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Tino Hemmann - Und weil die Stunde kommt [mit Autor]

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  • Dann fang ich mal an.


    Nun ist, zu meinen eigenen drein und meinen bisherigen sieben Buchkindern, ein weiteres hinzugekommen: Haydar, der kleine Löwe, bürgerlich Elias genannt.


    Elias ist ein Kind des heutigen Afghanistans, das soweit weg von unseren Gefilden nicht ist. Es gibt kaum ein Land dieser Erde, das eine solch lange Kriegszeit hinter sich hat. Seit 1979 (!) herrscht in Afghanistan der Kriegszustand. das sind immerhin 27 Jahre. Elias wurde in diesem Krieg geformt.
    Reist man heute nach Kabul, so wird man überall sowjetischen - aber auch neuzeitlichen Kriesschrott zu sehen bekommen. Viele landwirtschaftliche Flächen sind verkarstet, andere werden zum Mohnanbau genutzt. Seitdem die Taliban zurückgedrängt wurden, wird wieder Rohopium erzeugt, weil dies oft die einzige Geldquelle der ländlichen Bewohner ist. Dieser Zustand wird natürlich erbarmungslos von den Drogenbaronen ausgenutzt.


    Die Kriege hinterlassen unzählige verletzte, kranke und elternlose Kinder.
    Davon konnten sich auch die heute stationierten Bundeswehrsoldaten überzeugen.


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    Ein von einer Landmine verletzter Junge in einem mobilen Lazarett der Truppe.


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    Zerstörung und Kriegsschrott, das Ergebnis von 27 Jahren Krieg.



    Zurück zum Buch. Die arabischen Dialoge sind umfangreicher als die deutschsprachigen, vielleicht stolpert manch Leser(in) darüber, vieles wird bildhafter beschrieben, oft wird übertrieben schöngeredet, auch wenn der Redner keinesfalls so denken muss.


    An dem Tag, an dem Paul Elias wiederfindet, könnte dieses Photo aufgenommen worden sein:


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    Mehr Bilder vom heutigen Afghanistan findet ihr auf meiner Hompage


    http://www.tino-hemmann.de



    Nun bin ich auf eure Meinungen gespannt. Eine kenn ich ja schon ...

  • Hallo,


    also, ich mache dann mal den Anfang.. :wink:
    Ich bin jetzt auf Seite 73 und habe mich so richtig eingelesen! Mein erster Eindruck ist sehr positiv und ich freue mich auf jede Minute, die ich weiterlesen kann.


    Generell finde ich es klasse, dass der sprachliche Stil eindeutig Tino Hamman zugeordnet werden kann. Da ich die Sprache schon beim Unwerten Schatz bemerkenswert fand, gefällt mir das natürlich.


    Während der ersten Seiten hatte ich jedoch kleine Anlaufschwierigkeiten. Der Dialog zwischen Haydar und Paul wirkte auf mich ein wenig leblos und gestellt. Vielleicht lag es daran, dass man die Unterhaltung nicht in einen szenischen Kontext einordnen konnte und auch die Art der Dialoge etwas gewöhnungsbedürftig war/ist. Aber die Leblosigkeit hat sich für mich schnell aufgelöst und schon bald war ich komplett im Buch versunken.


    Toll ist auch die Art, wie die beiden Charaktere durch Rückblenden an Form gewinnen. Wie auch schon beim Unwerten Schatz stiegen mir konkret bei einer Situation (47ff.) die Tränen in die Augen, so ergreift mich manchmal das Buch.
    Allerdings passiert mir das nicht bei den (z.T. ebenso schrecklichen) Schilderungen von Paul. Ist das vielleicht so gewollt, dass seine Erzählungen noch etwas 'entfernter' wirken, da er ja als Journalist auftritt und damit seine Berichte an der nicht enden wollender Flut ähnlich gelagerter Medienberichte anlehnt?


    Die Bedeutung bzw. das Gebahren der Medien ist übrigens auch ein spannender Aspekt von 'Und weil die Stunde kommt' Hat definitiv Diskussionspotential!!


    Ich bin mal gespannt, wie es weitergeht und in wie fern sich das Schicksal Haydars und Pauls weiterentwickelt. Auch interessant, wie sich Pauls Schicksal sprachlich entwickeln wird...vielleicht vom Erzählen zum Erleben?


    @ Hemmi
    Mich würde noch interessieren, wie Sie sich auf 'Und weil die Stunde kommt' vorbereitet haben? Waren Sie z.B. vor Ort?
    Und wieviel autobiographisches steckt in der Person Pauls :)?


