Marisha Pessl - Die alltägliche Physik des Unglücks/Special Topics in Calamity Physics

  • Kurzmeinung

    Jessy1963
    Abgebrochen, ich finde in diese Geschichte nicht hinein und die vielen Zitate stören jeglichen Lesefluss.

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  • Die Autorin:
    Marisha Pessl wurde 1977 geboren, studierte an der Columbia University. Pessl lebt in New York. "Die alltägliche Physik des Unglücks" ist ihr erstes Buch.


    Worum geht es?
    Blue hat den Blues. Ihr Vater, der Universitätsprofessor, zieht schon wieder um. Nie länger als ein Semester bleiben Tochter und Vater an einem Ort. Bald kennt Blue jedes College. Zum Glück hat sie die Bücher - ihre engsten Vertrauten. Und so hungrig wie sie Geschichten auf Papier verschlingt, so lustvoll stürzt sie sich ins pralle Leben: Charmant und witzig besticht sie als wandelndes Lexikon und lässt zugleich keine Wodkaflasche an sich vorbeiziehen. Jeder weiß, Blue ist besonders. Man liegt ihr zu Füßen. Und dann passiert ein mysteriöser Mord und ihr Leben gerät aus den Fugen. Ein Aufsehen erregender und temporeicher Roman und ein spannend komischer Streifzug quer durch die Sätze von Shakespeare bis Cary Grant.


    Meine Meinung:
    Man stelle sich mal folgendes Szenario vor. Da sitzt man mit ein paar Leuten bei einem Gläschen Wein zusammen, aber nur einer bzw. nur eine redet. Und niemand kann sich der Faszination der Erzählerin entziehen. So geht es einem bei der Lektüre dieses Buches. Marisha Pessl erzählt und man hängt an ihren Lippen.
    Ein Buch wie ein Vulkan!
    Für mich eines der besten Bücher der letzten Jahre.
    Marisha Pessl ist eine Vollbluterzählerin. Schon die ersten Seiten ziehen den Leser in den Bann dieses Buches. Es beginnt mit einer Lektüreliste, die zugleich die jeweiligen Überschriften für die einzelnen Kapitel liefert. Das Buch sprudelt nur so über von immer neuen, faszinierenden Einfällen. Die Zitate reichen von „Shakespeare bis Gary Crant“ wie es der Klappentext verrät; jedes Zitat mit dem kurzen Hinweis auf seine Quelle.
    Da ist Hannah die Dozentin für Filmkunst, die eine Gruppe von Schülern um sich geschart hat, die sich bei ihr an den Sonntagen zum Essen trifft. Hannah ist für die Jugendlichen faszinierend und geheimnisvoll zugleich. Zu dieser Gruppe gehört auch Blue van Meer, die mit ihrem Vater, Universitätsdozent, mindestens einmal im Jahr umzieht, weil er an den verschiedensten Universitäten kurze Gastprofessuren annimmt. Ein charismatischer Typ, der seine Tochter pausenlos pushed und ihr aber gleichzeitig auch die Mutter ersetzen muss.
    Marisha Pessl erzählt mit einer kaum vorstellbaren Intensität und Vielfalt. Keine Seite dieses Buches ist langweilig, jedes Wort steht dort wo es hingehört und so werden Sätze geformt, die an Inhaltsreichtum nichts zu wünschen übrig lassen.
    Die Begeisterung, die das Buch in den USA ausgelöst hat ist mehr als nachvollziehbar. Ohne Frage eine echte Sternstunde der zeitgenössischen Literatur.
    Es gibt nur sehr wenige Bücher, die mich dermaßen fasziniert haben. Für 19.90 EUR bekommt ein echtes Literaturhighlight.

  • Danke Voltaire für diese begeisternde Kritik.


    Der Klappentext und Titel des Buches hat mich sofort angesprochen, dafür das Cover eher abgeschreckt.


    Nun bin ich doch, auf Grund deiner Kritik, richtig neugierig auf das Buch und werd es auf meiner Wunschliste nach vorn schieben. Das Geld für ein Hardcover werd ich nicht aubringen, aber spätestens zu Weihnachten wird sich der Wunsch sicher erfüllen.


