John Griesemer - Niemand denkt an Grönland

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Niemand denkt an Grönland

4.4|4)

Verlag: FISCHER Taschenbuch

Bindung: Taschenbuch

Seitenzahl: 336

ISBN: 9783596193271

Termin: Oktober 2012

  • John Griesemer
    Übersetzer: Ingo Herzke
    marebuchverlag (Hardcover/2004)
    Niemand denkt an Grönland
    ISBN 3-936384-44-4
    335 Seiten


    M.A.S.H. spielt in einem Lazarett in Korea während des Krieges an diesem Ort der Welt. Qangattarsa – die Romanversion des real existiert habende Lazaretts der U.S. Army – befand sich in Grönland und hier kamen die Schwerstverletzten des Koreakrieges hin, deren Angehö-rige nur wussten, dass sie M.I.A – Missing in Action – waren (im Feld verschollen), bis ihnen nach deren Ableben genau dieses Ableben mitgeteilt wurde. Dieses Lazarett existierte offi-ziell nicht und war für die daran Beteiligten eine große emotionale Belastung.


    Die Romanversion dieses Lazaretts wird den Leserinnen und Lesern durch die Augen des jungen Corporal Rudy Spruance vorgestellt, der hier relativ unmotiviert hinkommandiert wird und zunächst selber zu einem Patienten wird, da ihn niemand vor den überaus aggressiven Moskitos in Grönland gewarnt hatte, denen er auch prompt zum Opfer fällt. In der Kranken-station aufwachend lernt er diesen seltsamen Stützpunkt schnell kennen und ganz besonders den Vorgesetzten Colonel Lane Woolwrap, dessen Geliebte Sergeant Irene Teal bald ein Au-ge auf Rudy wirft, was dessen Leben überaus kompliziert macht. Daneben bekommt er außer-dem noch den Auftrag, eine Stützpunktszeitung heraus zu geben, wobei er aber schließlich mit einigen seiner Artikel nicht unbedingt auf Gegenliebe bei den oberen Rängen stößt.


    Im Zusammenhang mit seiner Arbeit als Chefredakteur bekommt Rudy außerdem Zugang zu einem besonderen Trakt des Lazaretts, wo sich zu dieser Zeit – gegen Ende des Jahres 1959 – immer noch mehr oder weniger Überlebende des Koreakrieges aufhalten, die auf den Tod warten. Einer dieser Schwerstverletzten beginnt eine ungewöhnliche Beziehung mit Rudy, wobei er diesem erfolgreich seinen Namen verschweigt und für Rudy die ganze Zeit nur Guy X ist. Als dann der letzte Verwundete für dessen Zustand Woolwrap direkt die Schuld zuge-sprochen wurde verstirbt, verändert sich die Situation. Die Zeitung wird eingestellt, Rudy darf nicht mehr in die Station und es werden immer mehr Besatzungsmitglieder des Stützpunkts verlegt. Irene und Rudy überlegen, wie sie zusammen bleiben können und gleichzeitig be-kommt Rudy Guys Sorge um seinen eigenen weiteren Verbleib mit. Und dies alles in einer Zeit, als in Grönland die Sonne nicht aufgeht und die Stimmung der Leute irgendwo zwischen suizidal-depressiv und berserker-aggressiv schwankt. Und in dieser dantesken Atmosphäre herrscht Woolwrap noch wie ein verrückter König, bis er nach dem Verlust seiner Macht be-ginnt immer mehr König Lear zu ähneln. Und Rudy dem dazugehörigen Narren.


    Anders als in Rausch sind die Figuren durch den festgelegten Handlungsraum wesentlich durchgängiger gezeichnet und damit auch für die Leserinnen und Leser zugänglicher und bes-ser zu erinnern. Zudem verarbeitet Griesemer hier eine Geschichte, die ihn in seiner Dienst-zeit in der Zeit des Vietnamkriegs verfolgt hat – die Geschichte eines „weißen Schiffs“, das niemals anlegt und auf das Verwundete nur zum sterben gebracht wurden und einem Aus-schnitt aus Lawrence Millmans „Saga Land“, in dem die real existierende Station in Grönland beschrieben wurde und erreicht somit eine wesentlich größere emotionale Nähe als dies über weite Teile bei „Rausch“ der Fall gewesen ist. Dabei muss man bedenken, dass es sich bei „Niemand denkt an Grönland“ um Griesemers Debüt gehandelt hat und „Rausch“ erst später kam. Der Film wird im Moment mit Jason Briggs (AMERICAN PIE) als Rudy und Natascha McElhone als Irene unter der Regie von Saul Metzstein verfilmt, wobei Jeremy Northam (DER PERFECT EHEMANN) und Michael Ironside (u.a. DARK ANGEL) in weiteren Rol-len zu sehen sein werden.