    LG,
    Steffi

  • Zitat

    Mich würde noch interessieren, wie Sie sich auf 'Und weil die Stunde kommt' vorbereitet haben? Waren Sie z.B. vor Ort?


    Eine chinesische Studentin schrieb mir vor Jahren einen Brief. Darin teilte sie mir mit, sie hätte meine Buch Shinkh gelesen und ihre Heimatstadt sofort wiedererkannt. Sie fragte mich, wie lange ich in China war. Ich schrieb ihr zurück, dass ich durch den Sinai auf einem Kamel geritten bin, dass ich in LA und Lissabon war, auch in Kiew und Prag. In China aber war ich noch nie, ebensowenig in Afghanistan.


    Ich habe das Buch fünf Jahre lang vorbereitet. Berichte gelesen, die ich mir von pakistanischen Hompages übersetzt habe, ein wenig Urdu und Indisch gelernt, meinen Schwiegervater befragt, der zwei Jahre lang humanitäre Hilfe im Nordosten Pakistans leistete, mit Leuten geredet, die dort waren. Bilder interpretiert und ebenso die Aufzeichnungen russischer Friedensorganisationen. Alles andere ist der Vorstellungskraft überlassen (siehe Karl May). Ich beobachte Menschen sehr genau und oftmals stehen deren Handlungen Pate für die Buchfiguren. Das Merkwürdige für mich als Autor ist schließlich, dass ich beim späteren Lesen des Buches das Gefühl habe, ich würde die Personen kennen.
    Ich schreibe immer das auf, was ich gerade vor mir sehe, manchmal fällt einem nachts im Bett etwas ein, im Halbschlaf kommen die besten Gedanken. Mitunter grüble ich sehr lange, um eine zerfahrene Situation zu retten. Manchmal hinterlege ich die letzten zehn Seiten und klicke auf entfernen, weil sie mir nicht gefielen.
    Ja, tatsächlich, das Gespräch am Anfang wirkt etwas müde. Und doch empfinde ich es als sehr wichtig. Die 1 : 1 Situation Paul - Haydar ist die Grundlage des Buches. Hier trifft Paul eine Entscheidung, die sein Leben verändern wird. Als Journalist hat er die Aufgabe zu beobachten, zu lauschen. Keineswegs darf er sich in Situationen einmischen, irgendetwas beeinflussen. Gerade dieser Punkt sorgt häufig dafür, dass Journalisten als "kalt" hingestellt werden. Ein Unfall geschieht, alle wollen helfen, der Journalist fotografiert ...


    Die Figuren sind frei erfunden. Doch immer wieder tauchen Spuren von Tatsachen auf, der Schuhtransport, die Vernichtung des Dorfes, andere Dinge, die ich nicht vorweg nehmen möchte. Das kindliche Verhalten von Haydar, der zwölf, dreizehn Jahre alt ist und sich einbildet ein Mann zu sein, weil man ihn dazu verdammt hat, das ist eine Beobachtung, die man auch bei uns in jedem Jugendclub findet, die jeder Junge durchgemacht hat. - Den Erwachsenen nacheifern, den vermeintlichen Vorbildern. Gerade die Situation des Dialoges am Anfang war das erste Blatt, das ich zu diesem Buch beschrieben habe. Dieser Dialog war der Beginn. Meiner Phantasie war es überlassen, aus dem Dialog eine Erzählung, eine Kurzgeschichte oder einen Roman werden zu lassen.


    Vor einigen Jahren fuhr ich in Leipzig am Völkerschlachtdenkmal vorbei. Es ist ein Monument, 95 Meter hoch, oben eine offene Plattform. Nach der Völkerschlacht sollte es den neuen Zusammenhalt des deutschen Kaiserreiches untermauern. In diesem Moment dachte ich mir, wie wohl ein Dialog auf der Plattform zwischen einem Jugendlichen und einem Rentner wäre, wenn sich beide gleichzeitig mit dem Gedanken trugen, von der Plattform zu springen (was leider recht häufig passiert).
    Auch hier war es ein Dialog, den ich aufschrieb. Sie erzählen sich gegenseitig ihre Lebensgeschichte, der eine ein Straßenkind, der andere eine gescheiterte Existenz. Nun, da sie sich einander zuhören, rückt der Suizidgedanke mehr und mehr in den Hintergrund. Auch da war ein Dialog Grundlage eines Buches (500 Stufen über Leipzig). Das Buch wurde vom Verein Straßenkinder e.V. in Leipzig hoch gewürdigt. Offiziel gibt es sie ja nicht, diese Straßenkinder.