    Danke für die Rezension.
    Liebe Grüße, gluttony

  • Der Sache mit dem Cover kann ich nur beipflichten. Da hätte sich der Verlag etwas anderes aussuchen sollen. Man vermutet wieder irgendeine oberflächliche Liebesgeschichte und geht zum nächsten Buch weiter. Oder schauen die meisten Leute gerade wegen des Covers hinein? Ich habe es bisher jedenfalls links liegen lassen, werde aber beim nächsten Buchladen-Spaziergang mal doch genauer hinschauen, denn die Rezession hier reizt. Danke für den Tipp :compress:

  • Also ich habe jetzt den ersten Teil gelesen, etwa die ersten 175 Seiten und bin ein bißchen hin und her gerissen.


    Sprachlich wirklich exzellent und auch eine interessante Story hat die Autorin den Text mit reichlichen Zitaten aus der Literatur und auch Filmklassikern gespickt. Oft stehen auch Hinweise in Klammer.


    Da ich mich in der klassischen Literatur leider nicht wirklich auskenne :uups:, merke ich schon das mir beim Lesen viel entgeht. Denn die Autorin schreibt schon mit viel Ironie und Witz. Das merke ich dann an den Stellen, wo ich mit Anspielungen auf die Literatur doch was anfangen kann.


    Ich wollte es schon zweimal weglegen, weil es sich dadurch für mich doch etwas schwierig liest.


    Naja, jetzt bin ich immer noch dabei, weil mich die Geschichte und der Schreibstil doch irgendwo fesseln. Da das Buch aber 600 Seiten hat, weiß ich im Moment wirklich noch nicht, ob ich es bis zum Ende lesen werde.

  • So, nun habe ich das Buch heute doch beendet.


    Ich konnte es einfach nicht weglegen. Der Schreibstil der Autorin ist so intensiv, witzig, bildhaft und mit Zitaten gespickt, dass man das Gefühl hat, da ist wirklich kein Wort zuviel. Und sie hält dieses hohen Niveau auch bis zu Schluß.


    Ich kann mich den Worten Voltaires nur anschließen, auch wenn ich das nicht so gut ausdrücken kann :wink:.


    Oberflächlich handelt es sich um einen amerikanischen High-School-Roman, aber da steckt soviel mehr drin. Die Story an sich ist schon interessant, vorallem zum Ende hin nimmt sie auch einige unerwartete Wendungen.


    Aber am meisten hat mich die Sprachfülle der Autorin, die bildhaften, oft witzig-ironischen Vergleiche fasziniert.
    Man kann kaum glauben, dass es sich dabei um einen Debütroman handelt.

  • Ich habe das Buch jetzt ebenfalls beendet; es ist eines jener grandiosen, seltenen Erstlingswerke, in das die Autorin ihre ganze Leidenschaft, ihre Weisheit, ihr Wissen über die Welt und alles, was ihr wichtig ist, hineingelegt hat. Es ist von allem etwas: High-School-Roman, Liebesgeschichte, Thriller, Abhandlung über die Literatur und über menschliche Abgründe; dies alles in einer wunderschönen Sprache, und ein wenig hat es mich an "Die geheime Geschichte" von Donna Tartt erinnert.


    Eine der Empfehlungen des Jahres ! :thumleft:


    Grüße von blackbird

  • Hm, scheine ich die erste kritische Stimme in diesem Forum zu sein?? Ok, wenn es denn so sein soll...


    Zitat

    Original von Voltaire
    Man stelle sich mal folgendes Szenario vor. Da sitzt man mit ein paar Leuten bei einem Gläschen Wein zusammen, aber nur einer bzw. nur eine redet. Und niemand kann sich der Faszination der Erzählerin entziehen. So geht es einem bei der Lektüre dieses Buches. Marisha Pessl erzählt und man hängt an ihren Lippen.


    Genau das habe ich auch empfunden. Ich hatte schon wieder vergessen, dass du es so formuliert hast!
    Allerdings ist mein Gesamteindruck nicht so begeistert. Der Stil ist toll: Marisha Pessl schlägt eine sehr bildhafte Sprache an, garniert ihre Ausführungen mit Zeichnungen, Literaturzitaten sowie Fußnoten und erzählt die umfangreiche fiktive Biographie von Blue van Meer. Nicht alles davon war für mich interessant und über manche Länge habe ich mich mit dem Gedanken hinwegretten müssen, dass es wahrscheinlich wichtig für die Auflösung ist. Viele Hinweise und anfangs unverständliche Ausschweifungen erlangen zum Schluss eine Bedeutung, aber insgesamt hatte ich den Eindruck, dass es sich hier um eine Autorin handelt, die den Stil wichtiger als die von ihr erzählte Geschichte erachtet.


