Birgit Vanderbeke - Ich will meinen Mord

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  • Klappentext (gekürzt):
    Eine Frau reist im Zug von Montpellier nach Metz. In Avignon steigt ein Mann zu. Viszman. Die Frau kennt ihn nicht. Sie will ihn auch nicht kennenlernen. "Ein Blick auf Viszman hat genügt, um zu wissen - er oder ich. Also ich."
    Leider sind noch zwei Schweizerinnen auf der Heimreise aus den Pyrenäen im Abteil, die später als Zeugen in Frage kämen. Die notorische Ehrlichkeit der Schweizer in Sachen Wahrheitsfindung ist schließlich nicht zu unterschätzen. Warum haben die Schweizerinnen nicht in der Schweiz ihren Urlaub gemacht? Wie kriegt man sie aus dem Zug. Mann könnte sie aussteigen lassen.
    "Auf den ersten Seiten tun meine Leute, was ich ihnen sage", überlegt die Frau, die sich als Schriftstellerin zu erkennen gibt. "Wenn ich sie in eine Bar schicke und weißen Whisky bestellen lasse, gehen sie widerstandslos hinein und trinken den weißen Whisky anstatt Kaffee zu bestellen". Sie weiß aber auch: "Leider geht das nur auf den ersten Seiten. Nach und nach werden sie renitent".
    Von Anfang an macht diese Erzählung keinen Hehl daraus, dass die nur auf dem Papier stattfindet ...


    Das Einzige, das real zu sein scheint, ist die Frau im Zug: Sie ist unterwegs zu einer Besprechung mit ihrem Verleger, und sie weiß auch schon, was er von ihr will (ein Buch, das mit einem Knaller, möglichst einem Mord beginnt) und was er ihr vorwirft: Eine unzureichende Personenführung in ihren Romanen. Im Grund ist das gesamte Buch ein Beispiel für diese unzureichende Personenführung, denn kaum hat sie Figuren erfunden, die in ihr Buch passen (wie z.B. die Schweizerinnen), machen diese, was sie wollen. Den Mord an Viszman, den die unbedingt braucht, um ihren Verleger zu besänftigen, begeht sie nicht; statt dessen wird er zu ihrem Komplizen, und beide planen gemeinschaftlich einen Mord.


    Es ist reizvoll, wie die Autorin mit verschiedenen Erzähl- und Wahrnehmungsebenen spielt. Zwischendurch muss man sich beim Lesen immer wieder klar werden, dass es nicht nur Fiktion ist, was man liest, sondern vorbereitende Gedanken zur Fiktion einer Fiktion. (Hört sich kompliziert an, ist aber ganz einfach.) Es macht Spaß zu lesen, wie ihr die Personen, die eigentlich in ihrer Phantasie geboren werden und nur dort existieren, entgleiten, eigene Lebenswirklichkeiten entwickeln und absolut nicht tun, was die Schöpferin eigentlich verlangt. Andererseits rächt sie sich, indem sie z.B. einen Schaffner, der ungeniert ihren Minirock und ihre Beine mustert, mit einer schönen Ehefrau und quälenden Eifersuchtsgedanken ausstattet. - Wobei man als Leser nicht genau erfährt: Gibts diesen Schaffner (und den Minirock)? Oder hat sie den auch erfunden?


    Ein originelles Buch, das mit seinen 120 Seiten (Hardcover) ein kurzes, aber vergnügliches Leseerlebnis bietet - länger dürfte es auch nicht sein, sonst würde die Idee bald fad.


    Marie

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Als BT’ler läuft man der lieben Frau Vanderbeke ja früher oder später über den Weg, und als ich desletzt bei einem Aufenthalt in Deutschland in einer Resteexemplarkiste dieses Buch von ihr sah, griff ich mal zu, um mir endlich irgendwann mal ein eigenes Bild zu machen !


    Gut habe ich dran getan, denn es ist eine irgendwie kurzweilige Lektüre voller Humor, Selbstironie, aber auch beflügelter Phantasie. Seltsam, dass dieses Buch hier seit zehn Jahren und Maries ausgereiften Gedanken doch so unkommentiert dasteht. Nachgeholt !


    Reine Hirngespinste oder Phantasiegebilde, aber vielleicht auch – ohne es nun bierernst zu machen – nah dran an unserem Erleben : Wer hat sich nicht dabei erwischt, anderen – zB beim Zug-, oder Metrofahren, in einem Café sitzend etc, Geschichten anzuspinnen ? Aus Gesprächsfetzen sich eine Story zurechtzuzimmern, die dann natürlich zehn Minuten später durch eine andere Einzelheit über den Haufen geworfen wird ? Oder sich verselbständigt und eine eigene Logik entwickelt ?


    Tja, und wie mag es also einer reisenden Schriftstellerin ergehen ? Die Ich-Erzählerin im Roman ist eine, aber sicherlich auch die in Südfrankreich lebende Birgit Vanderbeke. Diese beschriebene Strecke (die ich aus eigener Erfahrung kenne, was seltsame Assoziationen weckte) wird auch die « echte » Autorin so manches Mal gefahren sein, wenn es in Richtung Deutschland ging, zumindest am Anfang der 90iger Jahre, wo das Buch ja 1995 erschienen ist. Und die « echte » Autorin scheint auch mit Diderot was zu tun zu haben, den sie dann in ihrem Blog das Leitwort sprechen lässt...


    Hier noch ein Link zum Blog, der Webseite der Autorin : https://www.birgitvanderbeke.com/

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