Erich Kästner - Gedichte

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  • Gedichte von Kästner, die mir gefallen:


    Eine Mutfrage


    Wer wagt es,
    sich den donnernden Zügen entgegenzustellen?
    Die kleinen Blumen
    zwischen den Eisenbahnschwellen!


    Erich Kästner



    Trotz allem


    Ein Elefant im Porzellangeschäfte
    nimmt sich trotz allem doch noch besser aus
    als eine alte Meißner Tasse
    im Elefantenhaus.


    Erich Kästner



    Reden ist Silber


    Lernt, daß man still sein soll,
    wenn man im Herzen Groll hat.
    Man nimmt den Mund nicht voll,
    wenn man die Schnauze voll hat.


    Erich Kästner




    Der schöpferische Irrtum


    Irrtümer haben ihren Wert;
    jedoch nur hier und da.
    Nicht jeder, der nach Indien fährt,
    entdeckt Amerika.


    Erich Kästner




    grüße von missmarple

  • und noch ein Kästner:


    Sachliche Romanze


    Als sie einander acht Jahre kannten
    (und man darf sagen: sie kannten sich gut),
    kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
    Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.


    Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
    versuchten Küsse, als ob nichts sei,
    und sahen sich an und wußten nicht weiter.
    Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.


    Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
    Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
    und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
    Nebenan übte ein Mensch Klavier.


    Sie gingen ins kleinste Café am Ort
    und rührten in ihren Tassen.
    Am Abend saßen sie immer noch dort.
    Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
    und konnten es einfach nicht fassen.



    Liebeskummer als alltäglicher Vorgang; ich finde das Gedicht wunderschön, weil es ohne jegliche Sentimentalität auskommt.


    Marie

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Auch von mir ein Kästner:


    Was auch geschieht!


    Was auch immer geschieht:
    Nie dürft ihr so tief sinken,
    von dem Kakao, durch den man euch zieht,
    auch noch zu trinken!


    Gruß
    Richard

    "Erst die Möglichkeit einen Traum zu verwirklichen, macht unser Leben lebenswert."


    Paul Coelho


    :study:John Irving - Owen Meany

  • Die 13 Monate gehören auch noch zu seinen schönsten Gedichten.
    Das schönste, wie ich finde ist der Mai:


    Erich Kästner

    Der Mai
    Im Galarock des heiteren Verschwenders,
    ein Blumenzepter in der schmalen Hand,
    fährt nun der Mai, der Mozart des Kalenders,
    aus seiner Kutsche grüßend, über Land.


    Es überblüht sich, er braucht nur zu winken.
    Er winkt! Und rollt durch einen Farbenhain.
    Blaumeisen flattern ihm voraus und Finken.
    Und Pfauenaugen flügeln hinterdrein.


    Die Apfelbäume hinterm Zaun erröten.
    Die Birken machen einen grünen Knicks.
    Die Drosseln spielen, auf ganz kleinen Flöten,
    das Scherzo aus der Symphonie des Glücks.


    Die Kutsche rollt durch atmende Pastelle.
    Wir ziehn den Hut. Die Kutsche rollt vorbei.
    Die Zeit versinkt in einer Fliederwelle.
    O, gäb es doch ein Jahr aus lauter Mai!


    Melancholie und Freude sind wohl Schwestern.
    Und aus den Zweigen fällt verblühter Schnee.
    Mit jedem Pulsschlag wird aus Heute Gestern.
    Auch Glück kann weh tun. Auch der Mai tut weh.


    Er nickt uns zu und ruft: "Ich komm ja wieder!"
    Aus Himmelblau wird langsam Abendgold.
    Er grüßt die Hügel, und er winkt dem Flieder.
    Er lächelt. Lächelt. Und die Kutsche rollt.

    Schön nicht?

    ~Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind~ Friedrich Nietzsche

  • Es gibt von Klaus Kordon ein sehr schönes Buch über Kästners Leben, "Die Zeit ist kaputt". Darin beschreibt er Kästners Kindheit, Werdegang und natürlich sein Schaffen.


    Mich hat das Gedicht "Sergeant Waurich" sehr beeindruckt. Kennt das jemand von euch? In dem Gedicht geht es um gleichnahmigen Sergeant, der seine Rekruten unter ihnen auch der junge Kästner dermaßen gequält und schickaniert hat, dass es fast schon der Folter gleich kommt. Kästner selbst hat ein lebenslanges Herzleiden davon getragen. In dem Gedicht läßt er alles noch mal Revue passieren.

  • jaa, kästner ist ja eh ganz groß :) auch zum beispiel das hier liebe ich irgendwie:


    Der Handstand auf der Loreley
    Nach einer wahren Begebenheit 1932


    Die Loreley, bekannt als Fee und Felsen,
    ist jener Fleck am Rhein, nicht weit von Bingen,
    wo früher Schiffer mit verdrehten Hälsen,
    von blonden Haaren schwärmend, untergingen.


