Andreas Hoppert: Der Fall Helms

  • Kurzmeinung

    Morticia_27
    Der Autor konnte als Jurist Vieles gut vermitteln, zum Ende hin war es mir aber zu viel und zu konstruiert.
  • Andreas Hoppert: Fall Helms; grafit - Verlag Dortmund 2002; 443 Seiten; ISBN: 3-89425-273-1




    Der mutmaßliche Terrorist Klaus Helms soll Selbstmord begangen haben.
    So lautet die offizielle Version. Seine Tochter ist jedoch davon
    überzeugt, daß er erschossen wurde. Sie möchte eine Wiederaufnahme des
    Verfahrens nach dem Opferentschädigungsgesetz erzwingen. Als der Anwalt
    Marc Hagen versucht, die bisher namentlich nicht bekannten
    GSG-9-Augenzeugen ausfindig zu machen, wird es für ihn sehr gefährlich.


    Andreas Hoppert wurde 1963 in Bielefeld geboren. Nach dem Jurastudium
    arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni / GHS
    Siegen. Seit 1990 ist er Richter an einem Sozialgericht in Ostwestfalen.


    Der deutsche Herbst. Diese Ausdruck beschreibt die politischen und
    gesellschaftlichen Ereignisse des Jahres 1977. Der deutsche Herbst. Er
    spielt auch in diesem Roman eine zentrale Bedeutung. Doch nicht die
    offizielle politische Sicht spielt hier eine Rolle. Wie wird jemand zum
    Terroristen? Wie sieht das Innenleben einer Terrororganisation wie der
    RAF aus? Wie reagiert ein Staat auf den Terror? Wie wirken sich die
    Terrorattentate auf das Leben einer Familie aus? Fragen wie diese
    spielen in dem Krimi eine zentrale Rolle. Doch halt! Hier geht es nicht
    um eine genaue Analyse der deutschen Gesellschaft. Auch wenn viele
    Details der Handlung an die deutsche Zeitgeschichte erinnern (ein
    grüner Bundesinnenminister, der früher Innenminister von Hessen war,
    die RAF, Bad Reichen - um nur einige Beispiele zu nennen), so sind sie
    doch nur der dekorative Rahmen für eine spannende Handlung.


    Auch wenn sich die Handlung über 440 Seiten hin erstreckt und mancher
    Schlenker vielleicht ein wenig zu genau beschrieben wird, so ist die
    Handlung dennoch reine Fiktion. Was der Geschichte an manchen Stellen
    auch zum Nachteil gereicht. Ist es wirklich glaubwürdig, daß ein
    verkrachter Rechtsanwalt zum Detektiv wird udn sich erfolgreich (?) vor
    einem Sozialgericht mit einer Parlamentarischen Staatssekretärin
    anlegen kann? Wie realistisch ist es, daß der aufwendig gesuchte
    Nachlaß eines verstorbenen Professors zu einem wichtigen Indiz in einem
    Gerichtsverfahren wird? So spannend die Geschichte auch sein mag, an
    manchen Stellen wirkt sie doch etwas konstruiert.


    Der Roman weist alle Merkmale des klassischen Kriminalromans auf:
    Problemstellung - Arbeit des Detektivs - Auflösung. Wurden die Elemente
    Problemstellung und Arbeit des Detektivs eben schon behandelt, sei hier
    ein Wort zur Auflösung erlaubt. Die Lösung des Falls Helm wirkt mit
    ihren gerade einmal 20 Seiten fast schon wie ein Anhängsel. Auch sie
    lebt eher von juristischen Spitzfindigkeiten und konstruierten
    Merkwürdigkeiten - so, als ob dem Autoren zu guter Letzt noch
    eingefallen ist, worum es in dem Krimi eigentlich geht. Beim Lesen
    bleibt ein fader Beigeschmack. Sind hier Realität und Fiktion nicht
    sauber genug getrennt worden? Wer über deutsche Zeitgeschichte schreibt
    und dabei Bezüge zu seinem Beruf mit ins Spiel bringt, sollte
    wenigstens dafür sorgen, daß die Geschichte glaubwürdig bleibt.

