Heinrich von Kleist - Die Marquise von O.../Das Erdbeben in Chili

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Die Marquise von O:::: (Nach einer wahre...

3.3|23)

Verlag: Hamburger Lesehefte Verlag Iselt & Co.Nfl.mbH

Bindung: Taschenbuch

ISBN: 9783872911667

Termin: 2012

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  • Die Marquise von O...
    Um zu erfahren, wer der Vater ihres ungeborenen Kindes ist, gibt die verwitwete und von ihren Eltern verstoßene Marquise von O. eine Zeitungsannonce auf, in der sie diesen Mann sucht und verspricht, ihn zu heiraten. Auf die Annonce meldet sich Graf F., der die Witwe einige Monate zuvor bei der Belagerung der Stadt vor Vergewaltigungen durch Soldaten bewahrt hatte. Voller Abscheu über die Tat des Grafen weigert sie sich zunächst, sich mit ihm zu vermählen, doch heiratet ihn schließlich unter der Bedingung, dass sie getrennt voneinander leben. Der Graf gibt jedoch nicht auf und wirbt nach einigen Monaten erneut um die Witwe, sodass es schließlich zu einer zweiten, wirklichen Hochzeit kommt. Aufgebaut ist die 1808 erschienene Novelle, die 1976 verfilmt wurde, wie ein Kriminalroman. Erst nach und nach erfährt der Leser die Hintergründe der ungewöhnlichen Zeitungsannonce der Marquise von O., und so bleibt es bis zum Schluss spannend. Zeitgenossen Kleists empfanden das Werk als Skandal, da es eine Vergewaltigung thematisiert. Heute wird es wegen seines sozialkritischen Ansatzes geschätzt, und für viele Leser ist die Novelle ein frühes Beispiel weiblicher Emanzipation, sodass Die Marquise von O. mittlerweile eines der bekanntesten und meistgelesenen Stücke der Weltliteratur ist.


    Als (frühes) Beispiel weiblicher Emanzipation, so wie in dieser Kurzbeschreibung aufgeführt, kann ich das Werk nicht gerade empfinden. Eher als Zeitbild, das die Familienvorstellungen des Bürgertums widergibt. Und so ist der große Patriarch natürlich der Herrscher - auch wenn er seine Schutzfunktion nur unzureichend ausfüllt und es zulassen muss, dass seine Tochter missbraucht wird. Aber dem Gesellschaftsbild entsprechend ist eine ungewollte Schwangerschaft schlicht undenkbar; da wird dann auch den Beteuerungen der Tochter nicht geglaubt, der Realitätssinn des Bürgertums sagt eben etwas anderes; das reisst mich zu der Interpretation hin, dass Kleist gerade diesem "traditionellen Familienbild" nachtrauert, das das Romantische von Liebe & Glück ist. Aber das aufgeklärte Bürgertum der Nach-Revolutionszeit ist immer mehr aufs "Reale" fixiert, auf die Wirkung in die Gesellschaft hinein. Aber die Marquise von O... reagiert natürlich darauf - allerdings m.E. nicht so sonderlich emanzipatorisch - und zieht sich ins Private zurück. Nun, der die Marquise schändende Graf, der will sie heiraten: durch sein Geständnis ermöglicht er das auch. Aber dadurch hat auch er wieder die romantische Illusion von Liebe zerstört - und reagiert eben auch auf die Tatsachen.


    Das Erdbeben in Chili
    Durch ein Erdbeben in Chili (Chile) wird Jeronimo aus dem Gefängnis befreit; gleichzeitig entkommt seine Geliebte Josephe ihrer Hinrichtung, zu der sie aufgrund ihrer Liebschaft mit Jeronimo verurteilt wurde. Sie finden sich und gemeinsam mit ihrem Kind sind sie gerettet und werden auch freundlich von anderen Überlebenden aufgenommen. Jedoch beschließen sie, dass sie zum Dankgottesdienst gehen. Dort werden sie jedoch erkannt, als Mitverursacher des Unglücks bezeichnet und vom Mob gelyncht.


