Nina Berberova - Die Begleiterin

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  • Original: Аккомпаниаторша, Russisch, 1934


    (Für A.)


    ZUM INHALT: Die Ich-Erzählerin Sonjetschka lebt von jeher an zweiter Stelle und im Schatten. Als Klavierlehrerin hatte ihre Mutter als schon ältere Frau eine Affäre mit einem zwanzig Jahren jüngeren Schüler und aus dieser kurzen Beziehung entstammt Sonja. Früh musste sie kennenlernen, was mit dieser von der Gesellschaft verachteten Stellung einherging: Wegzug in die fremde Stadt, große Armut. Dann begegnet sie 1919 als 18-jährige Pianistin auf der Stellensuche im revolutionsumhauchten Petrograd der bekannten und bejubelten Sängerin Maria Nikolajewna Trawina. Jene scheint die Verkörperung von Schönheit, Verstand, Talent und Erfolg zu sein, ja, ein Bild der Vollkommenheit, des beständigen Glücks. In Sonja entsteht eine Mischung aus Faszination, dann aber auch des Misstrauens, gar des Hasses: wie kann es neben ihrer eigenen Mittelmäßigkeit und ihres Unglücks eine solche Vollkommenheit geben? Und sie begibt sich auf die Suche nach dem Riss im Glück und will das Loch aufspüren, begehrt gegen Gott selber auf und will Rache nehmen...


    MEINE GEDANKEN: Zwischen den Zeilen lesen wir hier ein Drama heraus: zunächst das einer Kindheit in der „Schande“, die mit der unehelichen Geburt verbunden war, später jenes, eines Lebens im ständigen Schatten, in dem man noch nicht mal ihren Namen zu unterscheiden weiß und in dem sie nicht nur als bescheidene Hintergrundbegleiterin ohne Talent dasteht, sondern auch als Haushaltsdienerin und Mädchen für alles. Wie erträgt man solche Demütigungen, sie, die auch schon mal sitzen gelassen worden ist? Wie kann man nicht von unbändiger Wut erfüllt werden, wenn man ein anscheinendes Glück in einer anderen erkennt? Das kann nicht sein, da muss was faul sein – wie könnte Gott diese Ungerechtigkeit zulassen? Und Sonja geht auf die Suche und stößt nach und nach vielleicht wirklich auf ein tatsächliches Drama im Leben jener Maria. Doch dieses spielt sich noch auf einer ganz anderen Ebene ab. Der gewünschte brutale Eingriff in dieses Leben wird anders verlaufen als geplant...


    Die Sprache ist (allerdings habe ich es auf Französisch gelesen) sehr einfach, verständlich; aber überaus präzise und die Charaktäre gut beschreibend; die Themen werden ziemlich klar ausgesprochen, doch die großen wesentlichen Fragen bleiben: vom Glück der einen, der Mittelmäßigkeit der anderen, der ständigen Gegenwart eines lauernden Dramas über unserem Leben, auch dem scheinbar ganz ungetrübten. Wie kann der Mensch damit leben, bzw. wie lebt er eben nicht damit?


    Nina Berberova ist selber 1901 geboren und mit ihrer Hauptfigur gleich alt. Und nicht nur das: auch ihre Lebens- und Fluchtstationen werden sich ähneln (wie das vieler Exilrussen in der Folge der Revolution): Petrograd, Rostov, Konstantinopel, der Balkan, Paris. Man kann sich sicher sein, dass sie diese oder jene Atmosphäre aus eigener Erfahrung kennt. Insbesondere die Frage der Schicksalhaftigkeit, des Dramas unseres Lebens mag gerade ein Thema sein, das den vom Exil betroffenen Russen wie vielleicht allen Flüchtlingen der Welt, nachläuft. Für mich war es ein erstes Kennenlernen dieser Schriftstellerin, die ab den 20iger Jahren veröffentlicht hat (auf Russisch), aber einem breiteren deutschen Publikum anscheinend erst durch Neuauflagen, bzw. Übersetzungen, in den 80iger und 90iger Jahren bekannt wurde.


    Die knappe hundert Seiten des Buches dürften keine Hürde darstellen: vielleicht also eine Einladung für den Interessierten an russischer (Exil-)Literatur, diese Autorin (weiter) kenenzulernen. Ich bin ganz angetan...


    ZUR AUTORIN: Nina Nikolajewna Berberowa (russisch Нина Николаевна Берберова) wurde am 26. Juli/8. August 1901 in St. Petersburg geboren und starb am 26. September 1993 in Philadelphia. Sie war eine russische Prosaikerin und Lyrikerin. Ihr Vater stammte aus Armenien und arbeite im Schatzministerium, ihre Mutter stammt von russischen Gutsbesitzern ab. 1919/20 nahm sie ein Studium an der Universität in Rostow am Don auf. Durch die Veröffentlichung ihrer Lyrik kurze Zeit danach, hatte sie die Chance in Petrograd in Kontakt mit Dichterkreisen zu kommen. 1922 verließ sie zusammen mit ihrem Mann Wladislaw Chodassewitsch die Sowjetunion und ließ sich mit ihm, nachdem sie bei Maxim Gorki in Berlin und in Italien lebte, endgültig 1925 in Paris nieder. Von Chodassewitsch hatte sie sich 1932 getrennt, von ihrem zweiten Mann, trennte sie sich 1947, nachdem sie während des Krieges im vom Deutschen besetzten Teil von Frankreich geblieben war. 1950 siedelte sie in die USA über, und arbeitete dort an verschiedene Universitäten als Lektorin und Redaktorin. Außer Literaturkritiken veröffentlichte sie auch weiterhin Gedichte und Erzählungen. (Quelle: Wikepedia, geküzt)

  • vielleicht also eine Einladung für den Interessierten an russischer (Exil-)Literatur, diese Autorin (weiter) kenenzulernen.


    Das klingt nach einem Buch, das einen Platz auf meiner Wuschliste verdient. :wink:

  • Hmm, da habe ich ganz vergessen, meine Meinung dazuzuschreiben. :uups:


    Ich habe von Nina Berberova vorher noch nie etwas gehört, aber mir hat die kleine Geschichte gut gefallen. Über die Kindheit wird nicht allzu viel geschrieben, aber wie Tom es schon erwähnt hatte, kann man das Leben in der "Schande" durch die unehehliche Geburt gut herauslesen. Durch die Revolution ist Sonja gezwungen, jede denkbare Anstellung anzunehmen, egal welche. Für Klavierstunden hat kaum jemand Zeit, aber dann bekommt sie eine Stellung als Begleiterin einer berühmten Sängerin angeboten. Zusammen mit ihr und deren Ehemann geht sie ins Exil.
    Eigentlich soll sie die Sängerin am Klavier begleiten, aber schnell fungiert sie als Mädchen für alles. Und auch so wird sie von allen anderen nur noch wahrgenommen. Das Ende fand ich doch ziemlich überraschend.


    Auch die deutsche Übersetzung (meine Ausgabe ist die oben verlinkte, von Anna Kamp) ist sehr flüssig zu lesen. Eine kleine, feine Geschichte. :thumleft:

  • Hier noch ein Link zu einem Angebot in russischer Sprache und unten, wenn alles klappt, das Titelbild:


    http://www.ozon.ru/context/detail/id/5663056/

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