  • Ich weiß gar nicht mehr, wie es dieses Buch, oder besser gesagt die ganze Serie, in meine Wunschliste geschafft hat. Auf jeden Fall hab ich es zum Geburtstag von meinen Arbeitskollegen geschenkt bekommen und bin jetzt mit relativ geringen Erwartungen an die Geschichte rangegangen.


    Die Hauptperson Marc Hagen ist ein junger, unerfahrener und auch irgendwie zurückhaltender Anwalt, der seinen Job als Richter aufgegeben hat und eine eigene Anwaltskanzlei aufgemacht hat. Von Anfang an war er mir sehr sympathisch. Er ist alles andere als ein erfolgreicher Yuppie oder ein tougher Ermittler, sondern er kämpft sich durchs Leben, das Geld ist mehr als knapp und die Bank steht wegen der Rückzahlung eines Kredites schon auf der Matte. Das macht ihn irgendwie greifbarer und man kann sich gut mit ihm identifizieren. Auch der Journalist Conzen, mit dem Marc eine Zeitlang zusammen recherchiert ist eine tolle Figur und ist ein Gegenstück zu Marc: Er trinkt, er raucht, hat einen derben Humor, schlechte Manieren und ist ein Draufgänger. Das Buch führt uns schließlich quer durch Deutschland von Bielefeld über Berlin, Köln bis in den bayerischen Wald.


    Der Schreibstil von Andreas Hoppert hat mir sehr zugesagt, da er auch die politischen Stellen in einer gut verständlichen Sprache rübergebracht hat. Wer auf viel Action steht, sollte allerdings vorgewarnt sein, denn diese ist nur spärlich vorhanden. Auch ein gewöhnlicher Krimi nach dem Schema Mordfall-Ermittlung-Auflösung ist "Der Fall Helms" beileibe nicht. Es gibt Ausflüge in die Numerologie, die Psychologie, Rechtswissenschaften und noch einiges mehr. Und wer sich ein bisschen für die RAF interessiert, bei dem sollte dieses Buch sofort auf die Wunschliste wandern. Vom Autor bekommt dann auch noch jeder sein Fett weg: die Polizei, die deutsche Rechtsprechung, Politiker sowohl rot-grün als auch schwarz, seine Heimatstadt Bielefeld und und und. Aber diese Sticheleien haben mir sehr Spaß gemacht.
    Vom vorläufigen Ende war ich zuerst fast etwas enttäuscht. Aber auf den letzten Seiten muss man sich dann nochmal ganz fest anschnallen, denn die Ereignesse erschlagen sich regelrecht und haben mich total geschockt.


    Unrealistisch fand ich allerdings, dass


    Negativ möchte ich ansonsten nur anmerken, dass die Seiten des Buches sehr steif sind und es somit etwas schwer zu halten ist. Das war auf dem Sofa in liegender Position manchmal etwas unhandlich.


    Das Lesejahr 2010 beginnt wunderbar und dies ist nun schon das zweite Buch innerhalb weniger Tage, dem ich :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: gebe. An der Reihe um Marc Hagen werde ich auf alle Fälle dranbleiben! Uneingeschränkte Empfehlung für Fans von Krimis und Thriller mit (leichtem) politischem Einschlag.


    P.S.: Es ist wirklich schade, welchen Bekanntheitsgrad z.B. ein Andreas Franz mit öden unterdurchschnittlichen Krimis erreicht hat und wie unbekannt im Vergleich dazu ein tolles Buch wie "Der Fall Helms" ist. Das Buch meines ehemaligen Deutschlehrers Raimund A. Mader "Glasberg " ist leider auch so ein trauriges Beispiel.

  • Das Buch meines ehemaligen Deutschlehrers Raimund A. Mader "Glasberg "


    Danke Kapo :thumleft: das du noch einmal den Link zu diesem Buch gesetzt hast; mir ist die Buchbesprechung von Dr. Watson damals schon aufgefallen, habe es aber versäumt dies auf meine Wunschliste zu setzen, dass habe ich nun nachgeholt... :wink:

  • @ kapo00
    Ach, nun sei doch nicht so streng mit dem Andreas Franz :loool:
    Danke für den Link zu "Glasberg". Es ist auch gleich auf meiner Wunschliste gelandet, da ich sowieso ein großer Fan der Gmeiner Krimis bin.
    "Der Fall Helms" habe ich mir ebenfalls vorgemerkt :)

    Narkose durch Bücher - Das Richtige ist: das intensive Buch.
    Das Buch, dessen Autor dem Leser sofort ein Lasso um den Hals wirft, ihn zerrt, zerrt und nicht mehr losläßt.


