Verlagstext:
Die Besatzung eines Containerschiffs möchte einmal mitten auf dem offenen Meer schwimmen gehen. Ihre Kapitänin lässt sich tatsächlich darauf ein … Wie sich behaupten und gleichzeitig in Frage stellen, davon erzählt dieser wunderbar sinnliche Roman aus Frankreich, der u.a. mit dem Prix Léonora Miano ausgezeichnet wurde. »Erst hängen sie in der Luft. Dann tauchen sie zum allerersten Mal beide Füße in den Ozean. Sie gleiten hinein. Tausende Kilometer von jedem Strand entfernt.« Auf einer Fahrt in die Tropen, kurz hinter den Azoren richtet die Besatzung eines Containerschiffs eine ungewöhnliche Bitte an die Kapitänin: Sie möchten hier, auf dem offenen Meer, schwimmen gehen. Das hat es noch nie gegeben. Zu ihrer eigenen Überraschung lässt die Kapitänin es zu. Sie bleibt allein auf dem Schiff, mit all den Zweifeln, ob sie das Richtige entschieden hat. Werden die Männer zurückkommen? Das Schiff wird immer langsamer, ein mysteriöser Nebel kommt auf. Wieso kann die Kapitänin auf einmal das Herz des Schiffes schlagen hören? Und warum drängt sich ausgerechnet jetzt ihr Vater in die Erinnerung, der einst selbst zur See fuhr und seit einer Überfahrt kein Wort mehr sprach?
Quelle: amazon.de
Meine Meinung:
Auf das Buch bin ich aufmerksam geworden, als vor einigen Wochen Ronya Othmann und Juliane Liebert die Klüngeleien hinter den Kulissen eines (bisher zumindest) recht renommierten Buchpreises aufgedeckt hatten. Hier eine Zusammenfassung ihres Textes, der bei der "Zeit" leider hinter der Bezahlschranke liegt. Mariette Navarros schmaler Roman war einer der Texte, die es aufgrund ihrer literarischen Qualitäten zunächst auf die Shortlist geschafft hatten, dann aus politischen Erwägungen wieder heruntergenommen wurden und nur auf Intervention der o.g. Autorinnen hin auf die nun extra erweiterte Shortlist zurückfanden. Zu Recht, wie ich nach der Lektüre finde.
Zum Inhalt des Buches sagt der Verlagstext schon genug; mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, um nicht zu spoilern.
Es sind die besonderen, wechselnden Atmosphären an Land und auf dem Meer, die die Autorin wundervoll einfängt, in die ich mich beim Lesen fallen lassen konnte wie die Männer mitten auf See in den scheinbar unendlichen Ozean. Was sich zunächst wie ein faszinierendes Wechsel-"Bad" der Gefühle, Gedanken und menschlichen Kräfte liest, öffnet anderen, unerwarteten Entwicklungen Tür und Tor, die die komplette Besatzung von der Kapitänin bis zum kleinsten Matrosen vor unbeantwortbare Fragen stellen. Hier kommt ein Magischer Realismus ins Spiel, der Assoziationen zu Marlen Haushofers "Wand", Goethes "Erlkönig", manchen im Roman selbst erwähnten oder auch unerwähnten Gestalten der "Odyssee" und vielen anderen mysteriösen Figuren und Geschehnissen weckt, vereint auf diesem Schiff, allein in der unendlichen Weite, wo der Sinn des Aufbrechens, Unterwegsseins und (vielleicht?) Ankommens neu bedacht und individuell justiert werden muss.
Ich hätte gern mehr davon gelesen und war traurig, als ich das Büchlein beendet hatte. Daher muss ich noch überlegen, ob ich vier oder viereinhalb Sterne vergebe. Ich fand den Schluss stimmig, aber es ging mir einfach zu schnell.