    "Und weil die Stunde kommt" ist im übrigen mein erstes Buch, zu dem ich mir keinerlei Aufzeichnungen zum Fortgang der Handlung machte, die Geschichte entwickelte sich fort. Das Ende des Buches ist so, weil meine Frau es so wollte.
    Der Arbeitstitel war lange Zeit "Der Löwe und das Geheimnis der Al-Qaida". Beim dritten Lesen des Korans stolperte ich zum dritten Mal über diese Feststellung, die in jedem Glauben eine Rolle spielt, selbst bei Menschen, die an nichts mehr glauben: Es wird sein, dass ich eines Tages sterbe. Eine pauschale Feststellung, die bisher für jedes Lebewesen zutraf. Da dieser Titel erstaunlicherweise noch nicht vergeben war, setzte ich die Sure an den Anfang des Buches, denn es ist die wichtigste Stelle im Koran und sie ist nicht irgendwann später dazugekommen.


    So, ich glaube für heute habe ich genug geschrieben.
    Ich muss immer lächeln, wenn an der Seite unter meinem Nicknamen "Gelegenheitsleser" steht. Beruflich bedingt lese ich immer an die zwanzig Bücher gleichzeitig und pro Woche wenigstens zehn bis fünfzehn Stück ...

  • Zitat

    meinen Schwiegervater befragt, der zwei Jahre lang humanitäre Hilfe im Nordosten Pakistans leistete,


    Bevor es in der Familie Ärger gibt, er war natürlich im Norden Afghanistans.

  • Zitat

    Original von Hemmi
    Ja, tatsächlich, das Gespräch am Anfang wirkt etwas müde. Und doch empfinde ich es als sehr wichtig. Die 1 : 1 Situation Paul - Haydar ist die Grundlage des Buches.


    Hallo Tino,


    ich habe erst die Hälfte und möchte eigentlich erst am Ende eine Gesamtmeinung aufschreiben.


    Das erste was mir auffiel war der lange Dialog. Da ich, wie Du weisst, selber schreibe und es kontrovers diskutiert wird, einen Dialog an den Anfang zu setzen, war ich sehr erstaunt, dass Du es getan hast. Aber, da ein Prolog voranging, war der Leser dadurch schon gefesselt, hätte der Dialog direkt am Anfang gestanden, hätte es sein können, dass der Leser abspringt. Betonung liegt auf "hätte es sein können". Ich fand den Dialog perfekt als Einstieg, wenngleich er mir anfangs "aufgesetzt" vor kam. Immer wieder die Fragen doppelt, bzw. wiederholt, keine Antwort abgewartet. Aber im Verlauf des Dialoges merkt man, dass Paul so reden musste, weil er spürte, Haydar aus der Reserve locken zu müssen, um überhaupt an ihn rankommen zu können. Vieles ergibt halt erst mit dem Weiterlesen die nötige "Tiefe" und den Sinn des vorangegangenen Geschriebenen. Der Dialog war am Ende für mich nicht mehr aufgesetzt, lahm oder trocken, im Gegenteil! Und ausserdem war am Ende des Dialoges klar, wie Du schon sagst, dass das der Grundstein war für ALLES...


    Aber mehr erst, wenn ich weiter bin und den ganzen Zusammenhang verinnerlicht habe! :wink:

    Liebe Grüße von Tanni


    :study: Ich lese gerade:montag:

    Lucie Clarke - Das Haus am Rand der Klippen


    2021 gelesen: 42

    Januar = 20, Februar = 22


  • Die ersten 100 Seiten habe ich auch gelesen und will schon mal ein Zwischenfazit ziehen.


    Schon im (2.) Prolog war ich recht erstaunt über das Einbeziehen der aktuellsten Ereignisse, den Einsatz der Bundesmarine vor dem Libanon. Das machte schon mal Appetit auf mehr dieser Lesekost. Bei dem sich dann anschließenden Dialog habe ich schon mal tief Luft geholt und gedacht mein Gott, was drängt der Journalist das Kind so. Aber je mehr ich dann las, verstand ich immer besser, warum er das tat. Sehr gut gefallen haben mir die Stellen an denen Paul Haydar erklärt, was Toleranz ist und warum auch Männer/Jungen weinen dürfen. Diese Stellen finde ich außerordentlich gelungen.


