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Karin Boye

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    Quelle: Kontexte


    Karin Boye wurde am 26.10.1900 als erstes Kind von Fritz Boye, Vize-geschäftsführender Direktor einer Versicherungsgesellschaft, und der 18 Jahre jüngeren Signe Liljestrand geboren. Drei Jahre später wird ihr Bruder Sven und im August 1904 ihr Bruder Ulf geboren. Die Familie wohnt in Göteborg. Karin Boyes Zuhause gilt im Allgemeinen als pietistisch; überschattet wird das Familienleben von der Alkoholkrankheit der Mutter.


    Ab 1907 geht Karin Boye in die Matilda Halls-Mädchenschule in Göteborg. 1909 jedoch muss die Familie Göteborg verlassen und nach Stockholm umziehen, da Vater Fritz Boye seine Arbeit bei der Versicherung verliert - er war zu sehr auf Seiten der Versicherten und zu wenig auf Seiten der Versicherung.


    1918 nimmt Karin Boye an einem christlichen Sommerlager für Gymnasiasten teil und trifft dort Anita Nathorst, mit der sie eine lebenslange Freundschaft verbinden wird.


    1920 beginnt sie eine Ausbildung zur Volkshochschullehrerin und zieht 1921 zum Studium nach Uppsala.


    1922 debütiert sie im Albert Bonniers Verlag mit der Gedichtsammlung Moln (Wolken). Bereits zwei Jahre später erscheint eine weitere Gedichtsammlung mit Namen Gömda land (Verborgenes Land). 1927 wird Karin Boye Mitglied der politischen Vereinigung Clarté, eine sozialistische, links-intellektuelle Literatenbewegung mit kulturkritischer Ausrichtung. Die Clarté war Sammelbecken für die neue, moderne Literatur, in der Psychoanalyse und Marxismus eine große Rolle spielten. Im selben Jahr erscheint auch ihr dritter Gedichtband Härdarna.


    Karin Boye zählt zu einer neuen Dichtergeneration in Schweden, zur neuen schwedischen Lyrik. In dieser neuen Lyrik wird es normaler, über seine eigenen Gefühle zu schreiben, wie dies auch signifikant für Karin Boye ist. Daneben war Karin Boye eine der ersten schwedischen LyrikerInnen, die psychoanalytisches Gedankengut in ihren Gedichten umsetzte.


    Für Karin Boyes Leben und künstlerisches Schaffen spielte das Christentum - oder besser der Zweifel daran - eine entscheidende Rolle. Karin Boye war zwischen zwei Lebensformen hin- und hergerissen: Die eine bestand darin, ein normales, anständiges und moralisches Leben zu führen - so erklärt sich auch die Heirat 1929 mit Leif Björk, obwohl Karin Boye homosexuell war. Die andere Alternative bestand darin, nachzugeben und seine Wünsche, sein Verlangen und Begehren auszuleben - wie sie es in der lesbischen Beziehung mit Margot Hanel, einer deutschen Jüdin, tat, nachdem 1932 die Scheidung von Leif Björk erfolgt war.


    Margot Hanel war Karin Boye während ihres Aufenthalts in Berlin 1932-1933 begegnet. Hier wird sie auch Zeugin einer nationalsozialistischen Wahlveranstaltung im Berliner Sportpalast. Im selben Jahr hat sie auch zwei Psychoanalysen begonnen, jedoch nicht beendet.


    Zuvor war sie 1928 zu einer Studienreise in die Sowjetunion gereist und hatte ihr Philosophie-Examen gemacht. Vom "real existierenden Sozialismus" zeigt sich Karin Boye enttäuscht: er funktioniert nicht, muss sie in der Sowjetunion erkennen.


    1931 gewinnt sie mit dem Roman Astarte den zweiten Preis in einem nordischen Romanwettbewerb und wird in die Gesellschaft der Neun (Samfundet de nio) gewählt. Sie ist Mitbegründerin der psychoanalytisch orientierten Kulturzeitschrift Spektrum, einer freudianisch ausgerichteten Zeitschrift.


    Bekannt geworden ist Karin Boye vor allem als Lyrikerin, insbesondere mit ihrer Gedichtsammlung För trädets skull (Um des Baumes Willen) aus dem Jahr 1935 und dem darin enthaltenen Gedicht Javisst gör det ont (Selbstverständlich tut es weh).


