Irmgard Keun - Das kunstseidene Mädchen (ab 01.05.2026)

  • das ist das Fazit der Geschichte: man liebt unter seinesgleichen, man bleibt unter seinesgleichen, denn die Grenze zwischen unten und der Mitte (von ganz oben gar nicht zu reden) ist zu groß, um sie dauerhaft zu überwinden. Die Gesellschaft ist geteilt und die von unten sollten erst gar nicht drüber träumen, nach oben zu kommen, denn dort werden sie nicht angenommen werden.

    Ich hadere mit diesem Fazit und dem Roman allgemein. Was ist das für eine gesellschaftskritische Erzählung, wo es am Schluss heißt, "Schuster bleib bei Deinen Leisten". Vergiss Ehrgeiz, heiratet innerhalb Eurer Gesellschaftsschicht, usw?

    Das macht den Roman ja noch trauriger, als er schon ist. Ich sehe hier keinen Hoffnungsschimmer für Doris, und ich bin nicht sicher, wie exemplarisch Doris für damalige Mädchen stehen sollte. Doch wohl eher abschreckend?

    Denn ich bin überzeugt, mit etwas Willen und Engagement hätte sie sich weiterentwickeln können, intellektuell, im Beruf, - aber, sie wollte immer gleich alles ohne Anstrengung bekommen, sich nur auf ihre Attraktivität verlassend. Und mir dieser Einstellung, wird es schwierig mit dem Erfolg.

    Ist es ein Roman, der die traditionellen Geschlechterrollen in Frage stellt? Einer, der die beschränkten Möglichkeiten und Grenzen weiblicher Emanzipation und Verwirklichung darstellen möchte? Das Thema gäbe es her, aber die Protagonistin finde ich dafür nicht beispielhaft genug, oder eher ein abschreckendes, warnendes Beispiel. Da könnte man ja als Leser sagen, sie hat es sich zu leicht gemacht, sie war zu faul, nicht sparsam, nicht ehrlich, oberflächlich, und und und. Jedenfalls vereinigt sie viele Eigenschaften, bei denen das Bürgertum die Hände über dem Kopf zusammenschlägt.

    Ich schau mir auf YouTube erstmal die entsprechende Folge von Sommers Weltliteratur To Go an. In 10 Minuten wird der Roman mit Playmobil-Figuren nacherzählt, finde ich meist sehr gelungen!

  • Was ist das für eine gesellschaftskritische Erzählung, wo es am Schluss heißt, "Schuster bleib bei Deinen Leisten"

    Ja, sehe ich ähnlich bzw. ich habe mich ähnlich geäußert. Allerdings würde ich die Äußerung dieses Jungen nicht verallgemeinern bzw. den Jungen nicht als Sprachrohr der Autorin sehen, sondern nur als eine Stimme von vielen. Die man sicher häufiger gehört hat.

    Ist es ein Roman, der die traditionellen Geschlechterrollen in Frage stellt?

    Ein emanzipatorischer Roman - nein, so ist die Figur Doris nicht angelegt, weil sie ihr Leben nicht in die eigenen Hände nimmt, sondern sich großenteils treiben lässt.

    Ich sehe den Roman einfach als Gesellschaftbild, als Zeitbild, aber nicht nur. Doris zeigt Verhaltensweisen bei ihrer Lebensbewältigung, die wir auch heute noch diskutieren können.

    Juva , ich habe das Nachwort der beiden Autorinnen nicht im Netz gefunden, und auch die eigentlich gut bestückte Kreisbibliothek hat diesen Roman nicht. Darf ich auf Dein Angebot zurückkommen?

    "Der echte Bibliophile liebt mehr als Form und Inhalt eines Buches seine Existenz; er muss es erst gar nicht lesen" (Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh, S. 49).

  • Juva , ich habe das Nachwort der beiden Autorinnen nicht im Netz gefunden, und auch die eigentlich gut bestückte Kreisbibliothek hat diesen Roman nicht. Darf ich auf Dein Angebot zurückkommen?

    Klar, ich nehme das Buch morgen mit zur Arbeit und scanne die Anhänge ein. Wenn Du mir Deine Mailadresse per PN zukommen lässt schicke ich es Dir zu.