    Gerade das Ende war mir zu voll gepackt mit (für mich) unglaubwürdigen Zufällen und Vermutungen.


    Deshalb muss ich hier zwei verschiedene Bewertungskriterien anlegen:
    Sprache und Stil: brillant
    Inhalt: aufgebläht, stellenweise nicht nachvollziehbar, trotz guter Stellen insgesamt enttäuschend


    Da ich Freizeitleser bin, konnte mich diese Schere nicht besonders begeistern - als Anglistikstudentin wäre ich wahrscheinlich besonders angetan von so viel Stoff für eine Diskussionsgrundlage gewesen.


    Schade, ich hatte mir so viel davon versprochen...

    She wanted to talk, but there seemed to be an embargo on every subject.
    - Jane Austen "Pride and prejudice" - +

  • Der Sache mit dem Cover kann ich nur beipflichten. Da hätte sich der Verlag etwas anderes aussuchen sollen. Man vermutet wieder irgendeine oberflächliche Liebesgeschichte


    Also ich bin gerade aufgrund des Covers auf das Buch aufmerksam geworden, finde ich es doch sehr schön gestaltet. Das Buch liegt auf meinem SUB ganz oben und ich werde es wohl heute Abend oder morgen beginnen zu lesen. Nachdem ich eure Kritiken dazu gelesen habe, bin ich jetzt wirklich sehr gespannt und freue mich auf das Buch :cheers:


    Lieben Gruß an alle!

  • Also ich hab aufgegeben und das Buch jetzt zurück ins Regal gestellt :( Leider hat mich das Buch auf den ersten 70 Seiten nicht gefesselt. Nachdem ich dann nochmal geblättert und quergelesen habe, denke ich nicht, dass ich es noch einmal versuchen werde.

  • Ich habe das Buch bisher immer übersehen, da es ein schreckliches völlig unpassendes Cover hat. Doch vor einiger Zeit habe ich es empfohlen bekommen und wurde nicht enttäuscht. Obwohl zu Beginn nicht wirklich viel passiert und hauptsächlich das Leben von Blue und ihrem Vater beschrieben wird, lässt es sich doch gut lesen und wird nicht langweilig, Wie Blue ihre messerscharfe Beobachtungsgabe zu beschreiben weiß ist einfach einmalig.
    Die vielen Zitate die in einigen Rezensionen kritisiert wurden haben mir gut gefallen.
    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.
    (Jorge Luis Borges)

  • Ich habe das Buch gerade beendet und bin schwer begeistert. :cheers: Die Sprache fand ich wirklich toll, auch die vielen Zitate haben mich kein bisschen gestört. Aber auch die Geschichte selber hat es wirklich in sich. Ich weiss ehrlich gesagt nicht mehr, warum ich mir das Buch gekauft habe - es war ein Spontankauf - aber dem Klappentext nach klang es nach einem amerikanischen Highschool-Roman über das Erwachsen werden. Das ist es zwar auch, aber ein bisschen Thriller ist auch dabei. Unglaublich, wie sich Menschen verstellen können. Ich war jedenfalls völlig erstaunt, den auf das Ende war ich nun wirklich nicht vorbereitet.

  • Inhalt: Halbwaise Blue van Meer erzählt rückblickend von ihrem letzten Highschool-Jahr. Waren die ständigen Umzüge quer durch die USA der beruflichen Ambitionen des Vaters wegen jahrelang Normalität, hat die hochintelligente Blue nun die Chance heimisch zu werden und Freunde kennenzulernen. Mit Hilfe der charismatischen Lehrerin Hannah findet sie Anschluss bei den arroganten „Bluebloods“. Ein mysteriöser Todesfall verändert das Leben aller.


