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Ernst Jünger – Auf den Marmorklippen

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Auf den Marmorklippen

3.8|5)

Verlag: Klett-Cotta

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 113

ISBN: 9783608960655

Termin: Januar 2018

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  • INHALT: Bruder Minor und Bruder Otho leben gemeinsam zurückgezogen in ihrer Klause in der Marina, einer Gegend, die an mediterrane Landschaften erinnert, an den Schwarzwald und die Region um den Bodensee: eine arkadische Landschaft, deren Verbindung von nordeuropäischen und südeuropäischen Elementen einen mythischen Raum entwirft. Hier erforschen die Brüder die Botanik und legen in jahrelanger Arbeit ein umfangreiches Herbarium an. Bedroht wird die Idylle durch den Oberförster, dessen im tiefen Wald versteckte Reviere Zufluchtsort für Verbrecher und Ausgestoßene aller Art sind – auch der Rattenfänger von Hameln soll mit den verführten Kindern dort hin gezogen sein. Auf einer ihrer Exkursionen in die Wälder entdecken die Brüder die »Köppelsblek«, das hier als »Schinderhütte« genannte Konzentrationslager des Oberförsters. Zunächst schleichend – dann aber in eine kurze erbarmungslose Schlacht zwischen den Bewohnern der Marina und den Horden des Oberförsters mündend, wird das Land und seine Gesellschaft zerstört. Auch die Klause mit dem Herbarium geht in Flammen auf – die Brüder selbst stecken sie durch einen Strahl des aus Kristall geschnittenen »Spiegels des Nigromontanus« in Brand und sichern so den Fortbestand ihres Werks in der »Sicherheit des Nichts«. Durch ihre guten Beziehungen gelingt ihnen die Ausreise über das Meer in das nicht weit entfernte Alta Plana, wo sie von früheren Freunden warmherzig empfangen werden. Das Schicksal der Marina hingegen bleibt im Dunkeln.


    Die Erzählung „Auf den Marmorklippen“ gehört zu den meistgelesenen Werken von Ernst Jünger. Als symbolistische und vorausblickende Schilderung der Zerstörung Europas durch den Zweiten Weltkrieg gilt es vielen als Zeugnis der inneren Emigration des Autors und als kaum verschlüsselter Angriff gegen das NS-Regime. (Quelle: Buch der 1000 Bücher, Harenberg Verlag)


    EINDRÜCKE: Der Name Jüngers lief mir schon öfters über den Weg, doch ich hatte irgendwie ein Vorurteil. Welche Entdeckung war es dann, dieses bekannte Buch nun in zwei, drei Tagen zu verschlingen mit angespanntem Genuss. Da ich dem Buch eventuell nicht gerecht werde, habe ich oben einen Ausschnitt aus einem renommierten Werk hineinkopiert.


    Was zunächst besonders in den ersten Kapiteln auffällt ist die besondere, romantische, sehr schöne und präzise Sprache. Der Stil erinnert wirklich an eine nordische Sage, oder einen Schriftsteller wie Knut Hamsun. Die Natur ist in ihrer Schönheit erster Bezugspunkt für die beiden Brüder der Erzählung: sie vermittelt eine gewisse Harmonie. So spricht aus diesen Zeilen eine große (romantische) Naturverbundenheit: „wie alle Dinge dieser Erde wollen auch die Pflanzen zu uns sprechen“. Der auftauchende Aggressor erscheint wie ein Zerstörer dieser Ordnungen, bar jeder alten Auffassung von wahrer Ehre und Tapferkeit. Nur Grauen und rohe Gewalt gehen von ihm aus. Die ehemaligen Kämpfer und jetzigen Botaniker fragen sich, wie sie sich in diesem Streit verhalten sollen. Eine Antwort erscheint an diesem Punkte nicht mehr allein die pure Waffengewalt, sondern eine Geistesmacht. Doch da mag man sich drüber streiten, wie Jünger hier die Alternativen darstellt!


    Ja, es ist definitiv kein „einfaches“ Buch und vielen mögen es angesichts einer eventuellen vordergründigen Preisung „männlicher“ Eigenschaften und der Sprache dann dazu, als etwas schwülstig oder unzeitgemäß empfinden. Doch für den so vorgewarnten Leser mag dieses Büchlein einen Einblick geben, wie klarsichtig Jünger einerseits den Hitlerwahnsinn kommen sah und dabei doch auch über die eigenen Grenzen universaler schrieb. Insbesondere auch in den Naturbetrachtungen sind einige wahre Perlen zu finden!


