Siegfried Lenz - Deutschstunde

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Deutschstunde

4.4|46)

Verlag: dtv Verlagsgesellschaft

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 576

ISBN: 9783423134118

Termin: Februar 2006

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  • Ich hab Deutschstunde im Rahmen der Leserunde hier im Forum gelesen, das ist jetzt eine abschließende kurze Rezi.


    Kurzbeschreibung kopiert von der SZ:
    Siggi Jepsen sitzt in einer Jugendstrafanstalt. Er soll einen Aufsatz zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ schreiben, doch die Erinnerungen und Einfälle überschwemmen ihn unkontrolliert, sodass er seine Gedanken nicht geordnet zu Papier bringen kann. Er gibt ein leeres Heft ab, was als Ausdruck seiner Aufsässigkeit missverstanden wird. Zur Strafe muss er den Aufsatz unter verschärften Bedingungen in einer Einzelzelle schreiben. Siggis Erinnerungen führen ihn zurück ins Jahr 1943. Damals war sein Vater Polizist im norddeutschen Dorf Rugbüll und musste im Auftrag der Nationalsozialisten seinen ehemaligen Jugendfreund und Maler Nansen überwachen, der mit einem Malverbot belegt worden war. Siggi aber wird zum Verbündeten des Malers, versteckt dessen Bilder und warnt ihn vor drohenden Gefahren. Doch dann kommt das Ende des Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Herrschaft. Mit einem Mal finden sich die Beteiligten in neuen Rollen wieder. Nicht alle kommen mit den veränderten Verhältnissen zurecht, und am Ende landet Siggi in der Jugendstrafanstalt, in der er sich schließlich mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt.


    Meine Meinung:
    Deutschstunde war kein Roman, der sich mal schnell so nebenher liest. Lenz schreibtz detailliert, in langen Sätzen, die Landschaftsbeschreibungen wirken wie Bilder. Gerade deshalb hat es mir aber so gut gefallen, wenn ich es auch viel langsamer gelesen hab als andere Bücher. Die Thematik ist interessant, Lenz lehrt Geschichte so nebenher, erhebt nicht groß den Zeigefinger, sondern zeigt anhand einzelner Personen die Tragik auf. Bis kurz vorm Schluß ist nicht völlig klar, warum Siggi, der gegen die Befehle aus Berlin war, eigentlich in die Strafanstalt gekommen ist. Mein Tipp: lesen, sich aber genügend Zeit dafür nehmen.

    1. (Ø)

      Verlag: Süddeutsche Zeitung / Bibliothek


    Liebe Grüße,
    Azrael


    Aktuelles Buch: "Schwarz zur Erinnerung" von Charlene Thompson

  • Beim Suchen habe ich festgestellt, dass es hier vor vier Jahren schon eine Leserunde zu diesem Roman gab! :uups:


    Trotzdem, unsere Leserunde war sehr schön und hat uns allen diesen Klassiker sehr nahegebracht. Azraels Meinung kann ich mich nur anschließen. Lenz selber wertet nicht, er verurteilt nicht und zeigt nicht mit dem Finger auf bestimmte Figuren. Rückschlüsse muss man schon selber ziehen - und das ist oft gar nicht so einfach! :wink:
    Ein Buch, das man wirklich nicht einfach so nebenbei lesen kann, das einen aber trotzdem so fesselt, dass man es kaum aus der Hand legen kann.


    Ich finde, "Deutschstunde" hat seine Bezeichnung "Klassiker" wirklich verdient! :thumleft:

  • Es gibt auch eine ganz interessante Verfilmung dazu, die sich ebenfalls nicht so nebenbei verdauen lässt.

  • Die habe ich bei Amazon auch schon gesehen... bestimmt sehr spannend zu sehen, wie dieser Roman verfilmt wurde!

  • Zitat

    Original von Strandläuferin
    Beim Suchen habe ich festgestellt, dass es hier vor vier Jahren schon eine Leserunde zu diesem Roman gab! :uups:


    Ich glaube nicht, dass das schlimm ist, zumindest waren die Teilnehmer der diesjährigen Leserunde 2004 noch keine Büchertreffler - außerdem ist das Buch es wert immer und immer wieder behandelt zu werden !