    Meine Meinung: Die Geschichte gliedert sich in drei Abschnitte. Mit dem ersten Teil hab ich mich unheimlich schwer getan.
    Bis über den Rand vollgestopft mit Informationen und Anekdoten aus Literatur, Film, Geschichte und Naturwissenschaften wirkt Blue mehr wie ein wandelndes Lexikon als eine wirkliche reale Person. Vom krankhaft ehrgeizigen Vater, einem Politikprofessor, getrimmt („Lebe immer mit deiner Biografie im Sinn“), der seine Tochter unbedingt zum Genie erziehen will, liest sie schon in jungen Jahren „Krieg und Frieden“ und „Mein Kampf“ und mutiert mit den Jahren zu einer verstockten Außenseiterin, die selbst von einfachem Small Talk mit Mitschülern überfordert ist. In Anbetracht dessen wirkt der Klappentext, laut dem Blue ein Mädchen ist, „das vor nichts zurück schreckt, geistreich und originell jedes Herz erobert“ einfach nur lächerlich.


    Den ausfüllendsten Platz in Blues Denken nimmt ihr allwissender Übervater ein, eine wahre Koryphäe auf nahezu jedem Wissensgebiet. Neben der Liebe zu Büchern teilt Blue leider auch seine arrogante und besserwisserische Art über andere Menschen zu urteilen. Im Buch wimmelt es nur so von „Dad sagt/Dad findet/Dad behauptet/Dad würde dazu sagen/Dad hatte mal geschrieben…“, was mir bald ziemlich auf die Nerven ging.
    Die vielen Details, den mit unwichtigen Daten und Zitaten (Jahreszahlen/Straßennamen/Titel von Veröffentlichungen des Vaters u. s. w.) gespickten Erzählstil Blues fand ich unheimlich anstrengend und lästig. Kaum ein Satz an dessen Ende nicht ein Hinweis auf dieses Lexikon oder jene Enzyklopädie verweist. Als Leser wird man von dieser geballten Anhäufung oft belangloser Informationen schier erschlagen. Blues elefantöses Gedächtnis und ihre ständigen Verweise auf Dads Kurzzeitgeliebten, den Junikäfern, haben mich schier in den Wahnsinn getrieben.


    Auch inhaltlich dümpelt die belanglose Geschichte ohne besondere Höhepunkte, dafür mit vielen Längen, dahin. Es ist kein roter Faden zu erkennen.


    Den zweiten Teil empfand ich als deutliche Steigerung. Die penetranten Zitate und Verweise kommen nicht mehr ganz so häufig vor und weichen genialem Wortwitz und fantasievollen Metaphern Platz. Besonders fasziniert war ich von der Person Hannah Schneider, einer rätselhaften und widersprüchlichen Frau, die durch Blues genaue Beobachtungsgabe sehr viel an Kontur gewinnt. Ebenfalls positiv fand ich, dass sich die Charaktere – vor allem Blue - während der Geschichte weiterentwickeln.


    Beginnt „Die alltägliche Physik des Unglücks“ als seichte Teenie-Highschool-Geschichte, vollführt die Autorin später einen meiner Meinung nach gelungenen Schwenk zum spannenden Thriller. Der dritte Teil gewinnt enorm an Tempo und strotzt nur so von unerwarteten Entwicklungen, grusligen Gedankenspielen und spannenden Wendungen. Hier konnte ich gar nicht schnell genug lesen, um zu erfahren wie es weiter geht.


    Trotz des starken Endes ein eher enttäuschendes Buch und so vergebe ich nur :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: . Insgesamt fand ich den Roman mit seinen gut 700 Seiten viel zu lang, gerade das erste Drittel ist zäh wie Kaugummi. Pessls erfrischender Schreibstil kommt bei den zahlreichen unelegant eingeflochtenen Verweisen leider viel zu selten zur Geltung. Weniger Zitate und mehr eigene Meinungen hätte der Geschichte gut getan.


  • Die Erzählerin des Buches ist Blue van Meer, eine sechzehnjährige Schülerin, die nach dem Unfalltod ihrer Mutter, einer New Yorker Society-Schönheit mit einer Passion für Schmetterlinge, mit ihrem Vater kreuz und quer durch die USA gezogen ist. Gareth van Meer, Professor der Politikwissenschaft, nimmt hier und dort für wenige Monate Gastprofessuren an, was für Blue ständige Schulwechsel bedeutet. Auf den langen Fahrten zwischen den alten und neuen Wohnorten bringt er ihr Gedichte und Prosaliteratur nahe und sensibilisiert sie für seine Leidenschaft, einen großen Wortschatz.


