Fredrik Skagen - Schwarz vor Augen

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  • Fredrik Skagen "Schwarz vor Augen", Originaltitel "Blackout"


    Von Amazon kopiert:
    Kein Schrecken ist größer als der Schrecken vor sich selbst: Von einem Moment auf den anderen verliert die Hauptperson von Fredrik Skagens spannendem Roman sein Gedächtnis und jede Erinnerung an seine Vergangenheit, seine Familie, seine Freunde. Nur die bedrückende Ahnung eines schrecklichen Ereignisses ist ihm geblieben, eine unklare Vision von einer toten Frau, dem Messer in ihrem Bauch und von seinen eigenen Händen, voller Blut. Was aber macht er hier, in London, ohne Papiere, ohne Geld und ohne Zuflucht?
    Während sich für den Mann ohne Gedächtnis die Schatten der Vergangenheit nur nach und nach aus der Gegenwart schälen, versucht Linda Blix aufgeregt, ihren Mann Steinar zu finden, der offensichtlich nach einem Nervenzusammenbruch orientierungslos in der britischen Metropole herumirrt. Das norwegische Ehepaar hat schlimme Zeiten hinter sich, denn Steinar wurde beschuldigt, seine Geliebte umgebracht zu haben, weil sie vorgab, ein Kind von ihm zu erwarten. Trotz seines Freispruchs vor Gericht verfolgen ihn die Medien weiterhin als Täter und er flüchtete mit seiner Frau nach England. Schon beginnt auch Linda an ihm zu zweifeln, und für Steinar wird die Suche nach seiner Vergangenheit und seiner Erinnerung zur verzweifelten Suche nach dem wirklichen Täter und dem Beweis für seine Unschuld.


    Fredrik Skagen ist in Skandinavien längst kein Unbekannter mehr und Schwarz vor Augen beweist eindrücklich, dass der Autor sein Handwerk bestens versteht. Routiniert steckt Skagen den Rahmen seiner Handlung ab, baut gekonnt Spannungsbögen auf und zieht seine Leser mehr und mehr in die Geschichte hinein, bis zum überraschend logischen Schluss. Dabei hat der Jazz-Liebhaber und Verehrer von John Le Carré sein Vergnügen mit musikalischen Verweisen und Anspielungen auf bekannte Vorbilder und Kollegen, von Joseph Hayes bis Scott Turow. Dass die Handlung manchmal ein wenig an Plausibilität vermissen lässt, verzeiht man gern bei soviel offenkundigem Spaß an der Sache.


    Das Buch fängt sehr gut an und sehr grotesk: Der Protagonist steht vor einem Londoner Pub; er weiss nicht mehr, wer er ist, wie er heißt und was er an diesem Ort wollte. Er hat also alles vergessen, was seine Person betrifft, aber alltägliche Handlungen - Bestellen eines Essens, Fahren mit der U-Bahn, usw. - beherrscht er noch.
    Skagen versteht es, den Leser sofort in die Geschichte hineinzuziehen; man empfindet die Hilflosigkeit und Ohnmacht, orientierungslos ohne Geld und ohne Papiere in einer fremden Großstadt herumzuirren.
    Kapitelweise entwickelt sich die Geschichte in zwei Strängen: Wie der Mann sein Leben ohne Gedächtnis organisiert und wie seine Frau ihn verzweifelt zu finden versucht.
    Von einem Grabstein, dessen eingravierter Spruch ihm gefällt, leiht sich der Mann den Namen "Gordon Bell". Zufällig gerät er in eine Gruppe ehemaliger Geheimdienstleute und bastelt sich eine fiktive Geheimdienst-Vergangenheit. Durch diese Leute wird ihm weitergeholfen; er bekommt eine Wohnung, Arbeit und Papiere. Zwischendurch blitzen in Gordon kurze Sequenzen aus seinem alten Leben auf, aber sie reichen nicht, um ein vollständiges Erinnerungsbild zu zeichnen.


    Eins kann man diesem Buch nicht absprechen: Die Spannung und die Art, wie der Autor im Wechsel zwischen Gordon und Linda diese Spannung aufbaut. Und auch, weil das Buch nach einem Mörder sucht, eine überraschende Lösung.
    Allerdings halte ich die fehlende Plausibilität, die in der Amazon-Besprechung erwähnt wird, für gravierender als der Rezensent.
    - Der Geheimdienst scheint ein Club älterer Herren zu sein, gutgläubig, ungefährlich und allzeit hilfsbereit, wenn ihnen jemand "Geschichten von früher" erzählt.
    - Irgendwann hat Gordon den Gedankenblitz, dass er die Bücher von John Le Carré ins Norwegische übersetzt hat (er ist tatsächlich Übersetzer). Aber ihm fällt es nicht ein, sich eins der Bücher zu besorgen, um seinen Namen zu erfahren (obwohl er in einer Buchhandlung jobbt).
    - Allzu schnell kommt Linda die Idee: Ihr Mann muss das Gedächtnis verloren haben, eine andere Erklärung kann es nicht geben, und sie kann auch die Polizei von ihrer These überzeugen. (- Naja, wenn mein Mann verschwinden würde, wäre Amnesie so ziemlich das letzte, das mir einfallen würde" - :thumbdown: )


    Dinge wie diese und eine zu große Anzahl Zufälle haben mich gestört. Obwohl der Autor seine Geschichte schlüssig aufbaut und gekonnt erzählt, ist das Buch für mich daher nur Mittelmaß.


    Marie

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



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