    Zitat

    Original von Strandläuferin
    Ein Buch, das man wirklich nicht einfach so nebenbei lesen kann, das einen aber trotzdem so fesselt, dass man es kaum aus der Hand legen kann.


    Dem kann ich mich nur anschließen - zumal mir quasi nebenbei auch noch ein toller Maler nahe gebracht wurde - Emil Nolde, der als Vorlage für Max diente.


    Ich werde mal versuchen, die DVD in der Bibo zu bekommen.


    LG,
    Casoubon.

  • Zitat

    Original von Casoubon


    Ich glaube nicht, dass das schlimm ist, zumindest waren die Teilnehmer der diesjährigen Leserunde 2004 noch keine Büchertreffler - außerdem ist das Buch es wert immer und immer wieder behandelt zu werden !


    Hoppla :-?...aber 2004 ist ja schon gaaanz lange her. :drunken:
    Und du hast Recht, das Buch ist es wirklich wert immer wieder behandelt zu werden. :thumright:


    Die Verfilmung dazu werde ich mir auf alle Fälle auch anschauen. Ich werde nächste Woche mal schauen, ob ich die DVD bei uns in der Bibo bekommen kann.

    Narkose durch Bücher - Das Richtige ist: das intensive Buch.
    Das Buch, dessen Autor dem Leser sofort ein Lasso um den Hals wirft, ihn zerrt, zerrt und nicht mehr losläßt.


    :study: Sarah J. Mass - Throne of Glass / Die Erwählte :study:

  • Ein perfekt durchdachtes Werk mit vielen interessanten Motiven! (Ich werde nur das Leitmotiv erwähnen.)

    Siggi, der Erzähler, erzählt uns seine Geschichte aus zwei verschiedenen Perspektiven heraus. In der Rahmenhandlung sitzt er als Jugendlicher in einer Anstalt für schwererziehbare Jungs ein. Zu Beginn der Lektüre erfährt der Leser nicht, weshalb Siggi dort einsitzt, noch die Jahreszahl, und ob sich diese Handlung noch während des zweiten Weltkrieges oder danach abspielt. Und so baut sich von Anfang an einen Berg von Fragen auf, und steigert damit die Spannung.
    Siggi muss zu dieser Zeit eine Strafarbeit schreiben. Das Thema lautet: “Freude an der Pflicht”, was zugleich auch der rote Faden ist, der sich durch den ganzen Roman zieht.
    Den Aufsatz den er dann schreibt beginnt mit dem Jahr 1943, seine Kindheitserinnerungen, die die Binnengeschichte ausmacht.


    Sein Vater ist Polizist von Rugbüll oben an der dänischen Grenze. Dieser fährt bei Wind und Wetter mit seinem Fahrrad die Gegend ab, fährt über die Deiche und erkämpft sich mühsam die Höhenunterschiede. Ab und an sitzt Siggi mit auf dem Fahrrad und begleitet seinem Vater. Bei dem Maler Max machen sie oft Halt und plaudern eine Weile, aber 1943 muss der Vater dem Maler eine andere Botschaft aus Berlin übermitteln: Max darf nicht mehr malen, er hat Malverbot!


    Aus dieser Situation heraus entwickelt jetzt Lenz seine Absicht. Er erläutert anhand dieser drei Figuren das Wort “Pflicht” und dessen Bedeutung ohne dabei zu werten.
    Der Vater spiegelt dabei die Rolle des Pflichtbewusstseins, der seine Erfüllung nur in der Pflichtausübung finden kann, pflichterfüllt ist, und diese Eifer grenzt an Verantwortungslosigkeit. “Freude an der Pflicht” wird hier zum Fatalismus, und lässt damit dem Faschismus Einzug, auch über seine eigene Persönlichkeit.


    “Die Freude an der Pflicht” empfindet der Maler Max beim Malen, wenn man das überhaupt als Pflicht bezeichnen kann, denn es ist seine Lebensphilosophie. Über äußere Pflichten setzt sich diese Figur hinweg, und folgt seinem Inneren.