  • Das hatte ich oben als Liebesdienst bezeichnet, aber das würde ich jetzt nicht mehr sagen.

    Warum? Ich finde, das ist gar nicht so verkehrt. Auf ihre Art fing Doris an, Ernst ein wenig zu lieben. Nicht so, wie wir es heute definieren, wenn sich jemand verliebt, aber doch ein wenig. Und so sagt sie mit diesem Liebesdienst Danke.

    Jedenfalls setzt er bei Doris offensichtlich einen gedanklichen Prozess in Gang, auch wenn wir das Ergebnis nur im letzten Satz erfahren.

    Ja, das erste Mal hatte ich das Gefühl, dass sie nachdenkt.

    Du meintest das aber umfassender, auf die sozialen Schichten bezogen. Hm. Auch damals waren diese Schichten schon durchlässig, nach oben und auch nach unten, heute noch mehr. Das sollte man doch niemandem verwehren, sich mit Bildung + Beruf (+ Einkommen) einen sozialen Status zu verschaffen, der über seiner Herkunftsschicht liegt.

    Manchmal waren sie durchlässig, aber wie oft in der Realität, gerade für Frauen? Für jemanden wie Doris sicher eher nicht, denn ohne Anstrengung gab es eher keine Durchlässigkeit, denke ich.

    Manchmal kommt sie mir vor wie ein Hamster im Laufrad. Immer weiter, egal wie..

    Stimmt schon, Hamsterrad in der alten Situation und jetzt ein neues, wie auch immer geartetes neues Hamsterrad.

    Doris möchte abheben, sich abheben vom Mittelmaß. Rebellisch finde ich ihr „Treiben“ aber keineswegs!

    Nein, Doris ist ganz sicher keine Rebellin - zur Rebellion gehört Einsicht in Gegebenheiten und aktive Auflehnung dagegen. Aber als eine aktive Person würde ich Doris nicht beschreiben. Ein aktiver Mensch wartet nicht darauf, von einem anderen ausgehalten zu werden.

    Er hat sich versprochen, weil er Doris das Bild seiner "Hanne" quasi übergestülpt hat. Ich hoffe ihr wisst was ich meine... 8-[

    Ganz deutlich :)

    Doris definiert sich über den Feh. Daher muss der Roman auch im Winter spielen.

    Na klar - ich hab schon überlegt, über welchen Zeitraum sich die Handlung in etwa erstreckt. Aber es kann nur dieser eine Winter sein, wie Du erklärst. Danke :)

    Ich hadere mit diesem Fazit und dem Roman allgemein. Was ist das für eine gesellschaftskritische Erzählung, wo es am Schluss heißt, "Schuster bleib bei Deinen Leisten". Vergiss Ehrgeiz, heiratet innerhalb Eurer Gesellschaftsschicht, usw?

    Die Kritik liegt meiner Meinung nach darin, dass Irmgard Keun genau dieses Fazit ans Ende stellt: sie lässt den jungen Mann genau das aufzeigen und Doris sich ergeben in genau diese gesellschaftliche Situation. Damit zeigt sie die festgefahrenen Strukturen auf ohne dass sie sie en Detail beschreiben muss. Das finde ich eine perfekte Kritik - sie muss nichts weiter beschreiben, es springt den Leser doch an. Damals mehr als heute weil es uns heute besser geht als Doris damals, aber ich finde sie dennoch klar und deutlich

    Das macht den Roman ja noch trauriger, als er schon ist. Ich sehe hier keinen Hoffnungsschimmer für Doris, und ich bin nicht sicher, wie exemplarisch Doris für damalige Mädchen stehen sollte.

    Hast du einen Hoffnungsschimmer erwartet? Tut mir leid, vielleicht hätte ich warnen sollen, dass das nicht unbedingt die Art der Autorin ist. Sie braucht kein Happy End, sie will keine Wohlfühlgeschichte erzählen. Sie zeigt die Realität in all ihrer Unbarmherzigkeit, ohne dass sie sie wortreich beschreiben muss.
    Ich glaube, Doris ist durchaus exemplarisch. Ja ich weiß, es gab Möglichkeiten sich zu bilden und sich hochzuarbeiten. Aber ich habe immer noch Zweifel, dass viele junge Frauen diese Möglichkeiten nutzen konnten. Viele mussten einfach arbeiten, viel arbeiten für wenig Geld, um die Familien zu unterstützen. Es war Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit - ich glaube, da stand das Überleben im Vordergrund, gerade für die unteren Gesellschaftsschichten.