    ZUM AUTOR: Ernst Jünger (* 29. März 1895 in Heidelberg; † 17. Februar 1998 in Riedlingen) war ein deutscher Schriftsteller, Philosoph, Offizier und Insektenkundler. Er ist vor allem durch seine Kriegstagebücher, Essays, phantastischen Romane und Erzählungen bekannt. Jünger war ein prominenter Vertreter der extremen politischen Rechten. Mit seinem Frühwerk wird er der sogenannten Konservativen Revolution zugerechnet. Nach einem zunächst ambivalenten Verhältnis zum Nationalsozialismus distanzierte er sich von diesem in den späten 1930er-Jahren aufgrund seines Massencharakters und seines geistlosen Totalitarismus. In der Bundesrepublik blieb Jünger literarisch wie politisch ein Außenseiter (Quelle Wikepedia, siehe dort noch weiter: http://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_J%C3%BCnger ) Dahingegen zählt er z.B. hier in Frankreich zu den größten deutschen Schriftstellern überhaupt und wird sehr geschätzt!


    Taschenbuch: 150 Seiten
    Verlag: Ullstein Tb; Auflage: 5., Aufl. (1998)
    Sprache: Deutsch
    ISBN-10: 3548237045
    ISBN-13: 978-3548237046

  • Hi Tom,


    vielen Dank für die Rezension.
    Habe bisher von Jünger nur Ernst Jünger - In Stahlgewittern gelesen.
    "Auf den Marmorklippen" habe ich jetzt mal auf meine Wunschliste gesetzt, hört sich ja sehr interessant an ... :wink:

  • Was zunächst besonders in den ersten Kapiteln auffällt ist die besondere, romantische, sehr schöne und präzise Sprache. Der Stil erinnert wirklich an eine nordische Sage, oder einen Schriftsteller wie Knut Hamsun.

    Ja, die Sprache ist wirklich speziell. Bei mir weckte sie hingegen Erinnerungen an Charles-Ferdinand Ramuz, mit dem ich beim ersten Lesen auch einige Schwierigkeiten hatte. Und tatsächlich ist es entscheidend, ob man in diese stilistische Kunstform hineinfindet, sprich sich in dieses Buch hineinlesen kann, um es geniessen zu können. Ich habe es nach einem Drittel etwa geschafft, nachdem ich es aufgegeben hatte jedes Wort, jeden Satz verstehen zu wollen. Ich habe dann einfach weitergelesen und die Eindrücke, die Atmosphäre auf mich wirken lassen. Es ist alles etwas nebulös, wie in einem Traum. Wo und zu welcher Zeit genau spielt die Geschichte? Vieles kommt bekannt vor, dann aber sehr mythisch, verfremdet oder komplett phantastisch:

    Auch die Klause mit dem Herbarium geht in Flammen auf – die Brüder selbst stecken sie durch einen Strahl des aus Kristall geschnittenen »Spiegels des Nigromontanus« in Brand und sichern so den Fortbestand ihres Werks in der »Sicherheit des Nichts«.

    Dann wiederum ist sie eine eindeutige Parabel auf die Nazi-Diktatur. Die Figur des schrecklichen Oberförsters, der alles Natürliche, Schöne, Kulturelle zerstört, kann für Hitler oder Göring, oder aber universeller für alle Diktatoren und Potentaten stehen. Insofern ist die Geschichte eigentlich zeitlos. Nicht unumstritten ist Ernst Jünger, und wie Du schon schriebst tom leo, ist der Schriftsteller im Ausland angesehener als in Deutschland. Schuld daran ist sicherlich seine Ästhetisierung der Kriegsberichte, wo es einfach männlich und heldenhaft ist, in den Krieg zu ziehen und in den Herausforderungen des Kampfes zu wachsen. Das mag in den «Stahlgewittern» noch deutlicher sein (ich habe es noch nicht gelesen), aber auch hier kommt es durch. Dennoch sind die beiden Brüder ja keineswegs kampfeslustig, sondern sind Wissenschaftler, im Einklang mit der Natur in einer paradiesähnlichen Umgebung. Und so ist der Untergang der Marina eine Katastrophe, aus der ein Übergang, ja so etwas wie eine Neugeburt stattfindet – und daher für die Erneuerung doch notwendig ist.

    Das kurze Büchlein gibt unglaublich viele Deutungsmöglichkeiten her, und der geschichtliche Bezug zu dessen Entstehungszeit natürlich umso mehr. Es lohnt sich, sich die Zeit dafür zu nehmen, und mit zeitlichem Abstand gefällt mir die Geschichte immer besser. Wie tom leo schon sagte: eine Empfehlung an die entsprechend Vorgewarnten!

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