Laura Spence-Ash – Und dahinter das Meer / Beyond That, the Sea

Cover zum Buch Und dahinter das Meer

Titel: Und dahinter das Meer

, (Übersetzer)

4,2 von 5 Sternen bei 12 Bewertungen

84,2% Zufriedenheit

Verlag: mareverlag

Format: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 368

ISBN: 9783866487024

Termin: Neuerscheinung August 2024

Aktion

  • Kurzmeinung

    kleine_hexe
    Zwei Familien die sich die Liebe eines Mädchens teilen müssen.
  • Kurzmeinung

    drawe
    Professionell erzählt, aber Figurengestaltung überzeugt nicht
  • Klappentext/Verlagstext
    London 1940: Um ihre elfjährige Tochter vor Luftangriffen zu schützen, beschließen die Thompsons schweren Herzens, Beatrix für ungewisse Zeit zu einer Gastfamilie in die USA zu schicken. Nach der langen Schiffspassage trifft Bea wütend und verängstigt in Boston ein, aber schon bald fühlt sie sich bei den Gregorys zu Hause, während ihre Erinnerungen an das Leben in England langsam verblassen. Mit ihren Gasteltern und deren Söhnen William und Gerald teilt Bea nicht nur ihren neuen Alltag, sondern verbringt auch unvergessliche Sommer im Ferienhaus der Familie in Maine. Doch ausgerechnet als Bea sich zu fragen beginnt, ob William mehr für sie sein könnte als ein Bruder, kommt der Tag, an dem sie nach London zurückkehren muss ...


    Die Autorin
    Laura Spence-Ash, 1959 geboren, studierte an der Rutgers University in Newark Creative Writing und lebt in New Jersey. Ihre Erzählungen sind in verschiedenen Literaturzeitschriften erschienen; für ihr Schreiben erhielt sie mehrere Stipendien. Ihr Debütroman »Und dahinter das Meer« wurde in den USA zum Bestseller und wird in zahlreiche Sprachen übersetzt.


    Inhalt

    Millie und Reginald Thompson waren sich von Anfang an nicht einig, ob sie ihre Tochter Beatrix 1940 per Schiffsreise aus London in die USA schicken sollten, um sie vor den absehbaren Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs zu schützen. Bei den Gregorys in Boston und ihren 9- und 13-jährigen Söhnen scheint Beatrix jedoch das große Los gezogen zu haben. Nancy hatte sich vergeblich eine Tochter gewünscht, ihr Mann Ethan, Mathelehrer an einer Jungenschule, füllt seine Rolle als Pflegevater erstaunlich perfekt aus und auf die sehr gegensätzlichen Söhne hat Beatrix offenbar einen positiven Einfluss. Prägend werden für alle Beteiligten die Sommer im Ferienhaus der Gregorys in Maine bleiben, das auf einer kleinen privaten Insel liegt, und die Geburtstagsfeier im August für alle drei Kinder. In Beatrix Erinnerung konzentriert sich ihr Glück auf Szenen unbeschwerten Schwimmens um die Insel mit William und Gerald und den Ausblick vom Anleger, ein Glück, dessen Unwiederbringlichkeit die Kinder in dem Moment noch nicht wahrnehmen können.

    Die etwas zu märchenhafte Konstellation (3 Monate unbeschwerte Ferien und Geld scheint keine Rolle zu spielen) wird jedoch mit dem nahenden Kriegsende beendet sein, wenn Beatrix zu ihren leiblichen Eltern zurückkehrt. Hier habe ich mir ausführlich ausgemalt, wie Beatrix ihren Aufenthalt mit einem Stipendium verlängern oder wie eine Beziehung zwischen den Familien auf zwei Kontinenten weitergehen könnte, die ja mit hohen Reisekosten verbunden sein würde.

