Szczepan Twardoch - Kälte / Cholod

Cover zum Buch Kälte

Titel: Kälte

, (Übersetzer)

4,5 von 5 Sternen bei 2 Bewertungen

Verlag: Rowohlt Berlin

Format: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 432

ISBN: 9783737101882

Termin: Neuerscheinung April 2024

Aktion

  • Klappentext

    Der Kampf eines Mannes, der nichts zu verlieren hat. Gegen die Welt und sich selbst. Einst war Konrad Widuch begeisterter russischer Revolutionär, kämpfte in der Reiterarmee. Unter Stalins Herrschaft verliert er alles, den Glauben an die Sowjetunion, seine junge Familie, die Zukunft. Aus den Schrecken des Gulag kann sich Widuch mit äußerster Härte befreien – und steht vor dem Nichts: in den Weiten der Taiga, einer atemberaubend schönen wie tödlichen Welt. Zusammen mit der Russin Ljubow und dem mitgeflohenen Gabaidze wird er von den Ljaudis gefunden. Bei dem archaischen Volk entdeckt Widuch ein fremdes Leben voll arktischer Exotik, ungeahnter Stille, eine Welt mit unbegreiflichen Göttern; der versehrte Gabaidze wird zum Schamanen. Als ein russisches Flugzeug landet, müssen Widuch und die schwangere Ljubow sich wehren und sind bald wieder auf der Flucht, allein im höchsten Norden.

    Szczepan Twardoch schickt seinen Helden auf eine zum Zerreißen spannungsvolle Lebensreise, die Konrad Widuch immer wieder nur mit Gewalt bestehen kann. Russland, der hohe Norden, das 20. Jahrhundert in all seinen Abgründen prägen diesen Weg. Wie oft kann man sich selbst besiegen, ohne seine Menschlichkeit zu verlieren?


    Mein Lese-Eindruck:

    Der Mensch ist des Menschen Wolf

    „Kälte“ ist ein forderndes Buch und letztlich eine gewaltige Wutrede gegen Russland. Dafür bedient sich der Autor an der Geschichte, aber wie sollte er seine Wut auch anders begründen? Ich kann nur auf Magnus Brechtken verweisen, der in seinem Buch "Vom Wert der Geschichte" sagt: „Wir können, wenn überhaupt, nur aus der Geschichte lernen. Etwas anderes ist uns gar nicht verfügbar.“

    Im Zentrum der Binnenhandlung steht ein ehemaliger Bolschewist, einer der Mitbegründer des Systems, der wie so viele zum Opfer der stalinistischen Säuberungen wird. Er durchlebt Schreckliches, und er verschont den Leser nicht von den Schilderungen von Folterungen und Strafmaßnahmen. Die Frage, die ihn immer begleitet, ist die seines ersten Satzes: "Ich- ein Mensch? War ich je ein Mensch?" Das Menschenbild ist illusionslos und deprimierend: der Mensch ist des Menschen Wolf, jeder ist sich selbst der Nächste, es gibt keine moralischen Kategorien mehr, keine Solidarität, keine Humanität: das alles kann sich ein Mensch nicht leisten, für den der Selbsterhaltungswillen die einzige Kategorie ist, nach der er handeln kann. Damit wird der Mensch in die Nähe des Tieres gerückt, und der Titel "Kälte" steht daher nicht nur für den weitläufigen Ort der Handlung, sondern auch für den Seelenzustand.

    Der Autor entwirft jedoch ein Gegenbild: das Bild eines archaischen, bisher unbekannten (und fiktiven) Volkes in der Arktis, wo der Protagonist erstmals in seinem Leben so etwas wie Sicherheit und Heimat findet. Die Ljaunis werden allerdings bedroht von der Einvernahme durch Russland, und so steht dieses Volk als Beispiel für die vielen indigenen Völker Sibiriens, deren ethnische Eigenständigkeit dem russischen Moloch zum Opfer fiel bzw. nicht gesichert werden konnte: die Enzen, Tschukschen, Itelmenen, Jakuten, Korjaken u. a. Diese drohende Übernahme führt zu einer äußerst pointierten Wutrede, die schwerste Anklagen gegen das heutige Russland erhebt.

    Gibt es einen Ausweg, dem russischen Moloch zu entkommen? Ja, es gibt die Insel Seweras, das in den Mythen der Ljaunis zum Sehnsuchtsort wird. Aber auch Seweras entpuppt sich als Halluzination. Oder doch nicht? Sehr schön und voller Phantasie verknüpft der Autor an diesem Punkt die Handlung mit einer fiktiven Rahmenhandlung, der er durch biografische Daten ein hohes Maß an Authentizität verleiht.

    Und mit der Fata Morgana Seweras ist die Ausgangsfrage nach dem Mensch-Sein auch beantwortet. Ein Mensch-Sein ist unter den Umständen, die uns hier erzählt werden, nicht möglich. Hier bleibt der Mensch des Menschen Wolf. Die Verhältnisse machen ihn dazu.

    Twardochs sprachliche Wucht und seine Erzählkunst sind beeindruckend. Die teils assoziative Struktur des Romans wird geordnet durch eine klare Komposition, mit der die verschiedenen Handlungsfäden auf unterschiedlichen Zeitebenen abgewickelt werden. Sicher: die unflätigen Ausdrücke und die Grausamkeiten sind schwer erträglich, aber sie sind bedingt durch das Thema des Buchs: Ich - ein Mensch?

    Fazit: Ein forderndes Buch, phantasievoll, sprachlich beeindruckend, eine Wutrede.

    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertungHalb:

    :study: R. C. Sherriff, Vor uns die Zeit. Übersetzung: Rainer Moritz.

    :study: Margaret Laurence, Glücklichere Tage. Übersetzung: Monika Baark.


    "Der echte Bibliophile liebt mehr als Form und Inhalt eines Buches seine Existenz; er muss es erst gar nicht lesen" (Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh, S. 49).

  • :study: R. C. Sherriff, Vor uns die Zeit. Übersetzung: Rainer Moritz.

    :study: Margaret Laurence, Glücklichere Tage. Übersetzung: Monika Baark.


    "Der echte Bibliophile liebt mehr als Form und Inhalt eines Buches seine Existenz; er muss es erst gar nicht lesen" (Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh, S. 49).

  • Deiner Rezension kann ich mich nur anschließen, drawe.

    Erzählerisch hat der Roman mir sehr gefallen, lediglich stellenweise (gegen Ende des Romans, noch bei dem indigenen Volk) war er mir vielleicht etwas zu vulgär, aber wirklich gestört hat es mich dann auch nicht.

    Bei Gabaidze frage ich mich, ob dies wirklich sein musste mit dessen Schicksal, aber vielleicht ist es einfach ein weiteres Beispiel für die Erbarmungslosigkeit des Menschen, wenn er sich harten Bedingungen stellen muss.

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