Cover zum Buch Alma

Titel: Alma

, (Übersetzer)

4 von 5 Sternen bei 6 Bewertungen

80% Zufriedenheit

Verlag: Pfaueninsel

Format: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 320

ISBN: 9783691310061

Termin: Neuerscheinung März 2026

Aktion

  • Kurzmeinung

    Batyr
    Stilistisch ambitioniert, Einblick in geschichtliche Zusammenhänge
  • Kurzmeinung

    Bartie
    Anspruchsvoller Roman, lehrreich, zum Nachdenken
  • Kurzmeinung

    Tine13
    Komplexer Roman über das Leben das über Grenzen reicht
  • Ganz behutsam lässt uns Manzon in die Geschichte eintreten, vage verschleiert sie die Tatsachen, indem sie "die Stadt" nie beim Namen nennt - so konkret sie alle Details wie Straßen und Plätze aufzählt, entnahm ich Triest aus der Verlagsinformation und reimte mir die Insel Brioni nach Recherchen im Internet zusammen.

    Die Umstände sind aber auch diffizil in dieser Familie, die einen Spagat zu bewältigen hat zwischen dem alten Habsburger Reich und dem neu gegründeten Jugoslawien, das sich unter der Führung des charismatischen Marschalls Tito zur Spitze der blockfreien Staaten aufschwingt. Wir betrachten die Umstände völlig subjektiv durch die Augen Almas, die die rätselhaften Abwesenheiten ihres Vaters nicht durchschauen kann, immer auf dem Sprung zwischen seinem Regierungsamt jenseits der Grenze und seiner Familie auf sicherem Terrain in Italien. Dazu kommt noch Vili, der Sohn von sanktionierten Dissidenten, der hier seine Zuflucht findet, aber dauernd um seine Identität ringt, "... weil nichts von dem, was zu ihm gehörte, dieser infizierte Klumpen Erinnerung, verstanden worden wäre". In dieser Situation dient ihm die orthodoxe Kirche als Anker.

    Als nach Titos Tod dieser Vielvölkerstaat auseinanderfällt und der Krieg ausbricht, sind die Zusammenhänge kaum zu verstehen, und es entsetzen nur noch die Eskalationen der Gewalt. Soll man Partei ergreifen und wenn ja für wen, oder ist Pazifismus die richtige Option? Darüber zerbricht die Freundschaft zwischen Alma und Vili, die beide als Berichterstatter in die Geschehnisse involviert sind. Unbestimmt in den Zusammenhängen, akribisch in den Einzelheiten lässt die Autorin die Leser sich ihren eigenen Reim darauf machen und stellt dabei aber deutlich die innere Zerrissenheit der Protagonistin dar.

    Und im Endeffekt handelt das Buch davon, dass sich in Zeitläuften wie diesen keine Beziehung, sei es familiär oder eine der Liebe, ungehindert entfalten kann: "Als Erwachsene hatte sie verstanden, dass Menschen wunderbare Metaphern finden - nicht, um sich zu erklären, sondern um zu verstecken und zu verführen und dafür zu sorgen, dass das, was ihnen wirklich kostbar ist, dem Blick verborgen bleibt."

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  • Klappentext
    Nach dem Tod ihres Vaters kehrt Alma in ihre Heimatstadt Triest zurück - eine Stadt an der Grenze zwischen Ost und West. Hier begegnet sie Vili wieder, ihrer Jugendliebe, der ihr nun das väterliche Erbe übergeben soll. Zwischen den Erinnerungen an die Habsburger Kaffeehäuser ihrer Großeltern, an endlose Kindheitssommer und die Straße gen Osten, auf der ihr Vater einst immer wieder verschwand, wird Alma mit Fragen nach Herkunft, Liebe und Identität konfrontiert. Und da ist auch der Schatten des Krieges jenseits der Grenze, der ihre Liebe zu Vili vor vielen Jahren erschüttert hat.

    Über die Autorin
    Federica Manzon stammt aus Pordenone, einem Ort zwischen Venedig und Triest. Sie ist Schriftstellerin und Verlegerin, 2008 erschien ihr Romandebüt Come Si Dice Addio (Wie man Abschied nimmt). Für ihren von der Kritik gefeierten fünften Roman Alma, der 2024 in Italien erschien und in neun Sprachen übersetzt wird, erhielt sie verschiedene Preise, darunter den Premio Campiello. Federica Manzon lebt in Mailand. ALMA ist ihr erster Roman, der auf Deutsch veröffentlicht wird.