    Ist es ein Roman, der die traditionellen Geschlechterrollen in Frage stellt? Einer, der die beschränkten Möglichkeiten und Grenzen weiblicher Emanzipation und Verwirklichung darstellen möchte?

    Nein, dafür halte ich den Roman nicht. Wäre das Irmgards Keuns Absicht gewesen, dann hätte sie ihre Protagonistin anders konzipiert. Ich halte es für einen absolut gesellschaftskritischen Roman.

    viele Grüße vom Squirrel


    :study: Renate Berger - Tanz auf dem Vulkan
    :study: Sabin Tambrea - Vaterländer

  • Zitat von Juva

    Hier war ich sehr unsicher, denn einerseits zieht Doris selbst die Parallele zu Hubert, den sie ja geliebt zu haben scheint, andererseits dauert es für ihre Verhältnisse recht lange, bis sie ihr Interesse an Ernst entdeckt. Deshalb habe ich mich gefragt, ob sie sich wirklich in Ernst verliebt (der sie zunächst auch körperlich ja eher abstößt) oder in die Vorstellung, dauerhaft an seinem Lebensstil teilzuhaben und sich keine Sorgen mehr machen zu müssen.

    An der Stelle bin ich mir gerade uneins mit mir selbst, ob sie Ernst jetzt geliebt hat oder sich das nur eingeredet hat. Sie scheint unter der Trennung zu leiden, aber ist das echt? :-k.

    Zitat von drawe

    Nein, meine Ausgabe hat kein Nachwort.

    Schade. Ich bin gespannt, wie Du die Interpretation von Annette Keck siehst, die nochmal andere Ansätze bietet.

    Die kurze Biographie von Anna Barbara Hagin über das Leben von Irmgard Keun, teilweise auch zu ihrer Persönlichkeit, ist sehr informativ. Ich finde sie gut.

    "Wo Freundlichkeit herrscht, gibt es Güte, und wo es Güte gibt, da ist auch Magie" (Walt Disney) :montag:

  • Mal ein anderes Thema: Das Cover der neueren Ausgabe finde ich ........nicht schön, so wie alle anderen neuen Roman-Ausgaben auch nicht. Bestellt (u. bestätigt) hatte ich eine andere Ausgabe, letztendlich war ich aber froh als es da war. :loool:

    Zitat von Kasiopeia

    Dafür zieh ich tatsächlich den Hut vor ihr, diese absolute Konsequenz hätte ich nicht vermutet. Gleichzeitig sorgt sie für die Erfüllung seines Traums.

    An dieser Stelle habe ich auch über ihre Konsequenz gestaunt.

    Zitat von Kasiopeia

    Dieser Roman hat mich deswegen so interessiert, da ich etwas über das Selbstverständnis von Frauen dieser Generation (zu der meiner Großmütter gehörten) wissen wollte.

    Mich interessierten die Romane aus und über diese(r) Zeit, weil es authentisch ist und die Sprache und das Lebensgefühl besser vermittelt werden, als noch so gut geschriebene und recherchierte historische Romane das können, weil diese Autoren halt damals nicht gelebt haben. Und man vieles halt nicht nachvollziehen kann, was man nicht selbst erlebt hat.

    Zitat von Kasiopeia

    Die Gesellschaft ist geteilt und die von unten sollten erst gar nicht drüber träumen, nach oben zu kommen, denn dort werden sie nicht angenommen werden.

    Ein Spiegel der nicht nur der damaligen Gesellschaft vorgehalten wird und leider in Teilen wohl auch auf die heutige Gesellschaft(sordnung) zutrifft.

    "Wo Freundlichkeit herrscht, gibt es Güte, und wo es Güte gibt, da ist auch Magie" (Walt Disney) :montag:

  • Und so sagt sie mit diesem Liebesdienst Danke.