    Als Kind ständig hin und her gerissen, zwischen dem langjährigen Freund Max, und dem strengen Pflichtbewusstsein seines Vaters; Siggi vernichtet die Bilder mit und rettet sie auch teilweise; entwickelt er nun seine “Freude an der Pflicht”.


    Der erste Teil des Buches hat mir ausgezeichnet gut gefallen, der Mittlere hatte seine Längen, und der Schluss war etwas zu abrupt. Aber durch dieses Ende liefert der Roman sehr viel Diskussionsstoff. Insgesamt mochte ich das Werk gerne lesen, es hat mir viele nachdenkliche Stunden gebracht, und sprachlich bin ich auf meine Kosten gekommen.

  • So beschreibt es Amazon: Siegried Lenz’ berühmtester Roman, sein Opus magnum über Siggi Jepsen, Insasse einer Anstalt für schwererziehbare Jugendliche, der im Deutschunterricht einen Aufsatz über die »Freuden der Pflicht« schreiben soll. Erst gibt er ein leeres Heft ab, dann erzählt er die Geschichte seines Vaters, dem nördlichsten Polizeiposten Deutschlands, der den Pflichten seines Amtes so rückhaltlos ergeben ist, dass er nicht zögert, das von den Nazis verhängte Malverbot seinem Jugendfreund Max Ludwig Nansen, einem international bekannten Maler, zu überbringen und unnachsichtig zu überwachen.


    Ich gehe eigentlich davon aus, dass ich den bestehenden Thread nicht gefunden habe?? Ich selbst habe das Buch letztens noch einmal gelesen, weil das letzte Mal so lange zurückliegt. Auch wenn ich nciht die Begeisterung empfand, die ich beim ersten Mal als Jungendlicher fühlte, blieb doch der Eindruck bestehen, dass man es hier mit einem wirklich großen Buch zu tun hat. Hier stimmt sehr viel. Sprachliche Virtuosität, ein großes Thema, starke Bilder und glaubhafte Personen, alles da. Gut, der Stil ist nicht modern, es ist der Nachkriegsstil, wie er auch von Böll oder Grass benutzt wurde. Das mag für heutige Leser holprig und schwer verdaulich wirken, Kunst ist es allemal.
    Und das Thema, Autorität, Gehorsam, Moral lässt er sehr eindringlich lebendig und erfahrbar werden. Das Spannungsfeld zwischen Sohn und Vater ist aufregend und beherrschend dargestellt. Kunst als Waffe des Aufbegehrens schwingt immer mit. All das ist wundervoll verwoben zu einer fesselnden, spannenden und lehrreichen Geschichte. Ein wichtiges, gute Buch.


    Aber, wie ich oben schon andeutete, ist das alles wohl nicht mehr wirklich zeitgemäß. Die Frage ist für mich, hat sich diese Thematik und damit auch dieser Stil erledigt? Braucht man diese Sichtweisen nicht mehr? Kann man/ darf man auch heute noch so schreiben? Ich weiß das nicht, kann das wohl auch nicht wissen, dazu bin ich wahrscheinlich einfach zu alt. Mir helfen solche Bücher immer noch, zu verstehen.


    Für mich ist die Deutschstunde DAS Buch von Lenz überhaupt, alles andere hat mich nie wirklich tief berührt. Dieses Buch aber gehört zu den Büchern meines Lebens und ist aus diesem nicht mehr weg zu denken. Möge es auch heute noch Leser finden!

  • Ich gehe eigentlich davon aus, dass ich den bestehenden Thread nicht gefunden habe??

    richtig - ich hab deinen Beitrag an den Thread angehängt :wink:

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Ha Jin - Nanking Requiem

    :study: James Hawes - The shortest history of Germany

  • richtig - ich hab deinen Beitrag an den Thread angehängt

    Ich hatte nicht bei Klassiker geguckt! War mir zu neu das Buch. Da sieht man mal wieder was ich für ein alter Sack bin.

  • Vor 50 Jahren erschien die "Deutschstunde" von Siegfried Lenz. Es war eine Zeit, in der eine Neuerscheinung noch ein gesellschaftliches Ereignis darstellen konnte und sehr breit diskutiert wurde. Und genau das passierte mit diesem Werk. Und es kam ja auch einiges Zusammen: Da war zum Einen die Sprachgewalt Lenz´, die das Buch zu einem großen Lesegenuss werden ließ. Aber zum Anderen natürlich auch das Thema, das auf eine erfrischend neue Art auf die Nazizeit blickte. Das war spannend, verstörend und dennoch auf anspruchsvolle Art sehr unterhaltsam.

