Philippe Claudel - An meine Tochter

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  • Kurzbeschreibung:


    Ein Mann schreibt an seine Tochter. Es ist ein Abschiedsbrief. Seine Frau ist bei der Geburt des Kindes gestorben, seitdem hat das Leben jeden Sinn für ihn verloren. Doch während des Schreibens begreift er, dass er weiterleben muss – für seine Tochter.


    Meine Meinung:


    Wenn mich "Die grauen Seelen" von Claudel auch schon zutiefst bewegt hat,dieses hier hat mich an meiner empfindlichsten Stelle getroffen und umgehauen.Diese Stelle sind meine Kinder und meine Gefühle für sie.
    "An meine Tochter" ist eine Liebeserklärung,wie ich sie nie vorher gelesen habe.Ohne Schnörkel,ohne Pathos,einfach ganz viel ehrliches Gefühl und Gänsehautgarantie.
    Es hat nur hundert Seiten,aber mit so viel Gehalt,daß man glaubt einen 1000 Seiten-Wälzer gelesen zu haben.
    Ich habe noch bei keinem Autor so ein Gefühl von Seelenverwandtschaft empfunden,wie bei Claudel.
    Fantastisch!

  • Hallo Schoenchen,


    das hört sich ja sehr nach "Muss-Lektüre" an :wink:


    Ich habe es soeben auf meine Wunschliste gesetzt und freue mich schon es irgendwann zu lesen!


    Danke für die Vorstellung.

    Liebe Grüße von Tanni


    :montag: Ich lese gerade:

    :study: Arno Strobel - Offline


    2020 gelesen: 32

    Januar = 07 | Februar = 08 | März = 05 | April = 01

    Mai = 01 | Juni = 03 | Juli = 05 | August = 01
    September = 01| Oktober = | November = | Dezember =

    2019 gelesen: 50

  • Wow, hört sich wirklich super an. Werde mir das auch unbedingt zulegen müssen.
    (Das Forum tut meiner Brieftasche nicht gut... :study: :study: :study: ) :wink:


    Liebe Grüße
    Tink

  • Hört sich wirklich interessant an!
    Das Buch wird meinen SUB weiter anwachsen lassen... :uups:

    Ich :study:
    J.M.Coetzee - Das Leben der Tiere
    Erzählungen von Franz Kafka
    Gedichte von Allen Ginsberg und Cummings

  • Zitat

    Original von Schoenchen


    "An meine Tochter" ist eine Liebeserklärung,wie ich sie nie vorher gelesen habe.Ohne Schnörkel,ohne Pathos,einfach ganz viel ehrliches Gefühl und Gänsehautgarantie.


    Da kann ich nur zustimmen. Ich habe die 100 Seiten ist in einem Ruck verschlungen.
    Eine Geschichte zum Nachdenken über Werte, die wichtigen Dinge des Lebens...


    Toll !!! :thumright:

  • Auch diesmal konnte mich Claudel wieder packen. Dieses Buch ist ganz anders als "Monsieur Linh und die Gabe der Hoffnung" und doch wage ich schon beim zweiten Buch von ihm zu schreiben "typisch" Claudel. Mit wenigen Worten viel Aussagen.
    Hart und brutal ist die Umwelt des Ich-Erzählers. Seit dem Tod seiner Frau hatte er keine große Freude mehr an diesem Leben und sieht vieles aus einer kritischen und manchmal pessimistischen Ausgangslage. Streckenweise möchte man ausrufen: Denk doch nicht so schlecht! Und dann hinterfrägt man selbst. Denkt nach. Vieles steht zwischen den Zeilen.


    Und doch gibt es da jemand, der ihn wie ein "heller Stern" wieder ans Leben glauben läßt. Seine kleine 21-monatige Tochter. Da wird er weicher. Da glaubt er wieder an das Leben.