    Ja - schon - ABER: Doris ist eine durch und durch materiell ausgerichtete Person. Daher würde ich dieses Gespräch mit Hanne als eine Art Zwischending zwischen Liebe (das Gefühl kennt sie ja nicht!) und "Bezahlung" sehen.

    denn ohne Anstrengung gab es eher keine Durchlässigkeit, denke ich.

    "Anstrengung" ist das Entscheidende, und da sind wir uns einig: Doris lässt sich eher treiben und wartet auf den "Glanz", der ihr ihrer Selbsteinschätzung nach zusteht. Diese Selbsteinschätzung ändert sich aber und weicht einer Resignation.

    Resignation ist für mich auch das Grundgefühl in diesem Roman.

    "Der echte Bibliophile liebt mehr als Form und Inhalt eines Buches seine Existenz; er muss es erst gar nicht lesen" (Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh, S. 49).

  • Allerdings würde ich die Äußerung dieses Jungen nicht verallgemeinern bzw. den Jungen nicht als Sprachrohr der Autorin sehen, sondern nur als eine Stimme von vielen.

    Nein, nicht verallgemeinern, aber die Erzählung hört ja hier mehr oder weniger auf. Auf den letzten paar Seiten hat es für mich den Anschein eines wohlmeinenden Rates an den Leser. Mit diesen Worten klappt man das Buch zu. Daher hat es für mich besonderes Gewicht, das prägt für mich die Geschichte besonders, weil ich nicht einfach weiterlesen kann, sondern nach Beenden der Lektüre darüber nachdenken muss.

    Das finde ich eine perfekte Kritik - sie muss nichts weiter beschreiben, es springt den Leser doch an. Damals mehr als heute weil es uns heute besser geht als Doris damals, aber ich finde sie dennoch klar und deutlich

    Ich stimme gerne zu, die Kritik ist deutlich und gilt sicherlich auch für heute. Aber für mich ist es weniger eine Kritik an der Gesellschaft (das auch), aber insbesondere auch an der Protagonistin, die sich nicht bemüht, die keinen Willen zeigt zu arbeiten, die darauf wartet, dass ihr der Reichtum in Form eines wohlhabenden Mannes zufliegt, die sich auf ihren Charme verlässt.

    Die gesellschaftlichen Zustände wäre meines Erachtens stärker kritisiert worden, wenn sich Doris redlich bemüht hätte, sie unverschuldet ausgenutzt worden wäre, usw. Aber eher im Gegenteil: sie stiehlt, lügt, nutzt andere Menschen aus - bei allem Mitleid ihrer Lage, aber man könnte genauso gut sagen, geschieht ihr recht!

    Und das irritiert mich ein wenig. Daher meine Frage ob es ein Roman sein soll, der die beschränkten Möglichkeiten und Grenzen weiblicher Emanzipation und Verwirklichung darstellen möchte?

    Nein, dafür halte ich den Roman nicht. Wäre das Irmgards Keuns Absicht gewesen, dann hätte sie ihre Protagonistin anders konzipiert. Ich halte es für einen absolut gesellschaftskritischen Roman.

    Dafür halte ich ihn auch nicht. Und ja, dann hätte sie Doris anders darstellen müssen. Aber gerade durch die Darstellung Doris, wie sie hier beschrieben ist, halte ich den Roman auch nicht für gesellschaftskritisch, jedenfalls nicht geeignet um ein Problem in der Gesellschaft darzustellen, das gelöst werden muss. Es mag sicherlich den Istzustand damals beschreiben, aber Doris scheint mir keine Person zu sein, mit der sich Mädchen damals (oder heute) identifizieren wollten oder Mitleid hatten?! Hingegen könnte ich mir eher vorstellen, dass damalige Spießbürger hämisch mit dem Finger drauf zeigen und sagen "siehste, wenn man sich nicht anstrengt und brav benimmt, dann landet man als Hulla in der Gosse..."

    Aber als eine aktive Person würde ich Doris nicht beschreiben. Ein aktiver Mensch wartet nicht darauf, von einem anderen ausgehalten zu werden.

    Da stimme ich voll zu. Und daher ist sie mir nicht nur unsympathisch, sondern halte sie als Identifikationsfigur auch für ungeeignet. Und so eine Figur bräuchte es meiner Meinung nach, um die Ungerechtigkeit (Gut vs Böse) besser darzustellen - ich denke dabei, bswp an die Romane von Dickens... (klar, andere Zeit und nicht "Neue Sachlichkeit", aber bei ihm war die Gesellschaftskritik bei allem Humor stets sehr deutlich erkennbar).

