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  • Ich habe das zehnte Kapitel heute gelesen und es hat mir sehr gut gefallen. Es hat mich auf eine ganz eigene Weise angesprochen. Jeder der Erzähler hat ja ein schlimmes eigenes Schicksal, aber der Gefängnisaufenthalt war schon sehr schlimm, vor allem mit dem Hintergrundwissen, wie es zu der Verhaftung kam. :(

    Zitat

    Ich bin heute achtundsechzig, doch eigentlich bin ich nur sechsundfünfzig Jahre alt, denn die zwölf Jahre waren kein Leben.

    Diesen Ausspruch fand ich sehr bezeichnend, sehr bewegend und traurig. Vor allem, weil Isam im Gefängnis ja so viel erlebt hat, lesen und schreiben gelernt hat und so weiter. Er bringt so viele Geschichten aus dieser Zeit zu seinen Freunden und lässt sie daran teilhaben, gleichzeitig beschreibt er sie als "kein Leben". Vielleicht kann das Erzählen über solch schreckliche Sachen dazu beitragen, dass man auch schlimme Zeiten seines Lebens akzeptiert. Vielleicht sehe ich das aber auch zu "optimistisch". Dennoch glaube ich, dass Isam das Erzählen geholfen hat. Und Salims Reaktion darauf wird ihn darin bestärkt haben, dass es richtig war.

  • Ich habe nun auch das nächste Kapitel gelesen. Die Geschichte über den König, der verflucht wurde und deswegen nicht mehr hören konnte, fand ich bisher am wenigsten gut. Ich kann gar nicht mal so genau sagen, warum, vielleicht, weil ziemlich gleich klar war, dass

    Auch das Ende hat mir nicht so gut gefallen. Zwar hatte bisher jede der Geschichten so einen Moment, in dem der König merken konnte, dass er falsch gehandelt hat, aber dieser hat mir einfach nicht gefallen, weil alles zu spät war. Die Reaktion der Königin fand ich auch nicht so treffend, immerhin hatte sie die Lüge jahrzehntelang aufrecht erhalten, zeigte aber überhaupt keine Reue darüber. Nur die Prinzessin war traurig, weil sie ihrem Vater nie die Wahrheit hatte sagen können.
    Na ja, eine Geschichte kommt ja noch. Und ich bin gespannt, ob / wie Salim dann seine Stimme zurückerlangt. :)

  • Mal eine kurze Frage: wie weit seid ihr denn mit dem Buch? Ich habe gerade das 12. Kapitel gelesen und würde morgen eigentlich gern die letzten beiden lesen, aber nur, wenn ich dann nicht viel schneller bin als ihr!
    Ich bin gespannt auf eure Meinungen zu der Geschichte, die Salim selbst sich einmal ausgedacht hat. Ich persönlich fand sie sehr schön - auch, dass er nun, wenn auch "nur" sich selbst, auch mal eine Geschichte erzählt. Immerhin ist er dafür ja auch einst berühmt gewesen. :)

  • Ich bin jetzt durch und muss sagen, dass mir die letzten Geschichten nicht mehr so sehr gefallen haben. Die Pointe in Salims Geschichte fand ich noch ganz gut.

    Die Geschichte selbst war aber nicht so toll.
    Ich finde, die Geschichten wurden gegen Ende leider immer schwächer.


    So ab und an springen mir allerdings einige wirklich schöne Absätze ins Auge. Dies ist einer davon:

    Zitat

    Es gibt aber auch, genau wie bei den Menschen, Einzergänger unter den Tagen. Das sind Tage, die sich in der Gemeinschaft der Gleichgesinnten unwohl fühlen und davonrennen. Wer soll verstehen, was in einem Tag vorgeht, der den herrlichen Sommer verläßt um mitten im Winter plötzlich und unangemeldet aufzutauchen?

    Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.
    (Jorge Luis Borges)

  • Die Geschichte über den König, der verflucht wurde und deswegen nicht mehr hören konnte, fand ich bisher am wenigsten gut.


    Ging mir genauso. Es war irgendwie von Anfang an klar, wie sie ausgehen wird. Ich fand es nur traurig, dass er erst zum Schluss von der Liebe


    Mal eine kurze Frage: wie weit seid ihr denn mit dem Buch? Ich habe gerade das 12. Kapitel gelesen und würde morgen eigentlich gern die letzten beiden lesen, aber nur, wenn ich dann nicht viel schneller bin als ihr!


    Also ich bin mit dem Buch durch und es hat mir sehr gut gefallen, auch wenn manche Geschichten nicht so schön waren. Am besten hat mir noch die allererste Geschichte mit den Perlen gefallen und auch die mit den Lügen. Die mit dem König, der nicht hören konnte, fand ich die schlechteste.


