Gaëlle Bélem – Die seltenste Frucht / Le fruit le plus rare ou la vie d'Edmond Albius

Cover zum Buch Die seltenste Frucht

Titel: Die seltenste Frucht

, (Übersetzer)

4,1 von 5 Sternen bei 4 Bewertungen

Verlag: Peter Hammer Verlag

Format: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 224

ISBN: 9783779508038

Termin: Neuerscheinung Februar 2026

Aktion

  • Kurzmeinung

    El Novelero
    Interessante Geschichte, war mir aber manchmal zu langatmig und ich konnte keinen Draht zu den Protagonisten finden.
  • Cover zum Buch Le fruit le plus rare ou la vie d'Edm...
  • Klappentext/Verlagstext
    Gaëlle Bélem erzählt in ihrer Romanbiografie die Geschichte des kreolischen Sklaven Edmond Albius, der im 19. Jahrhundert auf der französisch kolonisierten Île Bourbon gelebt und Erstaunliches geleistet hat: Im Alter von 12 Jahren erfand er ein Verfahren zur Bestäubung der Vanille, die daraufhin in aller Welt kultiviert und als das beliebteste aller Aromen gefeiert wurde. Der Waisenjunge Edmond wuchs in der Obhut seines „Besitzers" Ferréol Beaumont auf, ein Botaniker mit Vorliebe für Orchideen. Das lebhafte und wissbegierige Kind begleitete ihn von klein auf in die Gärten und Gewächshäuser. Als Ferréols jahrelange Versuche, der Gewürzvanille eine Frucht abzutrotzen, gescheitert waren, begann Edmond allein zu forschen ... Die Autorin, die für ihre schillernde und humorvolle Sprache und die Authentizität ihrer Figuren ausgezeichnet wurde, lenkt den Blick auf die Geschichte ihrer Heimat La Réunion. Sie war geprägt von Rassismus und der Unterdrückung der Schwarzen Menschen, deren Talente und Erfolge systematisch aberkannt wurden. Edmond ist ihr Stellvertreter: Viele wurden reich an der seltensten Frucht, er starb in Armut.

    Die Autorin
    Gaëlle Bélem, geboren 1984 in Saint-Benoit auf La Réunion, ist eine französische Autorin, Lehrerin und Journalistin. Ihr Debütroman „Un monstre est là, derrière la porte" wurde mit dem Grand Prix du Roman Métis ausgezeichnet, in englischer Übersetzung stand er auf der Longlist des International Booker Prize 2025. Gaëlle Bélem lebt und arbeitet auf La Réunion und setzt sich in ihren Werken mit den sozialen Realitäten und der kulturellen Identität ihrer Heimat auseinander.

    Inhalt
    Der bereits jung verwitwete Ferréol Bellier Beaumont (1792-1872) erhielt von seiner Schwester ein Schwarzes Baby zur Adoption, dessen Mutter bei der Geburt verstorben war. Vermutlich stammten die Eltern des Kindes aus Mosambik. Bellier war Plantagenbesitzer auf Reúnion/Île Bourbon und beschäftigte versklavte Arbeiter. Auch wenn Beaumont, ganz der Landwirt, wie bei einer Pflanze zunächst die Ansehnlichkeit des kleinen Edmond zur Kenntnis nimmt, kann er später nicht übersehen, dass der Junge ein ungewöhnlich gutes Gedächtnis für Planzennamen zeigt – ohne je zur Schule gegangen zu sein. Dass Beaumont sich eher als Botaniker denn als Plantagenbesitzer sieht und Edmond (und -->) bereits mit 5 Jahren zur Gartenarbeit anleitet, kann das Talent nur gefördert haben. Eher zufällig entdeckt der Zwölfjährige, der die Pflanzen der Insel jahrelang erforschen, sammeln und kartieren wird, dass die kapriziösen Blüten der rankenden Vanille sorgfältig von Hand bestäubt werden müssen. Die Blüten erblühen nur einen Tag lang und nach der Bestäubung liegt noch ein komplizierter Fermentierungsprozess vor den Züchtern. Diese Entdeckung hätte allen Inselbewohnern märchenhaften Reichtum bescheren können, wäre nicht der rassistische Blick des 18./19. Jahrhunderts gewesen, der eine ungewöhnliche Begabung eines Versklavten grundsätzlich ausschließt. Am Ende wird sich Beaumont sogar einbilden, in Wirklichkeit hätte er die Bestäubung der Vanilleblüte entdeckt. Edmond selbst stellt dagegen nüchtern fest, dass er als Forscher die falsche Hautfarbe hat, da nach ihm sicher keine Pflanzenart genannt werden wird. Mit eingeschobenen Rückblicken, die durch Jahreszahl und Alter von Ferréol und Edmond eindeutig zuzuordnen sind, entsteht ein Fluss der Ereignisse, der zum Ende zunehmend grotesker wirkt.