    Für das High-School-Abschlussjahr nimmt der Vater für ein ganzes Jahr eine Stelle an, damit Blue ungestört ihren Schulabschluss machen kann. Noch vor Schuljahresbeginn treffen die beiden beim Einkaufen die faszinierende Hannah Schneider, die sich als Lehrerin an der exklusiven St.-Gallway-Schule entpuppt, die Blue in diesem Jahr besuchen wird. Um sich geschart hat sie ein Grüppchen von fünf Schülern, die von den anderen die "Bluebloods" genannt werden, sie treffen sich an den Wochenenden zum Essen bei Hannah, führen rege Diskussionen und bilden einen elitären kleinen Zirkel, in den auf Hannahs Wunsch auch Blue Aufnahme findet, wenn auch gegen den Widerstand der Bluebloods.


    Auf einer Kostümparty bei Hannah kommt es zu einem merkwürdigen Todesfall, ein Partygast ertrinkt im Pool - und noch vor Ende des Schuljahres ist auch Hannah tot, erhängt, offenbar Selbstmord.


    Doch Blue glaubt nicht an einen Suizid und versucht für sich alleine, Klarheit zu schaffen ...


    Eins vorweg: ich kann gut nachvollziehen, was manche Leser an dem Buch gestört hat - wahrscheinlich viele der Punkte, die ich gerade mochte.


    Die Erzählweise ist sehr ausschweifend, schlägt zahlreiche kleine Volten, man muss auch die Marotte mögen, dass Zitate, Anekdoten und Ereignisse gerne mit Quellenverweisen auf existierende oder fiktive Bücher versehen werden. Zwischen Blue und ihrem Vater hat sich eine Art Familien-Codesprache eingebürgert, die Gareths Sichtweise der Welt widerspiegelt, auch das fand ich sehr amüsant.


    Dadurch, dass der Vater ihr einziger Fixpunkt in ihrem Vagabundenleben ist, hat Blue kaum dauerhaften Kontakt zu Gleichaltrigen, aber einen riesigen Wort- und Allgemeinwissensschatz, den sie gerne am Rande der Erzählung einfließen lässt. Ein wenig klugscheißerisch vielleicht, aber sympathisch, abgesehen davon, dass Einsprengsel auf Deutsch und Französisch oft fehlerhaft sind.


    Einen Teil ihrer Recherchen nach Hannahs Tod hätte man ein wenig kürzen und straffen können, da gingen mir dann die Verweise auf fiktive Websites auf die Nerven. Danach kam allerdings eine Wendung, die mir den Atem stocken ließ und mich für die restlichen 150 Seiten noch mal förmlich an das Buch gekettet hat (bis zum doch recht abrupten und für mich nicht ganz zufriedenstellenden Ende).


    Sehr gut gefallen hat mir auch das Inhaltsverzeichnis - jedes Kapitel ist mit einem Buchtitel überschrieben, und das Inhaltsverzeichnis trägt den Titel "Required Reading" und ist nach dem Muster einer Lektüreliste für Oberstufe oder Uni gestaltet.


    Eine verrückte, leicht abgedrehte Geschichte, sicher nicht jedermanns Sache, aber bis auf die erwähnte Länge zwischendurch genau nach meinem Geschmack.


    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

  • Schönen guten Abend,


    ich habe dieses Buch vor 2 Tagen beendet und hab nun endlich Zeit auch meine Meinung dazu zu schreiben. Also ich muss sagen das ich dem Buch sehr widersprüchlich gegenüberstehe. Am Anfang hab ich mich wirklich etwas gequält, das Buch wollte mich einfach nicht fesseln aber wegen den ganzen guten Meinungen hier wollte ich ihm einfach eine Chance geben, also las ich weiter.
    Nach einiger Zeit wurde es dann doch interessant vor allem nach

    . Danach wurde man langsam neugierig, wer ist Hannah Schneider wirklich und warum interessiert sie Blue so? Danach tröpfelte das ganze aber irgendwie einfach son bisschen weiter vor sich hin bis zu der Stelle an der es für mich erst richtig spannend wurde nämlich

    Ab da wollte ich natürlich wissen wer und warum und die Auflösung habe ich wirklich nicht erwartet. Der Schluss hat mich dann allerdings wieder etwas enttäuscht, ich wurde mit einigen Fragen zurückgelassen, z.B.

