Cover zum Buch Zugwind

Titel: Zugwind

, (Übersetzer)

4,5 von 5 Sternen bei 3 Bewertungen

Verlag: Rowohlt Hardcover

Format: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 304

ISBN: 9783498008000

Termin: Neuerscheinung Februar 2026

Aktion

  • Kurzmeinung

    towonder
    Sprachgewaltige Auseinandersetzung mit Krieg und der "Schuld", selbst in Sicherheit zu sein!
  • Es ist nicht Lyrik, und doch...ein Roman gemalt mit Poesie. Es fehlt nicht viel, dass Iryna Fingerova Malerin wäre, nicht Schreiberin.
    Mit Worten malt sie Gemälde auf die Seiten, ganze Bilderwelten zwischen die Zeilen.
    Zugwind ist ein außergewöhnliches Buch; und das in vielerlei Hinsicht.
    Es gibt extrem viele sehr gute Bücher. Unter diesen noch eine ganze Menge außergewöhnliche. Und unter diesen außergewöhnlichen noch eine gute Handvoll mit ähnlichen Themen, wie Zugwind.
    Doch eine Autorin wie Iryna Fingerova habe ich noch nie gelesen.
    Es ist schwer zu worten, mit welcher Energie, welchem tiefsten Verständnis für menschliche Regungen und Erlebniswelten, mit welcher emotionalen Offenheit sie schreibt.
    Ich möchte inhaltlich gar nicht so viel über das Buch sagen; ich bin zunehmend erstaunt, wie viel mittlerweile in Rezensionen vorweg genommen wird - explizit nicht Buchbesprechungen, bei denen man erwartbar etliches über die Handlung erfahren muss.
    Ich will selbst lesen; mich interessieren Eindrücke, Stimmungen, was sich beim Lesen im Rezensenten geöffnet hat.
    Diese Autorin hält uns einen Spiegel vor, lässt uns sehen, was wir verlernt haben, in uns zu erkennen. Und auch in anderen. Und sie zeigt uns, was wir verloren haben und wiederfinden können. Ich habe den Schmerz jeder Figur mitgefühlt, doch in jedem Schmerz liegen hier auch eine subtile Leichtigkeit, die der Schwere Gegengewicht hält und eine, mal leise, mal laut, flirrende Hoffnung und Zuversicht.
    Es ist einfach eine wunderschöne, bewegende, tief berührende Leseerfahrung; eine Geschichte, mit deren Charakteren man verschmilzt, in ihr versinkt und an deren Ende man ein Stück bewusster und achtsamer wieder auftaucht. Und vielleicht ist sie gar nicht zu Ende, sondern wirkt in einem fort.
    Es geht um Identität, um Heimat, um Neuordnung, um Verlust und Trauer, aber auch um einen unerschütterlichen Glauben an Lebensfreude und das, was im Kern Bestand hat. Das vielleicht verschüttet wird, übertost und auf den Kopf gestellt, das manchmal einer Neuverortung bedarf, am Ende aber nie verloren geht.
    Dieses Buch lädt ein, zu verweilen und immer wieder einmal in eine innere Standortbestimmung zu gehen. Es zieht ein - und bleibt.

  • Innere Zerrissenheit
    Die Hauptprotagonistin Mira Zehmann lebt mit ihrer Familie (Mann und Tochter) in Deutschland, wo beide Erwachsene als Ärzte arbeiten. Ihre Heimatstadt ist Odesa in der Ukraine, wohin ihre Gedanken immer wieder abdriften, besonders nachdem dort Krieg herrscht. Ihre Wurzeln sind immer noch in diesem Land, wo sich durch den Krieg nun alles negativ verändert, und man liest über ihre Schuldgefühle, weil es ihr gutgeht und sie den Komfort der Sicherheit genießt, während ihre Landsleute leiden.
    Auffällig ist von Beginn an der rasante Schreibstil, der auch Miras Zerrissenheit wiederspiegelt. Ihre Gedanken rasen, ihre Alltagstätigkeiten rasen, sowie auch ihre beruflichen Einsätze. Anfangs hat mich das Buch nervös gemacht, weil es sich liest, als wäre die Hauptfigur in ihrem Lebensstrudel gefangen. Aber man gewöhnt sich daran und sieht sich dann nur noch als Beobachter dieses turbulenten Lebens.
    Sehr interessant fand ich die Beschreibung des Praxisalltags, weil sich deutlich zeigt, weshalb die Flüchtlinge so häufig die Praxis besuchen, sie suchen in Mira die Nähe zur Heimat. Das ist sehr ergreifend, aber manchmal hatte ich das Gefühl, dass Mira ihre Patienten nicht wirklich ernst nimmt. Vielleicht versteht sie ihre Sorgen und Nöte nicht wirklich, weil sie mit ihrer Familie in einer sorglosen Welt lebt.
    Mira ist mir nicht besonders sympathisch, teilweise erscheint sie mir recht egoistisch. Einige ihrer Aktionen sind für mich nicht nachvollziehbar. Da gibt es übergangslose Szenenwechsel und auch Aneinanderreihungen von Nebensächlichkeiten, wodurch sich im Buch für mich Längen ergeben, besonders im letzten Drittel.
    Vieles lässt sich durch den Zugwind erklären, der sich in ihrem Kopf abspielt. Dieser Zustand ist durch das Cover wunderbar dargestellt, denn diese 'Zugluft' wird hier abgebildet wie ein Löwenzahn. Wenn die Blüte vorbei ist, lässt sie sich in alle Richtungen verteilen, und genau so zerstreut sind auch Miras Gedanken.
    Zusammenfassend fand ich das Buch interessant, und ich habe einige Einblicke in die Welt der Geflüchteten gewonnen, aber fesseln konnte es mich nicht.

