Neclá Kelek - Islam im Alltag. Islamischen Religiosität und ihre Bedeutung in der Lebenswelt von Sch

  • Buchdetails

    Titel: Islam im Alltag: Islamische Religiosität...


    Verlag: Waxmann

    Bindung: Taschenbuch

    Seitenzahl: 198

    ISBN: 9783830911692

    Termin: Januar 2002

  • Bewertung

    2 von 5 Sternen bei 1 Bewertung

  • Inhaltsangabe zu "Islam im Alltag: Islamische Religiosität..."

    Die größte Migrantengruppe in Deutschland sind die etwa zwei Millionen Mitbürgerinnen und Mitbürger türkischer Herkunft. Der Islam spielt aus der Perspektive der Einwanderer eine wichtige Rolle für ihre Identität und Orientierung. In der Mehrheitsgesellschaft löst der Islam dagegen Furcht aus vor Kulturkonflikten und führt zum Teil zur ausgrenzenden Proklamierung einer deutschen Leitkultur. Ist die Annahme berechtigt, wonach die islamische Herkunftskultur der Migranten und die christlich-westliche Moderne des Einwanderungslandes kaum vereinbar sind? Ist die muslimische Religiosität ein Integrationshindernis? Die Ergebnisse dieser Untersuchung über die Praxis und Bedeutung der muslimischen Orientierung von türkischen Migrantenjugendlichen erweisen Gegenteiliges: Sie bekennen sich einerseits sehr eindeutig zu ihrer muslimischen Religion, passen aber andererseits ihre religiöse Praxis überwiegend differenziert, individuell und pragmatisch an eigene Bedürfnisse und Lebensumstände an. Deshalb entwickeln die Jugendlichen erkennbar eigene Kulturmuster auch im Bezug auf ihre Religiosität. Ihr Muslim-Sein ist nicht als traditionale Orientierung sondern als Traditionsbewußtsein zu verstehen. Es ist Ausdruck eines Wertekanons, wie ihn der Einzelne für sich in der Konfrontation mit der Moderne im Rahmen des türkisch-muslimischen common sense interpretiert. Es zeigt sich, dass ihr Muslim-Sein die Integrationsfähigkeit der Jugendlichen nicht hemmt, sondern als gelebtes Beispiel kulturellen Wandels fördern kann.
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  • Vor dem Verfassen der beiden viel diskutierten Titel Die fremde Braut und „Die verlorenen Söhne“ und dem Erlangen des Lehrstuhls an der Gesamthochschule Duisburg-Essen fiel Neclá Kelek zunächst durch ihre Doktorarbeit auf, die im Jahr 2001 eingereicht wurde und im Jahr 2002 zur Veröffentlichung kam. In einigen Diskussionen von Polito- und Soziologen, die ihre neueren Arbeiten betreffen wird dieser Arbeit eine wesentlich größere Wissenschaftlichkeit zugesprochen als den beiden bekannteren Werken, die als eher populistisch bezeichnet werden. Mit ein guter Grund, sich diese Arbeit einmal näher anzusehen.


    Klappentext:


    Die größte Migrantengruppe in Deutschland sind die etwa zwei Millionen Mitbürgerinnen und Mitbürger türkischer Herkunft. Der Islam spielt aus der Perspektive der Einwanderer eine wichtige Rolle für ihre Identität und Orientierung. In der Mehrheitsgesellschaft löst der Islam dagegen Furcht aus vor Kulturkonflikten und führt zum Teil zur ausgrenzenden Proklamierung einer deutschen Leitkultur. Ist die Annahme berechtigt, wonach die islamische Herkunftskultur der Migranten und die christlich-westliche Moderne des Einwanderungslandes kaum vereinbar sind? Ist die muslimische Religiosität ein Integrationshindernis?