    Von der Geschichte des Haydar bin ich sehr berührt, dieses Kinderschicksal hätte wohl ohne weiteres eine wahre Geschichte sein können. Die des Paul überzeugt mich nicht so ganz, er stammt ja aus der ehemaligen DDR (ich auch) und sein Entwicklungsweg scheint mir etwas zu glatt zu gehen, z.B. die Anwerbung durch den Stasioffizier, jedenfalls habe ich die Erfahrung gemacht, dass es gegen den Strom dieses Systems nicht so leicht zu schwimmen war. Die Androhung, Paul könnte, wenn er keine Informationen liefert, als Dorfjournalist versauern, war ja für die Stasi eine eher harmlose Drohung.


    Mein Eindruck von diesem Buch ist bisher ein positiver. Die blumige Sprache gefällt mir gut, sie passt zum Handlungsort sehr gut.


    Was mir persönlich aber etwas fehlt, ist, dass mir persönlich dieses Buch bisher nicht unter so die Haut geht, wie ich es erwartete. Ich habe die schreckliche Geschichte des Jungen gelesen und war davon auch sehr berührt, aber das Gefühl ist nicht so nachhaltig, es flacht dann durch die Schilderungen der laufenden Geschehnisse immer wieder - für mich auch teils abrupt - ab.


    Bitte verstehe meine Äußerungen nicht falsch, ich finde das Buch bisher wirklich interessant und ich freue mich schon, dass ich weiterlesen kann.

  • Ich bin mittlerweile auch auf Seite 120 angekommen (3. Kapitel).


    Ich finde das Buch bisher sehr gut, auch wenn mir eine Sache nicht so ganz gefallen hat: Die ständigen Wiederholungen beim gesagten von Paul, seine Fragen immer doppelt zu stellen, ob nun eine Antwort oder eine Reaktion von seinem Gegenüber erfolgt oder nicht.


    Ich bin kein Psychologe und kenne mich auch nicht mit den Arabern bzw. dem Islam aus. Es ist durchaus möglich, dass hinter den Wiederholungen ein psychologischer Gedanke steht, z.B. dem Jungen Haydar aus seiner Verschlossenheit herauszulocken. Oder aber auch reden die Islamiten auch so, sich ständig wiederholend (die Franzosen betonen ja auch manches, indem sie Wörter doppelt sagen: 'Oui oui', Bien bien').
    Wenn es ab und an mal vorkäme, wäre es nicht schlimm, aber so wie es ist, finde ich es extrem störend.


    Ansonsten finde ich den Journalisten Paul bisher sehr gelungen und gut vorgestellt. Er ist ein Typ, der keine Angst zeigt, der gut auf seine Aufgabe vorbereitet ist und sich der aktuellen Situation gut anpasst (betet mit den Muslimen, weiß, wie er mit ihnen zu reden hat und kennt sich in deren Kultur und Religion gut aus). Er hat viele schlimme Situation erlebt und überlebt und macht trotzdem weiter. Mir ist noch nicht klar, ob seine Hartnäckigkeit aus Haydar dessen Geschichte rauszuholen, aus seiner journalistischen Neugier und seinem Wunsch ein Buch zu schreiben resultiert, oder ober er es aus barmherzigkeit und Nächstenliebe tut, um dem Jungen zu helfen; ich denke und hoffe, dass es im weiteren Verlauf klarer wird.


    Das waren meine ersten Eindrücke. Zu Haydar werde ich wohl in meinem nächsten Post mehr kommentieren.


    Liebe Grüße,
    Pytho

    :study::

    • Walter Moers - Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär

    Zuletzt:
    * J. Ketchum - EVIL *****
    * P.F. Hamilton - Die Dunkle Festung *****
    * A. Eschbach - Die Haartepichknüpfer *****

  • Die Meinungen sind für mich höchst interessant.


    Ja, ja, die Wiederholungen. Wie nah darf man an der Wirklichkeit schreiben.


    Eine Mutter steht vor ihrem Kind und bezichtigt es einer Lüge. Sie fragt es: "Hast du das gesagt?"
    Das Kind ringt um eine Antwort.
    Die Mutter wartet nicht. "Was ist nun, hast du es gesagt oder nicht?"
    Und bevor das Kind unter Tränen nickt oder an der Lüge festhält und den Kopf schüttelt, fragt die Mutter ein drittes Mal: "Ich will jetzt wissen, ob du das gesagt hast!" Meistens setzt sie dann noch ein drauf: "Das hast du doch gesagt!" - 4 Wiederholungen.