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  • Leben und Überleben mit Sehnsucht nach Lavendelkaffee

    In Mira nistet sich mit dem Einmarsch russischer Truppen in ihr Heimatland Ukraine im Februar 2022 ein Zugwind ein. Das Buch spielt in den kommenden Kriegsjahren bis in den Herbst 2024 und beschreibt aus Sicht der Protagonistin sowohl ihre Erlebnisse in Deutschland, als auch in der Ukraine, vornehmlich ihrer Heimatstadt Odessa. Der Text beleuchtet dabei die unterschiedlichen Gefühle und Erfahrungen, die Mira umtreiben, in ihrem Beruf als Ärztin, im Umgang mit russischen und ukrainischen Patienten, aber auch besonders in ihrer Familie, mit Freunden und Verwandten, geflüchtet oder im Kriegsgebiet lebend. All ihre Begegnungen und Erlebnisse lassen den Zugwind an- oder abschwellen. Zugwind meint dabei das Gefühl, dass es dauernd kalt ist und zieht, selbst wenn alle Fenster geschlossen sind oder bei heißem Sommerwetter. Ein Gefühl, dass jeder wahrscheinlich schon mal erlebt hat – für das mir der Name allerdings neu war – und das über 3 Jahre natürlich zu einer Belastung werden kann.

    Die Autorin Iryna Fingerova ist selbst Ärztin und Schriftstellerin. Es mag also durchaus sein, dass dieser Band autobiographische Züge und ihre eigene Verarbeitung der Geschehnisse der letzten Jahre enthält. Im Grunde spielt das jedoch keine Rolle. Die Sprache ist so wunderbar ironisch, melancholisch und gleichzeitig lebensbejahend, dass es eine Freude ist, den Roman zu lesen! Ich wurde auf charmante Weise daran erinnert, mit Menschen, die meine Sprache nicht so gut sprechen, höflich und hilfsbereit umzugehen, anstatt sie zu verurteilen. Und an viele kleine Dinge mehr, die den Alltag für Zugezogene erleichtern können.

    Besonders schön fand ich die Stellen im Buch, in denen durch weitere Personen, etwa Noah oder durch den Kurztrip mit den Freundinnen etwas mehr Handlung und damit Leben „von außen“ sichtbar wurde. An anderen Stellen war die Innenschau und Betrachtung der Welt durch Miras Augen absolut fesselnd, sprachlich wie inhaltlich! Da der Krieg in der Ukraine jedoch weiterhin andauert, bekam ich zum Ende des Buches hin den Eindruck, dass vieles – „sich das Positive bewahren“ – natürlich schon einmal gedacht wurde und weiter gedacht werden muss. Das Ende ist daher mehr ein Innehalten im Berichten. Und eine Hymne an Odessa!

    Von mir :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

  • eine Frau zwischen den Welten - 4 Sterne

    Worum geht es?
    Mira, ursprünglich aus der Ukraine, ist vieles: Frau, Ärztin, Poetin, Mutter, Jüdin. Ihre Poesie verliert sie, dadurch auch ein bisschen sich selbst. Sie schwebt zwischen den Welten und verliert ihren Halt.

    Worum geht es wirklich?
    Trauer, Identität und Sehnsucht.

    Lesenswert?
    Ja, auch wenn ich zu Beginn Schwierigkeiten hatte, in die Lektüre reinzufinden. Zu Beginn erschien es mir eher belanglos und uninteressant, da der Fokus viel auf Miras Leben als Ärztin in Deutschland liegt. Sie arbeitet in einer Hausarztpraxis und viele Ukrainer*innen kommen in ihre Sprechstunde. Einerseits für Gesundheitsthemen, andererseits um über den Krieg und die Angst zu sprechen.

    Diesen Aspekt fand ich sehr bewegend, da er ganz nebenbei einfließt und immer mehr Raum einnimmt, so wie er auch in der Protagonistin immer mehr Raum benötigt.

    Trotzdem sind die medizinischen Kurzerklärungen auf Dauer etwas ausufernd und teilweise inhaltlich auch nicht korrekt (aufgefallen ist mir dies am Beispiel der Blasenentzündung und ihrer Behandlung).

    Im Verlaufe des Buchs verlagert sich Miras Schwerpunkt und sie träumt von ihrer Zeit in Odessa, spürt einen ständigen Sog, den titelgebenden Zugwind.

    Mira ist eine vielschichtige und daher sehr lebensnahe Figur, die vieles in sich vereint. Nicht jede ihrer Entscheidungen kann man nachvollziehen, aber das macht sie noch realistischer.

    Sprachlich (Übersetzung Jakob Walosczyk) ist das Buch angenehm und gut lesbar, je mehr sich Mira mit ihrer Poesie beschäftigt desto poetischer werden auch einzelne Passagen.

    Die Geschichte und all die Geschichten der Ukrainier*innen sind bewegend und hinterlassen ein dumpfes schmerzhaftes Gefühl bei der Lektüre.

    Ich kann das Buch empfehlen, wenn man vielleicht auch eine Person zwischen verschiedenen Welten ist und nicht vor schwereren Themen zurückschreckt.

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