    Schreckliche Unglücke gibt es ja wirklich; das ist auch schon geschildert. Aber im Mittelpunkt steht wohl eher die tragische Liebesgeschichte - die von Anfang an zum Sterben verurteilt ist und das Schicksal hsie (scheinbar?) unabwendbar einholt. Vor allem wenn dieses Schicksal "Inquisition" heißt. Aber ich bin ehrlich gesagt eher ratlos, was er darüberhinaus einem mitteilen will.



    Ehrlich gesagt bin ich etwas unbefriedigt nach der Lektüre dieser beiden Erzählungen; "Michael Kohlhaas" war da doch nen ganz anderes Kaliber, gerade auch was die (ewige) Aktualität der Geschichte angeht, auch ist sein Erzählstil nicht so meines - die Lektüre ist entsprechend ermüdend. Aber daneben weiss er zu gefallen; die beiden Erzählungen bleiben also durchaus lesenswert.

    Warum ich Welt und Menschheit nicht verfluche?
    - Weil ich den Menschen spüre, den ich suche.

    - Erich Mühsam

  • Zitat

    Auf die Annonce meldet sich Graf F., der die Witwe einige Monate zuvor
    bei der Belagerung der Stadt vor Vergewaltigungen durch Soldaten
    bewahrt hatte. Voller Abscheu über die Tat des Grafen weigert sie sich
    zunächst, sich mit ihm zu vermählen, doch heiratet ihn schließlich
    unter der Bedingung, dass sie getrennt voneinander leben


    Diese Aussage ist unverständlich, wenn man nicht weiß, dass der Graf sie zwar vor den Soldaten bewahrt, sich dann aber während ihrer Bewusstlosigkeit selbst an ihr vergangen hat.


    Zitat

    Aber dem Gesellschaftsbild entsprechend ist eine ungewollte Schwangerschaft schlicht undenkbar;


    Ungewollte Schwangerschaften waren damals an der Tagesordnung, uneheliche Schwangerschaften waren (zumindest in gutbürgerlichen Kreisen) ein Skandal... ;)

    "Books are ships which pass through the vast sea of time."
    (Francis Bacon)
    :study:
    Paradise on earth: 51.509173, -0.135998


  • Diese Aussage ist unverständlich, wenn man nicht weiß, dass der Graf sie zwar vor den Soldaten bewahrt, sich dann aber während ihrer Bewusstlosigkeit selbst an ihr vergangen hat.


    Was man aber nicht wissen kann, da es nur angedeutet, aber nie so ausgesprochen wird. Denkbar wäre ja auch, dass dieses Geständnis des Grafen nur eine List ist um an seine Liebe zu kommen (wenn ich auch das für eher unwahrscheinlich halte).


    Zitat

    Ungewollte Schwangerschaften waren damals an der Tagesordnung, uneheliche Schwangerschaften waren (zumindest in gutbürgerlichen Kreisen) ein Skandal... ;)


    Nein, ungewollte Schwangerschaften gab es damals nicht - schließlich war sich jeder Christ, und das war ja jeder, dessen bewußt, dass Sex nur dazu dient um Kinder zu zeugen - ergo jedes Kind war auch gewollt. Dieses Bild vom "Sex zum Vergnügen" kommt ja eher aus neueren Zeiten und ist wohl nicht so ohne weiteres auf die Vergangenheit zu übertragen.
    Auch scheinen mir die unehelichen Schwangerschaften nicht unbedingt ein Problem zu sein - jedenfalls solange der werte Erzeuger die geschwängerte heiratet oder er sich davon macht und damit die Frau die Betrogene ist (denn Sex = Heiratsversprechen). In der Novelle war ja aber nen anderer Fall - da verschwieg die Frau, wer der Mann war - unverständlich, wenn sie gewußt hätte, wer es denn ist. Und da sie es nicht wußte, lag da nur (für ihre Verwandschaft) der mögliche Schluß vor, dass sie mit mehreren Männern Sex hatte; was gleichbedeutend mit Prostitution ist und die war auch damals schon geächtet.