    Die Ergebnisse dieser Untersuchung über die Praxis und Bedeutung der muslimsichen Orientierung von türkischen Migrantenjugendlichen erweisen Gegenteiliges: Sie bekennen sich einerseits sehr eindeutig zu ihrer muslimischen Religion, passen aber andererseits ihre religiöse Praxis überwiegend differenziert, individuell und pragmatisch an eigene Bedürfnisse und Lebensumstände an. Deshalb entwickeln die Jugendlichen erkennbar eigene Kulturmuster auch im Bezug auf ihre religiosität. Ihr Muslim-Sein ist nicht als traditionale Orientierung sondern als Traditionsbewusstsein zu verstehen. Es ist Ausdruck eines Wertekanons, wie ihn der Einzelne für sich in der Konfrontation mit der Moderne im rahmen des türkisch-muslimischen Common Sense interpretiert. Es zeigt sich, dass ihr Muslim-Sein die Integrationsfähigkeit der Jugendlichen nicht hemmt, sondern als gelebtes Beispiel kulturellen Wandels fördern kann.


    Eigene Betrachtungen:


    Gerade der letzte Satz des Klappentexts stimmt nicht wirklich mit den Ergebnissen der Untersuchung oder den von den Untersuchten gemachten Aussagen. Sätze wie: "Mensch ist Mensch, aber Türke ist besser." "Deutsche interessieren mich nicht." "Man sollte als Muslime keine Christen heiraten" sind nicht gerade integrativ, aber die mehrheitlich vertretenden Ansichten der Türkinnen und Türken in dieser Untersuchung an einer Wilhelmsburger Gesamtschule. Diese fühlen sich in Wilhelmsburg wohl, weil der Stadtteil vorwiegend türkisch ist und es in einigen Klassen 18 Türkinnen und Türken und drei Deutche gibt, die dann eben türkisch lernen, aber eigentlich "ohne Ehre" sind. Diese Jugendlichen, die sich so äußern zeigen sicherlich eine sehr große Integrationsbereitschaft. Wohl gemerkt, dies sind Zitate aus den Interviews mit den Jugendlichen aus dem Buch, das den oben abgedruckten Klappentext hat. Es wurden insgesamt an dieser Schule - die nicht wirklich repräsentativ zu nennen ist - 42 Jugendliche interviewt, von denen 8 näher vorgestellt werden. Dabei wurden bestimmte Gruppen - wie etwa Aleviten - ausgenommen, so dass bei einer statistisch nicht wirklich relevanten Gruppengröße auch noch unzulässige Beschneidungen gemacht wurden. Trotzdem behauptet der Klappentext eine Allgemeinverwendbarkeit der Ergebnisse, die die Autorin selbst (S. 172) in Frage stellt.


    Die acht Interviews werden immer wieder durch paraphrasierende Einschübe mit interpretatorischen Ansätzen unterbrochen, so dass man jede Äußerung inhaltlich mindestens zweimal präsentiert bekommt. Und das ist schon ein wenig ermüdend zu lesen. Außerdem dürften die Leserinnen und Leser etwa nach dem zweiten Interview wissen – und eigentlich schon seit den vorhergehenden Kapiteln – was die Haddsch und was Namaz ist, so dass eine nochmalige Erklärung im achten Interview wirklich nur noch irritieren kann. Und es werden auch nicht immer alle Aspekte bei allen Interviewpartnern abgehandelt, was die Vergleichbarkeit der Antworten stark reduziert.


    Im Ende der Betrachtungen erwähnt die Autorin noch den Aspekt der unterschiedlichen Auslebung der Religiosität von türkisch-muslimischen Migranten in Deutschland und Frankreich – wobei in Frankreich die banlieu-Ghettoisierung als Grund für die radikalere Religiositätsdarstellung gesehen wird – und wie dies speziell die Stellung der Frauen und ihrer Religiosität in diesen beiden Ländern beeinflusst. Hier wäre eine umfängliche Arbeit sicherlich interessant und gewinnbringend. Dass keine Radikalisierungstendenzen bei den interviewten Jugendlichen festzumachen waren, wird Kriminalsoziologen und Psychologen, die sich mit Extremismus beschäftigen nicht sonderlich überraschen, denn diese finden sich in der Regel eher in einer gebildeten Mittelschicht als in den sozial schwachen Wohngebieten von Migrantengruppen. Darum ist es nicht wirklich verwunderlich, dass diese Interviews keine entsprechenden Tendenzen nachweisen konnten. :thumbdown:

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