Ruth-Maria Thomas - Die zweitgrößte Liebe

Cover zum Buch Die zweitgrößte Liebe

Titel: Die zweitgrößte Liebe

4,8 von 5 Sternen bei 2 Bewertungen

Verlag: dtv

Format: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 304

ISBN: 9783423285766

Termin: Neuerscheinung Juli 2026

Aktion

  • Über Geld spricht man nicht, man hat es...

    ...oder eben nicht. Michelle (eigentlich Mishelle, da es ihre Mutter in der ostdeutschen Provinz damals nicht besser wusste) hat kein Geld. Sie kann sich nicht auf ein Erbe verlassen. Sie hat sogar massive Schulden, seit ihr Schmuckhandwerksladen durch die Pandemie pleite ging. Henry hat Geld. Er hat einen guten Job und ist bereits durch Schenkungen und erwartetes Erbe sehr gut versorgt. Während Michelle sich niemals sicher fühlen kann in dieser Welt, hat Henry ein Grundvertrauen in die Welt in die Wiege gelegt bekommen. Nun treffen sich diese beiden Personen und verlieben sich. Wäre dies eine platte Romanze, könnte man nun eine Pretty Woman-Geschichte erwarten. Bei Ruth-Maria Thomas‘ zweitem Roman handelt es sich jedoch um eine differenzierte Betrachtung zweier Menschen und damit auch ihrer Welten und ein verschlungener psychologischer Testlauf, wie tatsächlich zwei Menschen, die aus unterschiedlicheren Familien kaum kommen könnten, miteinander auskommen, wenn das Auskommen zumindest für eine der beiden Personen ein riesiges Thema ist.

    Thomas inszeniert hier ein auf zweieinhalb Jahre angelegtes Kammerspiel zwischen ihren Figuren Michelle und Henry, die aus ganz unterschiedlichen Milieus kommen. Messerscharf analysiert sie in kleinen Beobachtungen und großen Zusammenhängen, wie stark Menschen in unserer aktuellen gesellschaftlichen Gemengelage, in der die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinander geht, durch ihre finanzielle Situation in ihren emotionalen Entscheidungen bestimmt sind. Dabei bedient keine der Figuren ein einfaches Klischee, sondern wird in der Tiefe betrachtet mit all ihren Überlegungen und Prädispositionen. Gleichzeitig zeigt Thomas eine Schieflage auf der Metaebene dar, denn Michelle kommt aus einer ostdeutschen Kleinstadt, während Henry einer Familie aus einer westdeutschen Großstadt angehört. Und auch wenn es in Ost wie auch West natürlich sowohl reiche wie auch arme Menschen gibt, so ist soziologisch belegt, dass es im Osten Deutschlands weniger zu vererben gibt. Privatbesitz war für die große Masse in der DDR nicht möglich anzuhäufen bzw. nicht erlaubt. So starten die Nachwendegenerationen meist ohne die Sicherheit einer, wie auch immer gearteten, Erbmasse oder größeren Ersparnissen in ihr Leben. Das bringt nicht nur die ganze Nation in eine gefährliche Schieflage, sondern auch Menschen auf der Mikroebene, wenn sie sich per Zufalle kennen und lieben lernen.

    So stellt Ruth-Maria Thomas in ihrem zweiten Roman die Fragen, ob diese Beziehungskonstellation funktionieren kann. Ob sie Bestand hat. Und ob ein Verständnis für die Lebenssituation des geliebten Menschen aus einem ganz anderen sozioökonomischen Milieu erwachsen kann.

    Sprachlich hat mich der Roman komplett mitgenommen und auch mitgerissen. Innerhalb kürzester Zeit war das Buch eingesogen. Da somit die Autorin auf sprachlicher, wie auch inhaltlicher Ebene mit einem nur selten auf diese Weise beleuchteten Thema punktet, gibt es eine klare Leseempfehlung von meiner Seite für diese unkonventionelle „zweitgrößte“ Liebesgeschichte.

    5/5 Sterne

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  • Michelle (33) ist Rezeptionistin in einem Hamburger Nobelhotel. Mit Henry, ebenfalls Anfang 30 und Sohn reicher Eltern, ist sie zusammengezogen. Beide sind verliebt. Doch eines Tages findet Henry sie nicht wie verabredet zu Hause. Sie ist aus seiner Wohnung verschwunden und es gibt einige besorgniserregende Hinweise, dass dies nicht mit rechten Dingen zugegangen sein könnte. Was ist geschehen? Und wie ist es dazu gekommen?

    „Die zweitgrößte Liebe“ ist ein Roman von Ruth-Maria Thomas.

    Erzählt wird die Geschichte in der personalen Perspektive aus der Sicht von Michelle. Der Roman besteht aus vielen kurzen Kapiteln, eingeleitet von einem Prolog. Die Handlung umspannt einen Zeitraum von rund zweieinhalb Jahren, wobei es immer wieder zeitliche und räumliche Sprünge gibt.

    Anders als der Titel vermuten lässt, geht es um weitaus mehr als nur romantische Liebe. Der Roman handelt von Klassizismus, sozialer Herkunft, gesellschaftlichen Unterschieden, Selbstbestimmung und Selbstaufgabe sowie Privilegien. Vor allem aber stellt er die Frage, welche Art von Liebe die beste oder wichtigste ist: die für sich selbst oder andere. Auf einer übergeordneten Ebene leistet der Roman einen feministischen und gesellschaftskritischen Beitrag. Er regt zum Nachdenken an.

    Auf den knapp 300 Seiten kommt die Geschichte gänzlich ohne Längen aus. Sie ist fesselnd, hält zugleich einige berührende Momente bereit.

    Die Charaktere wirken glaubwürdig und in sich stimmig. Vor allem Protagonistin Michelle wird mit vielen psychologischen Details dargestellt. Ihre Gedanken und Gefühle werden sehr gut deutlich.

    Der Schreibstil ist modern und ungekünstelt. Die Dialoge sind zum Teil frech, die Sprache manchmal etwas vulgär, aber nicht zu platt.

    Das kunstvolle Covermotiv, ein Werk des Künstlers Lino Lago, weckt Aufmerksamkeit und hebt sich angenehm von der Masse ab. Der Titel erschließt sich nicht sofort, passt allerdings gut.

    Mein Fazit:
    Nach ihrem tollen Debütroman hat mich Ruth-Maria Thomas auch mit ihrem zweiten Roman überzeugt. „Die zweitgrößte Liebe“ ist eine unterhaltsame Lektüre mit Tiefgang, die mich emotional erreichen konnte. Definitiv empfehlenswert!


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