    Warum ich Welt und Menschheit nicht verfluche?
    - Weil ich den Menschen spüre, den ich suche.

    - Erich Mühsam

  • Nein, ungewollte Schwangerschaften gab es damals nicht - schließlich war sich jeder Christ, und das war ja jeder, dessen bewußt, dass Sex nur dazu dient um Kinder zu zeugen - ergo jedes Kind war auch gewollt. Dieses Bild vom "Sex zum Vergnügen" kommt ja eher aus neueren Zeiten und ist wohl nicht so ohne weiteres auf die Vergangenheit zu übertragen.


    Hast Du einen Ironie-Smiley vergessen? Oder meinst Du das tatsächlich ernst?


    Marie

    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)


    Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)



  • Selbstverständlich war das ernst gemeint. Heißt ja ganz sicher nicht, dass es meiner Einstellung entspricht - mir ging es nur darum, was es in einer vom Christentum, nicht-emanzipierten, Gesellschaft so alles nicht gab. Dazu gehört m.E. auch eine ungewollte Schwangerschaft; die christkatholische Kirche vertritt ja nach wie vor offiziell eine ähnliche Meinung.

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    - Erich Mühsam

  • Wenn jede Schwangerschaft mit christlicher Ergebenheit gewünscht oder auch nur akzeptiert worden wäre, warum musste die Kirche dann die ganzen "weisen Frauen" , die ihren Geschlechtsgenossinnen Tipps zur Verhütung und Abtreibung gaben, unter dem Vorwand der Hexerei auf den Scheiterhaufen bringen?


    P.S. Auch war ganz sicher nicht jeder Christ, das durfte man aber nicht offen zugeben, denn sonst erging es einem schlecht - es reichte schon, nicht der alleinseligmachenden katholischen Kirche anzugehören.
    Ob Katharer oder (sonstiger ;) ) Ketzer, was den Pfaffen und Adeligen missliebig war, landete auf dem Scheiterhaufen...

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  • Was man aber nicht wissen kann, da es nur angedeutet, aber nie so ausgesprochen wird.

    Spätestens nachdem die Marquise als schwanger geoutet wurde, muss der Leser wissen, wer der Übeltäter gewesen sein muss, zumindest als Nicht-Christ wie ich, der nicht an die jungfräuliche Empfängnis glaubt... :mrgreen:

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  • die christkatholische Kirche vertritt ja nach wie vor offiziell eine ähnliche Meinung.


    Stimmt. Bis ca. 1964/65, als das Zweite Vatikanische Konzil das katholische Eherecht reformierte. Womit ich nicht gesagt haben will, dass die "neuen" Erlässe schon bei jedem Pastor angekommen sind.


    Marie

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  • Stimmt. Bis ca. 1964/65, als das Zweite Vatikanische Konzil das katholische Eherecht reformierte. Womit ich nicht gesagt haben will, dass die "neuen" Erlässe schon bei jedem Pastor angekommen sind.


    Gut Ding braucht Weile :lol:

  • Wenn jede Schwangerschaft mit christlicher Ergebenheit gewünscht oder auch nur akzeptiert worden wäre, warum musste die Kirche dann die ganzen "weisen Frauen" , die ihren Geschlechtsgenossinnen Tipps zur Verhütung und Abtreibung gaben, unter dem Vorwand der Hexerei auf den Scheiterhaufen bringen?


