨*•☆☆¸.•*¨*•☆

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