Klaus Mann - Der Wendepunkt

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  • Es gibt Momente wo man sich freut alte Bekannte zu treffen. Dieses Buch ist ein solch alter Bekannter. Plötzlich traf ich diesen Bekannten in meinem Lesesessel an, ungeplant und ganz spontan. Erneut nahm ich meine Ausgabe von 1976, erschienen bei der Büchergilde Gutenberg, zur Hand und war sofort wieder gefangen von diesem Buch.


    Klaus Mann, Sohn von Thomas Mann, hat wohl eine der eindrucksvollsten Autobiographien der deutschen Literatur geschrieben. Geboren 1906, wählte er 1949 den Freitod. In seinem „Wendepunkt“ schillert diese Todessehnsucht immer mal wieder durch, wird aber nicht zum beherrschenden Thema. Vielmehr hat es den Anschein als würde Klaus Mann lediglich Berichterstatter des eigenen Lebens sein. Er schreibt zwar über die Dinge die ihn berührten, aber immer auf eine gewisse distanzierte Art. Den Leser lässt er nur scheinbar in sein Inneres schauen.


    Der Vater Thomas Mann nimmt in dieser Lebensbeschreibung nur einen verhältnismäßig geringen Raum ein. Weitaus mehr berichtet Klaus Mann von der Schwester Erika, mit der ihn ein ganz besonders inniges Verhältnis verband. Diese beiden Geschwister waren offensichtlich durch ein sehr festes Band miteinander verbunden. Zu seinen anderen Geschwistern Golo, Elisabeth, Monika und Michael hatte Klaus Mann ein eher lockeres Verhältnis, auch wenn er immer Interesse für ihre verschiedenen Lebenswege aufbrachte.


    Dieses Buch ist auch eine Reise durch die Literatur der Zwanziger, Dreißiger und Vierziger Jahre des vorigen Jahrhunderts. Dem Leser werden immer wieder Namen ins Gedächtnis gerufen, die leider zwischenzeitlich im Vergessen angekommen sind. Und man nimmt sich vor, die Bücher dieser „Vergessenen“ wieder einmal zur Hand zu nehmen. Mal schauen ob es nicht nur bei diesem Vorsatz bleibt. Und man nimmt sich ganz fest vor auch die Bücher von Klaus Mann wieder einmal zu lesen. Er selbst äußert sich immer sehr neutral über seine schriftstellerischen Aktivitäten.


    „Der Wendepunkt“ ist ein durch und durch aufregendes Buch, ein Buch bei dessen Lektüre schon einmal die Zeit vergessen kann. Sehr, sehr lesenswert.


  • Klaus Mann, Sohn von Thomas Mann, hat wohl eine der eindrucksvollsten Autobiographien der deutschen Literatur geschrieben.


    Ich kann den Satz nur voll und ganz unterschreiben. Klaus Mann mag literarisch nicht so stark gewesen sein wie sein Vater, aber seine Autobiographie gehört zu den besten, die ich kenne. Seine kluge, präzise beobachtete und anschauliche Darstellung macht das Buch nicht nur zu einem hochinteressanten Zeitzeugnis, sie lässt die Zeit selbst lebendig werden und vermittelt etwas von dem Lebensgefühl seiner Generation in jenen Jahren.


    Er beschreibt seine Kinder- und Jugendjahre im großbürgerlichen, geistig sehr anregenden Münchner Elternhaus, in dem sich Berühmtheiten wie Gerhard Hauptmann, Stefan Zweig und Hugo von Hofmannsthal die Klinke in die Hand gaben, die verhasste Schulzeit (er war wie sein Vater ein schlechter Schüler) und den positiv empfundenen Aufenthalt im Internat Odenwaldschule. Er schildert die wilden zwanziger Jahre, die er mit seiner Schwester Erika und ihrer Clique junger Intellektueller und Schauspieler ausgiebig genoss. Sie machten die Bars und Kabaretts in München und Berlin unsicher, feierten aufwendige Feste, probierten Drogen aus, suchten sexuelle Abenteuer und häuften Schulden an, während die Wirtschaftskrise und die galoppierende Inflation das Geld knapp werden ließen – auch im Hause Mann. Dann kamen die ersten künstlerischen Versuche der Geschwister, die „Dichterkinder“ machten von sich reden. Klaus schrieb Theaterstücke und seine erste Autobiographie „Kind dieser Zeit“, die viel Beachtung fand, bis sie 1933 verboten wurde.


    Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wandelte er sich vom ganz dem Genuss hingegebenen jungen Bohemien zu einem politischen, von Anfang an entschlossen gegen die Nazis Stellung nehmenden Schriftsteller. Hellsichtig appellierten er und seine Schwester an den Vater, aus dem Urlaub in Frankreich nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren. Er selbst lebte zunächst im europäischen Exil und wanderte dann wie seine Familie 1938 nach Amerika aus. Dort wurden Erika und er schnell zur Stimme der Emigranten, deren schwierige Situation er sehr eindrucksvoll schildert. Durch Zeitungsartikel, Briefe, Aufrufe, durch seine Teilnahme an Kongressen und vor allem durch ausgedehnte Vortragsreisen kreuz und quer durch Amerika und Europa versuchte er unermüdlich, die Welt über die Vorgänge in Deutschland aufzuklären und sie gegen Hitler zu mobilisieren. Dabei traf (und beschrieb) er fast alle großen Geister der Zeit, Intellektuelle, Künstler und Schauspieler, sein bewundertes Vorbild war der französische Schriftsteller Andrè Gide. Nebenbei schrieb er auch noch etliche Romane, er war wie alle Manns ein unglaublich fleißiger Arbeiter. Dann kam der Wendepunkt: Klaus Mann beschloss, im Kampf gegen das Böse den Worten auch Taten folgen zu lassen und trat 1942 in die US-Army ein (wobei dahinter auch der Wunsch stand, seinem von Drogenmissbrauch, Schulden und Todessehnsucht überschatteten, rast- und ruhelosen Leben durch äußere Ordnung und Regelmäßigkeit einen festeren Halt zu geben). Entsetzt beschreibt er den Rassismus in der Armee (er selbst – das schimmert in seinen Briefen und Tagebüchern durch – musste wohl häufig Feindseligkeiten wegen seiner Homosexualität ertragen). Zunächst in Nordafrika stationiert, begleitete er die 5. Armee dann bei ihrem Marsch durch Italien nach Deutschland, zunächst zuständig für die Verhöre deutscher Kriegsgefangener (ein sehr interessantes Kapitel), in Deutschland dann bis zu seiner Entlassung aus der Army als Berichterstatter tätig.


    Klaus Mann schrieb seine Autobiographie übrigens auf Englisch (Originaltitel „The Turning Point“) und übersetzte sie erst nach Kriegsende für den deutschen Markt. Sie erschien mit einigen von ihm selbst noch vorgenommenen Ergänzungen und Erweiterungen 1952, also nach seinem Tod. Die oben abgebildete Neuausgabe vom November 2006 enthält Passagen, die Erika Mann, die seinen Nachlass betreute, unterdrückt hatte. Ob die amerikanische Ausgabe inzwischen der deutschen angeglichen wurde, weiß ich leider nicht.


    Ich kann diese blendend geschriebene, lebendige Autobiographie nur empfehlen, selbst denen, die mit den Romanen von Thomas und Klaus Mann sonst vielleicht nichts anfangen können.


    Gruß mofre

    :study: John Burnside - In hellen Sommernächten

    :study: Georges Simenon - Der Uhrmacher von Everton






  • Und Klaus Mann kannte sie alle!


    „Er war homosexuell. Er war süchtig. Er war der Sohn Thomas Manns. Also war er dreifach geschlagen. Woran hat er am meisten gelitten? … „ (Marcel Reich-Ranicki 1976)


    „Der Wendepunkt“ ist eine Autobiographie und darüber hinaus auch ein sehr subjektives Zeitzeugnis des vergangenen Jahrhunderts. Sie umfasst die Zeit von 1906 bis 1945. Klaus Mann wird 1906 als zweitgeborener Mann-Spross geboren. Mit seiner, nur knapp ein Jahr älter, Schwester Erika, die gemeinsam oft als Zwillinge auftreten, wird er sein ganzes Leben lang eng verbunden sein.


    „Woran er am meisten gelitten hat?“ wird in den ersten zwei Kapiteln seiner Kindheit, anders als erwartet, nicht beschrieben. Thomas Mann wird als fürsorglicher Vater geschildert, der Gespenster aus dem Kinderzimmer vertreiben kann, der einfühlsam und mit Geschick auf die kindliche Phantasie einwirkt, und deshalb dauerhaft den Namen „Der Zauberer“ trägt.
    Sicherlich ist auch eine gewisse Distanz vorhanden. Der „große“ Vater, der ja auch zeitlebens mit sich selber kämpft, und der in seinem Arbeitszimmer isoliert mit seinen Sätzen zaudert, ist nicht immer für die Kinder zu erreichen. Schließt man aber die Zeit mit ein, wo die Väter die Familie nach außen hin vertreten und für den Lebensunterhalt sorgen, so ist der „Zauberer“ keine all zu schlechte Vatergestalt: “Viel Glück mein Sohn. Und komm Heim, wenn du elend bist.”