    P.S. Auch war ganz sicher nicht jeder Christ, das durfte man aber nicht offen zugeben, denn sonst erging es einem schlecht - es reichte schon, nicht der alleinseligmachenden katholischen Kirche anzugehören.
    Ob Katharer oder (sonstiger ;) ) Ketzer, was den Pfaffen und Adeligen missliebig war, landete auf dem Scheiterhaufen...


    Naja, zur Zeit der "Marquise von O..." sind ja ansich keine Menschen mehr auf den Scheiterhaufen geworfen worden. Es geht ja aber auch um das gesellschaftliche Bild und nicht um diese Einzelfälle; gesellschaftlich war nunmal die Kirche prägend und allgemein wurde sich zum Christentum bekannt. Dass es (auch öffentliche) Anhänger des "Bösen" gab, das hat ja auch die Kirche nie beschritten - salonfähig waren die allerdings nie, geschweige denn Grafen & Kommandanten. Man muss ja auch gar nicht bis ins Mittelalter zurückkehren um "Ungläubige" zu finden - Juden gabs ja auch noch im 18./19.Jhd. ;o)



    Zitat von Marie


    Stimmt. Bis ca. 1964/65, als das Zweite Vatikanische Konzil das katholische Eherecht reformierte. Womit ich nicht gesagt haben will, dass die "neuen" Erlässe schon bei jedem Pastor angekommen sind.


    Tatsächlich? Ich hör den Ratzinger immer noch davon reden, dass Verhütungsmittel (kirchlich) verboten sind (Kondome) und dass der Sinn der Ehe die Fortpflanzung ist und Sex in "fruchtbaren Zyklen" immer der Fortpflanzung dient. Weiss jetzt allerdings nicht, was sich beim II. Vatikanischen Konzil diesbezüglich geändert hat - aber viel scheint es ja nicht gewesen zu sein?

    Warum ich Welt und Menschheit nicht verfluche?
    - Weil ich den Menschen spüre, den ich suche.

    - Erich Mühsam

  • Also, bevor man sich groß darüber auslässt, sollte man sich Beschlüsse des zweiten vatikanischen Konzils zu Ehe und Verhütung wirklich einmal anschauen. Neuere Aussagen des Heiligen Stuhls finden sich unter anderem hier. Denn neben den Beschlüssen des Zweiten Vatikanischen Konzils muss man auch die verschiednen Enzykliken der Päpste berücksichtigen, wenn man die Sicht der Kirche diskutieren möchte.


    Scheiterhaufen in der Verbindung mit Hexenverbrennungen wurden zum Teil noch bis zum 19. Jahrhundert eingesetzt - in Einzelfällen. Hierbei ist aber nicht die katholische Kirche federführend gewesen, sondern eher protestantische Gruppierungen.


    Ungewollte Schwangerschaften gab es immer - seht euch mal die Aborte von alten mittelalterlichen nonnenklöstern an und lasst Euch mal eine Führung durch den Ursulinnen-Stift machen. (Das Wort Abortion/Abortus als Fachbegriff für eine Abtreibung und der Abort als Wort für eine Toilette - fällt da irgend etwas auf?)


    Die ungewollten Schwangerschaften und daraus resultierenden Abtreibungen waren sicherlich keine Ausnahmen, sondern in der Regel bekannt aber lieber nicht diskutierte Momente des Zusammenlebens.

  • Weiss jetzt allerdings nicht, was sich beim II. Vatikanischen Konzil diesbezüglich geändert hat - aber viel scheint es ja nicht gewesen zu sein?


    Die genauen Einzelheiten und die Stellungnahmen der Kirchenrechtler hierzu herauszusuchen und zu beschreiben, würde den Thread noch weiter Off-Topic geraten lassen.
    Wenn Du Interesse hast, werde ich die entsprechenden Dinge nachlesen und Dir die Informationen per PN schicken.


