Vladimir Vertlib - Mein erster Mörder

  • Buchdetails

    Titel: Mein erster Mörder


    Verlag: dtv

    Bindung: Taschenbuch

    Seitenzahl: 256

    ISBN: 9783423136341

    Termin: Februar 2008

  • Bewertung

    4 von 5 Sternen bei 2 Bewertungen

  • Inhaltsangabe zu "Mein erster Mörder"

    Drei unerhörte Lebensgeschichten - Ein bis dahin unbescholtener Mann wird wegen Totschlags zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Liefert die Vergangenheit des Vaters das Motiv? - Die Geschichte einer Familie, der der Kampf ums Überleben in wechselnden politischen Systemen beständig neue Identitäten aufzwingt. - Zwei Freunde werden getrennt und stellen Jahre später fest: Sie haben im Krieg gegeneinander gekämpft. Vertlib zeichnet das Leben von Menschen nach, die zwischen politischer Willkür und schicksalhaften Gegebenheiten ihre Würde oder auch nur ihr nacktes Leben zu bewahren versuchen.
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  • Drei längere Erzählungen, in denen verschiedene Personen einem unbekannten Erzähler ihre Lebensgeschichte erzählen, deren wichtigste Phasen in die Zeit der Naziherrschaft, des Krieges und der Nachkriegszeit fallen.


    (Klappentext der einzelnen Erzählungen in blau abgesetzt)
    In der Titelgeschichte "Mein erster Mörder" wird ein bis dahin unbescholtener Mann wegen Totschlags zu acht Jahren Gefängnis verurteilt. Was haben sein Vater und dessen Rolle im Zweiten Weltkrieg mit dem Sohn und seiner Tat zu tun?
    Der Ich-Erzähler wird vom Mörder und seiner Frau zum Essen eingeladen. Im anschließenden Gespräch erzählt der Mörder, warum er trotz der Verbüßung seiner Haftstrafe immer noch das Gefühl habe, nicht genug bezahlt zu haben. Denn der Mord, für den er sich eigentlich schuldig fühlt, wurde nie gesühnt.
    Leopold wächst in der Nachkriegszeit in beengten Wohnverhältnissen in einem Trümmerhaus in Wien auf; neben seinen Eltern wohnt auch die Großtante bei ihnen, die den Vater aufgezogen hat. Durch Andeutungen, deren Bestätigung er im heimlich gelesenenen Tagebuch der Großtante sucht, erfährt er von Kriegsverbrechen an ungarischen Häftlingen, an denen sein Vater beteiligt sein sollte. Der Vater, den Leopold als Schwächling, Feigling und Lügner erlebt, streitet alles ab.


    Eine Frau erzählt in "Ein schöner Bastard" die Geschichte ihrer Familie: Ihr Vater war Deutscher, Halbjude, tschechischer Staatsbürger, gläubiger Christ und überzeugter Sozialdemokrat. Der Kampf ums Überleben zwingt die Familie in wechselnden politischen Systemen beständig neue Identitäten auf.
    Friedrich, der Vater der erzählenden Frau, muss sich während des Krieges verstecken, weil er Halbjude ist. Nach dem Krieg wird er beinahe von aufgehetzten Tschechen gelyncht. Nach Gründung der Tschechoslowakai als sozialistischem Staat wird er ausgebürgert. Ebenso schlimm trifft es die Tochter, die von einer tschechischen auf eine deutsche, dann wieder auf eine tschechische Schule wechseln muss und jedesmal beweisen, dass sie eine gute Staatsbürgerin im jeweiligen System ist.
    Bei allen Versuchen, sich aus prekären und bedrohlichen Situationen zu lavieren, kommt Friedrich vor allem sein Mundwerk immer wieder in die Quere, weil er mit seiner Meinung nicht hinterm Berg halten kann. Zuletzt lebt er in Wien, wohin er geflohen ist, darf aber nicht mehr in seine (gefühlte) Heimat Prag zurück.


    Zwei Freunde, Robert und Karl, flüchten in "Nach dem Endsieg" aus dem Reich der Nationalsozialisten. Nach einer langen Irrfahrt landet Karl in der Fremdenlegion; Robert wird verhaftet und gezwungen, für das Naziregime in den Krieg zu ziehen. Erst viele Jahre später treffen die Freunde einander wieder und stellen fest: Sie haben gegen ihren Willen in gegnerischen Armeen gekämpft.
    Diese Geschichte basiert laut Aussagen des Autors auf den Erinnerungen des Wiener Malers Roman Haller, dem das Buch gewidmet ist.


    In einem ruhigen Ton erzählt Vertlib diese realistischen Geschichten, die trotz der schicksalhaften Grausamkeiten und trotz des Leidens nie schrecklich oder ausweglos wirken. Die Protagonisten haben sich Mut bewahrt und ihren ganz eigenen Humor, um trotz Elend, Hunger, Verfolgung und Angst nicht aufzugeben. Die staatliche Willkür mit ihrem Rassismus und Nationalismus wird nicht angeklagt, sondern entlarvt sich in ihrer Dummheit, Sinnlosigkeit und Ignoranz selbst durch die individuellen Schicksale einzelner Menschen.


    Empfehlenswert für jemanden, der sich für die Zeitgeschichte interessiert. Auch für Romanleser, denn die Geschichten entwickeln sich, streben einem Höhepunkt zu und enden mit einer kleinen Spitze (das Wort "Pointe" wäre missverständlich).


    Zum Autor


    Marie

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Das Buch nahm ich bei meinem letzten Deutschlandbesuch mit, liegt aber noch ungelesen da. Vom Buchhändler empfohlen...

  • Empfehlungen von Marie + vom Buchhändler = gutes Buch !


    (und definitiv es wert, nun mal wieder vorgekramt zu werden, selbst wenn bei mir acht Jahre auf dem SUB vergangen sind und ebensolange der Fred vor sich dahinruht!)


    Die Biographie des Autors mag erklären, dass diese drei Lebensläufe Menschen mit verschiedener Herkunft, Zugehörigkeit vorstellt. Von jeher fehlt dann die ganz bergende Eindeutigkeit ? Immer wieder wird dies/kann dies zur Last werden. Dies fällt besonders in der zweiten Geschichte auf. Dem Schriftsteller gelingt es ausserordentlich gut, sich in die verschiedenen Situationen seiner Hauptpersonen hineinzuversetzen, tut dies manchmal mit Distanz, dann auch mit gewissem Humor. Man liest gerne weiter ! Dabei « verbindet er Geschichte, Politik und Alltagsleben » (« Suddeutsche Zeitung ») auf bemerkenswerte Weise !


    Diese Geschichten spielen in Zeiten der Diktatur, sei es insbesondere der braunen, sei es in der einen auch der roten. Interessant, dass wir dieselben Prozedere vorfinden… Zur selben Zeit sind diese historischen Rahmenhandlungen verbunden mit einer Gegenwart, zB durch einen Ich-Erzähler, das Kind eines der Hauptpersonen von damals. Und plötzlich wird auch deutlich, was viele nicht wahrhaben wollen : und selbst wenn man selber unschuldig dasteht und sich nicht die Hände zu waschen hat, so ist man von dieser Vergangenheit geprägt, von den Entscheidungen der uns Vorausgegangenen.


    Handlungsorte : 1. Österreich 2. Böhmen und Mähren, bzw das Protektorat, dann die Tschechoslowakei 3. Wien und dann querfeldein über Jugoslawien, Italien bis hin nach Deutschland.


    Schade, dass sich auch hier, wie allgemein verbreitet, eine Menge an Flüchtigkeitsfehlern eingeschlichen hat.

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