Klappentext/Verlagstext
»Sister Snake« von Amanda Lee Koe greift die Legende von der Weißen Schlange auf und erzählt sie in der Gegenwart neu.
Einst waren die Schwestern Emerald und Su Schlangen, heute leben sie in menschlicher Gestalt und könnten unterschiedlicher kaum sein. Emerald folgt in New York ihren Begierden und Launen, während Su in Singapur als Ehefrau eines hochrangigen Politikers ein Leben strenger Ordnung und Kontrolle führt.
Als Emerald in Gefahr gerät, holt Su sie nach Singapur. Doch Emeralds ungezähmte Art zu leben und zu lieben bringt das fragile Gleichgewicht ins Wanken. Alte Instinkte brechen auf, familiäre Loyalitäten werden auf die Probe gestellt – und die Frage nach Freiheit wird existenziell.
»Sister Snake« ist ein kluger, zugänglicher Roman über Schwesternschaft, Anpassung und den Preis der Freiheit sowie eine sehr gegenwärtige, queere Erzählung über Macht, Begehren und Identität.
Die Autorin
Amanda Lee Koe ist in Singapur aufgewachsen und lebt in New York. Ihr Debüt »Ministerium für öffentliche Erregung« (2016) stand auf der Shortlist des Internationalen Literaturpreises. Für ihr Werk wurde Koe vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Singapore Literature Prize. Nach »Die letzten Strahlen eines Sterns« (2022) ist »Sister Snake« ihr zweiter Roman.
Inhalt
Bai Suzhen/Su, die weiße Schlange, und ihre smaragdgrüne Schwester Xiaoqing/Emerald stammen vom Westsee in Hangzhou und sind schon einige hundert Menschenjahre alt. Su in Menschengestalt ist in Singapur mit dem Bildungsminister Paul Ong verheiratet, die menschliche Variante Emerald schlägt sich in New York mit dem Einkommen durch, das sie Sugar Daddys abschwatzen kann. Das Leben in so grundverschiedenen Mileus hat die Schwestern einander entfremdet, so dass sie sich seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Beide müssen sich noch immer häuten, haben jedoch schon lange keine Schlangen-Gestalt mehr angenommen. Als Em, die in letzter Zeit immer leichtsinniger auftrat, im Central Park von einer Polizeistreife aufgegriffen wird, ist es Zeit, bei Su in Singapur unterzuschlüpfen. Beide Frauen hatten bisher regelmäßig anderen Lebewesen die Lebensenergie Qi abgesaugt, um leben zu können. Passend zu Sus ausgeglichenem Temperament ist im autoritären südasiatischen Stadtstaat alles überwacht und geregelt. Dass Em und Su ausgerechnet hier weiter ihrem schlangentypischen Lebenswandel nachgehen können, scheint angesichts der flächendeckenden Überwachung jedoch unrealistisch. Aus asiatischer Sicht verkörpert das pulsierende New York dagegen allein schon deshalb westliches Chaos, weil seine Bürger eigene Entscheidungen treffen dürfen. In Singapur sind die Zeiten von Ordnung und Berechenbarkeit offenbar vorbei, seit Pauls Ministerium einen Skandal um eine trans Schülerin zu moderieren hat, die gegen den Zwang protestiert, eine männlich gelesene Schuluniform tragen zu müssen. Als Dritte im Bunde taucht die androgyne Ex-Polizistin und Personenschützerin Tik auf, die für Sus Schutz zuständig ist und die beiden Frauen ins Milieu ihrer malaiischen Ex einführt. Für den überkorrekten und ordnungsbedürftigen Minister Paul scheint Su die ideale Ehefrau zu sein, auch wenn das Paar bisher noch keine Schwangerschaft vermelden konnte, die auf Pauls Karrierestufe obligatorisch ist. Rückblenden vermitteln, was die gegensätzlichen Schwestern seit dem Ende der Ming-Dynastie schon alles erlebt haben, während in Singapur der Wettlauf der Handlungsstränge um Pauls Ministeramt und die drohende Entdeckung der gestaltwandelnden Schwestern an Tempo zulegt.
Fazit
Die populäre, mündlich übertragene „Legende der weißen Schlange“ verlegt Amanda Lee Koy nach New York und Singapur. Nicht nur die beiden Metropolen als Habitate unterscheiden sich durch den Grad an Ordnung, Chaos und Toleranz, auch die Temperamente von Schlange weiß und Schlange smaragdgrün, sowie das Aufeinanderprallen von Aberglaube und Realismus entblättern vor Lee Koys Leser:innen den Ost-West-Gegensatz. Allein schon der Bezug zwischen der modernisierten Schlangen-Legende und dem im realen China verbreiteten Aberglauben von der Heilwirkung eingelegten Schlangenfleischs hat mich amüsiert. Originelle Figuren in urbanem Setting, jedoch nichts für zartbesaitete Leser:innen. Schwangere sollten die Lektüre besser noch eine Weile aufschieben, anderen Asieninteressierten bietet Amanda Lee Koy einen Blick über den eigenen – westlichen – Tellerrand.
![]()
![]()
![]()
![]()
![]()