    Mein persönliches Fazit
    Ich habe mich ziemlich schwer getan mit dem Buch. Der Aufbau der Geschichte ist durch durchdacht und der Stil ist auch ansprechend. Aber der Tonfall der Handlung ist unglaublich traurig und melancholisch, für mich schon an der Grenze zum depressiven. Es hat mich oft heruntergezogen und ich hatte immer nach wenigen Seiten das Gefühl, als würde mir beim Lesen jegliche Freude ausgesaugt werden. Ich empfand es daher auch als unglaublich anstrengend wieder in die Handlung reinzukommen, wenn ich das Buch erst einmal zur Seite gelegt hatte.

    Die Geschichte baut sich sehr langsam auf. Da musste ich dann wirklich auch durchhalten, bis die interessanten Abschnitte kommen. Und die gibt es glücklicherweise in dem Buch auch. Immer dann, wenn ein Stückchen mehr über Almas Beziehung zu ihrem Vater oder zu Vili und ihren Berufen enthüllt wird, entstehen da ganz tolle, fast schon philosophische Momente. Die Schilderung von Almas Gefühlen während der Balkankriege, weil sie emotional zwischen allen Stühlen hängt - das waren wirklich großartige Momente. Die Zerrissenheit ihrer Heimatstadt spiegelt sich auch in Alma und den Gefühlen gegenüber ihrer Familie wider. Immer zwischen den Welten wandelnd, nie irgendwo wirklich fest verwurzelt, immer die Wahrheit für sich selbst suchend.

    Grundsätzlich mag ich Geschichten, die sich gemächlich entwickeln. Hier war es mir dann aber doch zu langsam. Da hätte ich mir etwas mehr Tempo in der Erzählung gewünscht, es fühlte sich häufig für mich an, als würde die Handlung auf der Stelle treten.


    Es ist ein durchaus interessantes Buch. Keines, das man mal eben so nebenbei liest. Auf das man sich einlassen muss und dessen doch sehr spezieller Ton einem liegen muss.

  • Vielschichtiger Familienroman

    Das sommerliche Cover gibt eine malerische Kulisse mit zwei jungen Personen wieder, doch der Romaninhalt erzählt umfangreich vom politischen Zerfall Jugoslawiens mit der italienischen Stadt Triest im nahen Grenzbereich gelegen. Europäische Geschichte zur Zeit Titos und der nachfolgende Bürgerkrieg um Sarajewo, Vukovar und Srebrenica mit all den Brutalitäten an der Zivilbevölkerung bilden den Hintergrund für die Lebensgeschichte von Alma, der Journalistin und Vili, dem Fotografen, beide auf der lebenslanger Suche nach Identität, Zugehörigkeit und Sicherheit. Aus Almas Rückschau wird über das großbürgerliche Leben ihrer gut situierten Großeltern mit Habsburger Ambiente erzählt, wenig über ihre in der offenen Psychiatrie Franco Basaglias arbeitende Mutter. Almas Vater, ein zwischen Ost und West wandernder, unruhiger Slawe, Titos Reden-Schreiber, prägt ihre Kindheit zwischen der dortigen Sprachenvielfalt sehr. Mit ihm zieht auch der 11-jährige Vili, Sohn seines Freundes aus Belgrad, einem Dissidenten, für immer nach Triest in ihr Elternhaus. Beider Erwachsen-Werden pendelt zwischen Ablehnung, Verliebtheit und unfreiwilligem Wiedersehen nach dem Versterben ihres Vaters. Sein Erbe enthält z.B. auch ihre Zeitungsartikel, ihre Akte, Fotos, sein von kritischen Seiten bereinigtes Notizbuch. Seine Wurzeln, überhaupt seine Vergangenheit bleiben weiterhin vor ihr verschlüsselt wie auch vieles von Vilis Taktieren besonders während der Prozesstage am Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag mithilfe seiner Fotografien.

