Jess Jochimsen - Bellboy

  • Buchdetails

    Titel: Bellboy oder: Ich schulde Paul einen Som...


    Verlag: dtv

    Bindung: Taschenbuch

    Seitenzahl: 240

    ISBN: 9783423214025

    Termin: April 2012

  • Bewertung

    4 von 5 Sternen bei 2 Bewertungen

  • Inhaltsangabe zu "Bellboy oder: Ich schulde Paul einen Som..."

    Ab 22. März 2012 im Kino: Der von 'Bellboy' inspirierte Film 'Was weg is, is weg'. Regie: Christian Lerch (Drehbuchautor von 'Wer früher stirbt, ist länger tot') Die Freundin weg, das Studium abgebrochen, und um irgendetwas geregelt zu kriegen, ist es einfach zu heiß. Der 31-jährige Lukas fristet ein trostloses Dasein als Nachhilfelehrer und Kirchendiener im München des Jahres 2003. Mit seiner Vergangenheit auf dem Land hat er gebrochen und die Gegenwart in der Stadt erträgt er nur mit einer gehörigen Portion Zynismus und Promiskuität. Bis sein demenzkranker Cousin Paul auftaucht und alles aus den Fugen gerät. Paul umgibt ein dunkles Geheimnis, doch bis Lukas es lüftet, muss er nicht nur tief in den Niederungen einer grotesken Provinz-Kindheit wühlen, sondern auch noch die unglaublichsten Abenteuer bestehen. Nebenbei wird ein Ausflugsschiff versenkt, der Kanzler im Urlaub besucht, ein Landstrich verwüstet, ein halbes Provinznest geschwängert und eine ganze Reihe der zehn Gebote gebrochen.
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  • Jess Jochimsens drittes Buch trägt den Titel "Bellboy oder: Ich schulde Paul einen Sommer" und passt eigentlich nur bedingt in die Kategorie "Humor & Satire". Allerdings ist die Frage, wo man es sonst einordnen müsste, nicht ganz so leicht zu beantworten, und "Sonstige" geht ja wohl gar nicht. :-s


    Im Unterschied zum Erstlingswerk "Das Dosenmilch-Trauma" und dem Nachfolger "Flaschendrehen" handelt es sich nicht um kolumneske Episoden, sondern um einen abgeschlossenen Roman, der zwar unverkennbare sarkastische Züge trägt, aber dennoch von einer kritischen Tragikomik, ja sogar stellenweise von einer tiefen Melancholie durchsetzt ist, die dem ganzen Werk einen "literarischen" Charakter verleiht - wenn auch mit einem Augenzwinkern.


    Klappentexte haben meines Erachtens die Eigenart, den Charakter eines Buches nach Ansinnen des Verlegers so zu reduzieren - oder gar zu verzerren - dass ich an dieser Stelle den Klappentext lieber um die allzu reißerischen Stellen gekürzt wiedergeben möchte; ich hoffe, das darf man.


    "Rückblickend würde ich sagen, meine Verwandtschaft war guter Durchschnitt. Drei Scheidungen, zwei Selbstmorde, der ein oder andere Problemfall und ein Haufen Trinker. Wie alle anderen Familien in der Gegend. Provinz eben. Clans, die seit Jahrzehnten hier wohnen, arbeiten, sich fortpflanzen, Kinder durch Autounfälle verlieren, Felder in Baugrund umwandeln, auf denen die überlebenden Kinder Häuser errichten, in denen sie dann wohnen, sich vermehren und so weiter. 'Aber irgendwann', sagte Frau Hofer einmal, 'irgendwann hast du mit allen gevögelt, und bei dem, mit dem es am wenigsten schlimm war, bleibste.'"
    (...) Der einunddreißigjährige Lukas fristet ein trostloses Dasein als Nachhilfelehrer und Kirchendiener im München des Jahres 2003. Mit seiner Vergangenheit auf dem Land will er nichts mehr zu tun haben, und die Gegenwart in der Stadt erträgt er nur mit einer gehörigen Portion Zynismus und Promiskuität. Bis sein demenzkranker Cousin Paul auftaucht und alles aus den Fugen gerät. Paul umgibt ein dunkles Geheimnis, doch bis Lukas es lüftet, muss er tief in die Niederungen einer grotesken Provinz-Kindheit steigen (...)


    Dieses Buch hat mir sehr zugesagt, leider war es mit seinen knapp 240 Seiten viel zu schnell vorbei. Die Perspektive von Lukas, der teils genervt, teils amüsiert und hauptsächlich voller Unverständnis die Menschen auf dem Lande und in der Stadt beobachtet, und sich in keiner der beiden Welten richtig heimisch fühlt, ist eine, die uns wieder neu das Staunen lehrt. Man fasst sich an den Kopf, wenn einen die Erkenntnis trifft, dass man selbst Tag für Tag von diesen seltsamen Typen umgeben ist, und fragt sich, wieso man sich mittlerweile gar nicht mehr darüber wundert, warum die Welt so komisch (im doppelten Wortsinne) ist. :-k


    Der demenzkranke Paul trägt den Schlüssel dafür in sich, weil er die Menschen noch unvoreingenommener betrachtet ... kein Wunder. Durch diesen Kunstgriff wird der Leser ebenfalls in die immer neu erkennende Perspektive versetzt, der Eindruck des Grotesk-Absurden aber auch der Verzweiflung wird in hervorragender Weise verstärkt.


    Zu lachen gibt es das Eine oder Andere, aber wer sich Zeit nimmt, auf die subtileren Anklänge, die sich mal auf, mal zwischen den Zeilen finden, zu hören, wird evtl. auch ein kleines bisschen nachdenklich. Das ist das Tolle an der jungen, postmodernen Literatur. Kein schwarz-weiß mehr, keine Kategorisierungen von Ästhetik bis Sachlichkeit, sondern gemischt, wie das Leben selbst.


    Darum ist es schwer, die richtige Rubrik für dieses Buch zu finden, weil es keine Richtig und kein Falsch gibt, sondern jede denkbare Situation ein bisschen von allem in sich trägt - eine elementare Erkenntnis dieses Romans wie auch des richtigen Lebens.


    Viel Vergnügen beim Lesen

    "Ich verbringe mein Leben in einem einzigen großen Versuch, den Gemeinplätzen des Daseins zu entrinnen." -- (A. C. Doyle)

    Einmal editiert, zuletzt von Stardust ()

  • Mir hat "Bellboy" recht gut gefallen. Ich mag diese Art zynischen, traurigkomischen Humor. Als besondere Highlights empfand ich den schwulen Pfarrer und die Darstellung von Lukas buckliger Verwandschaft. Die Szenen mit dem wohl demenzkranken Paul waren oft herzergreifend, obwohl manchmal fast ein wenig zu positiv, um realistisch zu sein. Das Ende des Romans empfand ich allerdings als zu beliebig und unbefriedigend, deshalb keine ganzen vier Sterne.

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