Tim Pears - Die Farben eines Sommers / In the Place of Fallen Leaves

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  • Eine Hitzwelle lastet seit Wochen über dem Land, macht die Menschen unruhig, die Farben matt. Und in einem Dorf in Devon scheint die Zeit still zu stehen. Doch die 13jährige Alison erobert sich Stück für Stück und mit unerschöpflicher Energie ihre Welt, im Schlepptau mit dem schüchternen Jonathan, Sohn des verarmten Viscounts. Es sind vor allem zwei Personen, die Alison ein wenig im Zaum halten: Der lebensfrohe und feinsinnige Pfarrer, dessen Wissen dem Mädchen viele neue Lebenseinsichten vermittelt und ihre steinalte Großmutter mit ihrem Schatz an Familienanekdoten, Lebensweisheiten und Geschichten über die weitverzweigte Familie.


    Ich habe selten einen so liebenswerten Roman gelesen. Die Personen sind wunderbar gezeichnet und "echt". Es ist Pears ganz toll gelungen, das Mädchen Alison (sie ist die Ich-Erzählerin) lebendig zu machen: Auf der einen Seite noch das Kind, das spielen und toben will, für das es kein Tabu und kein unerwünschtes Thema gibt . Auf der andern Seite schimmert schon etwas Erwachsenes aus ihren Gedanken.


    "Die Farben eines Sommers" ist das Debüt des Engländers Tim Pears. Auch sein zweiter Roman "Land der Fülle" ist sehr gut, aber das Zauberhafte des Erstlings fehlt ihm.


    Marie

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • @Marie: Vielen lieben Dank für die Rezi. Nachdem ich "Land der Fülle" schon gelesen habe, und mir das Buch gefallen hat, landet dieses hier selbstverständlich auch gleich auf meiner Wunschliste!

    With freedom, books, flowers, and the moon, who could not be happy? ― Oscar Wilde

  • @ Kaba
    @ Kathause
    seit vier Jahren warte ich darauf, dass sich endlich jemand dieses Buches annimmt. Jetzt endlich tröpfeln die ersten Leser. :bounce:
    Vielleicht werden es nach Euren (hoffentlich) positiven Rezensionen noch ein paar mehr.


    Marie

    Bücher sind auch Lebensmittel (Martin Walser)


    Wenn du einen Garten und eine Bibliothek hast, wird es dir an nichts fehlen. (Cicero)



  • Ich habe das Buch gerade bei Tauschticket angefordert... O:-)

    ...und jetzt habe ich es gelesen. O:-)


    Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Die Personen wirken wirklich echt und ich hatte das Gefühl, als könne ich (im Dezember) die Hitze spüren.


    Nachdem das ganze Land unter einer wochenlangen Hitze leidet, werden die Menschen immer lethargischer. Jeden Morgen macht sich Alison auf zur Schule. doch der Bus kommt nie, die Lehrer sind in den Streik getreten. Und so nutzt Alison die Tage mit ihren neuen Freund Jonathan zum Schwimmen und stromert durch das Dorf.
    Sie ist die jüngste von vier Geschwistern und lebt zusammen mit ihren Eltern und Großeltern auf den heimischen Bauernhof.
    Das Buch ist zwar in Ich-Form aus der Sicht der Alison geschrieben, aber in mehreren Kapiteln erzählt ihre Großmutter Geschichten der Familie. Und auch über die anderen Familienmitglieder erfährt man einiges.


    Ein richtig schöner Roman! :thumleft: In ein paar Monaten werde ich mir dann mal "Land der Fülle" vornehmen, das ich hier auf meinem Sub schon gehortet habe. ;)

  • Schön, dass Ihr mich an dieses tolle Buch erinnert :cheers: Die Lektüre liegt schon sehr lange zurück, aber ich bin damals völlig eingetaucht in den Roman und habe förmlich die Hitze gespürt.