    Fazit
    Gaëlle Bélem zeichnet sich durch eine augenzwinkernde, mäandernde Erzählweise aus, durch die die Tatsache der Versklavung ihrer Figuren etwas erträglicher wird. Das tragisch-märchenhafte Schicksal des realen Edmond, der anlässlich seiner Freilassung den Familiennamen Albius annimmt, kann als Gleichnis dienen, wie europäische Eroberer durch rassistische Einstellungen dem eigenen Erfolg im Weg standen. Da der heranwachsende Edmond eine ideale Identifikationsfigur liefert, finde ich seine Geschichte passend zum Einstieg in einen Black History Month.

    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    :study: -- Lents - Diversität
    :study: -- Le Guin - Der Tag vor der Revolution
    :study: -- Stonex -Sunshine Man
    :musik:-- Laing - To the River (Zum Fluss)

    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card!" E. L. Doctorow

    --> Merkzettel: Serie: Buchtitel (Originaltitel), Erscheinungsjahr d. Erstausg. d. Originaltitels, ISBN d. Übersetzung
    Buchseite betreffend: direkt auf d. BS melden

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    :musik:-- Laing - To the River (Zum Fluss)

    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card!" E. L. Doctorow

    --> Merkzettel: Serie: Buchtitel (Originaltitel), Erscheinungsjahr d. Erstausg. d. Originaltitels, ISBN d. Übersetzung
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  • Wer einen nostalgisch-gediegenen historischen Roman zum Versinken in fernen, exotischen Welten sucht, wird hier fündig; wer diese Welten in frischer Sprache gegen den Strich gebürstet sehen möchte, ebenfalls.

    Gaëlle Bélem, die selbst von der Gewürzinsel La Réunion stammt, sorgt von der ersten bis zur letzten Seite dafür, dass es einem nicht zu tropisch-aromatisch-wohlig zumute wird - die Autorin versteht es trefflich, Schilderungen von Glanzmomenten der botanischen Forschung mit dem jahrhundertelangen Elend der Sklaverei zu verflechten, menschliche Höhen wie Tiefen auszuloten und das Ganze mit lakonischem Humor zu würzen. Dafür braucht sie nicht viele Figuren. Die Welt des versklavten Jungen Edmond ist klein und wird es bleiben.
    Für die Leser:innen öffnet sich jedoch der Blick: Wir folgen dem Triumphzug der Vanille rund um den Globus, treffen in Mexiko auf Cortés und Malinche, besuchen Pflanzungen in Afrika und Asien, Botanische Gärten in Europa und zahlreiche Cafés und Esssäle, in denen das kostbare Gewürz in Schnittchen, Cremes, Torten, Eis und Schokoladegetränken gereicht und verehrt wird.
    Edmond, der noch nicht einmal Lesen und Schreiben lernen darf, aber auf der fernen Île Bourbon die Technik der künstlichen Befruchtung der Vanilleblüte entdeckt hat, ahnt davon nichts oder nur wenig. Viele auf der Insel und in Europa verdienen gutes Geld mit der Vanille; Edmond hat an diesem Reichtum keinen Anteil. Sein Leben ist eines der verpassten Möglichkeiten, des ewigen Schuftens und Scheiterns - nicht, weil es ihm an Fleiß, Ehrgeiz oder Talent gefehlt hätte, sondern weil ihm, aufgrund seiner versklavten Geburt und Schwarzen Haut, Freiheit und die nötige Bildung verwehrt bleiben. Wenn es ihm phasenweise gut geht, ist es das Gnadenbrot seines Herrn, dem er dies verdankt. Aus eigener Kraft emporarbeiten darf er sich nicht, die guten Zeiten sind nicht von Dauer.