    Eine Episode, die jeder - sei es als Kind oder als Erwachsener - erlebt hat. Auch die deutsche Sprache lebt von Wiederholungen. Die arabische noch mehr. Ich will nah dran sein, also muss sich der Leser daran gewöhnen.


    Zum Dialog am Anfang noch die Bemerkung, dass man durch die Art und Weise, wie sich Personen artikulieren profan Charaktere darstellen kann. Dies ist Mittel zum Zweck. Der Prolog steht wirklich nicht zufällig ganz vorn.



    Zitat

    Die des Paul überzeugt mich nicht so ganz, er stammt ja aus der ehemaligen DDR (ich auch) und sein Entwicklungsweg scheint mir etwas zu glatt zu gehen, z.B. die Anwerbung durch den Stasioffizier, jedenfalls habe ich die Erfahrung gemacht, dass es gegen den Strom dieses Systems nicht so leicht zu schwimmen war.


    Gegen den Strom? Wo im Buch steht, ob Paul auf den Vorschlag eingegangen ist? Immerhin ist er Auslandjournalist geworden.


    Zitat

    Was mir persönlich aber etwas fehlt, ist, dass mir persönlich dieses Buch bisher nicht unter so die Haut geht, wie ich es erwartete.


    ABER


    Zitat

    Toll ist auch die Art, wie die beiden Charaktere durch Rückblenden an Form gewinnen. Wie auch schon beim Unwerten Schatz stiegen mir konkret bei einer Situation (47ff.) die Tränen in die Augen, so ergreift mich manchmal das Buch.


    Bei einer Lesung sagte eine Zuhörerin: "Das Buch Der unwerte Schatz wird niemals einen Neonazi zum Nachdenken anregen. Dafür ist es nicht hart genug."
    Ich rutschte fast unter den Tisch. Das Buch "Und weil die Stunde kommt" muss man wahrscheinlich bis zum Ende lesen, damit es unter die Haut geht. Tut es dies dann doch nicht, hat es nicht die emotionale Grenze eines Lesers überschritten, eines anderen Lesers vielleicht.

  • Hemmi, verstehe mich nicht falsch, manchmal sind Wiederholungen durchaus sinnvoll. Was hier aber störend wirkt, sind die "wörtlichen" Wiederholungen.


    Beispiel (Seite 161):

    Zitat


    Paul wartet einen Moment, dann sagt er: "Haydar weiß nicht, wer sein Feind ist."
    Der Kommandeur sieht Paul verwundert an und schweigt noch immer.
    "Haydar weiß nicht, wer sein Feind ist", wiederholt der Deutsche. "Er ist ein kluger Junge und er macht sich seine Gedanken. [...]"


    Wäre in der Wiederholung ein "Er weiß nicht, wer sein Feind ist" oder einfach nur "Er weiß es nicht[..]Er ist ein kluger Junge und[...]" besser?

    :study::

    • Walter Moers - Die 13 1/2 Leben des Käpt'n Blaubär

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    Einmal editiert, zuletzt von Pytho ()

  • Zitat

    Wäre in der Wiederholung ein "Er weiß nicht, wer sein Feind ist" oder einfach nur "Er weiß es nicht[..]Er ist ein kluger Junge und[...]" besser?


    Etwas Wahres ist da schon dran. Ich schau mal, was die Lektorin sagt ...

  • Nun, zu dem Dialog am Anfang - und den anderen Dialogen im Buch, von denen es ja im Großen und Ganzen lebt - würde ich sagen, dass sie das Buch gerade mit Leben für mich füllten. Der eher unvermittelte Gesprächsbeginn ist nicht neu, aber immer wieder eine nette Abwechslung gegenüber einer langen Exposition. Die häufigen Wiederholungen im Gespräch mit einem 13-Jährigen finde ich überhaupt nicht erstaunlich, weil ich nur zu gut weiß, wie oft die notwendig sind, wenn man mit Menschen dieses Alters zu tun hat :wink: Und auch später empfinde ich sie eher als nicht so störend, weil sie damit immer wieder auf Sprachstrukturen religiöser Texte - und besonders des Korans verweisen - die das Denken eines Teils der Handlungspersonen stark bestimmen. Da interessiert mich doch viel eher, ob israEliasisch ein Schreibfehler ist, oder gewollt als Verbindung zwischen Elias und Israels Rolle im Nahen Osten. Diese Schreibung kommt ein paar mal vor.