    In Triest, in der Stadt der Irren, zwischen verschiedenen Kulturen und Sprachen verortet, zu nahe an kommunistischen Systemen angrenzend, in dieser ehemaligen Grenzstadt am Eisernen Vorhang, in ihrer Heimatstadt fühlt sich Alma nicht verwurzelt, sondern wie ihr Vater als Außenseiterin haltlos herumwandernd, selbst mit 53 Jahren noch.

    Die Schilderungen zu den Kriegsereignissen in Belgrad, an der Drina etc. sind sehr drastisch und beängstigend. Der geschichtliche Hintergrund jedoch hätte gerne umfassender sein können. Zu den Schwarz-Weiß-Fotos im Buch selbst wären Informationen dazu hilfreich gewesen. 3*


    +

  • Das Haus auf dem Karst

    Nach dem Tod ihres Vaters kehrt Alma in ihre Heimatstadt Triest zurück - eine Stadt an der Grenze zwischen Ost und West. Hier begegnet sie Vili wieder, ihrer Jugendliebe, der ihr nun das väterliche Erbe übergeben soll. Zwischen den Erinnerungen an die Habsburger Kaffeehäuser ihrer Großeltern, an endlose Kindheitssommer und die Straße gen Osten, auf der ihr Vater einst immer wieder verschwand, wird Alma mit Fragen nach Herkunft, Liebe und Identität konfrontiert. Und da ist auch der Schatten des Krieges jenseits der Grenze, der ihre Liebe zu Vili vor vielen Jahren erschüttert hat ...

    Das Cover lässt eher ein beschauliches Urlaubsabenteuer als diese tiefgreifende Geschichte erwarten. Die großen Abschnitte Insel, Stadt, Krieg und Erbe sind in Kapitel unterteilt. Die Sätze sind meist lang und verschachtelt, die Sprache insgesamt sehr bildhaft und fesselnd. Wenige eingestreute Schwarz-Weiß-Fotos bestärken den Wahrheitsgehalt der Geschichte.

    Die Rahmenhandlung umfasst gerade einmal drei Tage, die Alma, 53, nach vielen Jahren in ihrer Heimatstadt Triest und auf Insel der Kommunisten verbringt. Vor dem Hintergrund dieser Gegenwartsschiene blickt die Protagonistin auf ihre Kindheit und Jugend zurück. Dabei vermeidet die Autorin konkrete Jahreszahlen, Namen oder Ortsbezeichnungen; daher kommt es zu etlichen Zeitsprüngen und oft werden die Geschehnisse nicht konkret beschrieben, sondern nur leicht angedeutet. Selbst Situationen, die sich auf den (Balkan-)Krieg beziehen, werden meist nicht konkret ausgeführt, sondern eher nur in bedrückenden Bildern dargestellt. Und gerade dieses Ungesagte und diese Ungewissheit machen das Thema Krieg dadurch sehr beklemmend und auch gar nicht mehr auf eine bestimmte geografische Region beschränkt.

    Der erste Roman von Federica Manzon, der auch in die deutsche Sprache übersetzt wurde, ist keine leichte Kost, denn die Geschichte erfordert Zeit. Die Ausnahmestellung der Stadt im Osten Italiens überträgt sich auf die Menschen, die dort leben. Die Zerrissenheit durch unterschiedliche Volksgruppen und Kulturen ist daher auch Teil von Almas Charakter. Ihr Leben ist genau wie das ihres Vaters von Unrast geprägt. Historische Kenntnisse können beim Lesen durchaus von Vorteil sein, andererseits gilt auch hier: wer genau hinsieht, kann die verschiedenen Situationen auch auf andere Orte oder Zeiten übertragen und daraus seine Schlüsse ziehen. Kriege entstehen nicht von heute auf morgen; Beziehungen und Missverständnisse zwischen Menschen ebenso wenig.

    Manzon ist mit diesem Buch ein Roman gelungen, der die Themen Zugehörigkeit, Identität, Erinnerung und Verlust in leise, aber sehr wirkungsvolle Worte zu verpacken.

