Klappentext/Verlagstext
Gaëlle Bélem erzählt in ihrer Romanbiografie die Geschichte des kreolischen Sklaven Edmond Albius, der im 19. Jahrhundert auf der französisch kolonisierten Île Bourbon gelebt und Erstaunliches geleistet hat: Im Alter von 12 Jahren erfand er ein Verfahren zur Bestäubung der Vanille, die daraufhin in aller Welt kultiviert und als das beliebteste aller Aromen gefeiert wurde. Der Waisenjunge Edmond wuchs in der Obhut seines „Besitzers" Ferréol Beaumont auf, ein Botaniker mit Vorliebe für Orchideen. Das lebhafte und wissbegierige Kind begleitete ihn von klein auf in die Gärten und Gewächshäuser. Als Ferréols jahrelange Versuche, der Gewürzvanille eine Frucht abzutrotzen, gescheitert waren, begann Edmond allein zu forschen ... Die Autorin, die für ihre schillernde und humorvolle Sprache und die Authentizität ihrer Figuren ausgezeichnet wurde, lenkt den Blick auf die Geschichte ihrer Heimat La Réunion. Sie war geprägt von Rassismus und der Unterdrückung der Schwarzen Menschen, deren Talente und Erfolge systematisch aberkannt wurden. Edmond ist ihr Stellvertreter: Viele wurden reich an der seltensten Frucht, er starb in Armut.
Die Autorin
Gaëlle Bélem, geboren 1984 in Saint-Benoit auf La Réunion, ist eine französische Autorin, Lehrerin und Journalistin. Ihr Debütroman „Un monstre est là, derrière la porte" wurde mit dem Grand Prix du Roman Métis ausgezeichnet, in englischer Übersetzung stand er auf der Longlist des International Booker Prize 2025. Gaëlle Bélem lebt und arbeitet auf La Réunion und setzt sich in ihren Werken mit den sozialen Realitäten und der kulturellen Identität ihrer Heimat auseinander.
Inhalt
Der bereits jung verwitwete Ferréol Bellier Beaumont (1792-1872) erhielt von seiner Schwester ein Schwarzes Baby zur Adoption, dessen Mutter bei der Geburt verstorben war. Vermutlich stammten die Eltern des Kindes aus Mosambik. Bellier war Plantagenbesitzer auf Reúnion/Île Bourbon und beschäftigte versklavte Arbeiter. Auch wenn Beaumont, ganz der Landwirt, wie bei einer Pflanze zunächst die Ansehnlichkeit des kleinen Edmond zur Kenntnis nimmt, kann er später nicht übersehen, dass der Junge ein ungewöhnlich gutes Gedächtnis für Planzennamen zeigt – ohne je zur Schule gegangen zu sein. Dass Beaumont sich eher als Botaniker denn als Plantagenbesitzer sieht und Edmond (und -->) bereits mit 5 Jahren zur Gartenarbeit anleitet, kann das Talent nur gefördert haben. Eher zufällig entdeckt der Zwölfjährige, der die Pflanzen der Insel jahrelang erforschen, sammeln und kartieren wird, dass die kapriziösen Blüten der rankenden Vanille sorgfältig von Hand bestäubt werden müssen. Die Blüten erblühen nur einen Tag lang und nach der Bestäubung liegt noch ein komplizierter Fermentierungsprozess vor den Züchtern. Diese Entdeckung hätte allen Inselbewohnern märchenhaften Reichtum bescheren können, wäre nicht der rassistische Blick des 18./19. Jahrhunderts gewesen, der eine ungewöhnliche Begabung eines Versklavten grundsätzlich ausschließt. Am Ende wird sich Beaumont sogar einbilden, in Wirklichkeit hätte er die Bestäubung der Vanilleblüte entdeckt. Edmond selbst stellt dagegen nüchtern fest, dass er als Forscher die falsche Hautfarbe hat, da nach ihm sicher keine Pflanzenart genannt werden wird. Mit eingeschobenen Rückblicken, die durch Jahreszahl und Alter von Ferréol und Edmond eindeutig zuzuordnen sind, entsteht ein Fluss der Ereignisse, der zum Ende zunehmend grotesker wirkt.
Fazit
Gaëlle Bélem zeichnet sich durch eine augenzwinkernde, mäandernde Erzählweise aus, durch die die Tatsache der Versklavung ihrer Figuren etwas erträglicher wird. Das tragisch-märchenhafte Schicksal des realen Edmond, der anlässlich seiner Freilassung den Familiennamen Albius annimmt, kann als Gleichnis dienen, wie europäische Eroberer durch rassistische Einstellungen dem eigenen Erfolg im Weg standen. Da der heranwachsende Edmond eine ideale Identifikationsfigur liefert, finde ich seine Geschichte passend zum Einstieg in einen Black History Month.
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