    Klaus Mann pubertiert und reift zum Mann in einem wilden Jahrzehnt, nämlich den 20 er des 20. Jahrhunderts. Seine Neigung ist ihm bekannt, aber sittlich illegal, die heißen Feste der Jugend, das Kokain, die verrufene Stadt Berlin, wo er mit seiner Schwester ein Theaterensemble gründet, und im Hintergrund erscheint der „Der Zauberberg“ sowie darauf folgend der Nobelpreis für die „Buddenbrooks“. Der erste Knacks?


    „>Der Wendepunkt<: Das ist die raffiniert und ergriffen zugleich vorgetragene Schilderung einer glücklichen, aber gefährdeten, großbürgerlich-geborgenen, doch durch die Lust der Selbstzerstörung, die mit der allgemeinen Bedrohung des Zeitalters korrespondierende >Tendenz zum Abgrund< im privaten Bereich gefährdeten Jugend.“ (Walter Jens)


    Was darauf folgt und meiner Meinung nach Klaus Mann den Rest gegeben hat, ist das Aufkommen des Faschismus, das braune Gespenst und die zahllosen Mitläufer, denen er kopfschüttelnd gegenübersteht. Klaus Mann wendet der Heimat am 13. März 1933 den Rücken zu, also kurz nach der Reichstagswahl und der Ernennung Hitler zum Kanzler. Er wandelt in ganz Europa umher, ist heimatslos, umhergetrieben und einsam. Die „Tendenz zum Abgrund“ ist gegeben, 1949 wählt er den Freitod.


    Diese Autobiographie ist eine wunderbare subjektive Schilderung einer bedeutenden Zeit. Der Leser erhält tiefe Eindrücke wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte.
    Aber es ist eine Lektüre, die sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, kein Werk zum weg lesen. Im Personenverzeichnis sind ca. 600 Personen aufgelistet, die natürlich alle im Werk erwähnt werden. Davon sind knapp 100 Personen ausführlicher beschrieben: An erster Stelle sicherlich seine Schwester Erika und der „Zauberer“, dann seinen väterlichen Ratgeber Stefan Zweig, seinen lebenslangen Freund André Gide, Ricki der Schulfreund (Richard Hallgarten), sein Onkel Heinrich Mann, und seine Mutter. Aber er kannte sie alle: Sybille Bedford, Eduard Benesch, Gottfried Benn, Björn Björnson, Bertoldt Brecht, Clemens Brentano, Paul Cézanne, Bruno Frank, Stefan George, Oskar Maria Graf, Gerhart Hauptmann, Ödön von Horvath, Ibsen, Kafka, Remarque, Rilke, Anna Seghers, Süskind, Tucholsky, die Wedekinds, Franz Werfel, Oscar Wilde, Zuckmayer und, und, und … um nur einmal ein paar zu erwähnen.

  • @ Buchkrümel, es gibt bereits eine Rezension zu dieser Autobiographie hier. Die von Dr. Watson besprochene Taschenbuchausgabe ist neueren Datums (2006) und enthält neben Textentwürfen aus dem Nachlass und den Kapiteln aus der englischen Fassung, die von der deutschen abweichen, vor allem auch die Passagen, die seine Schwester Erika nicht hat drucken lassen (und die deswegen natürlich besonders interessant sind). Deine Ausgabe, die ich auch besitze, wurde schon 1984 herausgegeben und entspricht noch der alten Fassung.


    Gruß mofre

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  • Oh gleich zwei freundlicher Helfer :D


    Er schreibt zwar über die Dinge die ihn berührten, aber immer auf eine gewisse distanzierte Art. Den Leser lässt er nur scheinbar in sein Inneres schauen.


    Dr. Watson wird dies bestimmt nicht lesen, dennoch muss ich hierauf eingehen. Denn ich fand es sehr subjektiv geschrieben, was mich aber nicht gestört hat, ganz im Gegenteil, ich fand dadurch bekam das Buch einen ganz speziellen Wert. Vielleicht hat Klaus Mann nicht tief in sein Inneres blicken lassen, aber politisch gesehen, war die ganze Bio sehr subjektiv. Auch die ganzen Personen wurden aus Klaus Sicht beschrieben. Distanziert fand ich die Autobiographie von Stefan Zweig über diese Zeit "Die Welt von Gestern", die habe ich fast als Chronik im Hinterkopf.

  • Ich bin eigentlich nicht so der grosse Biografienleser, aber dieses hier setze ich auf jeden Fall auf meine Wunschliste! :wink:

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