    William fiebert inzwischen seinem 18. Geburtstag entgegen, an dem er sich endlich zur Armee melden wird, und macht sich bis dahin bei kriegswichtigen Aufgaben nützlich. Beatrix entwickelt sich in Konkurrenz mit den Brüdern rasant, auch wenn ihre Pflegemutter ihr Heranreifen ungern realisiert. Wie wichtig Beatrix für Gerald war, haben vermutlich alle Beteiligten bis zum Tag des Abschieds verdrängt. Jahre später lebt Beatrix wieder in London. Ihre Beziehung zu Mutter Millie wird noch immer überschattet von deren Eifersucht auf das sorgenfreie Leben der Gregorys während des Krieges. Beas Kontakt zu den Gregorys scheint nahezu eingeschlafen zu sein, doch die liebevolle Beziehung zu ihrer Wahlfamilie und die märchenhaften Sommer in Maine haben sie geprägt. Was sie während der Kriegsjahre in den USA erlebte, lässt sich Unbeteiligten kaum erklären, wird sie erkennen.

    Laura Spence-Ash beschreibt das Heranwachsen dreier Jugendlicher zwischen 9 und 13 Jahren zurzeit des Zweiten Weltkriegs, die sich ideal zu ergänzen scheinen. Auf mehreren Zeitebenen zwischen 1949 und 1977 und in schnellen Szenenwechseln springt ihr Focus zwischen zunächst sieben beteiligten Personen hin und her. Die Sprache des hochemotionalen Romans wirkt für seinen ambitionierten Plot durch einfache Sätze sehr schlicht (als richte er sich an Jugendliche); im ersten Teil zusätzlich verstärkt durch die Präsens-Form. Die Entwicklung der Figuren fand bei mir hauptsächlich als Kopfkino statt von Zeitsprung zu Zeitsprung. Den Zeitverlauf hätte ich mir flüssiger gewünscht und das Verhältnis zwischen Eltern und pubertierenden Kindern realistischer dargestellt. So glaube ich kaum, dass Nancy, die Beatrix anfangs jeden Abend „badete“, sich im Unklaren darüber war, ob ihre Pflegetochter schon menstruierte. Dieses für junge Frauen entscheidende Erlebnis (in einer fremden Umgebung) hat die Autorin schamhaft verdrängt.

    Fazit
    Die Entwicklung eines im Krieg evakuierten Mädchens in einer überaus liebevollen Familie habe ich gern gelesen.

    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertungHalb:

    :study: -- Lents - Diversität
    :study: -- Le Guin - Der Tag vor der Revolution
    :study: -- Ernst - Fast Abend, immer noch hell
    :musik:--

    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card!" E. L. Doctorow

    --> Merkzettel: Serie: Buchtitel (Originaltitel), Erscheinungsjahr d. Erstausg. d. Originaltitels, ISBN d. Übersetzung
    Buchseite betreffend: direkt auf d. BS melden

  • :study: -- Lents - Diversität
    :study: -- Le Guin - Der Tag vor der Revolution
    :study: -- Ernst - Fast Abend, immer noch hell
    :musik:--

    "The three most important documents a free society gives are a birth certificate, a passport, and a library card!" E. L. Doctorow

    --> Merkzettel: Serie: Buchtitel (Originaltitel), Erscheinungsjahr d. Erstausg. d. Originaltitels, ISBN d. Übersetzung
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  • Ein wenig bekanntes Kapitel des Zweiten Weltkiregs - Evakuierung britischer Kinder in die USA

    Als im September 1940 die Deutsche Luftwaffe die ersten Luftangriffe gegen London fliegt, beschließen zahlreiche englische Familien ihre Kinder nicht nur innerhalb des Vereinigten Königreiche sondern auch in die sicheren USA zu evakuieren.

    Die 11-jährige Beatrix Thompson ist eines davon, obwohl sich ihre Eltern Millie und Reginald nicht ganz einig sind. Nach einer aufregenden Schiffsreise wird Beatrix von der Familie Gregory in Boston aufgenommen. Das Mädchen ist in bescheidenen Verhältnissen in London aufgewachsen und findet nun bei ihrer Gastfamilie unbekannten Luxus vor. Sie darf täglich baden, hat ein eigenes Zimmer für sich und bekommt reichlich zu essen. Im Sommer fährt man nach Maine, wo die Familie ein Sommerhaus auf einer kleinen Insel besitzt. Die Gregorys, allen voran die Brüder William und Gerald werden zu einer zweiten Familie.

    Aus dem ursprünglich für wenige Monate gedachten Aufenthalt werden 5 Jahre, in denen die Erinnerung an London manchmal verblasst. Der Krieg in Europa, der Tod des Vaters - als das ist weit weg, obwohl Bea und ihre Mutter in regem Briefkontakt stehen.