    Um nicht zu viel zu verraten höre ich mal auf. Für mich eine echte Buchempfehlung! :thumleft:

  • Ich habe das Buch fast in einem Rutsch gelesen, war leider nur durch einen Termin und den Schlaf unterbrochen worden. Dabei wirkt gerade hier das Lesen besonders wenn man es zusammenhängend hinkriegt. Ist das Buch auch in gewisser Hinsicht in kleine Unterabschnitte der verschiedenen Erzählperspektiven aufgeteilt, ist es doch auf beeindruckende Weise ein Ganzes, wo diese verschiedenen Niveaus in enger Beziehung stehen.


    Ich las es auf Französisch. Im Original heißt der Titel "J'abandonne", ein sehr vielschichtiges Wort, das mal "ich gebe auf, ich schmeisse das Handtuch", aber auch "ich überlasse mich" bedeuten kann. Sehr geschickt erzählt Claudel, wie der Ich-Erzähler am Verlust seiner Frau, aber auch an den verschiedensten Vermarktungen und Unmenschlichkeiten seiner Umwelt, DER WELT, verzweifelt und auch schon in gewissem Sinne "nicht mehr mitmacht" im angebotenen System (was sich schon durch das ganze Buch hinzog als Erfahrung, die zur definitiven Trennung von der Tochter führen sollte).



    Keine Ahnung, inwieweit alle typischen französischen Anspielungen für den Nichtfranzosen verständlich sind, aber eigentlich haben alle Personen, alle Bilder etc. einen greifbaren Hintergrund, so dass ich mich schon fast wundere, dass das Buch nicht von diesem oder jener angegriffen worden ist. Diese Querverweise sind überaus treffend!!! Einfach toll gesehen!


    Der deutsche Titel legt den Akzent auf den Brief an die Tochter. Okay. Es ist die "Form" des Buches. Aber die Hauptperson, die die Wende eigentlich herbeibricht, ist die Mutter, die von den Beauftragten (und unter ihnen unser Ich-Erzähler) benachrichtigt, um "bearbeitet" zu werden in Hinsicht einer Erlaubnis einer Organentnahme an der gerade verstorbenen Tochter.



    Spitzenklasse!

    Jan Trefulka - Der verliebte Narr

    Banana Yoshimoto - Kitchen

    Ernst Wiechert - Wälder und Menschen

    Trésor de la poèsie indienne - Des Védas au XXIème siècle (Schatzkiste der indischen Poesie - Von den Veden bis ins XXI.Jahrhundert)

    Constant Tonnelier - 15 days of prayer with Saint Therese de Lisieux


    (Un-)Gelesenes: https://www.buechertreff.de/user/2161-tom-leo/#library

  • "Wie Philippe Claudel die Seelen entblößt, das hat mir den Atem genommen." (Petra Hammesfahr)
    Dem kann ich mich nur anschließen.
    Tolle Geschichte, aber nicht im Sinne einer Unterhaltung, sondern eine hochwertige Lektüre, die zum Nachdenken anregt.
    Hinterlässt unglaublichen Eindruck, 100 Seiten, die wahnsinnig komplex und vielsagend sind. =D>

    2020: Bücher: 102/Seiten: 45 883
    2019: Bücher: 164/Seiten: 66 856
    ------------------------------

    "Das Nicht-Wahrnehmen von etwas beweist nicht dessen Nicht-Existenz"

    Dalai Lama

    ------------------------------

    Lese gerade:

    Bolton, Sharon - Ihr Blut so rein

    Keun, Irmgard - Das Mädchen, mit dem die Kinder nicht verkehren durften

  • Nachdem mich "Die grauen Seelen" total begeistert hat, habe ich mich gleich an die Lektüre von "An meine Tochter" gemacht.
    Es ist wirklich erstaunlich, wie wandelbar Philippe Claudel ist. Während in "Die grauen Seelen" eher eine düstere Stimmung herrscht, so findet man hier eine emotional berührende Erzählung.


    Vielleicht war es falsch beide Romane hintereinander zu lesen, aber "An meine Tochter" konnte mich nicht in dem Maß begeistern, wie es "Die grauen Seelen" getan haben. Vielleicht ist das anders, wenn ich dann selbst Kinder habe. Es hat mich berührt, aber nicht mitgerissen. Dennoch ist es eine empfehlenswerte Lektüre, weil Claudel für mich seit diesem Wochenende zu DEN großen Erzählern gehört.


