Wally Lamb - Früh am Morgen beginnt die Nacht

  • Jetzt habe ich diesen dicken Schmöker endlich (mit Genuss) beendet! :cheers: Die kleine Pause hat mir gutgetan und ich war auch gleich wieder drin.
    Es war wirklich ein Fehler, die beiden Bücher hintereinander zu lesen, denn sie erfordern doch eine intensive Auseinandersetzung mit dem Leben zweier starker Charaktere, man lebt ja förmlich mit. In „Früh am Morgen...“ begleitet man den Protagonisten bei seiner Therapie u. Selbstfindung, dazu kommt noch die Lebensgeschichte des Großvaters, die ja fast Stoff für ein eigenes Buch bietet.
    Man soll sich von der Thematik ja nicht abschrecken lassen, der Roman ist sehr eingängig u. angenehm geschrieben. Besonders der Mittelteil hat mich sehr gefesselt, da habe ich zweimal fast die halbe Nacht durchgelesen, weil ich nicht aufhören konnte.
    Nur das Ende fand ich leider etwas enttäuschend, weil soo maßlos übertrieben, das wäre wirklich nicht notwendig gewesen, es passt für mich irgendwie nicht zum positiven Gesamteindruck.
    Ich hoffe der Autor bringt mal wieder etwas neues raus ... [-o<
    Ach ja, ich habe mir übrigens inzwischen die gebundene Ausgabe besorgt, die ist augenschonender ... :wink:

    Gruß Bibliomana :cat:
    "Man kann im Leben auf vieles verzichten, aber nicht auf Katzen und Literatur!"

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  • Nach etwas über 300 Seiten möchte ich nun doch kurz meinen ersten Eindruck von Früh am Morgen beginnt die Nacht mitteilen:


    Leider kann ich momentan aus Zeitmangel wenig "am Stück" lesen und werde deshalb ständig von Unterbrechungen genervt. Genervt deshalb, weil dieses Buch jede Menge Aufmerksamkeit fordert und diese bisher - wie ich finde- durchaus verdient hätte.
    Wally Lamb schreibt flüssig und unterhaltsam, das ernste Thema wird durch Rückblicke, Interviews und aktuelle Geschehnisse spannend erzählt - viele Fragen werden nach und nach beantwortet, doch beinahe gleichzeitig tauchen wieder neue Fragen auf.
    Sehr gespannt bin ich darauf, wie sich Thomas´ Situation noch entwickelt und welche Rolle sein Zwillingsbruder dabei einnehmen wird.


    Ich freue mich schon sehr auf das Weiterlesen!


    Viele Güße
    Wilaja

    :study: John Irving - Witwe für ein Jahr

    Einmal editiert, zuletzt von Wilaja ()

  • Beinahe 900 Seiten zum Teil schwere Kost, da bin ich mittlerweile doch ein bißchen erleichtert, dass ich nun am Ende angelangt bin. Erleichterung deswegen, weil ich gemerkt habe, dass meine Aufmerksamkeit während der letzten 200 Seiten sehr gelitten hat, ich war nicht mehr so gut bei der Sache und mir kam es auch manchmal so vor, als hätte ich manche Dinge möglicherweise einfach überlesen. Allerdings liegt dieser Durchhänger eher an mir persönlich als an „Früh am Morgen beginnt die Nacht“. Ich habe gestern noch bis weit nach 2 Uhr morgens gelesen, vielleicht war der Grund für meine mangelnde Konzentration auch die Uhrzeit. :wink:
    Dennoch gehört das Buch meiner Meinung nach zu den lesenswerten Romanen, ich würde es jedem Leser empfehlen, der sich für die Thematik interessiert und sich nicht vom Umfang abschrecken lässt.


    Wally Lamb hat mich mit dem ersten Roman, den ich von ihm gelesen habe, nicht enttäuscht. Angesprochen durch Klappentext und die Rezensionen hier, habe ich doch relativ hohe Erwartungen an das Buch geknüpft.
    Der Autor langweilt nicht mit medizinischem Fachwissen, sondern lässt den Leser als stillen Teilnehmer die Lebensgeschichte der Zwillinge Thomas und Dominick erleben, die nicht immer chronologisch erzählt wird, sondern von vielen Sprüngen in die Vergangenheit lebt und an Lebendigkeit gewinnt.
    Ungefähr in der Mitte des Buches beschlich mich das Gefühl, dass ich mir nicht vorstellen konnte, was auf den nächsten 400 Seiten noch passieren soll. War nicht doch schon alles erzählt? Besteht die Gefahr, dass sich der Autor im Kreis dreht?