    Wir wandeln uns. Die Schiffer inbegriffen.
    Der Rhein ist reguliert und eingedämmt.
    Die Zeit vergeht. Man stirbt nicht mehr beim Schiffen,
    bloß weil ein blondes Weib sich dauernd kämmt.


    Nichtsdestotrotz geschieht auch heutzutage
    noch manches, was der Steinzeit ähnlich sieht.
    So alt ist keine deutsche Heldensage,
    daß sie nicht doch noch Helden nach sich zieht.


    Erst neulich machte auf der Loreley
    hoch überm Rhein ein Turner einen Handstand!
    Von allen Dampfern tönte Angstgeschrei,
    als er kopfüber oben auf der Wand stand.


    Er stand, als ob er auf dem Barren stünde.
    Mit hohlem Kreuz. Und lustbetonten Zügen.
    Man frage nicht: Was hatte er für Gründe?
    Er war ein Held. Das dürfte wohl genügen.


    Er stand, verkehrt, im Abendsonnenscheine.
    Da trübte Wehmut seinen Turnerblick.
    Er dachte an die Loreley von Heine.
    Und stürzte ab. Und brach sich das Genick.


    Er starb als Held. Man muß ihn nicht beweinen.
    Sein Handstand war vom Schicksal überstrahlt.
    Ein Augenblick mit zwei gehobnen Beinen
    ist nicht zu teuer mit dem Tod bezahlt!


    P.S. Eins wäre allerdings noch nachzutragen:
    Der Turner hinterließ uns Frau und Kind.
    Hinwiederum, man soll sie nicht beklagen.
    Weil im Bezirk der Helden und der Sagen
    die Überlebenden nicht wichtig sind.


    :wink:

  • Der schöpferische Irrtum und Eine sachliche Romanze kenne ich auch. Zudem habe ich noch ein, wie ich finde, sehr lustiges Gedicht von Kästner in meiner Signatur, weil es mir so gut gefällt.


    Der Titel ist mir leider unbekannt.


    Köpfe abschlagen ist nicht sehr klug.
    Der Stecknadel, der man den Kopd abschlug,
    fand, der Kopf sei völlig entbehrlich
    und war nun von vorne und hinten gefährlich!

  • Kästner ist einfach einer der wirklichen guten. Er war ein echt kluger Mann und hat sein Abschlusszeugnis mit 1 abgeschlossen.
    Seine Gedichte zeugen, wie ich finde, von wichtigen Gedanken und den offenen Augen, die Welt zu erkunden und trotz allem in
    sachlicher, einfacher Sprache verpackt, für jederman zugänglich.

    ~Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, dass sie welche sind~ Friedrich Nietzsche

  • Dieser Tread muss mal wieder ausgegraben werden. Ich finde, dass Kästner in der heutigen Zeit kaum noch wahrgenommen wird. Dabei sind seine Beiträge in der Welt der Bücher wirklich schön. Ob er jetzt eine 1 im Abschlusszeugnis hatte oder nicht, was auch immer Du damit sagen wolltest, bleiben seine Werke von mir unvergessen.

  • Ich finde, dass Kästner in der heutigen Zeit kaum noch wahrgenommen wird.


    Dann hast du keine Kinder, Kästner wird sehr wohl noch wahrgenommen. Meinem Enkel kann ich keine grössere Freude machen , er liebt z.B. Das verhexte Telefon und Übermut tut selten gut, die beiden muss ich immer wieder vorlesen. Denke er ist bald soweit, dass ich den Emil vorlesen kann, ich freu mich selbst schon darauf.
    Liebe Grüsse Mara

    :study: Ich bin alt genug, um zu tun, was ich will und jung genug, um daran Spaß zu haben. :totlach:

  • Da muss ich gegenhalten, eines davon trägt sogar den Namen einer seiner Hauptfiguren. Mein Kommentar war auch anders gemeint, ich meinte damit, dass er leider nicht mehr so stark wahrgenommen wird, wie es ihm gebühren würde. Selbst Lehrer greifen gerne auf Harry Potter zurück, statt Emil und die Detektive zu nehmen (weiß ich aus erster Hand), mit der Begründung, dass man auf mehr Begeisterung stößt....leider.

  • Selbst Lehrer greifen gerne auf Harry Potter zurück, statt Emil und die Detektive zu nehmen (weiß ich aus erster Hand), mit der Begründung, dass man auf mehr Begeisterung stößt....leider.


