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Ian McEwan: Am Strand (On Chesil Beach)

  • Ian McEwan: Am Strand (On Chesil Beach)


    Ian McEwan neuer Roman, eher eine Novelle, führt uns an den "Chesil Beach" in Dorset, wo Edward und Florence auf Hochzeitsreise sind. Es beginnt mit einem romantischen Dinner, das so schön sein könnte, wenn da nicht die nachfolgende Hochzeitsnacht wäre ...
    Wir schreiben das Jahr 1962, den Frischgetrauten fehlen die Möglichkeiten und Worte ihre Ängst und Hoffnungen zu artikulieren. Florence hat als "Beistand" nur ihr Handbuch für junge Bräute und was sie da liest kann ihr die Angst vor Schmerzen, die Scham, nicht nehmen. Edward, auch praktisch ohne Erfahrung, bemerkt die Ängste seiner Frau kaum, ihn beschäftigen seine eigenen, aber auch die Vorfreude "es" endlich erleben zu dürfen.


    McEwan komponiert seine Geschichte sehr genau, in langen Rückblenden erfährt der Leser viel von der Vergangenheit des Paars, ihrem Umfeld, ihrer bisherigen Beziehung. Die Handlung wird abwechselnd aus Edwards und Florence Sicht erzählt, so dass der Leser immer ein bisschen über den beiden steht, ihr Verhalten besser beurteilen kann als die beiden, die nur ihre eigenen Gefühle, Ängste und Begierden kennen.


    Ein wunderbarer, einfühlsamer kleiner Roman, ich halte es ausnahmsweise mal mit Elke Heidenreich: Lesen!


    Katia

  • Ich möchte das Buch jedem ans Herz legen, hier auch meine amazon-Rezension ...


    Shalom, kfir


    :study: Joe Hill - Teufelszeug
    :thumleft: Farin Urlaub - Indien & Bhutan - Unterwegs 1 #2533 signiert


    "Scheiss' dir nix, dann feit dir nix!"

    2 Mal editiert, zuletzt von kfir ()

  • Ich habe das Buch gerade ausgelesen und weiß nicht so recht, was ich davon halten soll.
    Es fällt mir schwer zu glauben, dass die Schwierigkeiten der Braut nur durch die Prüdigkeit der Zeit und den "Schock" durch die Lektüre des Braut-Ratgebers bedingt sind.
    Vielmehr entnehme ich diversen Andeutungen, dass Florence

    und deshalb an übermäßigem Ekel leidet. Hattet Ihr auch diesen Eindruck?
    Das Problem des Bräutigams ist wohl auch heutzutage ganz gängig, umso mehr in einer Zeit, als die Männer nach oft jahrelangem Warten endlich zur Tat schreiten durften.
    Die Beschreibung der Missverständnisse zwischen den frischgebackenen Eheleuten, die entweder aneinander vorbei oder gar nicht reden, ist gut gelungen.
    das Ende,

    erscheint mir wieder ein wenig unglaubwürdig.

    "Books are ships which pass through the vast sea of time."
    (Francis Bacon)
    :study:
    Paradise on earth: 51.509173, -0.135998

  • Ich finde dieses Buch einfach großartig - Ian McEwan gehört für mich immer mehr zu DEN großen Erzählern unserer Zeit.


    Katia & €nigma: Ich würde euch vollends zustimmen; es lag definitiv nicht am "Handbuch".


    €nigma:



    LG,
    Casoubon.