    Marie

    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)


    Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)



  • :uups: ich habe das mit der Schwangerschaft ganz anders wahrgenommen :lol: Ich muss später mal recherchieren, ob Kleist damit die Kirche gemeint hat :idea:


    „Die Marquise von O …“ wird im Krieg von feindlichen Russen vergewaltigt und erwartet danach ein Kind. Da sie aber den Hergang nicht mitbekam, da sie in Ohnmacht fiel, konnte sie mit ihrer Schwangerschaft nichts anfangen. Sie wird von ihrer Familie verstoßen, die diese Unzucht nicht duldet, denn von der Tat weiß natürlich keiner. Und so entschließt sich die Marquise eine Annonce in einer Zeitung aufzugeben: „ …, daß sie ohne ihr Wissen, in andere Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle, …“


    Diese Erzählung ist auf der höchsten Spannungsebene geschrieben, es gibt keine Verschnaufpause, und liest sich dadurch sehr gehetzt. Immer sind die Figuren am Äußersten, stehen unter Druck, immer auf höchster emotionaler Erregung, in Pein und Notlage.
    Die Handlung ist für die damalige Zeit außergewöhnlich brisant, und ich rechne es Kleist sehr hoch an, dass er sich als männlicher Autor damit befasste. (Erst letztes Jahr wurde dieses heikle Thema Vergewaltigung im Krieg ganz aktuell angesprochen, welches immer noch ein großes Tabu ist.)


    Auch die Geschichte „Das Erdbeben in Chili“ ist eine sehr zu empfehlende Erzählung, sehr eindrucksvoll wird da der Mensch bis in seine tiefsten Abgründe geschildert.

  • In dem Buch "Deutsche Meistererzähler" findet sich unter anderem die Geschichte "Das Erdbeben von Chili".


    musikzimmer überlegte, ob die Geschichte noch eine weitere Aussage hat. Ich glaube ehrlich gesagt nicht. Es ist eine tragische Liebesgeschichte, in einer schönen Sprache und unglaublichen Schachtelsätzen erzählt.

    Das Missliche an neuen Büchern ist, dass sie uns hindern, die alten zu lesen.
    J.Joubert

  • Ich musste vor kurzer Zeit Das Erdbeben in Chili lesen
    Und meiner Meinung nach ist es nicht nur eine tragische Liebesgeschichte. Denn es gibt verschiedene Arten es zu interpretieren.
    Zum Beispiel stellt sich die Frage warum Don Fernando Josephe in die Kirche führt und nicht Jeronimo. Es könnte daher auch sein das Don Fernando der Vater des Kindes ist oder mal eine Äffäre mit Josephe hatte. Darauf weisen verschiedenste Textpassagen hin.
    Kleists Schreibstil ist sehr speziell und in seiner Geschichte lässt er viele Fragen offen stehen. Deshalb denke ich nicht das es nur eine tragische Liebesgeschichte ist.

    Wahre Stärke ist nicht daran festzuhalten, sondern loszulassen.

  • Eine besondere Stärke der Novelle "Die Marquise von O..." ist meiner Meinung nach die sprachliche Gestaltung. Kleists lange und oft syntaktisch komplizierten Sätze mögen auf ungeübte Leser zunächst kompliziert erscheinen, sie treiben aber den Lesefluss enorm voran. Viele Formulierungen enthalten Anspielungen auf die Geschehnisse während der Belagerung, die nicht erzählt werden; diese Andeutungen fallen bei einer zweiten Lektüre noch mehr auf. So spricht der Graf zum Beispiel, als er der Marquise einen Heiratsantrag macht, von seiner "einzige<n> nichtswürdige<n> Handlung, die er in seinem Leben begangen hätte, der Welt unbekannt, und <sagt, dass> er schon im Begriff sei, sie wiedergutzumachen" (978-3-507-69985-4, S. 15). Dieses Zitat kann als Anspielung auf eine Vergewaltigung oder Ausnutzung der Situation der Marquise während ihrer Ohnmacht verstanden werden und ist nur ein Beispiel für zahlreiche Andeutungen.

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