    In Sternen: ****/*


    LG,
    Casoubon.

  • Ich kann mich den Vor-Rezensenten nur anschließen, ein großartiges Buch, es hat mich total ergriffen.


    Zitat von Scheonchen

    Es hat nur hundert Seiten,aber mit so viel Gehalt,daß man glaubt einen 1000 Seiten-Wälzer gelesen zu haben.


    Es bedarf schon der Klasse eines Philippe Claudel, so viele Themen auf so wenigen Seiten so eindringlich zu transportieren, so vieles zu sagen, ohne vieler Worte bzw. mit genau den richtigen Worten.


    Ich hatte auch das Glück, das Buch in einem Rutsch durchlesen zu können, und somit in der Welt des Protagonisten zu versinken, eine Welt, die seit dem Tod seiner Frau in ihrer Trostlosigkeit nicht zu überbieten ist. Ihn kann auf der Welt nichts mehr halten, er sieht nur mehr Dummheit, Oberflächlichkeit, Eitelkeit, Egoismus und Obszönitäten. Es ist nicht Hass, der ihn so auf die Welt blicken lässt, es ist vielmehr eine Mischung aus Phlegmatik und Sinnleere. Bis ein Stück Hoffnung in Person einer Frau, die gerade ihre 17-jährige Tochter verloren hat, in sein Leben tritt, und aus den vermeintlichen Abschiedsbrief zu einer ergreifenden Liebeserklärung macht.


    Zitat von tomfleo

    Keine Ahnung, inwieweit alle typischen französischen Anspielungen für den Nichtfranzosen verständlich sind, aber eigentlich haben alle Personen, alle Bilder etc. einen greifbaren Hintergrund, so dass ich mich schon fast wundere, dass das Buch nicht von diesem oder jener angegriffen worden ist.


    Meinst Du z.B. die "Schlampen-Diskussion" gleich zu Beginn des Buches mitsamt dem Benefiz-Gedanken? Damit konnte ich konkret nichts anfangen, die "Idee" lässt sich aber wohl auf viele Charity-Veranstaltungen umlegen. Bei Jean-Claude Decaux musste ich googeln...und habe erst dann den Witz verstanden ... Da geht dem Nicht-Franzosen sicher einiges verloren.


    Konkret ist mir da jetzt nichts aufgefallen, allerdings habe ich es sehr genossen, wie Claudel "Zeiterscheinungen" in die Mangel nimmt und uns selber einen Spiegel vorhält:


    Zitat

    Alle Welt schreckt heutzutage davor zurück, die Dinge beim Namen zu nennen: Ein Blinder ist ein Nichtsehender, ein Fernsehmoderator ein Künstler, und Tote werden bald Nichtlebende heißen" (Seite 10)


    Insgesamt ein ganz, ganz großartiges Buch, unbedingt lesen!! (und sich die Worte auf der Zunge zergehen lassen!)

    Herzliche Grüße
    Rosalita


    :study:
    Wenn das Schlachten vorbei ist - T.C. Boyle


    *Life is what happens to you while you are busy making other plans* (Henry Miller)

  • Oh, ich glaube nach so viel Lob muss ich das Buch auch schnell mal auf meine Wunschi setzen!
    Nebenbei habe ich noch festgestellt, dass "Die grauen Seelen" auf meinem Sub liegen :shock: :study: :study:

    "Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist." Elias Canetti

  • Freut mich sehr, Rosalita, dass Dir das Buch ebenfalls gefallen hat (wurde ja auch Zeut, hier den Faden wieder hochzuholen... :lol:


    Meinst Du z.B. die "Schlampen-Diskussion" gleich zu Beginn des Buches mitsamt dem Benefiz-Gedanken? Damit konnte ich konkret nichts anfangen, die "Idee" lässt sich aber wohl auf viele Charity-Veranstaltungen umlegen. Bei Jean-Claude Decaux musste ich googeln...und habe erst dann den Witz verstanden ... Da geht dem Nicht-Franzosen sicher einiges verloren.


