Marie Peterson - Du denkst, du weißt alles

Titel: Du denkst, du weißt alles

, (Übersetzer)

3,7 von 5 Sternen bei 3 Bewertungen

Verlag: Atrium Zürich

Format: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 160

ISBN: 9783855359738

Termin: September 2006

Aktion

  • Inhalt (von Amazon kopiert):
    Es ist eine Dreiecksgeschichte zwischen einer Mutter, einer Tochter und der Alzheimererkrankung. Zunächst will es die Tochter nicht wahrhaben, aber dann kommt sie um die bittere Wahrheit nicht mehr herum: Ihre Mutter hat Alzheimer, eine Krankheit, die nicht aufzuhalten ist. Im Verlauf der Krankheit kämpft die Tochter mit allen möglichen Gefühlen: Trauer, Mitleid, aber auch Abwehr, Ekel und Wut. Während die Mutter mit Hilfe von Fotos einen Rest ihrer Geschichte bewahren will, wandelt sich allmählich das Interesse der als Journalistin arbeitenden Tochter an den sprachlichen Eskapaden der Mutter zu dem Versuch, eine echte Beziehung aufzubauen. Ein später Versuch, denn die Mutter hat ihre Tochter schon früh verlassen. Eine tragische aber zugleich auch unglaublich komische Geschichte über den Weg einer Frau in das Vergessen und den beharrlichen Versuch der Tochter, den Dialog mit der Mutter zu suchen.

    Vorweg: Ich mag diese (angeblich) wahren "Schicksals-Bücher" mit ihrem Seelen-Striptease nicht. Aber dieses Buch ist anders, vermutlich weil Marie Peterson Journalistin ist und daher eher gewöhnt, berichtartig zu schreiben.

    Der Leser kann den Weg der Alzheimer Krankheit Schritt für Schritt mitverfolgen: Von den ersten Symptomen, die erst in der Rückschau als Symptome gedeutet werden - wer verlegt nicht mal seinen Schlüssel, Geldbeutel, usw. oder bringt ein Wort nicht heraus, das auf der Zunge liegt - über die Diagnose, die niemand zunächst wahrhaben will, über die Versuche der Töchter, die Mutter abwechselnd zu betreuen, um ihr ein selbstbestimmtes Leben auch mit der Krankheit zu ermöglichen, bis zur Erkenntnis, dass es keinen anderen Weg als ein Pflegeheim gibt.
    Von jeher war die Beziehung zwischen Marie und der Mutter problematisch; sie hatte die Familie verlassen, nahm eine Tochter mit, und Marie blieb beim Vater. Dementsprechend schwierig ist die Gefühlslage zwischen Mutter und Tochter sowieso schon, aber Marie fühlt sich verantwortlich. Die pflegerische Seite macht ihr weniger aus; es ist schlimmer, dass die Mutter keine Gesprächspartnerin mehr ist und sich in Erinnerungen verliert, die sie sich mithilfe alter Fotos zu bewahren versucht.
    Schwer zu schaffen machen Marie die Hass- und Wutausbrüche der Mutter: Sind die Attacken und Schläge einfach nur Begleiterscheinungen der Krankheit? Oder kommen jetzt die Gefühle zum Ausbruch, die jahrzehntelang versteckt und unter Kontrolle waren? Dass die Mutter ins Pflegeheim kommt, ist keine große Entscheidungsfrage. Wenn sie noch länger leben will, braucht sie Betreuung und Aufsicht rund um die Uhr.
    Und irgendwann muss Marie Abschied nehmen. Auch wenn sie sich von der Mutter, wie sie sie kannte, längst verabschiedet hat, muss sie noch endgültig loslassen. Die Bilder und Worte, mit denen Marie Peterson dieses Loslassen beschreibt, fand ich eindringlich und sehr bewegend.

    Marie

    Ohne Bücher auf der Welt wäre ich längst verzweifelt. (Arthur Schopenhauer)

  • Danke, Marie!!!
    Gestern habe ich das Buch zu Ende gelesen - oder besser: verschlungen. Zwar noch lange nicht verdaut, aber dennoch ist mir etwas aufgefallen, das ich (verbunden mit den dazugehörenden Überlegungen) gern ergänzen möchte:

    Präzision!

    1) In der Sprache:
    Sie bedient sich knapper Sätze, ohne dadurch trocken zu werden. Einfache Grammatik, jedoch aufgewogen durch Anschaulichkeit, sie beschreibt nicht, sie lässt handeln und dadurch wird beschrieben. Die dazugehörenden Interpretationen sind angenehm unsicher, eher Denkanstöße, als Denkvorgaben.
    Dadurch wird das Buch trotz des schwierigen Stoffes zu einem Lesevergnügen. Ich nutze mit Absicht dieses Wort, denn es macht am besten deutlich, dass es sich hier um ein Ausnahmebuch handelt.

    2) In der Beobachtung:
    Peterson sieht immer genau hin. Kann es tatsächlich sein, dass aus der Sprache der Betroffenen zuerst die Verben verschwinden? Wenn ja, warum ist das so? Wie genau geht das vonstatten, und kommen die Verben irgendwann zurück? Dergleichen war dermaßen häufig im Buch, dass ich mich oft nicht entscheiden konnte: Weiter! Weiter lesen!!! Nein, den Satz noch mal lesen, und nachdenken!

    3) In der Beschreibung des Themas:
    Kurz zuvor hat mich Tilman Jens (Abschied von meinem Vater) zwar auch mitgenommen, aber bei weitem nicht so erschüttert. Das kann nicht nur daran liegen, dass es dort um Vater und Sohn geht, hier aber um Mutter und Tochter. Marie Peterson hat den Aufbau des Buches an zwei Stränge geknüpft: Je mehr die Krankheit voranschreitet, umso mehr bemerkt die Tochter, wie wenig sie von ihrer Mutter weiß, und damit eigentlich über sich selbst. Man kann schon fast sagen: Es geht hier gar nicht um Demenz, sondern um viel mehr. Um alles, was Menschen ausmacht:
    Gedächtnis. Woran erinnern wir uns? Woran sollten / wollen wir uns erinnern? Ohne Gedächtnis keine Erinnerung. Ohne Erinnerung keine Freunde, Angehörigen, Liebenden. Nur die absolute Einsamkeit. Marie Peterson beschreibt eindringlich, wie diese Veränderungen (zusätzlich zum Nachlassen der körperlichen Fähigkeiten) zum Tode führen, unweigerlich, folgerichtig, und dennoch grauenvoll.

    Absolut empfehlenswertes Buch.

    Liebe Grüße und nochmals vielen Dank, Marie, für den Tipp!

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