    Bélem umreißt mit dem ihr eigenen bitter-leichten Humor in oft blumig-opulenten Bildern, dann auch wieder knappen, aber eindringlichen Schlaglichtern die Geschicke der Versklavten und schließlich in neue Zwänge überführten Freigelassenen, die damit verbundenen Grausamkeiten und unerfüllten Versprechen, die vielen in der komplexen afrikanisch-europäisch-asiatischen Inselhierarchie verlaufenden und verpassten Leben. Sie nimmt einen der Menschen in den Fokus, dem sich Wohlstand und Genuss verdanken, der dafür aber keinen Dank und Wohlstand erhalten hat. Diese Schwere transportiert sie sprachlich in einer scheinbaren Leichtigkeit, die die Schwere der Geschehnisse nur umso deutlicher werden lässt.

    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5:

    :study: Jasmin Schreiber - Endling
    :montag: Ellis Peters - Ein Leichnam zuviel (Bruder Cadfael Bd. 2); Reread
    :musik: Kikuko Tsumura - Lasst mich einfach hier sitzen und Yakisoba essen

  • Mein Lese-Eindruck:

    Vanillepudding, Vanillekipferl, Vanille-Eis, Bayerische Creme, Creme brulèe– Vanille-Aromen sind aus unserer Küche nicht wegzudenken. Es gibt inzwischen zwar synthetisches Vanillin, aber nichts geht über das Aroma der „echten“ Bourbon-Vanille, deren Mark man aus den schwarzen Schoten herausschabt.

    Wieso Bourbon-Vanille? Diese Geschichte erfahren wir in diesem Buch. Die Autorin stammt selber aus Bourbon, heute La Réunion, und hat die Geschichte des Vanille-Anbaus in ihrer Heimat erforscht. Zu Anfang des 19. Jhdts wird die Vanille, eine Pflanze aus der Gattung der Orchideen, von Frankreich aus in die Kolonie Bourbon verschifft. Der Anbau gelingt problemlos, aber es zeigen sich keine Früchte, bis schließlich – und hier beginnt die Geschichte des Protagonisten – eine besondere Technik bei der händischen Bestäubung zum Erfolg führt und die Vanille, das schwarze Gold der Azteken, wird zum teuren Exportartikel der Insel.

    Die Autorin verpackt die Geschichte ihres Protagonisten in Romanform. Ihre Erzählung besticht durch eine kraftvolle, streckenweise lyrische Sprache, aber vor allem durch die sorgfältige Quellenanalyse, auch wenn die Befunde eher mager sind und sie gezwungen ist, die Lücken mit Vermutungen zu füllen. Dennoch bleibt ein beeindruckendes Lebensbild zurück. Der junge Sklave Edmond wächst gegen alle Gebräuche der Zeit in großer räumlicher und persönlicher Nähe zu seinem Herrn auf und übernimmt dessen Begeisterung für die Botanik. Er ist es, der schließlich mit nur 12 Jahren die besondere Bestäubungstechnik für die Vanilleblüte entwickelt und weitergibt und damit den Grundstein eines florierenden Exports legt.

    Edmond lebt in einer ungewöhnlichen Zwischenrolle zwischen seinem weißen Gutsbesitzer, der ihn als seinen Ziehsohn betrachtet, und seinen schwarzen Mit-Sklaven, deren harte Lebenswelt die Autorin nicht ausspart. Diese Gegensätze sind es, von denen das Buch lebt. Die Vanille beginnt ihren Siegeszug rund um den Globus, einen Siegeszug, der bis heute anhält – und auf der anderen Seite die Biografie Edmonds, den bei der Freilassung das übliche Schicksal der ehemaligen Sklaven ereilt: der Absturz in das Prekariat. Edmonds Findigkeit, sein außerordentliches botanisches Wissen und seine Verdienste um die Vanille-Kultivierung werden zwar von seinem ehemaligen Herrn immer wieder öffentlich vorgetragen, aber das schützt ihn nicht vor einem armseligen Leben und Sterben.

    Damit wird dieser Roman nicht nur zu einer Biografie des Edmond, sondern auch zu einer Geschichte von Kolonialismus und Rassismus. Diese Geschichte wird mir nun immer präsent sein, wenn ich wieder eine Vanilleschote auskratze.

    :bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertung1von5::bewertungHalb:

    :study: Hans Pleschinski, Bildnis eines Unsichtbaren.


    "Der echte Bibliophile liebt mehr als Form und Inhalt eines Buches seine Existenz; er muss es erst gar nicht lesen" (Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh, S. 49).

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