Kurzbeschreibung (Quelle: Verlagsseite)
Hohenwart und Siegering, Anfang des 20. Jahrhunderts: Als Fährmann muss Hannes Winkler dem Brauch folgen, sich keine Frau zu nehmen. Denn sollte sein gefährlicher Beruf sein Leben fordern, darf er keine bedürftigen Angehörigen zurücklassen. Hannes’ Herz gehört trotzdem schon lang seiner Jugendfreundin Elisabeth. Doch die ist Josef Steiner versprochen, dem Erben des größten Hofes am diesseitigen Ufer der Salzach. Das trifft nicht nur Hannes und Elisabeth hart, die seine Gefühle erwidert: Elisabeths beste Freundin Annemarie hatte sich Hoffnung auf eine Heirat mit Josef gemacht.
Während der 1. Weltkrieg die kleine Gemeinschaft diesseits und jenseits der Salzach in Österreich und Deutschland spaltet, gerät das Leben der vier jungen Leute in einen Strudel aus Gewalt, Aufbegehren und Schuld. Als schließlich ein Kind verschwindet, wird eine tödliche Spirale in Gang gesetzt.
Autorin (Quelle: Verlagsseite)
Regina Denk wurde 1981 an der bayerisch-österreichischen Grenze geboren. Die Liebe zu ihrer Heimat wurde ihr, zusammen mit der Leidenschaft für Geschichten, in die Wiege gelegt. Das Schreiben und die Berge begleiten sie schon ihr Leben lang. Vom Literaturstudium in München, bis ans andere Ende der Welt und wieder zurück in die Heimat, wo sie heute lebt - ein Bein in Bayern, das andere in Österreich. Unter dem Pseudonym Fanny König veröffentlichte sie humoristische Bayern-Krimis. Nach "Die Schwarzgeherin" ist "Der Fährmann" ihr zweiter Roman bei Droemer.
Allgemeines
Erschienen bei Droemer am 2. März 2026 als HC mit 384 Seiten
Gliederung: Roman in 23 Kapiteln mit Zeitangaben, eingeschobene Kapitel mit der Überschrift „Anderswo“
Erzählung in der dritten Person aus wechselnden Perspektiven
Handlungsort und -zeit: Deutsch-österreichisches Grenzgebiet an der Salzach, 1894 bis 1915
Inhalt
Vier junge Leute wachsen um die Zeit der vorletzten Jahrhundertwende (19. /20. Jahrhundert) im deutsch-österreichischen Grenzgebiet auf, zwei von ihnen sind relativ privilegiert: Josef Steiner ist der Erbe des größten Hofes an der Salzach, Elisabeth Hofer ist die Tochter des Großbauern am anderen Ufer der Salzach. Auf Wunsch der Eltern sollen die beiden verheiratet werden. Hannes Winkler stammt dagegen nicht aus einer wohlhabenden Familie, als jüngerer Sohn eines Bauern soll er von seinem Onkel das Amt des Fährmanns übernehmen; als solcher darf er nicht heiraten. Annemarie Stiegl ist Elisabeths beste Freundin und eine Wirtstochter, die in der Wirtschaft ihrer Eltern hart arbeiten und sich Anzüglichkeiten und Belästigungen der männlichen Gäste gefallen lassen muss.
Sowohl Annemarie, die mit Josef ein Verhältnis eingegangen ist und deshalb zunächst auf eine Ehe mit ihm hoffte, als auch Elisabeth sind in Hannes verliebt, er erwidert Elisabeths Gefühle und sieht in Annemarie eine gute Freundin. Die erzwungene Ehe von Josef und Elisabeth steht von Anfang an unter keinem guten Stern, was nicht zuletzt an dem Schreckensregime liegt, das die Männer der Steiner-Familie über ihre Frauen ausüben. Doch auch die unverheiratete Annemarie wird von Josef Steiner verfolgt und missbraucht und von den eigenen Eltern ausgebeutet.
Beurteilung
Aus den wechselnden Perspektiven der vier jungen Leute erzählt die Autorin über die Ereignisse von deren Kindheit in den 1890er Jahren bis zum Ersten Weltkrieg. Die bäuerliche Vorkriegsgesellschaft ist geprägt von Hierarchien, in dieser Gesellschaft gelten die Großbauern mehr als ihre ärmeren „Kollegen“ und die Männer gelten mehr als die Frauen, über die sie quasi die Herrschaft ausüben. Häusliche Gewalt wird als völlig normal angesehen – nicht nur von den Männern, sondern erschreckenderweise auch von den Frauen selbst. So ist es geradezu unfassbar, dass Elisabeth und Annemarie, die permanenter Fremdbestimmung und körperlicher Gewalt ausgesetzt sind, nicht einmal bei ihren eigenen Müttern Unterstützung finden. Es ist makaber, dass nicht wenige Frauen den Ersten Weltkrieg begrüßen, weil ihre Väter und Ehemänner an der Front sind und sie selbst auf diese Art eine gewaltfreie, friedliche Zeit erleben – und durchaus auch auf endgültige Erlösung aus ihren lieblosen Ehen hoffen.
Es wird die Thematik behandelt, inwiefern die Männer zu prügelnden Scheusalen wurden, auch sie waren – wie Josef Steiner – einst Opfer, die schon als Kinder durch Härte und Prügelstrafen zu „wahren Männern“ erzogen wurden und nichts anderes als Gewalt kennengelernt haben.
Die Schilderungen im vorliegenden Roman sind sehr beklemmend und stellenweise äußerst brutal; wer selbst von häuslicher Gewalt betroffen ist oder war, könnte mit diesem Buch überfordert sein. Obwohl einige Szenen nur schwer zu ertragen sind, fällt es extrem schwer, das Buch aus der Hand zu legen. Auch als Leserin des 21. Jahrhunderts, in dem häusliche Gewalt und Missbrauch leider noch immer weit verbreitet sind und oft verschwiegen werden, kann man sich gut in Elisabeth und Annemarie hineinversetzen, fürchtet in atemloser Spannung um ihr Wohl und Leben und hofft auf ein Aufbegehren und eine Wendung zum Besseren.
Die Autorin schildert eindrücklich den Einfluss der Kriegserlebnisse auf Körper und Seelen der -oft schwer versehrten – Kriegsheimkehrer, die traumatisiert sind und demzufolge nicht mehr ihrem eigenen Bild von Männlichkeit und Heldentum entsprechen können.
Die eingeschobenen, kursiv gedruckten Kapitel „Anderswo“ präsentieren als Protagonisten gewissermaßen den reißenden Fluss Salzach, seine Gefahren und seine Bedeutung für das Leben der Romanfiguren, sie sind in einem literarischen Stil gehalten.
Fazit
Düsteres und beklemmendes Kopfkino – ein großartiger Roman, den man nicht so schnell vergessen wird!
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