Rapahela Edelbauer - Die echtere Wirklichkeit

Cover zum Buch Die echtere Wirklichkeit

Titel: Die echtere Wirklichkeit

3,3 von 5 Sternen bei 4 Bewertungen

Verlag: Klett-Cotta

Format: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 448

ISBN: 9783608966305

Termin: Neuerscheinung August 2025

Aktion

  • Kurzmeinung

    Abroxas
    Eine labyrinthische Erzählung, die vom Leser durchgehendes Misstrauen verlangt. Verkopft, aber aufregend
  • Cover zum Buch Die Inkommensurablen Cover zum Buch Dave Cover zum Buch Das flüssige Land
  • Fake News, Verschwörungstheorien, Misstrauen gegenüber der Presse und rhetorische Ausweichmanöver bei ertappten Politikern – Es ist bereits ein Allgemeinplatz, dass etwas im Argen liegt in unserer Zeit. Diese Unruhe macht auch Raphaela Edelbauer in ihrem neuesten Roman zum Thema, ausgebreitet in einem literarischen Labyrinth der Zweideutigkeiten und Unwägbarkeiten.

    Die Autorin

    (Zitat Klett-Cotta-Verlag:)
    Raphaela Edelbauer, geboren in Wien, studierte Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst. Für ihr Werk »Entdecker. Eine Poetik« wurde sie mit dem Hauptpreis der Rauriser Literaturtage ausgezeichnet. Außerdem wurde ihr der Publikumspreis beim Bachmann-Wettbewerb, der Theodor-Körner-Preis und der Förderpreis der Doppelfeld-Stiftung zuerkannt. Ihr Debütroman »Das flüssige Land« stand auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises, ihr dritter Roman »Die Inkommensurablen« auf der Longlist. Für ihren zweiten Roman »DAVE« erhielt sie den Österreichischen Buchpreis. Raphaela Edelbauer lebt in Wien.

    Von Philosophen und Terroristen

    Die Hauptfigur ist keineswegs eine allzu sympathische Figur. Byproxy nennt sie sich, Petra ist als Name wohl zu lame. Sie ist eine junge Frau, die seit einem Autounfall, bei dem auch ihre beste Freundin Dorothee ums Leben kam, an einen Rollstuhl gefesselt ist. Kontakte zur Familie unterhält sie nicht, untergebracht ist sie in eine Art Wohnheim für Rehabilitanden (so ganz klar ist mir das nicht geworden), ihr Zubrot verdient sie dadurch, ihr Indie Game in Cafés und Restaurants bei möglichen Herstellern zu pitchen und als "Geschäftsessen" wenigstens ein Toastbrot abzustauben.
    Zu Beginn des Romans kommt Byproxy ganz unten an, sie wird kurzerhand aus dem Wohnheim geschmissen, weil sie nach einem Streit einem anderen Rehabilitanden als Retourkutsche das Beatmungsgerät abgestellt hat. Nett. Während ihrer Odyssee durch die Wiener Unterkünfte wird sie auf eine Gruppe auffälliger Gestalten aufmerksam, der sie aus Neugier folgt. Irgendwas Konspiratives geht da vor, so wie die sich anstellen. Und tatsächlich: Es ist die Gruppe Aletheia, eine "philosophische Terrorzelle", die sich in einem besetzten Haus niedergelassen hat und sich gegen die Auswüchse eines philosophischen Konstruktivismus zur Wehr setzen will, um der allgemeinen Erosion eines objektiven Wahrheitsbegriffs, an dem sich Lügen und Propaganda bemessen und zurückweisen ließen, entgegenzuwirken.

    Byproxy drängt sich der Gruppe auf und wird nach anfänglichem Zögern als Mitglied auf Probe aufgenommen. Während ihrer Probezeit, inklusive Putzdienst und täglicher Pflichtlektüre praktisch aller relevanter philosophischen Texte, wird klar, dass Aletheia auf der Stelle tritt und einen kleinen Schubser hin zu handfesten Aktionen braucht. Wozu hat man sonst eine Sprengstoffexpertin in der Gruppe? Wir gut, dass Byproxy schon sehr bald lernt, welche mentalen Knöpfe sie zu drücken braucht, um die Gruppe in Bewegung zu bringen.