    Was damals extrem modern wirkte, hat beim heutigen Lesen tatsächlich sogar etwas altbackenes - 50 Jahre sind eine ganze Menge, da nagt der Zahn der Zeit. Aber es ist immer noch ein sehr, sehr lesenswertes Buch und die Problematik, um die es geht, ist ja keineswegs erledigt. Im Gegenteil, es erscheint mir alles hochaktuell zu sein.

    Für mich steht dieses Werk immer noch wie ein Fels in der Brandung, wobei die Brandung die Flut an Gebrauchs- und Unterhaltungsliteratur ist, die ein netter Zeitvertreib ist, aber schon auf Wirkenwollen vollkommen verzichtet.

    Herzlichen Glückwunsch zum Geburtgstag!

  • Klaus V. Ich habe deinen Post an den Rezensionsthread angehängt

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Ha Jin - Nanking Requiem

    :study: James Hawes - The shortest history of Germany

  • Hier stimmt sehr viel.

    Hier stimmt sogar alles! Sprache, Thematik, glaubhafte Charaktere, und auch der Schreibstil - nuja, ich weiss nicht, ob man es wirklich altbacken nennen muss... ich lese Böll, Grass und Lenz sehr gerne, und sooo alt fühle ich mich noch nicht (fast Mitte Vierzig). Okay, eine actionreiche Sprache gibt es hier nicht; der Erzähler hält oft inne, möchte erstmal die Szenerie beschreiben, das Personal, bevor es dann mit der Geschichte weitergeht. Ich mag so was. Ein Erzähler, der sich Zeit nimmt, sichergehen will, dass auch der Leser es genauso vor Augen hat, wie es gewünscht wird.

    Aber, wie ich oben schon andeutete, ist das alles wohl nicht mehr wirklich zeitgemäß.

    Aber ich hoffe doch sehr! Für mich ist das nicht (nur) ein Roman zur Vergangenheitsbewältigung (Nazidiktatur, etc), sondern kann in abgemildeter Form auch getrost auf heutige Zeitgenossen angewendet werden. Pflichterfüllung, blinder Gehorsam, wenn andere für einen denken,... Die spannende Vater-Sohn-Beziehung. Wie Buchkrümel oben schon schrieb, bietet die Handlung viele interessante Motive, und ich wünsche dem Roman unbedingt noch viele begeisterte Leser.

    Für mich ist die Deutschstunde DAS Buch von Lenz überhaupt, alles andere hat mich nie wirklich tief berührt.

    Ja, ich glaube es ist auch Lenz erfolgreichstes Werk. Vielleicht bin ich noch ein wenig im Überschwang der Freude, aber ich denke auch, dass "Deutschstunde" das bisher bestes ist, was ich von Lenz gelesen habe - zum Glück noch nicht alles - aber jahrelang war ich vom "Feuerschiff" als das Nonplusultra überzeugt (auch hier Vater-Sohn-Beziehung, Widerstand und Verantwortung übernehmen). Also ja, Deutschstunde vielleicht das Beste von Lenz, aber bisher hat mich auch alles andere von ihm tief berührt.

  • bisher hat mich auch alles andere von ihm tief berührt.

    Mich hat dieses hier am meisten berührt.


    Du hast es ja auch schon gelesen und ebenso wie ich mit 5 :bewertung1von5: bewertet.

    Gesegnet seien jene, die nichts zu sagen haben und den Mund halten. (Oscar Wilde)


    Bücher sind auch Lebensmittel. (Martin Walser)



  • Mich hat dieses hier am meisten berührt.

    Mich übrigens auch.

    Und zwar sehr.

    Allein schon der erste Satz...

    :study: Robert McLiam Wilson, Ripley Bogle (MLR).

    :musik: Charles Lewinsky, Melnitz.

    :study: Kent Haruf, Unsere Seelen bei Nacht.

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