    Liebe Grüße von der Buechereule :winken:

    Liebe Grüße von der buechereule :winken:

    Im Lesesessel

    Kein Schiff trägt uns besser in ferne Länder als ein Buch!
    (Emily Dickinson)


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  • Was mir noch ganz gut gefallen, hat, dass bis zum Ende

    Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.
    (Jorge Luis Borges)

  • Ich habe das Buch jetzt auch ausgelesen. Ich finde ebenfalls, dass es zum Ende hin schwächer wird, auch wenn mir die Geschichte von Fathme sehr gut gefallen hat. Ich fand es an der Stelle auch interessant, wie Schamik wieder eine Eigenart hinzugeholt hat, nämlich, dass der letzte der Freunde gar nicht erzählen wollte oder konnte. Ein schlechter Erzähler war ja auch schon dabei, bei dem die Freunde einschliefen. Aber genau das gefällt mir, denn es sind eben nicht alle Menschen gute Geschichtenerzähler und ich finde, dass Schamik das sehr gut herausgestellt hat.
    Das Ende, wie Pandämonium es schon in ihrem Spoiler erwähnt, hat mir auch gut gefallen, man hat es sich ja auch schon irgendwie gedacht, dass es so sein würde. Ich werde sicher noch andere Bücher von Schamik lesen, denn "Erzähler der Nacht" hat mir insgesamt wirklich gut gefallen.

  • Ich habe das Buch auch letzte Woche ausgelesen (wollte aber mit dem Posten warten, bis alle soweit sind) und mir ging es ähnlich wie der Vorgängern - die letzten Geschichten hatten auch für mich etwas vom Zauber verloren.



    LG,
    Casoubon.

  • Diesen Ausspruch fand ich sehr bezeichnend, sehr bewegend und traurig. Vor allem, weil Isam im Gefängnis ja so viel erlebt hat, lesen und schreiben gelernt hat und so weiter.

    Er meint damit aber ja die ersten zwölf Jahre: "Zwölf Jahre hielt mich der Gefängnisleiter, Gott verfluche ihn, in einem Keller gefangen, bis ich dem Bild des Unmenschen glich, das er schon lange in seinem Herzen trug. Erst als er starb, seine Seele soll in der Hölle schmachten und schmoren, ließ mich der neue Leiter in eine Gemeinschaftszelle bringen. Da habe ich die zweite Hälfte meiner Zeit verbracht." Und in der Gemeinschaftszelle hat er eben all das gelernt und erlebt.


    Hab das Buch denn auch heute fertig gelesen. Interessanterweise greift er ja die Frage, ob Salim denn wirklich stumm war, ja auch wieder auf. Und - was mir sehr gefällt - lässt ihn einfach so reden. Ohne Brimborium, ohne auch nur auf die Uhrzeit zu verweisen, redet er so, als hätte er es nie nicht mehr gekonnt.
    Ich hatte nicht so den Eindruck, dass die Geschichten zum Ende hin schwächer wurden - sie passten ja dennoch. So war die Geschichte des Ministers eben die Geschichte eines Ministers, der ja Politiker ist und der ja somit gemeinhin immer zu irgendetwas Nebensächlichem hin ausschweift.
    Am besten gefallen hat mir dagegen Isams Geschichte über Ahmad - weil sie eben so möglich ist und weil sie dessen Weigerung zu Wetten so hervorragend erklärt. Schließlich veranschaulicht die Geschichte ja wunderbar, dass es bei Glücksspielen (und das sind Wetten ja) immer nen Zeitpunkt gibt, an dem man dann ruiniert ist.

    Warum ich Welt und Menschheit nicht verfluche?
    - Weil ich den Menschen spüre, den ich suche.

    - Erich Mühsam

  • Ich hatte das Buch schon am Montagabend fertig gelesen, kann aber erst heute schreiben, weil ich die letzten Tage nicht da war :wink:


    Ich hatte ebenfalls, so wie Musikzimmer, nicht wirklich den Eindruck, dass die Geschichten gegen Schluss nennenswert schlechter geworden sind, sie passten eben einfach nur zu den Leuten, die sie erzählten.
    Wunderschön fand ich die Erkenntnis von Salim, "dass eine Erzählung mindestens zwei Menschen braucht, damit sie lebt."
    Auch der danach folgende Absatz darüber, wie das Feuer angeht, war einfach nur faszinierend zu lesen - wie das Spiel zweier Liebender.


    Zitat

    Die Flammen umtanzten das Holz freudig. Sie schmiegten sich weich um seine knorrige Haut, als wollten sie sie liebkosen. Das Holz blieb einen Augenblick lang hartherzig und kalt. Es ignorierte die Verführung der Flammen, doch das Feuer züngelte süßlich um seinen Leib und kitzelte unaufhörlich seine Seele mit warmen Versen. Einige Spitzen und scharfen kannten überhörten die Mahnungen ihres Stammes und gaben ihre starre Haltung auf. Sie fingen Feuer. Das Holz bekundete knisternd seinen Unwillen, doch langsam gab es seinen Widerstand auf und tanzte laut singend in einer einzigen Flamme. Nach geraumer Zeit verschmolzen Holz und Flamme zu einer Glut, die auf dem weichen Kissen der Asche leise wisperte.


    Wundervoll!


    Alles in allem hat mir das Buch sehr gefallen. Ich werde wahrscheinlich noch mehr von Rafik Schami lesen :wink:

    Was sind wir denn anderes als Narren,
    Motten, die, von der eigenen eingebildeten Helligkeit geblendet
    ins Licht fliegen und dort verbrennen?
    Nichts als Staub auf dem ewigen Rad der Zeit.
    Nichts als Staub.