    K.-G. Beck-Ewerhardy

  • Welch beeindruckende Lektüre.


    Die Schilderung des Alltags in diesem ganz und gar nicht alltäglichen Lazarett hat mich in ihren Bann gezogen.
    Besonders die Beschreibung des Flügels (das Herz der Station, in dem die grausam Verwundeten und Verstümmelten seit Jahrzehnten vor sich hin vegetieren) ist derart virtuos, dass man nachvollziehen kann, dass Rudy trotz des morbiden Ambientes dort eine für sich eigentümliche Ruhe und Gelassenheit findet.
    Die Unwirtlichkeit der Station steht der des sie umgebenden Landes in nichts nach und beim Lesen gerät man leicht ins Frösteln.


    Guy X ist für mich die tragende Figur der Geschichte und vor allem seine "Anwesenheit" macht das generell Gänsehaut verursachende Ende noch eindringlicher.
    Von mir fünf Sterne :!:

  • Laut Amazon:
    Alles woran sich Rudy Spruance nach seiner Ankunft erinnert, waren kahle Berge, endlose vereiste Flächen und ein paar Wellblechhütten. Auf seinem ersten Erkundungsgang war er direkt in sein Unglück gestolpert, wie ihm Colonel Woolwrap, der Kommandeur des Standorts munter erklärt. Myriaden teuflischer Stechmücken warteten draußen nur auf menschliche Beute. Nun liegt Corporal Spruance, Abteilung Presse und Information, bis zur Unkenntlichkeit zerstochen, in einem Lazarettbett in Qangattarsa, Grönland, und eine Schwester und ein Sanitäter führen eine wahre Slapstickrevue vor ihm auf. Erst sind die Soldaten durch die Hölle gegangen, dann kommen sie zu uns!
    Wo sind wir hier hineingeraten? Unversehens hat uns John Griesemer in ein unwirkliches Setting im Jahre 1959 befördert. Qangattarsa ist in seiner Welt abgeschiedenen Jenseitigkeit Kafkas Schloss und dem Zauberberg nicht unähnlich. Ein geheimes Militärlazarett, in dem sechzig der fürchterlichsten Kriegsversehrten der US-Armee aus dem sechs Jahre zurückliegenden Koreakrieg endgelagert werden. Überdies scheint das gesamte Personal des Stützpunkts einem kollektiven Polarkoller verfallen zu sein: Rudy, der den Auftrag erhielt, eine Stützpunktzeitung herauszugeben, nimmt dichtende Soldaten im Drogenrausch wahr, wilde Eisbärenjagden, Saufturniere unter der Mitternachtssonne, archaisch anmutende Wettkämpfe -- und über allem thronend, Colonel Woolwrap, selbstherrlich residierend wie weiland Kurtz in seinem kambodschanischen Dschungelcamp.
    Als sei der Wirrnis nicht genug, verliebt sich Rudy auch noch in die rothaarige Irene, Konkubine des Colonels. Durch sie erhält er Zugang zum Flügel, jenem allerheiligsten Bereich, der die grausam Verstümmelten birgt. Wähnte sich der Leser bislang in einer kafkaesken Militärklamotte, so vollzieht Griesemer hier eine unheimliche Wendung. Von heiligem Ernst erfüllt, die Schilderung des schaurig schönen Palais der Untoten. An diesem denkwürdigen Ort wird Corporal Spruance von der kaum vernehmbaren Stimme eines lebenden Torsos namens Guy X in das fürchterliche Geheimnis dieses nordischen Totenreiches eingeweiht. Bald bricht die Hölle los!
    Ein magisches, traumverlorenes Eismärchen, satirisch und verstörend. Das Erwachen aus der Totalen Umnachtung, wie die Männer am eisigen Ende der Welt ihr unwirkliches Dasein bezeichnen, wird auch dem Leser schwer fallen. --Ravi Unger