    Die lange Trennung ist weder an Bea noch an ihrer Mutter Millie spurlos vorübergegangen. Denn Bea kann es ihrer Mutter nicht verzeihen, sie zu Beginn des Krieges in die unbekannte Fremde abgeschoben zu haben.

    Meine Meinung:

    Dass Kinder aus jenen Städten wie Coventry und London, die in der Reichweite der Deutschen Luftwaffe lagen, innerhalb des Vereinigten Königreichs evakuiert worden sind, ist mir bekannt. Unter diesen Kindern waren auch Tausende jüdische Kinder, die mittels der sogenannten Kindertransporte aus Nazi-Deutschland und Österreich gerettet wurden. Nicht gewusst habe ich, dass Kinder aus englischen Familien zu Gasteltern in die USA geschickt worden sind.

    Beatrix ist eines dieser Kinder, die mutterseelenallein auf die weite Reise ins Ungewisse geschickt werden. Immer mit dem Gedanken, wie ein Paket abgeschoben zu werden. Fünf Jahre im Leben eines Kindes sind eine sehr lange Zeit. Dass sich auch die erwachsene Bea keiner der beiden Welten so richtig zugehörig fühlt, ist wohl verständlich. Das Verhältnis zu ihrer leiblichen Mutter ist angespannt, da sie in Beas Abwesenheit wieder geheiratet hat. Der Versuch, die verlorenen Jahre aufzuholen, ist von Beginn an zum Scheitern verurteilt.

    Die Geschichte wird eher sachlich, aber dennoch sehr liebevoll erzählt. Wir dürfen an Bea aufwachsen sehen, an Gedanken und Zweifel teilhaben. Doch es ist nicht ausschließlich Beas Perspektive sondern auch jene der anderen Beteiligten: Nancy und Ethan Gregory, die Brüder William und Gerald, die sich beide in ihre Ziehschwester verlieben sowie Beas leibliche Eltern Millie und Reginald Thompson. Die Blickwinkel der unterschiedlichen Figuren geben einen umfassenden Eindruck über das Geschehen während des Kriegs und der vielen Jahre danach. Die Zeiträumesind gut gewählt und zeigen die weitere Entwicklung der Personen.

    Die Charaktere sind ausgesprochen gut herausgearbeitet. Wir Leser dürfen an ihren Gedanken, Wünschen und Zweifeln teilhaben. Spannend ist der Vergleich zwischen den beiden Müttern: Da ist zum einen Nancy, die US-Mama, die neben ihren beiden Söhnen gerne eine Tochter gehabt hätte, und all ihre Liebe in das einsame Mädchen steckt, und zum anderen Millie, Beas leibliche Mutter, die ihre Tochter mehr liebt, als sie zeigen kann. So wirkt das eine Verhältnis sehr liebevoll, das andere recht reserviert.

    Fazit:

    Gerne gebe ich diesem Roman, der ein bislang wenig bekanntes Kapitel des Zweiten Weltkriegs behandelt, 4 Sterne.

    "Ein Tag ohne Buch ist ein verlorener Tag"

    "Nur ein Lesender kann auch ein Schreibender sein oder werden" (Maria Lassnig/1919-2014)

  • Mein Lese-Eindruck:

    Ein wunderbarer Romananfang, der Lesefreude verspricht: ein Blick zurück, eine wehmütige Grundstimmung, Konflikte werden angedeutet, und im Mittelpunkt steht Beatrix. Um sie herum gruppieren sich ihre Herkunftsfamilie mit der Mutter Millie im Zentrum und ihre neue Familie in den USA, die aus Nancy und Ethan und ihren beiden Söhnen William und Gerald besteht.

    Diesen Personen folgt der Roman chronologisch von 1944 bis 1977, und zwar in Zeitsprüngen. Die Autorin entscheidet sich für einen Episodenstil, der dazu führt, dass der Leser mit Leerstellen klarkommen muss, die er nicht immer eindeutig füllen kann.