    Schein und Sein

    Die Handlung selbst steuert dabei zunehmend Mal ins Absurde. Die Mitglieder von Aletheia sind allesamt abgebrochene Gestalten, so wie Byproxy auch selbst. Gescheiterte, deren philosophischer Groll auf persönliche Niederlagen und missratenen Lebensentwürfen fußt. Ihren terroristischen Ambitionen stehen ihre Unerfahrenheit und ihre nicht enden wollenden theoretischen Grundsatzdiskussionen und ihre Spleens und Tics im Weg. So ist der Weg hin zur ersten großen Aktion ein langer und beschwerlicher voller Irrungen und Kehrtwenden (und geschickter Manipulationen durch Byproxy). Gespickt ist diese Erzählung mit Auszügen aus dem Manifest und kurzen, essayistisch anmutenden Einschüben zur Erkenntnistheorie und zur Evolutionsbiologie (aus letzterem bin ich aber auch nicht so richtig schlau geworden, hat mich aber ein wenig an Houellebecq erinnert).

    Aber halt, da ist noch mehr. Die echtere Wirklichkeit ist nicht nur ein Roman über einen quixotischen Kampf gegen Fake News, sondern auch selbst eine Herausforderung an den Leser, aus einem Wust von zweifelhaften Beschreibungen zu einem Urteil zu kommen. Dafür gibt es ein paar wenig subtile Marker. Byproxys Videospiel ist ein "Thinking Backwards Game", bei dem man von einem komplexen, einem Wimmelbild ähnlichen Standbild aus mittels Deduktion herausfinden muss, was für eine Ereigniskette diesem Standbild vorausgegangen ist; ein Motiv, das wiederholt aufgegriffen wird. An anderer Stelle erzählt Byproxy von einem Logikrätselbuch, das sie seit ihrer Kindheit immer wieder liest, ein Buch der Sorte, dass man sich zwischen zwei Türen entscheiden muss und an jeder Tür hängt ein Schild, auf dem so etwas steht wie "hinter dieser Tür ist ein Tiger, hinter der anderen eine schöne Dame", wobei die Lösung nur über Deduktion erzielt werden kann. Ein Konzept, das von Byproxy Zuhörerin aber als realitätsfern in Frage gestellt wird (vielleicht ist die Lösung absichtlich irreführend gesetzt worden).

    Tatsächlich ist Byproxy eine höchst dubiose Erzählerfigur, von deren Perspektive aber alles abhängt. Ein Gefühl dafür bekommen wir in einem zweiten Handlungsstrang, der von Petra und Dorothee erzählt, zwei Mädchen, die beide Außenseiter blieben und zu besten Freundinnen worden, ehe ihre Freundschaft brüchig wurde. Was war zwischen Ihnen vorgefallen, wer hat sich was zu Schulden kommen lassen und was ist wirklich passiert an dem Abend, an dem sich der fatale Autounfall ereignet hatte? Auch diese Rückschau ist uns nur durch Byproxy (Petra) überliefert, aber das mit dieser Erzählung etwas nicht stimmt, wird unmissverständlich klar. Nach und nach beweist Byproxy jedenfalls, dass sie eine geschickte Manipulatorin ist, der man als Leser bereits intuitiv immer weniger traut.

    Fazit

    Die echtere Wirklichkeit ist nicht nur so ein schnöder Thesenroman darüber, wie uns in Zeiten von Fake News und alternativen Fakten der Wahrheitsbegriff abhandenkommt. Es ist in erster Linie eine labyrinthische Erzählung, bei der der Leser stets in Zweifel ziehen muss, was er da liest, eine Ausreizung des unzuverlässigen Erzählers, die bis an die Grenze geht. Was macht einen unzuverlässigen Erzähler eigentlich noch aus, wenn es akzeptabel ist, eine "eigene Wahrheit" zu haben? In diesem Labyrinth ausgebreitet ist ein aspektreiche Erzählung. die vom Absurden zum Bitterernsten und von Evolutionsbiologie bis zur Epistemologie reicht. Verkopft, vielleicht, aber durchaus eine aufregende Lektüre.

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