  • Eine Frau erinnert sich

    Die 53-jährige Alma reist über Ostern in ihre Heimatstadt Triest, um das Erbe ihres Vaters abzuholen. Dafür muss sie leider ihren Jugendfreund Vili treffen, mit dem sie einst eine komplizierte Beziehung führte. Mit Vili dem Jungen aus der Fremde, den ihr Vater eines Tages in die Familie bringt, verbindet Alma eine Art Hassliebe, die den Blick in die Vergangenheit bestimmt. Ein fester Anker in der Stadt waren ihre großbürgerlichen Großeltern, während die Beziehung zur Mutter schwierig war, glänzte der Vater meist mit Abwesenheit. Während sie ihre markanten Plätze der Stadt besucht, schwelgt Alma in Erinnerungen an ihre Kindheit und Jugend. Ihre Gedanken wandern dabei auch über die nahe Grenze.

    Der Roman „Alma“ aus der Feder von Federica Mazon, einer gefeierten italienischen Schriftstellerin ist ihr erster Roman, der auch auf Deutsch erscheint. Die Übersetzung war sicherlich nicht ganz einfach denn Sprache und Schreibstil sind absolut eindrucksvoll. Die Geschichte wird beherrscht von Metaphern, wirkt sehr poetisch und ausdrucksstark, das war anfangs für mich sehr ungewöhnlich zu lesen. Daher dauerte es etwas bis ich mich an diesen ungewöhnlichen Stil gewöhnt habe. Wer mit der Begrifflichkeit wie fitzgeraldisch etwas anzufangen weiß, ausgefallene Sprach-Exzesse liebt, wird seine höchste Freude mit diesem Buch haben.

    Ein kleines Beispiel: “Wie ein irischer Pub bringt das Meer der Stadt alle zusammen: Es mischt Reiche und Arme, jene mit von Hausmädchen gemachten Betten, jene mit einem in Deutschland arbeitenden Vater, jene mit einer Mutter, die man im Auge behalten muss, damit sie keine Dummheiten macht, jene mit und jene ohne Brotzeit.”


    Auch Zeitsprünge sind nicht einfach zu händeln, sie wechseln abrupt, wirken willkürlich verstreut, manchmal weiß man gar nicht mehr wann und wo man sich in der Handlung befindet. Dennoch taucht man tief in die historische Geschichte von Triest ein. Geschuldet seiner besonderen geografische Lage und Atmosphäre wirkt die Stadt wie ein Wandler zwischen den Welten und Alma als ihr weibliches Pendant. Daneben befindet sich Vili, ein Junge aus Belgrad, der vor dem jugoslawischen Krieg zu ihrer Familie stößt. Die historischen Ereignisse sind für mich etwas schwer zu begreifen, da ich wenig darüber weiß. Es geht um Tito und den Zerfall Jugoslawien mit dem anschließenden Bürgerkrieg und seinen Massakern.

    Beeindruckend dabei fand ich die großartigen Recherchen und Kenntnisse der Autorin von den historischen Abläufen und der Ortskenntnis, da ziehe ich meinen Hut. Da ich mich mit dieser Zeit noch nie beschäftigt habe, fand ich mich nicht so gut zurecht und habe wohl leider nur die Hälfte so mancher Aussagen und Anspielungen verstanden. Die Schrecken des Krieges und die Hilflosigkeit der Protagonisten sind jedoch deutlich zu vernehmen, jene die agieren und jene die machtlos zusehen können, werden sichtbar gemacht. Dies ist wohl die Botschaft, sie gilt sicherlich für jeden Konflikt und ist die Krux an der Sache die sich immer wiederholt, wohin man schaut?


    Mein Fazit:

    Eine recht sprunghafte Geschichte die ich sehr anspruchsvoll, jedoch auch irgendwie beeindruckend zu lesen fand. Geeignet für Anhänger poetischer Sprache, historischer Anekdoten und komplexer Zusammenhänge. Insgesamt stellt sich die Frage bei komplizierten Herausforderungen des Lebens herauszufinden, auf welcher Seite man stehen sollte.

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  • Die Frage der Zugehörigkeit

    Der neueste Roman von Federica Manzon erzählt die Geschichte von Alma, einer Journalistin, die in Triest, einer zwischen den verschiedenen Völkergruppen, Sprachen und Kulturen zerrissenen Stadt, aufgewachsen ist.

