Klappentext/Verlagstext
Claire hat genug. So stolz sie war, es als „Mädchen vom Land“ bis in den führenden Konzern der Hauptstadt geschafft zu haben, so wenig erträgt sie jetzt die abschätzigen Blicke, das immer engere Korsett der starren Strukturen und vorgegebenen Abläufe, gegen die aufzubegehren unmöglich scheint. Nach und nach hat sie sich von den Werten gelöst, die ihr Arbeitgeber ihr aufgezwungen hat. Durch eine Luke steigt sie aufs Dach, niemand scheint sie zu vermissen. Ein Sturm bricht los und Claire spürt im Angesicht dieser Naturgewalt zum ersten Mal seit Langem ihren Körper wieder. Sie hält ihr stand, doch als sie zurück will ins Gebäude, ist die Luke zugefallen. Mit immer neuen Wendungen, starken Bildern und großer Sprachkraft gelingt es Navarro, den inneren und auch körperlichen Wandel erfahrbar zu machen, den der Ausstieg aus einem fremdbestimmten Leben und die langsame Entdeckung der eigenen Wünsche und Möglichkeiten begleitet.
Die Autorin
Mariette Navarro, geb. 1980, ist Schriftstellerin und Dramaturgin. In dem kleinen französischen Verlag Cheyne gibt sie eine Reihe poetischer Prosatexte mit heraus, darunter ihre eigenen, Alors Carcasse (2011, Robert Walser Preis 2012) und Les Chemins contraires (2016). Zudem hat sie mehrere Stücke geschrieben. Ihr Romandebüt „Über die See“ ist 2022 erschienen.
Inhalt
Claire wollte im Beruf dazugehören, an Macht und Prestige teilhaben und passte sich dafür an. Doch sie schämt sich vor ihren Eltern für ihren Wohlstand; die kritischen Fragen ihrer Mutter, was genau sie arbeitet, nagen an ihr. Von Menschen, die in Glaspalästen arbeiteten, fühlte Claires Familie sich nicht repräsentiert; sie selbst hatte sich den Codes Eingeweihter und den Insider-Witzen an ihrem Arbeitsplatz nie verbunden gefühlt. Als „ihre Wörter verwelkten“ und sie die Mimik anderer nicht mehr versteht, verlässt Claire eines Tages ihr Meeting, steigt auf das ungesicherte Dach des Gebäudes – und spürt zum ersten Mal wieder, wie hier oben die Luft zirkuliert und sie sich warmhalten muss. Da Claire sich in ihrem Umfeld schon vorher nicht gesehen fühlte, würde ihr Verschwinden vermutlich nicht auffallen.
Im Wechsel zwischen Claires Perspektive und der der Kolleg:innen, im schlichten Präsens erzählt, erfahren wir in ihrem Monolog von Umstrukturierungen im Betrieb und ihrer Entscheidung, sich nicht mehr zu fügen und sich nicht kaltstellen zu lassen. Zu Beginn wirkt die Situation noch befremdlich, bis deutlich wird, dass Claire als soziale Aufsteigerin nie dazugehörte und gute Gründe hat, den betrieblichen Veränderungen nicht zu trauen.
Fazit
Claires weiteres Handeln lässt ihre Situation vor ihrem Aufstieg auf das Dach scharf hervortreten. Es zeigt sie unerschrocken in ihren Entscheidungen und wird Leser:innen von Haushofers „die Wand“ gefallen. Aufgrund des geringen Umfangs meine Empfehlung für die Diskussion in Lesekreisen.
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