    :study: Sarah J. Mass - Throne of Glass / Die Erwählte :study:

  • @ Suspiria: Doch, wo ist die Peitsche? :loool:
    Nee, ich habe letztes Jahr die ersten beiden Juliat-Durant-Krimis gelesen und wurde bitter enttäuscht. Vielleicht wird die Serie ja später noch besser, aber momentan reicht es mir erstmal.
    Wie gesagt, für die Qualität von "Glasberg" und "Der Fall Helms" lege ich meine Hand ins Feuer.

  • @ kapo00
    Nix da mit Peitsche :mrgreen:
    Ich habe alle Franz Krimis gelesen und fand sie gut -den einen mehr, den anderen weniger :loool:
    Naja, da kann bei "Glasberg" und "Der Fall Helms" wenigstens nichts schief gehen.

    Narkose durch Bücher - Das Richtige ist: das intensive Buch.
    Das Buch, dessen Autor dem Leser sofort ein Lasso um den Hals wirft, ihn zerrt, zerrt und nicht mehr losläßt.


    :study: Sarah J. Mass - Throne of Glass / Die Erwählte :study:

  • Ich weiß gar nicht mehr, wie es dieses Buch, oder besser gesagt die ganze Serie, in meine Wunschliste geschafft hat.

    Ich weiß es noch: ein gewisser kapo hat mir die empfohlen. :lol: Und nachdem ich diesen ersten Band nun endlich bei mBdB ergattern konnte, hab ich ihn ohne Rücksicht auf meinen SUB oder irgendwelche Abbaupläne mit meinem letzten Ticket direkt angefordert. :-, Und wehe, ich bin enttäuscht :evil:

    Gelesen in 2024: 13 - Gehört in 2024: 14 - SUB: 622


    "Wenn der Schnee fällt und die weißen Winde wehen, stirbt der einsame Wolf, doch das Rudel überlebt." Ned Stark

  • Ich weiß es noch: ein gewisser kapo hat mir die empfohlen. :lol: Und nachdem ich diesen ersten Band nun endlich bei mBdB ergattern konnte, hab ich ihn ohne Rücksicht auf meinen SUB oder irgendwelche Abbaupläne mit meinem letzten Ticket direkt angefordert. :-, Und wehe, ich bin enttäuscht :evil:

    Ich hoffe mal, Du bist es nicht! :uups: Und wenn doch: Dann war das doch dieser kapo00, keine Ahnung wer das ist. :-, :wink:
    Nee, im Ernst: Ich freue mich richtig auf Deine Meinung, denn ich lese diese Buchreihe ja mit großer Begeisterung und ich scheine fast der einzige hier zu sein und es gibt bisher relativ wenig Feedback auf Andreas Hopperts Bücher. Ich bin sehr gespannt was Du sagen wirst. :friends:

  • Ich bin sehr gespannt was Du sagen wirst. :friends:


    Ich auch! :lol:

    Gelesen in 2024: 13 - Gehört in 2024: 14 - SUB: 622


    "Wenn der Schnee fällt und die weißen Winde wehen, stirbt der einsame Wolf, doch das Rudel überlebt." Ned Stark

  • Nun ist es endlich soweit. :wink: Ich habe "Der Fall Helms" gelesen und wurde nicht enttäuscht. Im großen und ganzen wurde zum Inhalt schon alles gesagt.
    Anfangs hatte ich so ein paar Problemchen, mich mit Marc Hagen anzufreunden, denn er kam mir ein bisschen vor, wie der Typ, der nichts auf die Reihe bekommt. Das änderte sich dann aber, als er sich in den Fall Helms verbeißt und die Ermittlungen aufnimmt. Auch hier ist er aber nicht der knallharte Profi, sondern hat einige Male mehr Glück als Verstand. Die Geschichte nimmt Fahrt auf und hält so einige interessante Wendungen bereit.

