Ramiro Pinilla - Der Feigenbaum / La higuera

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  • Ramiro Pinilla wurde 1923 in Bilbao geboren und gehört zu den bedeutendsten baskischen Schriftstellern. 1971 verabschiedete er sich vom offiziellen spanischen Literaturbetrieb, hörte aber nie auf zu schreiben. 2004 trat er dann wieder in das literarische Rampenlicht. Für sein monumentales Familienepos „Verdes valles“ erhielt er 2005 den Premio de la Critica, die bedeutendste spanische Literaturauszeichnung. 2006 erhielt er den Premio Nacional de Narrativa. „Der Feigenbaum“ ist sein neuestes Buch.


    Es ist 1937, die Zeit des spanischen Bürgerkriegs. Francos Truppen stehen im Baskenland und die Anhänger der Republik sind ihrer Willkür und ihren Todeskommandos hilflos ausgeliefert. Und so werden auch Gabinos Vater, der Lehrer des Dorfes, und sein sechzehnjähriger Bruder Opfer einer Gruppe von Falangisten. Der Falangist Rogelio fesselt dem Vater und dem Bruder die Hände auf den Rücken. Während dieser ganzen Zeit schaut ihn der zehnjährige Gabino unentwegt an. Kein Muskel zuckt, kein Zwinkern ist in dem Blick des kleinen Jungen. Rogelio wird es immer unbehaglicher. Doch der Ehrenkodex der Falangisten verbietet es ein Kind zu töten. Vater und der sechzehnjährige Sohn werden dann in der Dunkelheit erschossen. Doch Rogelio findet keine Ruhe. Der Blick des zehnjährigen Gabino verfolgt ihn.


    Am nächsten Tag sucht Rogelio den Platz der Hinrichtung auf und findet dort nur einen in die Erde gesteckten Schössling vor. Er markiert offenbar das Grab der beiden ermordeten Dorfbewohner. Rogelio reißt die Pflanze heraus. Doch am nächsten Tag befindet sich wieder ein Schössling an genau derselben Stelle. Nun steht aber Gabino mit einer Gießkanne hinter dem Falangisten. Worte fallen nicht zwischen diesen beiden Menschen. Rogelio aber begreift, dass sein Leben nun untrennbar mit diesem Feigenbaum verbunden ist. So gießt er jede Nacht den Baum, schlägt dort sein Lager auf, unbeirrt vom Spott und Hohn seiner Kameraden und lebt dreißig Jahre als Eremit und verehrter Heiliger direkt neben diesem Baum, sehr zum Leidwesen einer vor Fäulnis zerfressenen spanischen Kirche.


    Es ist ein Buch über Schuld, Vergebung, aber in allererster Linie ein Buch um die Angst vor der Last der eigenen Schuld. Der Feigenbaum als Symbol für das Werden und Sterben, als Symbol des eigenen Lebens. Rogelio weiß, solange er diesen Baum bewacht und ihn pflegt, wird ihn Gabino verschonen, denn der Feigenbaum soll den Falangisten auch täglich zu jeder Stunde an die eigene Schuld erinnern und das ein Vergeben durch die Überlebenden nicht immer einfach zu haben ist, auch wenn die göttliche Vergebung vielleicht bereits erfolgt ist.


    Ramiro Pinilla hat ein beeindruckendes Buch geschrieben. Er schreibt ruhig, unaufgeregt und er lässt sich auch durch den Leser nicht antreiben. Geduldig wird die Geschichte erzählt, eine Geschichte die nicht für eine Zeitrafferschilderung geeignet ist. Mit einfachen Worten werden die Grausamkeiten des spanischen Bürgerkrieges beschrieben, die Verbrechen der Kirche dabei nicht ausgespart, trotzdem steht immer wieder das Leiden des Einzelnen im Vordergrund; niemand wird einfach nur zum Teil einer nicht näher bestimmbaren Masse. Das Deutschlandradio sprach „..von einer Perle der Weltliteratur…“; dieser Beurteilung kann man nur beipflichten.


    Hoffentlich bekommen wir hier bald mehr von Ramiro Pinilla zu lesen.

  • Hier eine Verlinkung zu einer Ausgabe auf Spanisch "La higuera":

    Verlag:

    Círculo de Lectores. (2007) ISBN-10:

    8467223375 ISBN-13:

    978-8467223378

  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „Ramiro Pinilla - Der Feigenbaum“ zu „Ramiro Pinilla - Der Feigenbaum / La higuera“ geändert.
  • Gute neun Jahre auf der WuLi, und dann so voriges Jahr gekauft : was lange währt, wird endlich gut. Ja, denn gelohnt hat sich das ! Und dieses Jahr soll es ja noch nach Spanien gehen ; immer gut, sich auch literarisch darauf vorzubereiten. Der gute alte Dr Watson war schon sehr zuverlässig in seinen Rezis !


    Um bei der Inhaltsbeschreibung (siehe oben) zu bleiben, könnte man sich auf den Zustand beschränken, den Rogelio später am Grabe, bzw Feigenbaum aushalten lässt. Doch die ersten hundert Seiten sind auch Beschreibung einer Form von innerem Auseinanderklaffen. Das Angestarrtwerden durch den Sohn eines Opfers ist ja das eine, doch was lässt uns dadurch ausrasten ? Auf welchem « Boden » stösst das ? Und so gibt es anscheinend eben auch unter den Falangisten Menschen…, genausi wie auch die Frau des unterwürfigen und heuchlerischen Bürgermeisters bei ihren Leisten bleibt und sich innerlich schon distanziert hat. Und insofern einerseits nicht alle (ehemalige) Falangisten, aber auch die Gläubigen/die Kirche nicht einfach alle in einen Topf zu werfen sind.


    Das alles macht den Roman vielleicht nicht zu einem « psychologischen », doch es ist schon eine sehr feine Beschreibung der Veränderungen. Und all dem, was Dr Watson hier anspricht : Schuld, Vergebung… Diese aber sind hier nicht in gewissem Sinne angenommen und bereut, sondern eher Folge einer Angst bei Rogelio. Insofern erinnerte mich dieser Roman an « Schuld und Sühne » von Dostojewski : zunächst geht es nicht um eine höhere Einsicht, sondern um die Unmöglichkeit, eine Folge des eigenen Handelns, die « Strafe » zu ertragen. Angst ! Bei solchen Protagonisten sind Formen der « Zwagnsvorstellungen » nahe. Die Handlung hier bewegt sich eher langsam voran, im Mittelteil scheint sie gar ein wenig zu stagnieren. Es mag den Strudel und die Unausweichlichkeit, das Kreisende und Obesessive, wiederspiegeln ?!


    2006 geschrieben zeigt Pinilla indirekt auch, dass es da noch echt etwas aufzuarbeiten gab und gibt. In Spanien ging der Frankismus erst Ende der 70iger zuende, und jene Auseinandersetzung mit einem brennenden Thema, einer bleibenden Wunde verschob sich arg.


    So hole ich diesen Fred nach zehn Jahren in der Versenkung gerne noch einmal hoch und verweise auf ein sehr gutes Buch ! Vielleicht haben andere Buchbesitzer Lust, es nun zu lesen oder aber zu kommentieren ?

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