Gabriel García Marquez - Chronik eines angekündigten Todes / Crónica de una muerte anunciada

Cover zum Buch Chronik eines angekündigten Todes

Titel: Chronik eines angekündigten Todes

, (Bearbeitung) , (Übersetzer)

4,3 von 5 Sternen bei 28 Bewertungen

85% Zufriedenheit

Verlag: FISCHER Taschenbuch

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 128

ISBN: 9783596907069

Termin: Juni 2019

Aktion

  • In der Nacht nach dem rauschenden Hochzeitsfest schickt Bayardo San Román seine schöne Braut nach Hause zurück. Es ist mit seiner männlichen Ehre unvereinbar, daß Angela Vicario nicht mehr unberührt war. Als ihre Brüder sie zwingen, den Namen des ersten Mannes in ihrem Leben zu nennen, gibt das Mädchen eine Antwort, die dem jungen Santiago Nasar Verderben bringt. Denn Pedro und Pablo fühlen sich wiederum durch ihre männliche Ehre verpflichtet, ihn büßen zu lassen. Bald weiß das ganze Dorf von dem Mordplan. Nur das Opfer - schuldig oder unschuldig - bleibt ahnungslos. Die Mörder können nicht mehr zurück. Schreitet niemand ein? Auch der Priester nicht? - "Nachher waren sie alle nicht schuld, konnten sie alle nicht verhindern, was geschehen ist. Um diese Schuld aller, auch derer, die guten Willens waren, die lieber nicht gemordet hätten wie die Brüder Pedro und Pablo, geht es", schrieb Walter Boehlich im "Spiegel".

    In gewisser Weise ist der Roman irritierend. Ganz zu Anfang hatte ich erwartet einen Kriminalroman in der Hand zu haben, einen der Klarheit schafft, was den Mord angeht. Womöglich hätte ich die Kurzbeschreibung lesen sollen - dann hätte ich mir vielleicht das Vergnügen geraubt das zu glauben. Aber auch so, als klar war, dass dieser Roman das nicht ist - sondern, dass er die Beziehungen eines Dorfes aufdeckt - das die Täter deckte, dass es quasi ein kleines Sittengemälde ist, hat sich meine Irritierung nicht gelegt. Irgendwie erwartete ich zu erfahren, wer denn nun der Schuldige war und die Unschuld raubte. Irgendwann wurde auch das erledigt: man wird es nie erfahren. Und ich erwartete zu erfahren, warum keiner das Opfer rettete und warum er vor der eigenen Haustür verblutete. Es war einfach eine Kette von Zufällen. Gewissermaßen ist also das Verbrechen losgelöst von der Tat, von dem Hintergrund der diese Tat erzwang ("Ehrenmord" gibts & gabs ja auch bei Christen) und so der Roman, nur der Roman über ein Unglück.
    Worüber ich mir nicht so klar bin und gerne auch die Meinung anderer Leser hören würde: schwingt da nicht so nen bisschen als Motiv Rassismus mit? Mord an einem exponierten Mitglied einer Minderheit - weil gerade eben so nen Anlaß gefunden wurde?

    Der Roman bietet zwar keine Spannung - der Titel ist ja Programm - aber hinterlässt & stellt wohl genügend Fragen. Dennoch; so ganz begeistert er mich nicht - allerdings reizt er mich durchaus zum nochmals lesen: allerdings auf Spanisch.

    Warum ich Welt und Menschheit nicht verfluche?
    - Weil ich den Menschen spüre, den ich suche.

    - Erich Mühsam

  • Diese Geschichte wie übrigens auch andere Erzählungen von Marquez lassen den Leser oftmals etwas irritiert „zurück“.

    Ich habe sein Buch „Leben, um davon zu erzählen,“ gelesen, wobei er erklärt auf welchen Begebenheiten seine Erzählungen, Fragmente seiner Geschichten basieren, somit versteht man einige seiner Geschichten etwas besser.

    In dieser Erzählung verarbeitet er den Tod von Cayetano Gentile,

    Zitat

    unser Freund aus Sucre, künftiger Arzt, Stimmungsmacher auf Bällen und von Beruf verliebt.

    Des weiteren schreibt er

    Zitat

    schliesslich hatten wir Kolumbianer schon damals die Angewohnheit, einander aus irgendwelchen Gründen umzubringen, und manchmal erfanden wir sogar Gründe, um uns umbringen zu können.