    Auch ein gewöhnlicher Krimi nach dem Schema Mordfall-Ermittlung-Auflösung ist "Der Fall Helms" beileibe nicht. Es gibt Ausflüge in die Numerologie, die Psychologie, Rechtswissenschaften und noch einiges mehr. Und wer sich ein bisschen für die RAF interessiert, bei dem sollte dieses Buch sofort auf die Wunschliste wandern.

    Genau das hat dieses Buch so interessant gemacht. Es schneidet verschiedene Themen an und macht Lust auf weitere Informationen. Besonders interessant fand ich den psychologischen Aspekt unserer Märchen. Von dieser Seite hatte sie noch nie gesehen.:thumleft:

    Vom vorläufigen Ende war ich zuerst fast etwas enttäuscht. Aber auf den letzten Seiten muss man sich dann nochmal ganz fest anschnallen, denn die Ereignesse erschlagen sich regelrecht

    So ging es mir auch, wobei ich eher verwundert als enttäuscht war. Mehr wird aber nicht verraten. Auch von mir eine Leseempfehlung an alle Krimifreunde und :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

    Gelesen in 2024: 13 - Gehört in 2024: 14 - SUB: 622


    "Wenn der Schnee fällt und die weißen Winde wehen, stirbt der einsame Wolf, doch das Rudel überlebt." Ned Stark

  • er kam mir ein bisschen vor, wie der Typ, der nichts auf die Reihe bekommt. Das änderte sich dann aber, als er sich in den Fall Helms verbeißt und die Ermittlungen aufnimmt. Auch hier ist er aber nicht der knallharte Profi, sondern hat einige Male mehr Glück als Verstand.


    Dass er oft Glück hat und alles andere als ein Superermittler ist, kommt dann in den Folgebüchern noch stärker zum Vorschein als in "Der Fall Helms" und zieht sich wie ein roter Faden durch die Reihe. Ich finde, dass gerade das ihn so sympathisch macht.


    Jedenfalls freue ich mich, dass Du es gelesen hast und bin jetzt richtig erleichtert, dass es Dir gefallen hat und nicht sagen musst "Was macht denn der Kapo für ein Trara um dieses Langweilerbuch?" :wink: Wirst Du die Reihe weiterverfolgen, frage ich mal ganz vorsichtig? :wink:

  • Wirst Du die Reihe weiterverfolgen, frage ich mal ganz vorsichtig? :wink:

    Den letzten Teil hab ich ja schon gelesen (weil ich den als ersten irgendwo her hatte) und da ich mich auf dein Urteil verlassen habe, hab ich inzwischen auch alle anderen Teile hier und werde sie nach und nach lesen. Ich mag diesen Marc Hagen ja schon. Ist es in allen Teilen so, dass auch auf bestimmte Themen am Rande eingegangen wird? Hier war es ja die Numerologie, im letzten Teil ging es um die nordische Götterwelt und Runen.

    Gelesen in 2024: 13 - Gehört in 2024: 14 - SUB: 622


    "Wenn der Schnee fällt und die weißen Winde wehen, stirbt der einsame Wolf, doch das Rudel überlebt." Ned Stark

  • Ist es in allen Teilen so, dass auch auf bestimmte Themen am Rande eingegangen wird? Hier war es ja die Numerologie, im letzten Teil ging es um die nordische Götterwelt und Runen.

    Jein. :lol: Es gibt schon immer wieder Themen, die angeschnitten werden, aber so spontan fällt mir jetzt kein bestimmtes ein. Das Politische aus dem ersten Teil verschwindet dann eigentlich komplett und eigentlich ist fast jeder Teil ein anderes Genre. Du hast noch einen Erführungsfall vor Dir, einen fitzek-artigen Psychothriller, den "perfekten Mord" und und und. :wink:

  • Du hast noch einen Erführungsfall vor Dir, einen fitzek-artigen Psychothriller, den "perfekten Mord" und und und. :wink:


    Na das hört sich doch gut an!

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