    Heute habe ich aus dem Buch in einer achten Klasse vorgelesen (nach einer Arbeit mach ich immer eine Lesungsstunde, in denen ich dne Schülerinnen und Schülern etwas Literatur vorstelle - ob sie wollen oder nicht :twisted: ). Der Kurs besteht zu etwa 70 % aus muslimischen Kinder im Alter zwischen 13 und 15. Sie waren sehr interessiert und einige haben sich nach der Stunde den Namen des Autoren aufgeschrieben. Auch die Zitate aus dem Koran (ich hatte auch die Widmung und die beiden Prologe gelesen) haben sie sehr beeindruckt. Ich bin - nach einer Einleitung bis zu dem ersten Besuch Pauls in Pakistan gekommen und nun würden die Schülerinnen nd Schüler lieber dieses Buch lesen als das, was ich ihnen aufgetragen habe. (Was aber nicht geschehen wird, da ich es eher für eine höhere Jahrgangsstufe für geeignet halte: zumindest als Unterrichtsmaterial)

  • Zitat

    Original von Hemmi



    Gegen den Strom? Wo im Buch steht, ob Paul auf den Vorschlag eingegangen ist? Immerhin ist er Auslandjournalist geworden.


    Gegen den Strom, da bin ich davon ausgegangen, dass er abgelehnt hat. Hätte er angenommen, was für mich der zu verachtende Fall wäre, dann hätte er meine Achtung gänzlich verwirkt.


    Zitat

    Das Buch "Und weil die Stunde kommt" muss man wahrscheinlich bis zum Ende lesen, damit es unter die Haut geht. Tut es dies dann doch nicht, hat es nicht die emotionale Grenze eines Lesers überschritten, eines anderen Lesers vielleicht.


    "Der unwerte Schatz" ist noch ganz fest in meinem Kopf verankert. Er ist für mich das Maß der Dinge. Ich mag es nicht zwei Bücher zu vergleichen, kam aber in diesem Fall nicht umhin. Sorry. Mir gefällt das aktuelle Buch, richtig gut sogar. Aber im Vergleich zu Hugo fehlt mir hier das i-Tüpfelchen. Ich muss zwischen meinen Lesezeiten nicht so intensiv über Haydar nachdenken. Dessen Schicksal hat mich schon stark berührt und auch mir blieb beim Lesen der S. 47 fast die Luft weg. Vielleicht liegt es auch daran, dass Hugos Geschichte voraussehbar war, man wusste ja was für Abscheulichkeiten es im 3. Reich gab. Bei Haydar habe ich noch keine rechte Vorstellung, worauf es hinauslaufen soll. (Ich hatte schon vermutet, dass mein Post etwas missverständlich war. Vielleicht konnte ich das jetzt korrigieren.)

  • Zitat

    Da interessiert mich doch viel eher, ob israEliasisch ein Schreibfehler ist, oder gewollt als Verbindung zwischen Elias und Israels Rolle im Nahen Osten. Diese Schreibung kommt ein paar mal vor.


    Mir ist das auch spät aufgefallen. Es wird natürlich korrigiert und ist keine Absicht. Wenn ich ELIAS schreibe, vergesse ich oft das "A", wahrscheinlich, weil A und S auf der Tastatur direkt nebeneinander liegen. Also dachte ich mir, machst du eine automatische Ersetzung im Word - statt Elis wird Alias. Denkste. In israelisch kommt Elis vor und wurde dort sauber in israElias umgewandelt. Das ist der ganze Grund.

  • Grundsätzlich: Ich bin ein Mensch, der auf harte Kritik angewiesen ist, sonst werde ich mich nicht weiterentwickeln. Also, immerzu, ich werde es absolut niemandem verübeln. Ehrenwort, hoch und heilig!



    ................................................................................................



    Zitat

    Gegen den Strom, da bin ich davon ausgegangen, dass er abgelehnt hat. Hätte er angenommen, was für mich der zu verachtende Fall wäre, dann hätte er meine Achtung gänzlich verwirkt.


    Das Leben ist das Leben. Was Paul damals getan hat, wird absichtlich verschwiegen. Auch ich will es nicht wissen.


    Einen großen Vorteil besitzt man als Autor gegenüber dem Leser: Was der Autor nicht will, lässt er einfach weg. Der Leser kann dies nicht. Er bemerkt erst nach dem Lesen, wenn er etwas nicht wollte. Für den zweiten Durchlauf hilft dann nur eine Schere. :wink:

  • Hemmi
    Bei mir gibt es in diesem Punkt nur ein Ja oder Nein, da ich ein positiv denkender Mensch bin, hab ich mich innerlich für Pauls Verweigerung entschieden. Das ist die Interpretationswahl die der Leser hat. :wink: Das war ja auch recht zu Beginn des Buches und ist für den Fortgang der Geschichte nicht bedeutungsvoll. Ich wollte das Buch damit nicht schlecht reden.