    .
    Alles in allem hatte das Buch mir zu viele Längen wenn auch die Auflösung wirklich originell war. Aber leider kann ich mich den vielen positiven Meinungen hier nicht anschließen :|

    "Er liebte sie so unbändig. So unbändig, dass er niemals wieder um ihre Lippen bat und ohne sie ins Grab gehen würde " (Die Bücherdiebin)

  • Soeben habe ich das Buch ausgelesen und will auch mal meinen Senf dazugeben hier.
    Also witzig ist erstmal, wie ich darauf gestoßen bin. Ich sah es als Sonderausgabe des Fischerverlags in meiner Buchhandlung des Grauens und war versucht, es zu kaufen, einfach so, spontan. Die Buchhändlerin hatte es gelesen und meinte: total intellektuell überfrachtet, langweilt. Ich ließ es stehen. Aber jedesmal wenn ich in eine Buchhandlung kam, dachte ich, wie hieß es? Weil ich solche Behauptungen dann doch gern persönlich nachprüfe, nur waren mir Titel und Autorin entfallen.
    In Berlin sah ich es und habe sofort zugeschlagen. Mögliche Langeweile nahm ich in Kauf.
    Ich fing an zu lesen und als ich das nächste mal auf die Seiten sah, war ich bei 70, ziemlich gutes Zeichen.


    Zum Buch:
    Es ist besonders.
    Blue wird dargestellt als Tochter eines hoch begabten Intellektuellen. Die Mutter verstorben, reist der Vater, Professor, mit seiner Tochter durchs Land, dreimal im Jahr ziehen sie um. Das Mädchen, 16, ist eine entwurzelte Intellektuelle, hat keine Freunde, befasst sich mit Literatur. Dementsprechend hat sie auch den Intellekt einer Erwachsenen.
    Das Abschlußjahr verbringen sie an einem Ort und hier freundet sie sich mit ein paar Gleichaltrigen an. Die retrospektiv erzählte Geschichte ist sehr raffiniert aufgebaut. Und für meine auf S. 500 gestellte Frage: "was kommt denn noch auf den nächsten 200 Seiten?" muss ich mich bei der Autorin entschuldigen, sie hat das alles sehr, sehr raffiniert eingefädelt!


    Ich möchte auch noch etwas schreiben zu der Art der Zitate, also zu den aufgeführten Literaturhinweisen. Damit baut die Autorin das Buch in einer aufgelockerten wissenschaftlichen Form auf. Alle Aussprüche aus Filmen, Lexika und (Welt-)Literatur belegt sie mit Zitaten. Es ist aber nicht so, dass man die Sachen kennen muss. Ich habe relativ viel gelesen und konnte mit den Literaturverweisungen etwas anfangen, Filme und Schauspieler kenne ich gar nicht, das habe ich dann als Info mitgenommen. Also der Leser muss NICHT dem Anspruch genügen, auf Gebieten von Literatur oder Film beschlagen zu sein.


    Was die FIgur von Blue infolge der Erziehung durch den Vater sehr stark widerspiegelt und was auch durch das Buch wiedergegeben wird, ist diese Vergeistigung, die Intellektualität, die teilweise aus sich heraus ausgrenzend ist, teilweise aber auch als Mauer aus Arroganz zur Abgrenzung bewusst eingesetzt wird.
    Mir hat es sehr gut gefallen und das Ende hat mich überrascht! Weiterlesen lohnt!

    Schon die ersten Seiten ziehen den Leser in den Bann dieses Buches

    Ging mir ebenso.

    Es beginnt mit einer Lektüreliste, die zugleich die jeweiligen Überschriften für die einzelnen Kapitel liefert.

    Das war auch wieder so ein (Literatur-)wissenschaftlicher Schlenker. Und der Teil des Buches, der sicher die meisten abschreckt, wenn ich ehrlich bin, ich habe weder die Kapitelüberschriften dem Inhalt zuordnen können (obwohl ich einige der genannten Sachen gelesen habe) noch konnte ich in den Überschriften selbst einen roten Faden sehen. Wenn es mir so geht, beachte ich das einfach gar nicht. Ich habe an den Kapitelanfängen auf die Liste geschaut, um zu sehen, auf welchen Autor sich das Kapitel möglicherweise bezieht, aber wie gesagt - erfolglos - was mich nicht störte.