    Ihre Gedichte handeln von Gefühlen und spiegeln Ideen und Gedanken aus der Psychoanalyse nach Freud wider. Das Unbewusste und das Über-Ich versuchte Karin Boye in ihre Lyrik zu überführen, und viele ihrer Gedichte handeln vom Kampf zwischen verschiedenen Lebensanschauungen. Träume und Traumsequenzen sind die Stimme des Unterbewussten und bringen sich stets in Erinnerung, doch das Über-Ich kämpft gegen diese Stimmen an und behält schließlich die Kontrolle über das Gefühlsleben


    Die Lyrik der 1920-er Jahre in Schweden stellte sich vor allem die Frage, was man hinter der Alltagssprache finden wird. Man hoffte, "objektive Gefühlskorrelate" zu entdecken; der Surrealismus lehrte die Befreiung des Unterbewussten. Die Theorien beruhen auf der Voraussetzung, dass die poetische Sprache etwas ausdrücken oder mit etwas korrespondieren soll, was nicht Sprache ist und auch nicht äußere Wirklichkeit. "Die Sprache hinter der Logik" wurde eine Art, in die nicht-rationelle Seite des Daseins einzudringen.


    Im Spektrum schrieb Karin Boye 1932 einen Artikel, Språket bortom logiken, der den sog. Modernismus nicht nur als einen natürlichen Ausschlag des "neuen Lebensgefühl" behandelte, sondern eher aus einem ästhetischen und psychologischen Blickwinkel heraus betrachtete. Ihre Überlegung ging davon aus, dass die Logik als Strukturgeber in der poetischen Sprache durch Symbole ersetzt werden solle. Die Psychoanalyse habe gezeigt, meinte Karin Boye, dass der Symbolvorrat der Menschheit in vielem gemeinsam ist. Die Sprache hinter der Logik sollte sowohl der Gemeinschaft als auch dem Individuum dienen. Die symbolische Ausdrucksweise würde die Persönlichkeit befreien, ließe individuelles Temperament und Assoziationsvermögen zum Ausdruck kommen und beinhalte eine Erneuerung der verschlissenen Schriftsprache. Durch die "Sprache hinter der Logik" sollten die Menschen zu den dem Unterbewusstsein Leben spendenden Quellen geführt werden.


    Zwar konnte sich Karin Boye im Studium von der Rigorosität der Religion lösen - sie entstammt einer zwar kulturell interessierten, aber auch pietistischen Familie mit hohen moralischen Ansprüchen -, doch löste dies eine starke Existenzkrise aus, was sich 1934 in dem Roman Kris niederschlägt.


    1934 kauft Karin Boye außerdem für sich und Margot Hanel eine 2-Zimmerwohung in Stockholm und übernimmt die Verantwortung für die Versorgung. Diese Verantwortung und die lesbische Beziehung zu der Halbjüdin Margot lösen bei Karin Boye wiederum Schuldgefühle aus.


    Ab 1938 hat sie eine volle Anstellung als Lehrerin an der Viggbyholmsskolan. Zusammen mit der Verantwortung für das gemeinsame Leben mit Margot Hanel führt dies wohl zu einer Nervenentzündung in Folge von Überanstrengung. Zur Erholung wird sie zur Mutter nach Stockholm gebracht. Sie erhält außerdem ein Reisestipendium im Wert von 2.000 Kronen und reist durch ganz Europa.


    1940 erscheint Karin Boyes "bester" und wohl bedeutendster Roman Kallocain. Kallocain ist vom Äußeren her die Analyse eines totalitären Systems und seiner Mechanismen. In der Anwendung der ritualisierten Massensuggestion und der Faszination für die Opfer erinnert Kallocain an den Nationalsozialismus. Gleichzeitig ist aber der Weltstaat in Kallocain zumindest in materieller Hinsicht eine klassenlose Gesellschaft, in der die Mitbürger einander "Mitsoldaten" nennen und alles kollektiv geordnet ist, was an den Sowjetkommunismus erinnert.


    Im selben Jahr unternimmt Karin Boye einen Selbstmordversuch und zieht zu Anita Nathorst, die nach ihrem Theologie-Examen als Lehrerin gearbeitet hatte. Ein bösartiger Hautkrebs brachte sie zu dem Entschluss, sich die letzten Jahre mit der Psychoanalyse zu beschäftigen. So ließ sie sich beim Psychoanalytiker Iwan Bratt in Alingsås ausbilden. Im Sommer 1940, als Karin Boye Anita dort besucht, ist klar, dass Anita nicht mehr lange zu leben haben wird. In Karin Boye wächst die Überzeugung, immer nur Anita geliebt zu haben und sie beschließt, bis zum Tod bei Anita zu bleiben.


    Am 23. April 1941 verschwindet Karin Boye aus dem Doktorhaus in Alingsås und wird einige Tage später tot in einem Waldstück aufgefunden. Einen Monat später begeht auch Margot Hanel Selbstmord durch eine Gasvergiftung. Im August desselben Jahres stirbt Anita Nathorst an Krebs.


    Quelle: Kontexte


    Gruss Bonprix ;)

    1. (Ø)

      Verlag: Malik Verlag