    Erzählfluss.
    Was für ein schönes Wort und wie schön, wenn man in einen Erzählfluss gerät und der einen immer weiter trägt. Griesemer kann so etwas erschaffen, das hat er in Rausch meisterhaft gezeigt und im Grönlandbuch gelingt ihm das auch bemerkenswert gut. Und dieser Fluss trägt einen zu gewaltigen Bildern von Eisstürmen, Bären und dem Nordlicht. Immer wieder ist die Welt zu groß für die Protagonisten, die aber tapfer weiterwurschteln. Sie leben und leiden und strengen sich an in einer Situation, die bizarr und abstrus ist. Aber der Lebens- und Liebeswillen der Menschen macht alles real und unausweichlich. Beeindruckend!
    Am Schluss bleibt vieles offen, die Geschichte ist nicht beendet, sie wird ohne unsere Gegenwart weitergehen, wie auch im Buch vieles einfach weitergeht.
    Ich weiß nicht, was die Verlage treibt, alle möglichen Titel als "irrwitzig komisch" anzupreisen. In diesem Fall wird der Spiegel mit dieser Aussage auf der Rückseite zitiert. Geht man davon aus, dass der Leser immer auf der Suche nach dem schnellen Lacher ist? Auch scheint es eine seltsame Leidenschaft der deutschen Leser zu sein, sich daran zu erfreuen, wenn das Lachen im Halse steckenbleibt. (Ich weiß gar nicht, ob mir das überhaupt schon einmal passiert ist). Jedenfalls: Der Roman ist nicht irrwitzig komisch. Natürlich hat Griesemer Humor und setzt diesen auch ein, wie gesagt ist die Situation wirklich abstrus. Aber es ist definitiv nicht lustig. Übrigens ist das Buch auch nicht wirklich spannend, man liest weiter und weiter wegendes Erzählflusses und nicht, weil man unbedingt wissen will, wie es ausgeht. Und genau hier zeigt sich die Meisterschaft des Erzählers Griesemer. Echte Literatur, gut zu lesen, unterhaltsam und auch zum Nachdenken anregend. Was will man mehr!

  • @Klaus V. bitte schau immer erst nach ob schon ein Rezensionsthread zum Buch besteht. Ich hab deinen Beitrag jetzt an die bereits bestehende Rezension angehängt. Danke :wink:

    viele Grüße vom Squirrel

    :study: Markus Werner - Am Hang
    :study: Norman Davies - Verschwundene Reiche (Langzeit-MLR)

    :study: Yuval Noah Harari - Homo Deus (Bücherwürmer-Langzeitprojekt)

  • bitte schau immer erst nach ob schon ein Rezensionsthread zum Buch besteht. Ich hab deinen Beitrag jetzt an die bereits bestehende Rezension angehängt. Danke

    Es tut mir wirklich leid und ist mir auch peinlich. Aber ich habe in die Suchzeile Autor und Titel eingegeben und das Häkchen bei "nur im Betreff suchen" gesetzt. Es gab keine Nennung. Ich weiß nicht, was ich da falsch mache, denn das ist mir ja schon mehrmals passiert.

  • Es tut mir wirklich leid und ist mir auch peinlich. Aber ich habe in die Suchzeile Autor und Titel eingegeben und das Häkchen bei "nur im Betreff suchen" gesetzt. Es gab keine Nennung. Ich weiß nicht, was ich da falsch mache, denn das ist mir ja schon mehrmals passiert.

    Hast du die Forensuche oben rechts oder die Suche unter Rezensionen genutzt? Die Forensuche ist dafür wenig geeignet, die Suche unter Rezensionen spuckt dagegen meist direkt das Gesuchte aus.

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    Das ist ein guter Tip. Mit der Forensuche geht's mir nämlich auch häufig so wie Klaus.

  • Übrigens ist das Buch auch nicht wirklich spannend, man liest weiter und weiter wegendes Erzählflusses und nicht, weil man unbedingt wissen will, wie es ausgeht.

    Das hast du sehr schön beschrieben. Genau so gings mir auch.
    Ich kann immer noch nicht beschreiben, was mir an dem Buch bzw. wieso mir das Buch gefallen hat.

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