    "Land der Fülle" habe ich mir sogar nachgekauft, nachdem ich es ausgeliehenerweise gelesen hatte, bis heute aber noch keinen zweiten Durchgang geschafft.

  • Gekauft!
    Mal sehen, ob ich es zum Aufwärmen lese bei diesen winterlichen Temperaturen oder ob ich bis zum Sommer warten soll??? :study: :study: :winken:

    "Wie wenig du gelesen hast, wie wenig du kennst - aber vom Zufall des Gelesenen hängt es ab, was du bist." Elias Canetti

  • 1984 erlebt Devon im Süden von England einen wahrhaften Jahrhundertsommer. Sengende Hitze und furchtbare Trockenheit bringen die Menschen gesundheitlich und mental an ihre Grenzen. Die 13jährige Alison steht an der Schwelle zur Pubertät und hat das Gefühl, dass in diesem erdrückenden Sommer die Zeit stillsteht. Die Schule fällt schon seit Wochen wegen eines Lehrerstreiks aus, sie verbringt so viel Zeit am kühlen Baggersee, wie es nur eben geht und schließt eines Tages unerwartet Freundschaft mit dem schüchternen Sohn des Viscounts. Eine ungewöhnliche Paarung, denn die meisten Kinder der ortsansässigen Bauern und Bergarbeiter wollen mit dem Adel, wenngleich verarmt, nichts zu tun haben.


    Alison lebt mit ihrer Großfamilie unter einem Dach - die Großeltern, deren Kräfte langsam schwinden, dem Vater, der unter alkoholbedingter Frühdemenz leidet, der Mutter, die immer nur ackert, und ihren drei Geschwistern, von denen der Älteste den Hof bewirtschaftet. Ihr bevorzugter Ansprechpartner unter den Erwachsenen ist allerdings kein Familienmitglied, sondern der Pfarrer der Gemeinde, mit dem Alison ein besonderes Vertrauensverhältnis verbindet.


    Und obwohl es scheint, als bewege sich die Welt in diesem glühend heißen und wasserarmen Sommer nur sehr zäh weiter, geschieht bis zum Ende dieser unbarmherzigen Dürre schließlich doch so viel, dass in Alisons Leben nicht mehr sehr viel sein wird wie zuvor.


    Dieses Buch habe ich vor sehr langer Zeit schon einmal gelesen und musste in diesem heißen und trockenen Sommer schon so oft daran denken, dass ich es mir noch einmal besorgt habe.


    Auch beim zweiten Durchgang hat es mich nicht enttäuscht. Tim Pears fängt die lähmende Hitze und ihre Auswirkungen auf Mensch, Tier und Dorfleben schon beinahe greifbar ein. Alison als Erzählerin ist geschickt gewählt, ihre Stimme ist authentisch, unsentimental und unverstellt, ihr Seelenzustand im Umbruch, irgendwo zwischen Kind und Teenager, sie beginnt, ihren Platz in der Welt zu suchen und schildert den Mikrokosmos, in dem sie aufgewachsen ist, eine ländlich geprägte Bergarbeitergemeinde, mit all seinen kleinen Eigenheiten, mit den Schrullen und Macken der Menschen, den Traditionen, dem einen oder anderen Aberglauben und viel harter Arbeit.


    Das Buch ist nicht dick, doch packt Pears zahlreiche Einzelschicksale hinein, die alle lebendig werden und irgendwie faszinieren, vielleicht gerade weil eigentlich gar nichts so Besonderes geschieht. Lediglich die Perspektive wirkt gelegentlich etwas holprig, wenn Alison manchmal von den Gedanken anderer Figuren erzählt, die sie gar nicht kennen kann.


    Das perfekte Buch für alle, die in diesem Sommer wie die Protagonisten im Buch Woche um Woche vergeblich auf Regen und Abkühlung warten.

  • Squirrel

    Hat den Titel des Themas von „Tim Pears - Die Farben eines Sommers“ zu „Tim Pears - Die Farben eines Sommers / In the Place of Fallen Leaves“ geändert.

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