  • Zitat

    Bei mir gibt es in diesem Punkt nur ein Ja oder Nein, da ich ein positiv denkender Mensch bin, hab ich mich innerlich für Pauls Verweigerung entschieden.


    Vielleicht noch ein Wort zum Thema Geheimdienst: Betrachtet man die Dinge völlig unabhängig und objektiv von der durch die Bundesrepublik geschürten Hasspolitik gegenüber dem DDR-Geheimdienst und die Erhebung letztgenannten in einen "einmalig in dieser Form existierenden Teufelskreis", so stellt man folgendes fest: Der Bundesnachrichtendienst mit seinen verschiedenen Ausrichtungen wurde per Gesetz zu einem Geheimdienst erhoben, der der Stasi der DDR in nichts nachstehen muss. Immer mehr Informanten werden angeworben, die unter dem Deckmantel der Demokratie spionieren, andere bespitzeln, bis aufs Klo die Gespräche der Bürger verfolgen können, denn die Abhörtechnik ist mit der einer DDR nicht mehr zu vergleichen. In Pakistan ist es der ISI, der nichts anderes tut, in den USA der CIA oder der russische Geheimdienst FSB (Föderaler Sicherheitsdienst), der nach dem Putschversuch des KGB entstand. Man geht z.b. davon aus, dass derzeit wenigsten 130 FSB-Offiziere in der BRD spionieren ...
    Was ich damit sagen will: Es gibt nationale Interessen eines jeden existierenden Staates. Um diese zu schützen, bauen die Staaten Geheimdienste auf, die niemals einen guten Ruf haben können. Sicherlich war die Stasi kein humanitärer Verein, er bestand aus Menschen, die überzeugt wurden, andere Menschen auszuspionieren, zu denunzieren, den weiteren Lebensweg zu verbauen. Das aber immer im Sinne der regierenden Staatsmacht. Jede Nation, die über einen gut ausgebauten Geheimdienst verfügt, wird die allgemeingültige Volksmeinung über diesen von innen heraus steuern, um von anderen Dingen abzulenken.
    Der FSB hat ein Bürgertelefon eingerichtet, eine Art Seelsorge. Ist das nicht äußerst human?


    Was aber ist mit Anna Stepanowna Politkowskaja geschehen, einer Frau, die ich persönlich auf das höchste verehre. Die Journalistin, die neun Jahre älter ist als ich, berichtete als einzige objektiv aus Tschetschenien, sie stand in Verhandlung mit den Tschetschenischen Rebellen in Beslan und wurde im Flugzeug auf dem Weg nach Beslan vergiftet. Damals überlebte sie den Anschlag. Da es zu keinen Verhandlungen kam, wurden bei einer völlig bekloppten Erstürmung der Schule 320 Kinder getötet, weil man mit Flammenwerfern das verminte Dach in Brand setzte.
    Schon 2002 wollte sie im Moskauer Geiseldrama am Dubrowka-Theater vermitteln, was abgelehnt wurde. Das Ergebnis: alle 41 Geiselnehmer aber auch 129 Theatergäste sterben.
    Was mit Anna 2006 passiert ist, weiß jeder. Sie wurde hinterrücks erschossen, beseitigt. Hinter diesem Mord stehen mit Sicherheit keine Terroristen. Doch solange der Diktator Putin in Deutschland geherzt und geküsst wird, weil die großen Konzerne und damit auch die Bundesregierung, die bekanntlich in den Führungspositionen unserer gut verdienenden Konzerne involviert ist, den Rubel nach Deutschland rollen sehen wollen, und weil wir auf russische Gaslieferungen angewiesen sind, um das Diktat der Ölpreise zu umgehen (was mit Sicherheit trotzdem die Deutschen für lange Zeit beschäftigen wird), solange wird es in Russland keine Menschenrechte geben.
    Jetzt bin ich wieder vom Hundertstel ins Tausendstel gekommen.