    Das sind aber doch zwei verschiedene Altersgruppen, den Emil möchte ich bald meinem siebenjährigen Enkel vorlesen, Harry Potter käme mir in diesen Alter nicht in den Sinn. :lol:

    :study: Ich bin alt genug, um zu tun, was ich will und jung genug, um daran Spaß zu haben. :totlach:

  • Zitat von »KlasskFrank56«
    Selbst Lehrer greifen gerne auf Harry Potter zurück, statt Emil und die Detektive zu nehmen (weiß ich aus erster Hand), mit der Begründung, dass man auf mehr Begeisterung stößt....leider.



    Das sind aber doch zwei verschiedene Altersgruppen, den Emil möchte ich bald meinem siebenjährigen Enkel vorlesen, Harry Potter käme mir in diesen Alter nicht in den Sinn. :lol:

    Auch wahr, aber umgekehrt kann man Emil noch in jedem Alter lesen/vorgelesen kriegen, finde ich. :wink:


    Habe das Wochenende in Dresden verbracht und war dort im Erich Käster-Museum. War sehr nettt und mir ist richtig bewusst geworden, dass ich noch viel mehr von ihm lesen sollte, kenne bisher wirklich nur seine Kinderbuch Klassiker. Gerade vor dem Hintergrund mit dem Dritten Reich interessieren mich seine anderen Werke sehr.

  • Habe das Wochenende in Dresden verbracht und war dort im Erich Käster-Museum. War sehr nettt und mir ist richtig bewusst geworden, dass ich noch viel mehr von ihm lesen sollte, kenne bisher wirklich nur seine Kinderbuch Klassiker.

    Wie hat dir das Museum denn gefallen? Ich war letztes Jahr auch mal dort und ich fand es sehr klein und irgendwie ungewohnt. Das Konzept ist aber sehr interessant. Ich kann das Buch "Als ich ein kleiner Junge war" empfehlen. Es beschreibt die ersten Lebensjahre Kästners und ist wirklich sehr gut geschrieben. Da du in Dresden warst, kennst du auch den Albertplatz und dadurch kann man sich richtig gut in den kleinen Kästner hineinversetzen!

    Viele Grüße pedagogic_nine




    "Das größte Vergnügen im Leben bereitet es, das zu tun, wovon die Leute behaupten, dass man es nicht tun kann."


    - Walter Bagehot -

  • Wie hat dir das Museum denn gefallen? Ich war letztes Jahr auch mal dort und ich fand es sehr klein und irgendwie ungewohnt. Das Konzept ist aber sehr interessant. Ich kann das Buch "Als ich ein kleiner Junge war" empfehlen. Es beschreibt die ersten Lebensjahre Kästners und ist wirklich sehr gut geschrieben. Da du in Dresden warst, kennst du auch den Albertplatz und dadurch kann man sich richtig gut in den kleinen Kästner hineinversetzen!

    "Als ich ein kleiner Junge war", habe ich sogar irgendwo bei mir zuhause herumliegen, danke für den Tipp, ich denke, ich werde es bald mal lesen!


    Das Museum an sich war interessant, bin mit der Aufmachung aber ehrlich gesagt nicht so ganz warm geworden, war mir letztendlich doch ein wenig strukturlos und durcheinander, mir fehlte der rote Faden...aber viel erfahren hab ich trotzdem, der Besuch hat sich auf jeden Fall gelohnt! :)

  • Kästner ist auch so ein typischer Fall, der in meiner Wahrnehmung immer automatisch mit seinen wunderbaren Kinderbuchklassikern um Emil, das fliegende Klassenzimmer etc. verbunden ist. Dass er viel mehr gemacht hat, sein restliches Werk, ist bei mir bisher leider immer zu kurz gekommen.
    Letztes Jahr habe ich das sehr empfehlenswerte Buch von Kordon gelesen und mir daraufhin fest vorgenommen, mehr von ihm zu lesen ... wenn da nur der große SuB nicht wäre :wink:
    Achja, die "Sachliche Romanze" kannte ich bisher nur aus dem wundervollen Lied von Herman Van Veen auf dieser CD , dass es eigentlich ein Gedicht von Kästner ist, war komplett an mir vorbeigegangen.

    "Die wahrhaft menschliche Qualität besteht nicht aus Intelligenz, sondern aus Phantasie." - Terry Pratchett


    :study:

    Matthew Reilly - Der große Zoo von China

    Christoph Ransmayr - Die Schrecken des Eises und der Finsternis

    :bewertung1von5: 2021: 12 :bewertung1von5:

  • Kästner ist toll, einer meiner deutschen Lieblingsdichter. Ich mag seine feine Ironie und seine manchmal herrlich bösen Kommentare.


    Das Buch von Kordon habe ich auch sehr gerne gelesen, noch lieber mochte ich aber "Als ich ein kleiner Junge war". Da hätte ich mir seitenweise Sätze herausschreiben mögen.

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