    Das Buch sprudelt nur so über von immer neuen, faszinierenden Einfällen. Die Zitate reichen von „Shakespeare bis Gary Crant“ wie es der Klappentext verrät; jedes Zitat mit dem kurzen Hinweis auf seine Quelle.

    Ich habe die Zitate nicht so als Einfall wahrgenommen, weil sie sich sehr gut in den Inhalt einfügten. Es war mehr so, dass wenn man merkte: "Oh, das ist da und da draus!", einem klar wurde, wie wichtig Blue und ihrem Vater die Befassung mit Literatur und Kunst sind.
    Und ich habe das Gefühl, dass es der Autorin ein Bedürfnis ist, Gelesenes und Gemerktes in einen Rahmen zu bringen. Und da alle die Zitate gut in die Geschichte passen, und nichts aufgesetzt wirkt, ist ihr das in meinen Augen hervorragend gelungen.

    Die Begeisterung, die das Buch in den USA ausgelöst hat ist mehr als nachvollziehbar. Ohne Frage eine echte Sternstunde der zeitgenössischen Literatur.

    Das Buch ist irgendwie anders.

    dafür das Cover eher abgeschreckt.

    Ich denke, das ist so der amerikanische Stil. Ein pinkfarbenes Zimmer würde mich noch mehr abschrecken als das Blumendesign.

    Da ich mich in der klassischen Literatur leider nicht wirklich auskenne :uups:, merke ich schon das mir beim Lesen viel entgeht. Denn die Autorin schreibt schon mit viel Ironie und Witz. Das merke ich dann an den Stellen, wo ich mit Anspielungen auf die Literatur doch was anfangen kann.

    Also wenn ich eine Stelle gelesen habe, die ich kannte, hatte ich nur einen "ach daraus ist das - aha Effekt", mehr entgeht einem meiner Ansicht nach nicht. Sonst fände ich das Buch auch schlecht, sie kann ja nicht vorraussetzen, dass alle Leser Literaturwissenschaftler sind.

    Ich habe das Buch jetzt ebenfalls beendet; es ist eines jener grandiosen, seltenen Erstlingswerke, in das die Autorin ihre ganze Leidenschaft, ihre Weisheit, ihr Wissen über die Welt und alles, was ihr wichtig ist, hineingelegt hat.

    Finde ich auch.

    Es ist von allem etwas: High-School-Roman, Liebesgeschichte, Thriller, Abhandlung über die Literatur und über menschliche Abgründe; dies alles in einer wunderschönen Sprache

    Ja, und das merkt man erst, wenn man sich den letzten Seiten nähert. Da ist ganz viel drin an Zitaten, Wissen... und am Ende laufen dann die Fäden zusammen. Hut ab!

    Gerade das Ende war mir zu voll gepackt mit (für mich) unglaubwürdigen Zufällen und Vermutungen.

    Es war krass. Aber selbst wenn es nicht wahr ist, halte ich es nicht für unmöglich.

    und die Auflösung habe ich wirklich nicht erwartet

    Fandest Du sie "falsch" oder unglaubwürdig? Mir tat Blue leid.

    ich wurde mit einigen Fragen zurückgelassen

    Das Ende war relativ offen, ja, aber wenn man diesen "Abschlusstest" gemacht hat, wurden die Fragen beantwortet, beziehungsweise, die Vermutungen, die man als Leser hatte, bestätigt.


    Von mir: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

    Du solltest die Sorte Frau sein, wo - wenn sie morgens aufsteht und einer ihrer Füße den Boden berührt - der Teufel sagt: "Scheiße, sie ist wach!"
    :study: Dieses Jahr rockt das Regal!