    Die vielen Episoden bindet die Autorin aber erzählerisch sehr geschickt zusammen. Sie doppelt manche Handlungselemente; so wird z. B. in den USA ein Kleid für Bea gekauft, während die Mutter in London ein Kleid ihrer Tochter weggibt. Zusätzlich setzt die Autorin durchgängige Motive ein wie z. B. das Schachspiel, das sie wirkungsvoll entfaltet, wenn sie die Familien und die Generationen damit zusammenbindet. Sehr aufwändig arbeitet sie mit dem Mittel des Kontrapunkts, wenn sie Personen wie z. B. die beiden Mütter oder die Brüder als Gegensatz gestaltet, wobei der Kontrast aber oft zu scharf, zu pointiert ausfällt.

    Darüber hinaus hat mir das Erzählen der Autorin sehr gut gefallen. Sie gestaltet sehr stimmige Szenen, und vor allem bei schmerzlichen Szenen verzichtet sie auf Lamento und Dramatik, sondern erzählt unaufdringlich und empathisch. Jede Einzelszene wirkt gut durchdacht und sorgfältig komponiert. Dasselbe gilt auch für den Roman als Ganzes.

    Die Schwächen des Romans liegen im Plot. Das Ziel des Romans ist offensichtlich die allumfassende Harmonie der Familie, die wieder ihren Sehnsuchtsort, den angestammten Sommersitz bewohnt. Diesem Ende wird alles untergeordnet. Die angedeuteten Konflikte werden keiner Klärung zugeführt, sondern sie verpuffen einfach. Auch die Figurengestaltung muss sich dem intendierten Ende unterordnen. Die Autorin vergibt jede Möglichkeit, einen Konflikt und damit auch ihre Figuren zu entwickeln. Ihre Figuren wachsen nicht an den Konflikten, sondern sie machen abrupte Änderungen durch, die nicht motiviert werden und daher unglaubwürdig sind. Und wenn die Figuren von ihrer ursprünglichen Anlage nicht zum Ende passen wollen, werden sie gewaltsam zurechtgebogen und sogar -gebrochen. Und das Ende muss man mögen: alle unter einem Dach, alle Generationen vereint, innere und äußere Ähnlichkeiten werden beschworen, jeder ist nur Teil einer Generationenkette, endlich ist jeder glücklich, keine Konflikte, keine Sorgen, keine finanziellen Probleme.

    Schade. Die vielversprechenden Ansätze des Beginns werden nicht genutzt.

    Trotzdem bin ich überzeugt, dass der Roman seine Leserinnen finden wird, die wohlig-seufzend damit einverstanden sind, dass der märchenhafte Schluss wenig mit der Realität zu tun hat.

    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

    :musik: Olivier Guez, Die Welt in ihren Händen.

    :study: Leo Vardiashvili, Vor einem großen Walde. Übersetzung: Wibke Kuhn.


    "Der echte Bibliophile liebt mehr als Form und Inhalt eines Buches seine Existenz; er muss es erst gar nicht lesen" (Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh, S. 49).

  • Freiheitsschule

    Der Zweite Weltkrieg entwurzelte viele Kinder, die man zu ihrer Sicherheit in ein anderes Land schickte. Über die deutsch-jüdischen Kinder in Großbritannien schrieb W.G. Sebald in eindrucksvoller Weise. Weniger bekannt war mir, dass britische Kinder vor den deutschen Luftangriffen in die USA flüchteten. Anders als in den meistens gebrochenen Schicksalen findet Beatrix bei ihrer neuen Familie in Boston eine neue Heimat - erst die Rückkehr zu ihrer mittlerweile entfremdeten Mutter verursacht ihr Schwierigkeiten.

    Dem Ansatz, allen Individuen gerecht zu werden, entspricht die Einteilung des Werks in mit Namen überschriebenen Kapiteln, die ein Puzzle ergeben und dennoch einen schlüssigen kontinuierlichen Verlauf. Nichts ist vorhersehbar und trotzdem überzeugend, neugierig habe ich mich darauf eingelassen, wobei nicht der einzige spannungsfördernde Faktor die Frage war: "Kriegen sie sich, und wenn ja, wer wen?"