    Wer davon ausgeht, dass nur die Krankheit und somit die Lebensgeschichte des schizophrenen Thomas thematisiert und analysiert wird, liegt hier falsch. Der Leser lernt auch Dominick kennen, dessen Leben von diversen Tiefschlägen geprägt war, beispielsweise der plötzliche Kindstod seiner kleinen Tochter. Dominick handelt für mich oft nicht nachvollziehbar, und genau dies ist wahrscheinlich einer der Gründe, der für mich das Buch so interessant gemacht hat.


    Dominick kommt irgendwann an einen Punkt, an dem er sich fragt, warum Thomas derjenige der eineiigen Zwillinge war, dessen Gehirn verrückt spielt. Beide wuchsen beim jähzornigen und gewalttätigen Stiefvater auf, beide wussten, dass ihre Mutter aufgrund ihrer Hasenscharte jeglicher sozialer Integration aus dem Weg ging und beide studierten gemeinsam auf dem College, als Thomas Krankheit der Familie aufgefallen ist.


    Obwohl es in diesem Buch einige schockierende Szenen gibt, die bei mir Entsetzen hervorgerufen haben, sind es wohl andere Passagen, die mir in Erinnerung bleiben. Wally Lamb erzählt einerseits ruhig und nüchtern, dann wieder sehr emotional und subjektiv, und dadurch lebt dieses Buch.





    In diesem Buch gibt es kein schwarz oder weiß, richtig oder falsch, gut oder schlecht. Und wenn doch, dann muss es der Leser für sich selbst beurteilen...


    Viele Grüße
    Wilaja

    :study: John Irving - Witwe für ein Jahr

    Einmal editiert, zuletzt von Wilaja ()

  • Hi,


    genau sowas liebe ich auch ;-)
    Habs gleich auf die Wunschliste gesetzt....:-)


    Gruss silke.

  • Zitat

    Original von Bonprix


    @Süsse.....Überwinde dich, es lohnt sich! :D Und glaub mir, wenn du einmal angefangen hast, vergisst du das Wort "Wälzer". :wink:


    ...oder bist froh, so wie ich im Moment, dass es einer ist und er dir noch viele tolle Lesestunden bescheren wird. :wink:


    Ich wollte gestern kurz in "Die Musik der Wale" reinschauen, wirklich nur ganz kurz, weil ich ja eigentlich noch mit "The Mermaid Chair" beschäftigt bin und äußerst ungern zwei Bücher nebeneinander lese. Was soll ich euch sagen, ich habe mich sofort festgelesen und konnte das Buch beim besten Willen nicht wieder zurück ins Regal stellen...


    Liebe Grüße
    Siebenstein :wink:

    :montag: Daniela Krien - Die Liebe im Ernstfall


    "Sehnsucht nach Liebe ist die einzige schwere Krankheit, mit der man alt werden kann, sogar gemeinsam."
    (Bodo Kirchhoff: Die Liebe in groben Zügen)


  • Hi,


    und nachdem ich Die Musik der Wale bereits auf meinem SUB liegen habe, hab ich mir per Tauschticket gleich noch Und früh am morgen beginnt die Nacht geholt...
    Mit was ich jetzt nur anfange?? ;-)


    Gruss Silke.

  • @ Silke, in solchen Fällen lese ich immer die Bücher in der Reihenfolge ihres Erscheinens. In diesem Fall wäre es "Die Musik der Wale".


    Inhaltlich ist es egal.


    Marie

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Ui, dieses Buch habe ich ja noch ungelesen in meinem Regal stehen. :uups:
    Weiß gar nicht, warum ich das bis jetzt nicht gelesen habe, Eure Beschreibungen hören sich so toll an.


    Und die Musik der Wale kommt sofort auf meine Wunschliste. :D


    Viele liebe Grüße
    Moira

  • Zitat

    Original von Moira
    Ui, dieses Buch habe ich ja noch ungelesen in meinem Regal stehen. :uups:


    Dito... 8)
    Ich habe dieses Buch kürzlich bei einem Bücherflohmarkt erstanden und es ist im SUB gerade nach oben gerückt... :wink:
    Genauso wie auch "Die Musik der Wale" von Wally Lamb. :D

    Liebe Lesegrüße
    Eure Süße
    :study::)


    Erinnerungen, die unser Herz berühren, gehen niemals verloren.