    Hast du einen Hoffnungsschimmer erwartet? Tut mir leid, vielleicht hätte ich warnen sollen, dass das nicht unbedingt die Art der Autorin ist. Sie braucht kein Happy End, sie will keine Wohlfühlgeschichte erzählen. Sie zeigt die Realität in all ihrer Unbarmherzigkeit, ohne dass sie sie wortreich beschreiben muss.

    Ja, einen kleinen Hoffnungsschimmer hatte ich mir erhofft. Nicht unbedingt ein Happy End, das hätte nicht gepasst, aber dieser soziale Abstieg und die Unsicherheit sind zu einem großen Teil selbstverschuldet, und am Schluss steht nur die Einsicht, dass es "auf den Glanz vielleicht gar nicht so sehr ankommt". Immerhin, diese Erkenntnis dann doch noch...

    "Anstrengung" ist das Entscheidende, und da sind wir uns einig: Doris lässt sich eher treiben und wartet auf den "Glanz", der ihr ihrer Selbsteinschätzung nach zusteht. Diese Selbsteinschätzung ändert sich aber und weicht einer Resignation.

    Resignation ist für mich auch das Grundgefühl in diesem Roman.

    Ja, das ist das passende Wort: Resignation. Ich schrieb, es sei ein trauriger Roman, aber eigentlich wundere ich mich über den damaligen Erfolgs des Romans. War das die generelle Stimmung? Resignation? So konnten sich viele LeserInnen verstanden fühlen?!

    Mich störte diese Passivität, die in dem Roman eigentlich nicht direkt hinterfragt wird. Man hat Mitleid mit Doris, findet die gesellschaftlichen Zustände schlimm, aber als Allererstes sollte die Protagonistin an ihrer Einstellung arbeiten.

  • Ich stimme gerne zu, die Kritik ist deutlich und gilt sicherlich auch für heute. Aber für mich ist es weniger eine Kritik an der Gesellschaft (das auch), aber insbesondere auch an der Protagonistin, die sich nicht bemüht, die keinen Willen zeigt zu arbeiten, die darauf wartet, dass ihr der Reichtum in Form eines wohlhabenden Mannes zufliegt, die sich auf ihren Charme verlässt.

    Aber eher im Gegenteil: sie stiehlt, lügt, nutzt andere Menschen aus

    Und so eine Figur bräuchte es meiner Meinung nach, um die Ungerechtigkeit (Gut vs Böse) besser darzustellen

    War das die generelle Stimmung? Resignation? So konnten sich viele LeserInnen verstanden fühlen?!

    Ich glaube, all deine Fragen verdeutlichen uns eines: wir wissen sehr wenig über diese Zeit, über das, was die Menschen fühlten, dachten, WIE sie sich fühlten. Denn viele waren ausgeliefert und resigniert, würde ich vermuten. Viele landeten unverschuldet im Elend und wer weiß, wie viele junge Frauen sich evtl. mit Doris identifizieren konnten damals. Heute sicherlich niemand mehr, junge Frauen von heute werden sich in Doris sicherlich nicht mehr sehen. Wobei so manche evtl. doch Grund dazu hätte.

    Warum war der Roman denn ein so großer Erfolg? Er muss einen starken Nerv getroffen haben, einen, den wir vielleicht nicht mehr haben?

    viele Grüße vom Squirrel


    :study: Renate Berger - Tanz auf dem Vulkan
    :study: Sabin Tambrea - Vaterländer

  • Habt ihr vergleichbare Romane gelesen?

    Dich denke dass es in dieser Epoche viele Frauen und auch Männer beeindruckt hat, dass eine Frau über sexuelle Erfahrungen schreibt. Auch wenn vieles verbrämt wird.
    Daraus resultierte wohl dann die Indizierung durch die Reichsschriftumskammer( oder wie auch immer diese Institution bezeichnet wurde).