  • Ich habe das Buch gerade zu Ende gelesen. Es war mein erstes Ian Mc Ewan-Buch und ich bin begeistert...sein Erzählstil ist großartig, er klingt fast altmodisch.
    Und auch die Geschichte, ist wirklich mal etwas anderes. Eine so kleine Situation wird dermaßen durch Rückblenden und ausgiebigen Gedankengängen der Protagonisten gefüllt, dass eine sehr detailreiche Story entsteht. Die "erotische" Szene ist so hemmungslos genau beschrieben, dass man ja selbst ins schwitzen gerät... :uups:

    Bei der Beschreibung Florence' dachte ich anfangs die Geschichte spiele im späten 19. Jh. ...so verklemmt wie sie ist. Ich hatte ja den Verdacht, dass ihre Frigidität daher rührt, dass ihr Vater sie möglicherweise missbraucht hat, als sie 12 war und mit ihm auf Reisen war. Auch der Kommentar "Vielleicht sollte ich auch lieber gleich meine Mutter umbringen und meinen Vater heiraten." bestätigte mir nur, dass sie eventuell einen Elektrakomplex hat. Das komische ist, dass Edward auf diese krasse Äußerung überhaupt nicht einging.


    Interessant fand ich auch die intensive Beschreibung von Edwards Gelüsten, dass er vor lauter Lust keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte und sich erstmal "Befreiung" schaffen musste. Das lässt auch den weiteren Verlauf seines Verhaltens verstehen, dass er sich aufgrund ihrer anscheinend unheilbaren Frigidität - auch wenn er sie liebt - von Florence scheiden lässt.


    Insgesamt ein tolles Buch. Sollte man vielleicht nicht unbedingt der Oma oder der unverheirateten Großtante schenken, da es diesem Leser / dieser Leserin die Schamesröte ins Gesicht steigen lassen könnte.
    Ansonsten spiegelt es gut die verkrampfte Zeit vor der 1968er Revolution wieder, die man sich bisher so nicht vorstellen konnte, wenn man in der Zeit noch nicht gelebt hat.


    Fazit: lesenswert!!!

  • Wie auch meine Vorredner finde ich dieses Buch großartig geschrieben. Der Erzählstil ist sehr fein und man hat das Gefühl stiller Beobachter bei dem Schlamassel zu sein. Die Beschreibung der beiden Protagonisten Florence und Edward finde ich sehr gut gelungen. McEwan zeigt deutlich die unterschiedlichen Gefühle auf. Bei Florence, die Angst vor der Hochzeitnacht und bei Edward, die Angst zu versagen.


    Katia und Enigma: Während des Lesens ist mir derselbe Gedanke gekommen.


    Besonders gefallen haben mir die letzten Seiten des Buches, wie McEwan das weitere Leben von Florence und Edward schildert.


    Von meiner Seite bekommt das Buch :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: .


    Liebe Grüße von der buechereule :winken:

    Liebe Grüße von der buechereule :winken:


    Im Lesesessel


    Kein Schiff trägt uns besser in ferne Länder als ein Buch!
    (Emily Dickinson)



    2024: 010/03.045 SuB: 4.302

    (P/E/H: 2.267/1.957/78)

  • Ah, noch einmal ein ganz großes Dankeschön an buechereule für den Schubs, den es gebraucht hat, damit ich dieses Buch kaufe!


    Ich habe es mir auf der langen Bahnfahrt zu einer Freundin durchgelesen und war wirklich begeistert.
    Es ist wunderbar einfühlsam und mit dem nötigen Respekt für die Personen verfasst - gleichzeitig aber fühlt und leidet man mit beiden mit.
    Ich mag es auch sehr, wie McEwan gleichzeitig neben dem "eigentlichen" Handlungsstrang des Buches noch ein ganzes Portrait der damaligen Zeit mit einfließen lässt.


    Dieses Buch beweist, dass "Abbitte" keine Eintagsfliege war, sondern dass der Autor tatsächlich immer so fantastisch schreibt.


    Fünf Sterne dafür von mir!

    Was sind wir denn anderes als Narren,
    Motten, die, von der eigenen eingebildeten Helligkeit geblendet
    ins Licht fliegen und dort verbrennen?
    Nichts als Staub auf dem ewigen Rad der Zeit.
    Nichts als Staub.

  • Also, das hätte ich dir auch so sagen können. :wink::mrgreen:


    Schon allein, weil er bereits 1998 den Booker-Preis bekommen hat und "Abbitte" ungefähr sein 15. Buch ist :D , von denen ich gut die Hälfte gelesen habe! Und bisher hat er mich noch nicht enttäuscht: Ja, er schreibt immer so fantastisch!