  • Ich habe das Buch vor einiger Zeit für 3,25€ auf einem Sonderangebotstisch gesehen und bin heilfroh, dass ich es gekauft habe.
    Habe Mittwoch begonnen, es zu lesen. Bin noch nicht sehr weit, aber bisher ist es einfach fantastisch und man kann es kaum aus der Hand legen.
    Seine anderen Romane sind gleich auf meinen Wunschzettel gewandert.

    Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.
    (Jorge Luis Borges)

    Einmal editiert, zuletzt von Pandämonium ()

  • Hallöchen,


    ich habe dieses Buch innerhalb von ca. 4 Tagen gelesen und kann die Geschichte ebenfalls sehr empfehlen.


    Möchte jedoch auch anmerken, dass dieses Buch auch Schwächen hat. Zum Teil sind mir diverse, sich wiederholende Rechtschreibfehler aufgefallen und zum anderen sind diverse Kapitel und Ansätze schlichtweg überflüssig. Dazu gehört zum Beispiel auch die Geschichte seines Großvaters. Selbst, wenn es einen Teil seiner Geschichte darstellt, fande ich diese Kapitel sehr zäh.


    Ansonsten kann ich das Buch dennoch definitiv empfehlen. Es regt sehr zum Nachdenken an und hat den Umständen entsprechend ein angenehmes Ende.
    Mir kamen diverse Male die Tränen und man ist teilweise erschüttert über die Schicksalsschläge, die keineswegs aufgereiht sondern sehr überraschend und spannend beschrieben werden. Es gab kaum Handlungen, die vorhersehbar waren.


    Da es im Großen und Ganzen eher von Dominicks Person, dem gesunden Bruder handelt, kann man sagen, dass man eher wenig über die Thematik Schizophrenie erfährt. Wer also eine Geschichte sucht, die noch dazu informativ bezüglich dieser Krankheit ist, sollte an dieses Buch nicht allzu hohe Erwartungen setzen. Es geht eher um seinen Bruder, der sein Leben für seinen Bruder opfert.


    Es regt in dem Sinne zum Nachdenken an, da diese Geschichte sehr deutlich macht, dass man auch mal an sich denken sollte und sich nicht für andere opfern sollte, indem man seine eigenen Bedürfnisse in die hinterste Ecke verfrachtet.

  • Bin noch am lesen dieses Buches (näheres unter ich lese gerade)und finde in der paranoiden Persönlichkeit Thomas' einige "meiner Patienten" wieder, die auch unter einer schizophrenen Psychose litten. Kann mich an eine erinnern, die die Halluzination hatte, man bestrahle sie von allen Seiten mit elektrischen Strahlen, um sie nach und nach zu töten. Sie hat sich zeitweise in Alufolie eingewickelt, damit die Strahlen nicht auf ihren Körper treffen. Irgendwann erzählte sie mir, dass sie im Krieg als junge Frau 2 x von Russen vergewaltigt wurde. Sie beschrieb mir, wie es passiert ist. Ich fragte mich damals, ob ihre Psychose womöglich von diesem schrecklichen Erlebnis herrührte.


    Wir Normalos vermögen nicht zu begreifen, in welchen (Dauer-)Ängsten diese kranken Menschen stecken. Geschwister, wie hier in diesem Roman erleben dies hautnah mit. Ich konnte mich sehr gut in Dominiks Lage hineinversetzen und fiebere mit ihm, wie er sich für seinen Bruder einsetzt.


    Es wäre toll, wenn sich jemand finden würde, der diesen Roman verfilmt!!!

    :study: Arnaldur Indridason: Nordermoor


    Bücher sind nur dickere Briefe an Freunde. - Jean Paul

  • Hervorzerr....