  • Dich denke dass es in dieser Epoche viele Frauen und auch Männer beeindruckt hat, dass eine Frau über sexuelle Erfahrungen schreibt. Auch wenn vieles verbrämt wird.
    Daraus resultierte wohl dann die Indizierung durch die Reichsschriftumskammer( oder wie auch immer diese Institution bezeichnet wurde).

    Irmgard Keuns Roman wurde von den Nationalsozialisten der "Asphaltliteratur" zugerechnet, da stecken verschiedene Aspekte drin, u.a. auch der Vorwurf der "Unsittlichkeit". Es ging aber auch darum, ob das großstädtische, "glitzernde" Leben, nach dem sich ja auch Doris sehnt, hervorgehoben wurde, weil dieses (gerade auch in seiner Vielfalt) der Ideologie der Nationalsozialisten diametral entgegengesetzt war.

    Ich weiß, dass Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" sprachlich sehr anders ist als Keuns Roman und von vielen LeserInnen als sehr schwierig angesehen wird. Inhaltlich sehe ich aber durchaus Parallelen zum "Kunstseidenen Mädchen", weil sowohl das großstädtische Milieu als auch das Scheitern an der Gesellschaft dort sehr anschaulich dargestellt werden.

    Wenn es nicht unbedingt ein zeitgenössischer Roman sein soll, es aber um das Lebensgefühl der 1920er und frühen 1930er Jahre geht, finde ich sowohl Volker Kutschers Romane um Gereon Rath als auch die Serie um die Hebamme Hulda Gold von Anne Stern gelungen. Man merkt, dass diese beiden AutorInnen HistorikerInnen sind, die sich intensiv mit dieser Zeit beschäftigt haben, und es werden viele Aspekte, die uns hier beschäftigt haben, aufgegriffen.

  • Am Wochenende habe ich ein bisschen Musik gehört und möchte, weil er so wunderbar passt, den Song einer anderen jungen Frau mit euch teilen, nämlich der Spelunken-Jenny, die unbeachtet als Zimmermädchen und Spülmagd schuftet und bekanntermaßen viel drastischere Vorstellungen davon pflegt, wie sie zu Ansehen und Macht gelangen könnte - da ist der glanzverleihende Feh im Vergleich ein harmloses Spielzeug.

    Interessant, dass Du hier auch die Assoziation zur Musik hast, die hat sich für mich in anderer Hinsicht ergeben: Als Ernst Doris beschreibt, wie und warum Hanne ihn verlassen hat, verwendet er die Formulierung "armer Gigolo, schöner Gigolo", der die Worte eines beliebten Schlagers aus dem Jahr 1928 genau verdreht, denn dieser heißt "Schöner Gigolo, armer Gigolo". Dieser wurde auch in mehreren zeitgenössischen Filmen verwendet, was wiederum zu Doris Erzählweise passt.

    Ich habe dabei aber nicht die Origionalversion im Ohr, sondern die Interpretation von Max Raabe, die ich toll finde:
    Max Raabe und Palast Orchester - Schöner Gigolo

  • aber die Protagonistin finde ich dafür nicht beispielhaft genug,

    Nein, ich auch nicht. Ich sehe sie nicht als typische junge Frau dieser Zeit, auch nicht ausschließlich als Stellvertreterin einer sozialen Anklage.

    Ich sehe dafür Doris in manchen jungen Frauen;

    Ja, ich auch. Natürlich kann man den Roman auch aus rein historischem Interesse lesen, aber irgendetwas muss doch drin sein, dass er uns heute noch anspricht!

    Juva, vielen Dank, ich habe alles ausgedruckt und heute auch die Zeit zum Lesen.

    Mich interessiert besonders, inwieweit Annette Keck auf den Materialismus der Doris eingeht.

    dass eine Frau über sexuelle Erfahrungen schreibt. Auch wenn vieles verbrämt wird.
    Daraus resultierte wohl dann die Indizierung durch die Reichsschriftumskammer( oder wie auch immer diese Institution bezeichnet wurde).

    Irmgard Keuns Roman wurde von den Nationalsozialisten der "Asphaltliteratur" zugerechnet, da stecken verschiedene Aspekte drin, u.a. auch der Vorwurf der "Unsittlichkeit". Es ging aber auch darum, ob das großstädtische, "glitzernde" Leben, nach dem sich ja auch Doris sehnt, hervorgehoben wurde, weil dieses (gerade auch in seiner Vielfalt) der Ideologie der Nationalsozialisten diametral entgegengesetzt war.