  • Ich bin gerade auf die Rezension gestoßen und da ich das Buch auch gelesen habe, kann ich sogar mitreden. :D
    Das Buch hat mich schon allein von der Optik angesprochen: Die Rose mit den Pastelltönen fand ich richtig klasse. Und auch der Klappentext hat mich angesprochen.
    Als ich dann aber das Buch angefangen habe zu lesen, habe ich mir sehr schwer daran getan, mit dem Schreibstil der Autorin zurechtzukommen. Die vielen Einschübe und Zusatzinformationen in den Klammern haben mich ziemlich verwirrt und keinen richtigen Lesekomfort aufkommen lassen. Nach 150 Seiten habe ich es also erst einmal weggelegt und andere Bücher gelesen. :uups:
    Irgendwann habe ich es dann doch noch einmal versucht und bin besser voran gekommen. Ich musste mich einfach an den außergewöhnlichen Schreibstil gewöhnen. Und ich muss sagen, dass das Buch am Ende so spannend geworden ist, dass ich es nicht mehr aus der Hand legen konnte. Zusammenhänge wurden klarer und die Einschübe weniger. :thumleft:
    Ich denke also, dass man sich vielleicht zu erst durchbeißen muss, im Endeffekt aber dafür belohnt wird.

  • Luftig leichter melancholischer Teenagerroman - das passt nicht zusammen? Doch, für diesen Roman schon :-)
    Blue, Halbwaise und hochbegabter Teenager, zieht mit ihrem Vater jedes Semester in eine andere Stadt. Für die typischen Vergnügungen Jugendlicher bleibt da nicht viel Zeit: stundenlanges Telefonieren mit der besten Freundin, gemeinsam für den schönsten Jungen der Schule schwärmen, mit der Clique auf Parties gehen, ins Kino, heimlich rauchen und Alkohol trinken... Sie wächst ohne Freunde auf, denn die Zeit ist zu kurz um wirklich Anschluss zu finden. So bleiben Blue ihr allseits umschwärmter Vater und ihre Bücher, die ihr in gewisser Weise das echte Leben ersetzen.
    In ihrem letzten Highschool-Jahr entscheidet ihr Vater, Blues restliche Semester an einem Ort zu verbringen. Und das Erstaunliche geschieht: Sie wird in eine Clique aufgenommen (wenn auch unter merkwürdigen Umständen), die von allen Mitschülerinnen und Mitschülern bewundert mit. Mittelpunkt dieser Gruppe ist Hannah Schneider, eine Lehrerin der High-School, die alle Cliquenmitglieder abgöttisch verehren. Immer wieder fällt sie jedoch durch absonderliches Verhalten auf, was der Verehrung dennoch keinen Abbruch tut, ganz im Gegenteil. Als Hannah tot aufgefunden wird, beginnt Blue als Einzige mit Nachforschungen und stösst auf Ungeheuerliches.
    Das Hervorstechendste an diesem Buch sind die ständig wiederkehrenden Erwähnungen von anderen Büchern: Mal ist eines zu einem Zitat erwähnt, mal zu einer Situation in Blues Leben, die so oder so ähnlich dort geschildert wurde. Mal erklären diese Bücher woher Blue den Ansatz für ihre Überlegungen nimmt, mal dienen sie nur zur Beschreibung einer genauen Situation. Blue scheint sie alle gelesen zu haben und nun helfen sie ihr, all das Neue und Chaotische das in ihr Leben einbricht, einzuordnen und zu strukturieren. Zu Beginn wirkt es eher störend, ständig einen neuen Buchtitel vorgeführt zu bekommen, doch immer öfter ertappt man (also ich :-)) sich dabei, über das jeweilige Buch nachzudenken. Und wenn man es zufällig noch kennt, macht es richtig Spass.
    Beinahe 3/4 des Buches machen die Beschreibung von Blues fast normalem Teenagerleben aus. Es geschieht nicht allzu viel, aber es liest sich (siehe oben) luftig leicht melancholisch. Sieht man von den ständigen Bezügen auf Bücher oder wichtige Geschehnisse ab, ist der Ton eines Teenagers gut getroffen. Trotz ihres immensen Wissens und ihrer Intelligenz ist Blue weder arrogant oder überheblich, sondern oft voller Unsicherheit und Zweifel. Die anderen Personen werden (vielleicht gerade durch die Vergleiche mit Büchern oder deren Figuren sofern sie bekannt sind) mit Liebe zum Detail den Lesenden vor Augen geführt.
    Ein schöner Schmöker für ein gaaanz langes Wochenende!

    :study: Das Eis von Laline Paul

    :study: Der Zauberberg von Thomas Mann
    :musik: QUALITYLAND von Marc-Uwe Kling

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