    Ein Leitmotiv ist der anhaltende Vergleich der Kriegssituation in Europa mit dem relativen Wohlstand in der Neuen Welt, in der Bea sich frei entfalten und entwickeln kann, während ihre Eltern alle gegebenen Einschränkungen erleiden. Die jeweiligen Schicksalswendungen erfordern einen Akt der Balance zwischen Mut und Verzagen, den nur die Liebe aufrecht erhält, in allen ihren Ausprägungen: "aber darüber schwebt der Schatten von Angst, Zweifel und Verlust". Zutiefst menschlich stellt Spencer-Ash alle Charaktere in ihren Stärken und Schwächen dar und entwirft die Psychogramme voller Sympathie und Respekt.

    Dieser Roman bezeugt die Kraft der Liebe in stürmischen Zeiten.

    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

  • Familienbande in Kriegs- und in Friedenszeiten

    Hitler und Göring und die deutsche Luftwaffe führten einen gnadenlosen Krieg gegen England. Zahlreiche Städte wurden niedergebrannt. Familien, die es konnten, schickten ihre Kinder in Sicherheit, nach Übersee. Leider begnügte sich die deutsche Marine nicht nur Schiffe aus den USA nach Großbritannien zu torpedieren, die ja Truppen, Kriegsausrüstung und Verpflegung für die Armee transportierten, sondern auch Schiffe, die aus England Richtung USA ausliefern, mit Kindern an Bord.

    In dem wunderschön geschriebenen Roman wird solch eine Verschickung beschrieben. Aus der Sicht der Eltern, des elfjährigen Mädchens und aus der Sicht der Mitglieder der Gastfamilie in den USA. Dieser ständige Perspektivenwechsel macht deutlich, wie die einzelnen Familienmitglieder, die aus England und aus den USA, mit der neuen Situation zurechtkommen. Am schwersten war es wohl für Beatrix, die plötzlich aus ihrer Familie und ihrem Umkreis herausgerissen wurde. Auf der Überfahrt freundet sie sich mit den anderen Mädchen auf dem Schiff an, nur um sie nach 2 Wochen wieder zu verlassen und von der Gastfamilie abgeholt zu werden. Wieder ein neuer Lebensabschnitt für Beatrix, der fünf Jahre dauern wird.

    Die Idee zu dieser Verschickung hat Beatrix Vater, Reginald. Aber um in den Augen seiner Tochter besser dazustehen, erklärt er ihr, das wäre die Idee ihrer Mutter gewesen. Damit treibt er einen Keil zwischen Mutter und Tochter, der erst viele Jahre später heilen wird. Es ist eine spontane Eingebung Reginalds, die weitreichende Folgen haben wird.

    Die Lücke, die Beatrix bei ihren Eltern hinterlässt, und Reginalds Lüge treibt auch die Eheleute auseinander. Sie werden beide aktiv aber getrennt in der Kriegshilfe, Lösch- und Räumkommandos der Vater, Buchhalterin in mehreren Geschäften und Krankenwagenfahrerin Millie.

    Die amerikanische Gastfamilie besteht aus Vater Ethan, Lehrer, Nancy ist Hausfrau und die treibende Kraft der Familie, die Söhne William und Gerald. Beatrix ist altersmäßig zwischen den Söhnen, sie passt genau in diese Familie, trotz ihrer anfänglichen Angst und Scheu. Und ohne es zu merken, gewichtet sie die Familie um: “Doch Bea hat, ohne es zu ahnen, alles durchgerüttelt. Es ist, als hätte ihre Gegenwart das Gleichgewicht innerhalb der Familie verändert. Selbst Ethan hat sie ins Herz geschlossen.” (S. 63)

    Die fünf Jahre, die Beatrix in den Staaten verbringt sind eigentlich ihre formativen Jahre. Als sie als 17jährige zurückkehrt, als junger Mensch, lässt sie einen Teil ihrer Seele in den Staaten. Sie wird William 1951 erklären: “Meine Lieblingsmannschaft? Die Red Sox. Mein Lieblingsort? Maine. Mein Lieblingsessen? Die Muffins von deiner Mutter. Trotzdem bin ich hier. Das ist mein Zuhause. Meine Mutter ist hier. Ich gehöre hierher, und dennoch hänge ich in der Luft, zwischen zwei Welten. Irgendwie komme ich nirgends richtig an.” (S. 194). Doch letzten Endes entscheidet sie sich für Gerald und den USA, denn “das hier fühlt sich wie mein Zuhause an, egal, was ich mir einrede oder wie sehr ich mich bemühe, mir drüben [in England] ein Zuhause zu schaffen.Das was ich bin, bin ich hier geworden.” (S. 351)