    Ich denke, dass auch der Materialismus, der aus dem Roman spricht, hier eine Rolle spielt. Auch Doris' Materialismus entspricht nicht der Nazi-Ideologie.

    "Der echte Bibliophile liebt mehr als Form und Inhalt eines Buches seine Existenz; er muss es erst gar nicht lesen" (Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh, S. 49).

  • Es wird ja nicht die Moralkeule geschwungen, insofern war diese Art Literatur etwas Neues, Erfrischendes.

    Nachdem ich mich in den letzten Tagen etwas mit Irmgard Keuns Biografie beschäftigt habe, würde ich diesen Roman experimentell und herausfordernd nennen.

    Wenn man Parallelen zum heutigen Verhalten von jungen Frauen zieht, könnte man es nicht auch hedonistisch finden.

  • Natürlich kann man den Roman auch aus rein historischem Interesse lesen, aber irgendetwas muss doch drin sein, dass er uns heute noch anspricht!

    Mich spricht er ehrlich gesagt nicht sonderlich an. Ich finde die Erzählweise interessant und experimentell, mir gefallen insbesondere auch diverse Beschreibungen, zudem werde ich die Protagonistin wohl nicht so schnell vergessen, aber ansonsten :-k

    Wenn man Parallelen zum heutigen Verhalten von jungen Frauen zieht, könnte man es nicht auch hedonistisch finden.

    Als "Lehrstück", dass man sich nicht nur dem Hedonismus hingeben soll, dass man sich Luxus verdienen muss? Sozusagen heute noch aktuell und mahnendes Beispiel für junge Leute, die lieber Fussballprofi, Gamer oder Tiktok-Star werden wollen, anstatt eine Lehre zu ergreifen?

    Wir hatten ja noch zwei Punkte offen:

    1. Den Titel finde ich ganz passend. "Kunstseiden" als Begriff für etwas "gefälscht-elegantes", gewollt und nicht gekonnt. Kunstseide verspricht mehr als es ist. Klingt vielleicht etwas gemein, aber der Feh und das Gehabe soll doch über das Unwissen und die Armut hinwegtäuschen.

    2. Für mich ist ein Entwicklungsroman eine Erzählung, die beschreibt, wie ein junger Mensch sich zu einem Erwachsenen entwickelt, beeinflusst durch die Gesellschaft und Lebensumstände, bspw bei Charles Dickens "Grosse Erwartungen".
    Aber Doris entwickelt sich meines Erachtens nach wenig bis gar nicht. Die Geschichte umfasst zudem eine zu kurze Zeitspanne, um eine Bildung im Sinne einer Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeit glaubhaft darstellen zu können.

  • Mich spricht er ehrlich gesagt nicht sonderlich an.

    Ich habe den Roman als Roman eines jungen Menschen gelesen, der sich selbst gewaltig überschätzt und genau so gewaltig desillusioniert wird.

    Aber Doris entwickelt sich meines Erachtens nach wenig bis gar nicht.

    Nein, der Roman ist definitv kein Entwicklungroman. Doris' Desillusionierung oder Resignation kann man nicht als Entwicklung bezeichnen; sie entwickelt keine moralischen Qualitäten oder eine neue Weltsicht. Sie ist und bleibt eine materialistisch eingestellte Person, und auf der Basis dieses Materialismus sind Diebstähle, Lügen etc. für sie eine Form der Lebensbewältigung, die sie nicht bereut.

    "Der echte Bibliophile liebt mehr als Form und Inhalt eines Buches seine Existenz; er muss es erst gar nicht lesen" (Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh, S. 49).

  • Daraus resultierte wohl dann die Indizierung durch die Reichsschriftumskammer( oder wie auch immer diese Institution bezeichnet wurde).

    Das war wohl einer der Punkte, aber sicherlich nicht der einzige. Auch wenn es nur wenige, noch kleine Hiebe waren, so hat Irmgard Keun bereits in diesem Erstling deutlich gegen die Nazis geschrieben. In späteren Romanen wie "Nach Mitternacht" ist das viel deutlicher.