    Die Idee Santiago als einen arabischen Einwanderer zu beschreiben, kam ihm auf dem Flughafen von Algier, wie aus der Maschine ein arabischer Prinz stieg, der ein Wanderfalkenweibchen auf dem Arm trug. Cayetano Gentile beherrschte die hohe Kunst der Beizjagd, somit erinnerte ihn dieser Prinz an seinen Freund; und Santiago erhielt arabische Merkmale.

    Somit würde ich Rassismus ausschliessen. Die Doppelmoral ist jedoch sehr gut erkennbar, Frauen und Männer sind nicht gleich, der Mann darf ausserehelichen Sex haben, es erhöht sogar sein Ansehen.
    Deshalb schweigen auch die Dorfbewohner, denn es ist eine Schande, wenn solches Treiben ans „Tageslicht“ kommt. Dei Wahrheit der Aussage von Angela wird gar nicht hinterfragt; und für sie scheint es wichtig zu sein einigermassen ungeschoren dieser Angelegenheit entkommen.
    Die Brüder müssen nun den Mord begehen, es geht um ihre Ehre und ihr Ansehen.
    Es bleibt ein "schales" Gefühl zurück, wenn man diese Geschichte gelesen hat.

    Gebt gerne das, was ihr gerne hättet: Höflichkeit, Freundlichkeit, Respekt. Wenn das alle tun würden, hätten wir alle zusammen ein bedeutend besseres Miteinander.

    Horst Lichter

    2 Mal editiert, zuletzt von serjena (28. August 2008 um 10:37)

  • Danke für deinen Hinweis - hab mir mal auch seine Biographie notiert.

    Ja, warum er ihn als Araber gezeichnet hat, das ist einleuchtend - allerdings nicht, weswegen er dort quasi ne "ethnische Minderheit" eingezeichnet hat (mit den entsprechenden Vorurteilen, abschätzigen Urteilen ihnen gegenüber und engerer Zusammenhalt auf ihrer Seite, gleichermaßen Vorsicht und Mißtrauen gegenüber Justiz etc.) - eben das ist ja für mich ein Zeichen, dass er da evtl. einen latenten Rassismus mit aufführt. Steht da auch etwas in dieser Biographie, warum er diese Konflikthandlung mit zwei verschiedenen Ethnien gemacht hat? Wäre ja ansich nicht nötig gewesen - diese Geschlechterunterschiede, hätte er ja auch bei homogenen kolumbianischen oder arabischen Gemeinden ebenso gut aufzeigen können.

    Warum ich Welt und Menschheit nicht verfluche?
    - Weil ich den Menschen spüre, den ich suche.

    - Erich Mühsam

  • Ich fand das Buch einfach nur gut. Es zeigt die verlogene Doppelmoral vieler, nicht aller, Menschen. Aber dass nicht einmal der Priester einschreitet, hat mich am Meisten erschreckt. Das Opfer war arabischstämmig? UUps, da habe ich wohl nicht genau genug gelesen. Ich werde mir das Teil heute noch einmal zu Gemüte führen, denn ich habe heute Zeit zum Lesen. :thumleft:

    Wenn du einen verhungernden Hund aufliest und machst ihn satt, dann wird er dich nicht beissen. Das ist der Grundunterschied zwischen Hund und Mensch.
    Zitat: Mark Twain

  • Steht da auch etwas in dieser Biographie, warum er diese Konflikthandlung mit zwei verschiedenen Ethnien gemacht hat? Wäre ja ansich nicht nötig gewesen

    Nein, aus seinem Buch "Leben, um davon zu erzählen" geht nichts daraus hervor.
    Allerdings habe ich mir(aber erst wie du das angesprochen hast) doch nochmals einige weitere Gedanken gemacht. Wenn man die kolumbianische Geschichte betrachtet, erfährt man dass, im 20. Jahrhundert Syrer und Libanesen eingewandert sind.
    Quelle: http://www.ila-web.de/artikel/254turcos.htm

    Zitat

    Seit der Unabhängigkeit von der spanischen Krone begannen Migrationsfragen ein Thema für die lateinamerikanischen führenden Schichten zu werden. Sie ermutigten die Einwanderung von „weißen“ MigrantInnen. Und obwohl AraberInnen als „Weiße“ galten, waren sie nicht gemeint und nicht willkommen.


