über schwedische Krimis

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  • Habe ich hier gefunden:


    http://www.tagesspiegel.de/lit…iv/16.07.2006/2619648.asp


    Lappen leben auch nicht länger
    Andrea Fischer über die Schattenseiten des schwedischen Traums


    Schwedischer Krimi“ – Verlage nutzen diese Bezeichnung gerne als Prädikat. Ob es sich dabei wirklich immer um eine Auszeichnung handelt, darf bezweifelt werden. Dennoch hat das Ansehen des schwedischen Krimis eine lange Geschichte. Am Anfang standen natürlich die berühmten Bücher des Autorenduos Sjöwall/Wahlöö aus den 60er Jahren – wer erinnert sich nicht an „Die Tote im Göta-Kanal“? Das schwedische Autorenpaar hat Großes geleistet für die Entwicklung des Krimis von der simplen Rätselgeschichte hin zum modernen Gesellschaftsroman von beachtlicher literarischer Qualität. Dem Zeitgeist entsprechend waren sie links in ihrer Kritik an der schwedischen Gesellschaft: Der allseits hochgelobte Sozialstaat war bei ihnen nichts als eine täuschende Fassade für die harte Realität des Kapitalismus.


    Für Henning Mankell, der bei noch größeren Leserkreisen den Ruhm des schwedischen Krimis vermehrt hat, waren die weltweiten Verbrechensstrukturen mit Schweden als Basis das Thema. Seitdem hat eine Vielzahl von Autoren aus Schweden Erfolg mit Kriminalromanen gehabt – etwa Liza Marklund und Håkan Nesser, die wie ihre Vorgänger einen sehr genauen Blick für Emotionen und Verbrechen haben, die sich unter der Oberfläche der scheinbar wohlgeordneten und wohlhabenden schwedischen Gesellschaft abspielen. Allerdings geht es ihnen nicht um politische Systemkritik – sie interessieren sich vielmehr für die Abgründe, die eine moderne Gesellschaft hervorbringt. Das hat der Qualität ihrer Bücher gut getan, denn eine pädagogische Absicht ist dem Unterhaltungswert eines Kriminalromans oft abträglich.


    In dieser Reihe steht auch eine neue Entdeckung unter den vielen schwedischen Autoren: Åsa Larsson, deren zweiter Roman soeben auf Deutsch erschienen ist. Rebecka Martinsson, eine junge, erfolgreiche Steueranwältin aus Stockholm, war im ersten Roman dem Hilferuf einer alten Freundin in ihre ehemalige Heimat Lappland gefolgt, hoch in den schwedischen Norden. Der Fall hatte für sie mit der Tötung dreier Menschen aus Notwehr geendet, Rebecka stürzte in eine schwere Krise. Bei dem Versuch, sie langsam wieder ins Leben zurückzuführen, wendet ihre Kanzlei im zweiten Roman das fragwürdige Mittel an, sie mit einem Kollegen zurück an den Ort ihrer Kindheit zu schicken, der zugleich der Ort ihrer schwersten Prüfung war. Als dort erneut ein Mord geschieht, will Rebecka denn auch zunächst überhaupt nicht in die Geschichte verwickelt werden. Andererseits will sie in Lappland bleiben, denn ihre Kindheitserinnerungen scheinen ihr gut zu tun. So dass sie sich letztlich dieser kleinen Gemeinde und ihrem engen Beziehungsgeflecht nicht mehr entziehen kann, in der die Ermordung der Pastorin Mildred Nilsson so viel Aufruhr verursacht. Nilsson war eine starke Persönlichkeit, die heftige Gefühle der Bewunderung und der Abneigung zugleich weckte: Sie machte Frauen in schwierigen familiären Situationen Mut und stellte die herkömmlichen Strukturen in der Gemeinde in Frage – was den Zorn vieler Kollegen und Männer weckte. Doch wer von ihnen ging so weit, dass er Mildred Nilsson umbrachte? (Åsa Larsson, Weiße Nacht, Bertelsmann, 384 Seiten, 19,95 €).


    Åsa Larsson beschreibt die ärmlichen Verhältnisse in der kleinen lappländischen Gemeinde ebenso präzise wie die überraschend traditionellen Geschlechterbeziehungen, die so gar nicht zum öffentlichen Bild Schwedens passen wollen, wo doch so viel Wert auf die Gleichberechtigung von Mann und Frau gelegt wird. Ihr Roman bezieht seine Spannung nicht aus temporeicher Handlung, sondern baut sie subtil durch das stimmige und dichte Beziehungsgeflecht der beteiligten Personen auf. Wollten Maj Sjöwall und Per Wahlöö noch Schweden durch eine sozialistische Revolution zum Paradies machen, so zeigt Åsa Larsson nüchtern auf, was auch in einem ausgebauten Sozialstaat zu den menschlichen Grundproblemen gehört: Menschen kämpfen mit ihren Unzulänglichkeiten, mit ihren Enttäuschungen und unerfüllten Wünschen und Begierden. Und manchmal verlieren sie diesen Kampf – und töten. Woran sie auch das beste System der Welt nicht hindern wird

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