    Tja, nach all der Zeit erinnere ich mich jetzt nicht mehr an die Einzelheiten, doch es gab eben Anspielungen aus dem französischen "Kulturleben" im weitesten Sinne, die dem Nichtfranzosen kaum geläufig sein können. Für so etwas würden sich ja eigentlich ganz kleine Fußnoten eignen, aber bei zeitgenössischen Werken ist das nicht üblich. Wäre aber die Überlegung wert?!

    Jan Trefulka - Der verliebte Narr

    Banana Yoshimoto - Kitchen

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    Trésor de la poèsie indienne - Des Védas au XXIème siècle (Schatzkiste der indischen Poesie - Von den Veden bis ins XXI.Jahrhundert)

    Constant Tonnelier - 15 days of prayer with Saint Therese de Lisieux


    (Un-)Gelesenes: https://www.buechertreff.de/user/2161-tom-leo/#library


  • Tja, nach all der Zeit erinnere ich mich jetzt nicht mehr an die Einzelheiten, doch es gab eben Anspielungen aus dem französischen "Kulturleben" im weitesten Sinne, die dem Nichtfranzosen kaum geläufig sein können. Für so etwas würden sich ja eigentlich ganz kleine Fußnoten eignen, aber bei zeitgenössischen Werken ist das nicht üblich. Wäre aber die Überlegung wert?!


    tja, sorry, deine Lektüre liegt ja schon mehr als 2 Jahre zurück .... es sind sicherlich einige Passagen, die ich so nicht in seinem gewollten Sinn erfasst habe, aber es tut dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Fußnoten oder zumindest kleine Anmerkungen wären sicherlich sehr hilfreich, um ein "Drüberlesen" zu vermeiden. Näheres kann man ja dann "ergoogeln".


    Was ich übrigens noch anmerken wollte: Claudel schafft es meisterhaft, die Sicht des Protagonisten auf die Welt einzufangen: Er sieht NUR das Schlechte, nur das Negative (angefangen bei den kleinsten Details). Für das Schöne, das Erfreuliche, das Sonnige hat er überhaupt keinen Blick (und lässt diesen auch gar nicht zu).

    Herzliche Grüße
    Rosalita


    :study:
    Wenn das Schlachten vorbei ist - T.C. Boyle


    *Life is what happens to you while you are busy making other plans* (Henry Miller)


  • Was ich übrigens noch anmerken wollte: Claudel schafft es meisterhaft, die Sicht des Protagonisten auf die Welt einzufangen: Er sieht NUR das Schlechte, nur das Negative (angefangen bei den kleinsten Details). Für das Schöne, das Erfreuliche, das Sonnige hat er überhaupt keinen Blick (und lässt diesen auch gar nicht zu).


    Was ein Indiz dafür ist, dass Welt in weiten Teilen "subjektiv" wahrgenommen wird, als Spiegel unserer eigenen Seelenlandschaft. Ich frage mich öfter, wie wir den von Dir angesprochenen Blick für das Schöne und Erfreuliche wecken können...

    Jan Trefulka - Der verliebte Narr

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    (Un-)Gelesenes: https://www.buechertreff.de/user/2161-tom-leo/#library


  • Ich frage mich öfter, wie wir den von Dir angesprochenen Blick für das Schöne und Erfreuliche wecken können...


    Ohne jetzt zu weit ausholen zu wollen .... gäbe es dafür eine Strategie, hätte man wohl den Stein der Weisen gefunden :-k
    Ich bin der Meinung, dass es in erster Linie eine Frage des Gemütes und der Veranlagung ist. Das berühmte Glas ist für den einen halb voll, für den anderen halb leer. Der eine kann allem zumindest irgend was Positives abgewinnen, den anderen wirft es total aus der Bahn.

    Herzliche Grüße
    Rosalita


    :study:
    Wenn das Schlachten vorbei ist - T.C. Boyle


    *Life is what happens to you while you are busy making other plans* (Henry Miller)

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