    Möglicherweise spielte für die Figur des Santiago, dieser Hintergrund, ohne dass Márquez dies zugeben würde, doch auch eine Rolle. Wir wissen es jedoch wirklich nicht.

    Gebt gerne das, was ihr gerne hättet: Höflichkeit, Freundlichkeit, Respekt. Wenn das alle tun würden, hätten wir alle zusammen ein bedeutend besseres Miteinander.

    Horst Lichter

  • Eigene Inhaltsangabe und Meinung:

    In diesem Buch wird die Geschichte von einem Drama erzählt, das hätte verhindert werden können, aber keiner tat es.

    Eine Braut wird noch in der Hochzeitsnacht zu ihrem Elternhaus zurückgebracht, weil sie keine Jungfrau mehr ihre. Ihre Brüder sinnen auf Rache und warten bis zum Morgengrauen auf den Mann, der ihr die Unschuld geraubt habt, Santiago Nasar! Jeder aus dem Dorf weiß schon nach wenigen Minuten, das sein Leben in Gefahr ist. Aber durch eine Verkettung unglücklicher Umstände wird er zu spät gewarnt.

    Mein Fazit: Gabriel García Márquez schafft es, mit wenigen Seiten ein Drama zu beschreiben, das den Leser fesselt. Dramatisch und mit einem Hauch von Ironie wird dieses Ereignis erzählt, das nur wenige Stunden eines Lebens umfaßt. Dabei weiß der Autor zu jeder genannten Person eine kurze Geschichte zu erzählen und gibt somit einen verständlichen Hintergrund des Dramas. Zugegeben, die vielen Namen verwirrten mich schon zuweilen!

    Márquez hat immer wieder sehr lange Sätze forumliert, die derart ineinander verschachtelt sind, das man sie schon sehr aufmerksam lesen muss. Auch das kann dann doch schon etwas verwirren, aber die Art, wie er es tut, ist besonders interessant und zeugt von hoher Schreibkunst.

    Ein Buch, das ich vor Jahren schon einmal gelesen habe und des Re-Read nicht bereut habe. Ich habe den Film dazu auch schon gesehen und hoffe, das ich dieses Film-Vergnügen irgendwann noch mal haben werde!

    Veröffentlicht am 04.10.08!

  • Inhaltlich ist die Geschichte ja recht einfach, zu etwas Besonderem wird sie aber, zumindest in meinen Augen, wenn Gabriel Garcia Marquez sie erzählt. In seiner unvergleichlichen Art lässt er seiner Fantasie freien Lauf, erfindet märchenhaft anmutende Figuren und verbindet alles miteinander zu einem fantastischen Kunstwerk.
    Allerdings glaube ich, dass die reale Grundlage für diese kurze Erzählung durchaus in der kolumbianischen Heimat des Nobelpreisträgers zu finden ist (oder war). Blutrache ist ja kein seltenes Thema in der Literatur, und bei dieser Geschichte hatte ich den Eindruck, dass Marquez nichts anderes wollte, als zu zeigen, wie das Schicksal in einer eingeschworenen Gemeinschaft, die nach ihren eigenen Regeln lebt, unerbittlich seinen Lauf nimmt. Prinzipiell will keiner der Dorfbewohner wahrhaben, dass etwas Schreckliches passieren wird, und auch den Rächern der Ehre ihrer Schwestern wäre wohl lieber gewesen, die Braut wäre unbefleckt in diese Ehe gegangen. Und doch läuft alles nach einem uralten, ungeschriebenen Gesetz ab. Jeder spielt seine Rolle, wie es hier sicher seit Jahrhunderten üblich ist, ein Entrinnen ist ganz und gar unmöglich, ein Abwenden des Unvermeidlichen undenkbar.
    Marquez erzählt so spannend und mitreißend, haucht seinen Protagonisten so viel Leben ein, verliert sich auf wunderbare Weise in so vielen Details, dass ich zwischendurch fast vergessen hatte, dass es ja um unerbittliche Rache geht. Obwohl von Anfang an absehbar ist, wie die Geschichte endet, habe ich dennoch bis zum Schluss auf ein Wunder gehofft - und war doch nicht enttäuscht, als es nicht eintraf.
    Wer sich ganz große Literatur auf ganz wenigen Seiten zu Gemüte führen will, dem sei dieses Büchlein wärmstens empfohlen.

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