    Mit viel Feingefühl und Sensibilität beschreibt Spence-Ash die Situation, in der sich alle Beteiligten befinden: Beatrix wird entwurzelt, findet eine neue Heimat in den USA, um nach fünf Jahren gezwungen zu sein, in London wieder eine Heimat zu finden. Reginald und Millie, die zurückgebliebenen Eltern, die an diesem Verlust des einzigen Kindes fast zerbrechen und in den Kriegsanstrengungen ihres Landes aufgehen. Ethan und Nancy, die Gasteltern und die beiden Söhne, die Beatrix von ganzem Herzen willkommen heißen, sich so herzlich bemühen, den Einstieg des Mädchens in das neue Leben so einfach wie möglich zu machen. Die Empathie, die einem auf jeder Seite des Buches entgegenschlägt, ohne je ins Sentimentale abzudriften, die Sensitivität und das Verständnis, die alle Beatrix entgegenbringen, unaufdringlich aber ständig präsent, all dies und die interessante Geschichte, eigentlich schon ein Stück Zeitgeschichte, machen das Buch so lesenswert.

  • Zwischen zwei Familien

    Wenn man von der eigenen Familie in die Ferne geschickt wird, ist das vor allem für Kinder und Jugendliche sehr schwierig. Nicht immer sind die Gründe verständlich, das Heimweh ist oft groß und die Gefühlslage unsicher. Auch heute noch passiert das oft, jedoch war der Höhepunkt zu Kriegszeiten. In „Und dahinter das Meer“ begleiten die Leser Beatrix, deren Eltern sie zu Zeiten des 2. Weltkriegs von England in die USA schicken.

    Beatrix vermisst ihre Eltern in den Staaten sehr. Sie zeigt es zwar nicht, ist allerdings mit ihren Gefühlen überfordert. Das ändert sich auch nicht, als sie zurück nach England kehrt- mit Sehnsucht nach ihrer amerikanischen Familie. Und irgendwann wird die Sehnsucht zu groß…

    Ich finde das Thema extrem wichtig. Gerade als Kind ist man oft unsicher- warum werde ich weg geschickt? Mögen meine Eltern mich nicht? Und was passiert zuhause? Diese Fragen sind doch vorprogrammiert. Und auch Beas Zweifel, warum ihre Mutter nie zum Besuch kommt, finden ihren Platz. Von daher ist die Thematik top umgesetzt. Allerdings stören mich einige Punkte. Der gravierendste: fehlende Gänsefüßchen. Bei Unterhaltungen werden Klassischerweise die anglo- amerikanischen seitlichem Anführungszeichen gesetzt, aber bei Erinnerungen werden Aussagen einfach in den fließenden Text eingebaut, was das Lesevergnügen stört. Ich gebe vier Sterne.

  • Zwischen zwei Welten

    Als 1940 in England der 2. Weltkrieg angekommen ist, beschließen Millie und Reginald ihre Tochter Beatrix in die USA zu einer Gastfamilie zu schicken. Ganz allein und verängstigt fährt Beatrix über den großen Teich in die Ungewisse. In Boston wird sie von der Familie Gregory, Nancy, Ethan, William und Gerard empfangen. Zunächst fällt die Eingewöhnung schwer, aber immer mehr wird Beatrix zu einem Teil der Familie Gregory. 1945 zurück in England fällt ihr nun auch die Eingewöhnung dort schwer und die Beziehung zur Mutter bleibt distanziert. Zu ihrer Gastfamilie hält sie über die Jahre mehr oder minder Kontakt, bis sie nach vielen Jahren ihren Weg gefunden hat.

    Das Buch ist durch seine Sprache sowie dem ständigen Wechsel der Erzählperspektive flüssig und spannend zu lesen. Mich hat das Thema, als mir unbekannten Aspekt des 2. Weltkriegs, sehr interessiert und die Zerrissenheit, die sich gerade durch die Verschickung in den prägenden Jahren ergibt, erzählt. Ein toller Roman, der viele Emotionen anspricht.

    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5:

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