    Ich sehe dafür Doris in manchen jungen Frauen; heutzutage wollen die kein "Glanz" werden, sondern Influencerin. :lol:

    Gut, Punkt für Dich, daran hatte ich gar nicht gedacht. Aber es passt sehr gut. Und an Influencer im heutigen Sinn dachte Irmgard Keun bestimmt noch nicht.

    Ich weiß, dass Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" sprachlich sehr anders ist als Keuns Roman und von vielen LeserInnen als sehr schwierig angesehen wird. Inhaltlich sehe ich aber durchaus Parallelen zum "Kunstseidenen Mädchen", weil sowohl das großstädtische Milieu als auch das Scheitern an der Gesellschaft dort sehr anschaulich dargestellt werden.

    Döblin hat Keun sehr gefördert, sie lernten sich auf einer Lesung von ihm kennen. Daher bestimmt auch die Parallelen.

    1. Den Titel finde ich ganz passend. "Kunstseiden" als Begriff für etwas "gefälscht-elegantes", gewollt und nicht gekonnt. Kunstseide verspricht mehr als es ist. Klingt vielleicht etwas gemein, aber der Feh und das Gehabe soll doch über das Unwissen und die Armut hinwegtäuschen.

    Das ist nicht gemein, sondern zutreffend. Ich bin völlig deiner Meinung, sehe das ganz genauso.

    2. Für mich ist ein Entwicklungsroman eine Erzählung, die beschreibt, wie ein junger Mensch sich zu einem Erwachsenen entwickelt, beeinflusst durch die Gesellschaft und Lebensumstände, bspw bei Charles Dickens "Grosse Erwartungen".
    Aber Doris entwickelt sich meines Erachtens nach wenig bis gar nicht.

    Tut sie nicht und ich sehe es auch nicht als einen Entwicklungsroman an. Auch hier sind wir einer Meinung. Schade, dass Dir die Geschichte nicht so gefallen hat, aber so unterschiedlich lesen wir Bücher. Doch das macht es ja erst spannend.

    viele Grüße vom Squirrel


    :study: Renate Berger - Tanz auf dem Vulkan
    :study: Sabin Tambrea - Vaterländer

  • Schade, dass Dir die Geschichte nicht so gefallen hat, aber so unterschiedlich lesen wir Bücher. Doch das macht es ja erst spannend.

    Naja, es war ja kein Totalreinfall. Ich habe nun 3 Sternchen vergeben. Es hat mich unterhalten, sprachlich fand ich es auch interessant, aber inhaltlich hat es mich weniger angesprochen. Dennoch möchte ich in Kürze noch "Nach Mitternacht" von ihr lesen; ist ja auch eher ein kurzes Werk. Irmgard Keuns Lebenslauf finde ich auch noch spannend, vielleicht finde ich mal eine gute Biographie. Aber "Gilgi" und die anderen Werke werde ich mir nicht besorgen.

  • Zum Nachwort von Annette Keck:

    Wie gut, dass ich das Nachwort als Nachwort gelesen habe. Ich finde, es verhindert das entdeckende Lesen.

    Eines ist mir allerdings deutlicher klar geworden: dass Doris "sichtbar" sein will. Den Hinweis der Verfasserin fand ich gut, weil er zu allem passt, was wir zusammen "erarbeitet" haben. Und: der Feh bekommt damit noch eine zusätzliche Bedeutung. Der Feh wird damit untrennbar verbunden mit der Figur Doris, denn der Feh garantiert ihre äußere Sichtbarkeit.

    Bei dem Stichwort "sichtbar" ist mir ein Gedicht von Erich Kästner eingefallen. Es ist ja so, dass Doris sich aus der grauen Masse der Angestellten herausheben will, und Kästner beschreibt in seinem Gedicht "Chor der Fräuleins" diese Masse. Es beginnt so:

    "Wir hämmern auf die Schreibmaschinen.

    Das ist genau, als spielten wir Klavier.

    Wer Geld besitzt, braucht keines zu verdienen.

    Wir haben keins. Drum hämmern wir.

    ---

    Das Gedicht hat 5 Strophen, ich will Euch nicht damit langweilen. Außerdem weiß ich nicht genau, ob ich das Gedicht hier wiedergeben darf, also welche Rechte noch darauf liegen.

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