    Katia

  • Dann war der Schubs also richtig! Freut mich.


    Liebe Grüße von der buechereule :winken:

    Liebe Grüße von der buechereule :winken:


    Im Lesesessel


    Kein Schiff trägt uns besser in ferne Länder als ein Buch!
    (Emily Dickinson)



    2024: 010/03.045 SuB: 4.302

    (P/E/H: 2.267/1.957/78)

  • Ian McEwan mag ich auch sehr gerne :D
    Abbitte fand ich toll, dann habe ich noch von ihm einiges auf dem SUB: Am Strand, Saturday und Liebeswahn.


    gelesen habe ich außerdem schon "Amsterdam" und "Der Zementgarten".


    :winken:


    :study: Jens Johler - Kritik der mörderischen Vernunft

  • Ich habe das Buch gerade beendet und vergebe :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: .


    Ich war überrascht, wie leicht es dem Autor fällt, eine so "harmlose" Szene einer Hochzeitsnacht so umfassend und ausführlich zu beschreiben. Aber wirklich begeistern konnte er mich damit nicht. Zwar ist sein Stil sehr angenehm, doch konnte ich mich für die Hauptpersonen nicht begeistern und auch ihre Handlungen und Gedanken nicht nachvollziehen.



    Das Ende fand ich sehr passend. Alles andere wäre irgendwie inkonsequent gewesen.


    :flower:

    "Hab Vertrauen in den, der dich wirft, denn er liebt dich und wird vollkommen unerwartet auch der Fänger sein."
    Hape Kerkeling


    "Jemanden zu lieben bedeutet, ihn freizulassen. Denn wer liebt, kehrt zurück."
    Bettina Belitz - Scherbenmond


    http://www.lektorat-sprachgefuehl.de

  • Ich habe das Buch schon vor recht langer Zeit gelesen. Und ich fand es das schwächste Buch, dass ich bisher von McEwan gelesen habe.


    Mir ging es auch so, dass ich schwer mit den Protagonisten mitfühlen konnte.


    Und das, was Du gespoilert hast, gaensebluemche, kann ich so nur zu 100% unterschreiben.

  • Edward und Florence sind frisch verheiratet und sitzen nun in ihrem Flitterwochenhotel am Abendessenstisch. Besonders Florence ist äußerst nervös, steht ihr doch die Hochzeitsnacht bevor. Dem prüden Geist der frühen 60er Jahre entsprechend weiß sie so gut wie nichts darüber, was da geschehen soll, und das Wenige, was sie weiß, stößt sie ab.


    Edward hingegen freut sich darauf, seine Frau endlich ganz intim kennenzulernen und hat mit ihrer Reaktion auf seine Annäherungsversuche so nicht gerechnet ...


    Nur ein schmales, groß gedrucktes Büchlein, aber Ian McEwan ist Meister darin, Stimmungen einzufangen, die gesamte Persönlichkeit eines Menschen durch dessen Gedankenwelt, seine Handlungen und Gefühle zu charakterisieren. Hier herrscht nach der Hochzeit keine fröhliche Euphorie, sondern Unsicherheit, Angst, ja sogar Ekel seitens Florence.


    Während das Drama der Hochzeitsnacht seinen Lauf nimmt, werden Rückblenden eingestreut, in Edwards und Florences ganz unterschiedlich verlaufene Kindheit - Florences eher intellektuelle Familie einerseits, Edwards chaotischer Haushalt mit der Mutter, die seit einem Unfall geistig behindert ist, die Studienzeit, das Kennenlernen in Oxford ...


    Einziges Mängelchen für mich war die Kürze des Ganzen, ich mag McEwan noch etwas lieber, wenn er sich ein bisschen mehr Raum gönnt, die Geschichte zu entwickeln.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • Ich habe Am Strand regelrecht verschlungen. Die Sprache des Buches kommt mir sehr entgegen und es hat mir wirklich große Freude gemacht, es zu lesen. Es ist ein weiterer Grund, weshalb Ian McEwan zu meinen Lieblingsautoren gehört.