    Noch ein paar Bemerkungen zum Irak. Grundsätzlich gab es von den Vereinten Nationen keinerlei Legitimierung des Angriffes der Amerikaner und Engländer (und ihren mitziehenden Verbündeten) auf den Irak, der Krieg wurde im nachhinein als Intervention verurteilt, alle Gerüchte, die den Krieg gerechtfertigt hätten, erwiesen sich als falsch. Die beiden Hauptschuldigen am Tod der mittlerweile 60.000 Zivilisten im Irak sind Tony Blair und Donald Rumsfeld, beide haben sich in den letzten Tagen aus der Schusslinie zurückgezogen. In dieser Woche wurde bekannt (die Medien durften wohl kaum berichten), dass sich Schiffe der Bundesmarine im Einsatzgebiet an dem Angriff auf den Irak beteiligt haben. Gewissermaßen eine NATO-interne Absprache zwischen den Bruderarmeen. Selbstverständlich gab es dafür keine vorausgegangenen Bundestagsentscheidungen. Ebenso wurde bekannt, dass sich seit längerer Zeit Bundewehrangehörige im Süden Afghanistans beteiligen. Bei den vielen Lügen, die auch Frau Merkel in letzter Zeit seit dem Zustandekommen ihres neuen Verhältnisses Bush vor dem Bundestag erzählte (z.b. über das angeblich erteilte Mandat des Einsatzes der Bundesmarine im Libanon), sollte man diesen allmählich in Bundesnacht umbenennen ...


    Sadam Hussein wurde vor drei Tagen zum Tode verurteilt. Während der Verhandlung wurden zwei Verteidiger der Mitangeklagten erschossen, ein Richter wurde ausgetauscht, weil er nicht die amerikanischen Interessen vertrat. Das Statut des Gerichtes wurde von Amerikanern geschrieben.
    Verhandelt wurde in erster Sache eine Vergeltungsaktion für einen geplanten Anschlag auf Hussein im Jahre 1982. Der Diktator ließ 143 männliche Bewohner des Ortes Dudschail hinrichten, darunter waren 38 minderjährige Jungen. Man sollte hierbei jedoch bedenken, dass im Jahre 1982 der Krieg zwischen Irak und Iran in vollstem Maße im Gange war und die Iraker massiv von den USA unterstützt wurden! Die taten damals nichts dergleichen. Sie wurden erst später munter, denn Hussein begann während seiner Herrschaft damit, die Kurden auszurotten (wenigstens 180.000 Menschen). Sein Vorbild waren die Deutschen Nazis im Umgang mit den Juden. Er setzte unter anderem Giftgas ein. Die Infal-Operation begann 1988. Hierfür hätte Saddam Hussein zweifellos aus völkerrechtlicher Sicht eine mehrfach lebenslange Haftstrafe verdient. Darüber wurde aber nicht verhandelt.
    1990 war die westliche Welt - auf Bestreben der USA - der Meinung, ein Embargo gegen den Irak würde Hussein zum Aufgeben zwingen. Diese mit der UNO durchgesetzte Entscheidung führte zu dem glorreichen Ergebnis, dass in den folgenden 15 Jahren 1.500.000 irakische Kinder (!) an Krankheiten und Hunger starben. Nur Hussein gab nicht auf. Im übrigen hat Hussein stets gegen militante Moslems gekämpft, so wie es die Amerikaner tun wollen.


    Summa summarum, betrachtet man die internationale Entwicklung der Menschheit, so sind wir heute an einem Punkt angekommen, der aus meiner Sicht, eine wesentlich größere Gefahr für die Menschheit darstellt, als sie zu Zeiten des kalten Krieges wischen den beiden Gesellschaftsordnungen war. Ein Heilmittel, die Gefahr für die Menschheit zu dämpfen, kann ich nicht vorschlagen. Meiner persönlichen Ansicht nach kann die Gefahr nur noch eingedämmt werden, indem Rüstungskonzernen wenigstens 80 Prozent Steuern vom Gewinn aufgelegt werden, mit denen die nationale Entwicklung alternativer Energiequellen vorangetrieben wird. Die dann von Öl und Gas unabhängigen Staaten sollten schleunigst die NATO verlassen. Jede Nation sollte sich wieder etwas mehr abschotten, dass die Glaubens-Kulturen nicht zu extrem vermischt werden, hier entstehen Reibungspunkte. Die Vereinten Nationen sollten darüber nachdenken, den beiden staatenlosen Völkern der Kurden und Palästinenser irgendwo auf dieser Welt Land zur Verfügung zu stellen, dass diese eigene Staaten gründen können. In einer Welt, in der eine intelligent entwickelte Menschheit an ihr eigenes Überleben denkt, sollte dies möglich sein.





    In unserer leider nicht.

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