    Und so wurden auch Almas Kindheit und ihre Erziehung auf unterschiedliche Weise geprägt: von ihren Großeltern mütterlicherseits, Intellektuellen, die im Geiste der österreichisch-ungarischen Kultur weiterlebten; der chaotischen Mutter, die zwar Kunstgeschichte studiert hatte, aber den Haushalt nicht führen konnte und den geheimnisvollen Vater, der den Marshall Tito persönlich kannte und immer wieder Richtung Osten verschwand. Auch Vili, der Sohn der regierungskritischen Eltern, den der Vater von einer seinen Reisen nach Hause mitbrachte, beeinflusst Almas Ansichten auf die eigene Identität und Zugehörigkeit, und stürzt ihre Gefühlswelt in Chaos.

    Almas Lebensgeschichte ist sehr eng mit der Geschichte ihrer Heimatstadt Triest und des ehemaligen Jugoslawiens verwoben. Beide Geschichten nehmen dramatische Züge an, als der kommunistische System zusammenbricht und der Krieg in Jugoslawien ausbricht. Schonungslos schildert Federica Manzon die Schrecken des unbarmherzigen Bruderkrieges, schreibt über Massaker in Vukovar und Srebrenica, über Besatzungen, Vertreibungen und Flüchtlingsströme. Die sprachlichen Bilder des Krieges wirken erschreckend authentisch, rütteln wach:

    Wie kann es sein, dass sich Millionen Männer fügsam Raketenwerfer oder ein Gewehr oder ein Messer in die Hand drücken lassen und losziehen, um ihre Freunde, Cousins, Schulkameraden umzubringen….“ (226)

    Eine Frage, welche in Anbetracht der aktuellen weltpolitischen Lage weiterhin von großer Bedeutung ist.

    Der Roman „Alma“, in einer literarisch anspruchsvollen Sprache erfasst, ist keine leichte Lektüre. Das flüssige Lesen wurde durch die zahlreichen Zeitsprünge (die Erzählung erfolgt nicht chronologisch) und ständiges Ortwechsel zusätzlich erschwert. Von großem Vorteil sind die Grundkenntnisse über die Geschichte der Stadt Triest und über den Jugoslawienkrieg, welche zu besserem Verständnis dieser anspruchsvollen Geschichte enorm beitragen können. Auch eine chronologische Auflistung der Ereignisse und eine entsprechende Karte wären sehr hilfreich.

    Für das Lesen des Romans sollte man sich viel Zeit nehmen; das Eintauchen in diese Geschichte lohnt sich, denn sie hallt lange nach.

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  • Komplex

    Der Leser wird in mehrfach herausfordernder Weise mit diesem Buch konfrontiert: Die Protagonisten verraten wenig über ihr Wesen und ihr Denken, erst die Lektüre des kompletten Textes ermöglicht es, ihr Profil, ihren Charakter zu erkennen. Die historischen Zusammenhänge, die in Südosteuropa zu den politischen Ereignissen gegen Ende des 20. Jahrhunderts führten, sind nicht mehr unbedingt Allgemeingut im Bewusstsein der Leserschaft, wiederholte Recherche-Anstrengungen sind erforderlich, will man die atmosphärisch dichten Schilderungen des Romans mit den konkreten Ereignissen abgleichen. Auch das Konsultieren einer Landkarte erleichtert das Verständnis der komplexen, durch Zeitsprünge und Schauplatzwechsel charakterisierten Romanhandlung.

    Wenn der Leser jedoch diese Herausforderungen annimmt, wird er mit einer Lektüre belohnt, die ungemein bereichernd ist: Zerrissenheit im Inneren wie im Äußeren, ein dauernder Kampf um eine immer wieder in Frage gestellte Identität, Grausamkeit und Menschenverachtung auf Seiten der Mächtigen ebenso wie bei denen, die vom Strudel der Ereignisse einfach mitgerissen wurden. Die deutsche Übersetzung kultiviert einen einerseits schwebenden Tonfall, poetisch, doch präzise, erspart dem Leser aber auch nicht die Unmenschlichkeit eines Kriegsgeschehens mitten in Europa.

    Der Verlag hätte durch eine knappe Zeittafel und eine skizzierte Landkarte die Lektüre enorm erleichtern können; es steht zu befürchten, dass manch potenzieller Leser durch diese äußeren Verständnishürden um ein hochbefriedigendes Leseerlebnis gebracht wird, weil er womöglich vor den Anforderungen dieses komplexen Romans die Waffen streckt.

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