    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:


    PS:


    With freedom, books, flowers, and the moon, who could not be happy? ― Oscar Wilde

  • Eins hat Ian McEwan bis heute nicht geschafft: Mich zu enttäuschen. So auch mit diesem Buch nicht.


    Ein schmales, aber sehr intensives Buch. Der Klappentext führt etwas in die Irre, wenn er von "1962 im prüden England" spricht. Es klingt, als hätten Edward und Florence eine Kommunikationsstörung beim Thema Sex und Angst vor dem Ersten Mal.


    Doch das Problem ist wesentlich größer und unlösbar.


    Schade, dass im letzten Drittel nur noch Edward im Mittelpunkt steht.

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Schade, dass im letzten Drittel nur noch Edward im Mittelpunkt steht.

    Ja, so ist es mir auch gegangen. Im Rest des Buches sind die Perspektiven von Edward und Florence ja relativ gleichmäßig verteilt und man erfährt eigentlich immer, wie der eine und wie der andere die Zeit erlebt hat, aber am Ende wird Florence tatsächlich nur sehr, sehr wenig Platz eingeräumt. Wirklich schade…

    With freedom, books, flowers, and the moon, who could not be happy? ― Oscar Wilde

  • Nun habe ich endlich auch « Am Strand » gelesen, wenn auch auf Französisch, und war erneut zutiefst beeindruckt von der meisterhaften Sprache McEwans, der wie ein Goldschmied zum Beispiel jene Hochzeitsnacht in ihren äußeren Gesten und inneren Gedankengängen bei den beiden Protagonisten ausarbeitet. Dazu dann sowohl die Beschreibungen aus der Vergangenheit zuerst der getrennten Personen, dann des Paares; aber auch am Ende dann die kurz geraffte Aussicht auf den weiteren Lebensweg Edwards und, indirekt, von Florence.


    Einige wollten gerne eine ausführlichere Erklärung der Bewegungsgründe, bzw. des „Problems“ von Florence haben. Dies ist nicht einfach eine „Frigidität“ oder auch eine Zeiterscheinung Anfang der 60iger Jahre, sondern dass kommt quasi von weiter her: Ich halte McEwan gerade als Meister darin, dass er sich unendlich zurückhält. Gleichzeitig streut er, wie es einige hier ja sagten, für mich ganz klare Indizien aus, die



    Insofern ist für mich das „Problem“ weniger rein eines der prüden Zeitumstände, sondern einer immensen inneren Wunde und deren Unvermittelbarkeit einerseits, und andererseits, bei Edward, einer Unmöglichkeit, etwas von dieser Wunde zu erahnen, zu verstehen. Woran es fehlt ist nicht so sehr eine „Sittenbefreiung“ als das freie Wort, das Aussprechen und Zuhören. Ist das Problem aber eins aus der Kindheit, dann könnten die Konsequenzen auch heute ähnlicher Art sein, unbeachtet der anderen Zeitumstände. So nützt es nichts, ihr ihre Haltung, die eine Wunde ist, vorzuwerfen. Sie braucht zunächst Hilfe.


    In dem Sinne, und trotz aller Situationskomik, ist es meines Erachtens total daneben, diesen Roman als „amüsante Geschichte voller Humor“ zu betrachten und zu lesen. Mit welchem Hochmut beurteilen wir nicht nur vergangene Geschichte und Prüderie, sondern hier leise, aber bestimmt als Erklärung dargestellte Nötigungen an Florence?


    Denn wenn man auch geneigt ist, das Problem bei ihr zu suchen, endet der Autor die Geschichte doch vor allem mit Edward, der seinen Anteil an Verantwortung trägt: Geduld und gesuchte, gefundene Hilfe hätten zwei Leben geändert. So aber bleibt der Eindruck eines Schutthaufens, einer enormen Tragödie.


    Der Roman ist kurz und gewinnt daran, zügig gelesen zu werden, um im Rhythmus drin zu bleiben.