    Originaltitel: I know this much is true


    Inhalt:
    Dominick (Domenico) und Thomas sind eineiige Zwillinge. Sie wachsen in den 50er Jahren im Norden der USA auf, ohne zu wissen wer ihr Vater ist. Ihre Mutter schweigt bis zu ihrem Tod zu diesem Thema und was die Jungen als Vaterfigur erleben (ihren cholerischen Stiefvater Ray), macht entweder stark oder zerbricht den Geist. Dominick entschließt sich früh, einen Schutzwall um sich aufzubauen, während Thomas dies nicht gelingt.
    Im Jahr 1969 verändert sich Thomas. Seine Schizophrenie ist der Auftakt zu einem Leben mit Ärzten, Diagnosen, Medikamenten. "Früh am Morgen beginnt die Nacht" ist nicht nur die Geschichte von Dominicks Versuchen, sich um Thomas zu kümmern, sondern auch ein Ausflug in die Vergangenheit der Familie.


    Anmerkungen:
    Der Roman beginnt auf einer Gegenwartsebene, driftet dann in die Vergangenheit ab, um wenig später eine zweite, spätere Gegenwartsebene einzuführen. Ausschlaggebend für diesen zweiten Erzählstrang ist Thomas Birdseys Opfer:
    er betritt eine Bibliothek, setzt sich in eine Leseecke und amputiert seine eigene Hand, um gegen die "Operation Wüstensand" zu protestieren und das amerikanische Volk aufzurütteln. Aufgrund dieser Aktion wird er nach einer Notoperation polizeilich abgeführt und in die forensische Klinik "The Hatch" eingewiesen. Sein eineiiger Zwillingsbruder Dominick kämpft gegen diese - seiner Meinung nach - polizeiliche Willkürtat an, hat er doch seiner Mutter auf dem Sterbebett vesprochen, auf seinen Bruder aufzupassen. Sein großes Ziel ist es, Thomas wieder in einer liberaleren Einrichtung unterzubringen. Die Begegnung mit Thomas neuer Psychiaterin Dr. Patel wird auch für Dominick eine Art Therapie und zwingt ihn, sich mit der Vergangenheit und den eigenen Gefühlen auseinander zu setzen. Dass es bei ihren Gesprächen nicht nur um die Beziehung zwischen den Brüdern handelt sondern auch um die erschreckende Familiensituation während ihrer Kindheit und Pubertät, Dominicks Wunsch ein eigenständiger Mensch zu werden und seine Beziehungen zu Frauen, versteht sich hoffentlich von selbst. So entsteht ein vielschichtiges Geflecht.


    Angenehm finde ich, dass nicht zu häufig zwischen den Zeitebenen gesprungen wird. Somit ist immer genügend Zeit, sich neu zu orientieren. Innerhalb der ersten 500 Seiten erfährt der Leser Thomas und Dominicks Lebensgeschichte bis 1969- dem Sommer, in dem beide 20 Jahre alt sind und Thomas Krankheit unübersehbar wird. Die restlichen 500 Seiten schildern dann vermehrt das Leben mit der Krankheit. Spät im Buch kommt ein weiterer Themenstrang dazu, als die Lebensgeschichte des Großvaters eingeführt wird, die Thomas heftig abstößt. Der von seiner Mutter verehrte Vater zeigt sich in seiner eigenen Lebensdarstellung als altmodisch und grausam. Unliebsame Parallelen zu Dominicks Erfahrungen mit Ray aber zum eigenen Verhalten werden hierbei sichtbar.


    Fazit:
    Das Buch ist überaus liebevoll geschrieben. Gerade Dominicks widersprüchliche Gefühle gegenüber seinem Bruder machen ihn glaubwürdig. Insgesamt zieht sich das Thema "Ambivalenz" durch den gesamten Roman - egal um welche Beziehungsgeflechte es sich handelt. Mir hat das sehr gut gefallen! Die Personen sind vielschichtig, die Verflechtungen ebenfalls. Insgesamt war es für mich eine runde Sache. Statt eines Heldens, der tapfer und untadelig erst mit der sehr ausgeprägten Sensibilität des Zwillingsbruders und später mit der Krankheit umgeht, wird Dominick vom Autor gestattet, sowohl Liebe, Anhänglichkeit und Verantwortungsgefühl für Thomas zu empfinden, ABER AUCH egoistische Handlungen, Schwäche, Unverständnis und Ablehnung zuzugeben. Die Suche nach der eigenen Identität ist ein schwerer und steiniger Weg...


    Sehr empfehlenswerte Unterhaltungsliteratur mit der einen oder anderen Überraschung! Falls ihr diesen seitenstarken Schmöker noch auf dem SUB habt und euch von der Dicke habt abschrecken lassen - fürchtet euch nicht und traut euch ran. Es lohnt sich!

    She wanted to talk, but there seemed to be an embargo on every subject.
    - Jane Austen "Pride and prejudice" - +

  • Komisch, zu diesem Buch habe ich noch überhaupt nichts geschrieben u das, obwohl es zu meinen absoluten Lieblingsbüchern gehört...?!
    Ich habe dieses Buch zweimal gelesen, was sonst fast nie vorkommt u danach noch im Auto als Hörbuch verschlungen. Die gelassene Erzählweise mit der Wally Lamb unglaubliche Schicksale beschreibt zeugt von sehr viel Menschenkenntnis u emotionaler Wärme. In diesem Buch gelingt ihm - wie auch in "Die Musik der Wale" Leser zum Weinen u zum Lachen und letztendlich noch zum wochenlangen Nachdenken u Nachspüren zu bringen.
    Sein neuestes Buch ist am Freitag herausgekommen u heißt "Die Stunde in der ich zu glauben begann" u wartet schon bei meiner Freundin auf Abholung, denn ich habe ein lebenslängliches Sofortkaufabo auf alle Wally Lamb-Bücher abgeschlossen :drunken: , ich gönne mir ja sonst kaum was :rabbit: :wink: :-,

    "Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist." Elias Canetti

  • Das neue Jahr fängt für mich mit einem Buch an, das gute Chancen hat das beste Buch des Jahres zu werden.


    Ich habe erst knapp ein Drittel gelesen, kann es aber kaum aus der Hand legen.


    Die Gefühlswelt des Protagonisten ist dermaßen anschaulich beschrieben, dass ich immer wieder das Gefühl habe das ganze sei eine Autobiographie und kein Roman. Besonders authentisch finde ich die ambivalenten Gefühle, die Dominick seinem Bruder gegenüber hegt. Er wird nicht zu einem Märtyrer stilisiert, der sich aufopferungsvoll um seinen Bruder kümmert (obwohl er ja genau das tut).
    Als Kind mochte Dominick seinen Zwilling nicht, beschreibt ihn als kriecherisch und verweichlicht. In der Pubertät findet diese Antipathie ihren Höhepunkt. Mit Thomas hat der Leser Mitleid, weil er irgendwie das arme Würstchen ist. Ein bisschen wunderlich, von allen gemobbt. Mit Dominick hat man wiederum Mitleid, weil er derjenige ist, der "ganz normal" sein will, aber durch seinen Bruder immer wieder unangenehm in den Mittelpunkt gestellt wird.
    Und dann wird dieser so wenig geliebte Bruder krank, ist äußerlich genauso wie vorher, aber das wofür man ihn vor kurzem noch hassen konnte, soll man jetzt Verständnis haben. Er kann ja nichts dafür.
    Die Passagen, in denen man merkt, dass Dominick Thomas am liebsten hassen würde und wütend auf ihn sein würde, und es ist, aber nicht sein will, weil man das ja irgendwie nicht "darf", sind so gut geschildert, dass ich beim Lesen selbst Beklemmungen und dieses hin und hergerissene verspüre.


    Das Besondere an diesem Roman ist für mich, dass man ihn auf mehrere Arten lesen kann. Er bietet aufgrund seiner umfassenden Beschreibungen mehrere Angebote selbst Schwerpunkte zu setzen. Ich habe mich mit zwei Personen unterhalten, die das Buch auch gerade lesen. Und während ich die Geschwister-Konstellation am interessantesten empfinde, achtet eine Freundin vor allem auf den Aspekt der Eltern, also die Entwicklung des tyrannischen Stiefvaters und der Mutter. Das Buch ist in so vielerlei Hinsicht ergeibig, dass man völlig verschiedene Schwerpunkte bei der Rezeption setzen kann und trotzdem immer das Gefühl hat, dass der Autor selbst den eigenen Schwerpunkt im Auge hatte.


    Ich finde es grandios und kann es kaum erwarten weiter zu lesen.

  • ...eines der wenigen Bücher, die ich mehrmals gelesen habe. Bei jedem Mal habe ich andere Perspektiven entdeckt u ich könnte mit vorstellen, es nochmal zu lesen..


    Viel Spaß! :winken:

    "Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist." Elias Canetti

  • Ich habe den Roman gestern beendet und war bis zur letzten Seite gefesselt!