Jaan Kross - Gegenwindschiff (ab 06.05.2024)

  • Mach Dir also keine grundsätzlichen Sorgen über meinen Geisteszustand.

    Mach ich nicht :lol: viel Erfolg bei der nervigen Bürokratie!



    aber auch hier spielt Kross das Spiel mit den Nationalitäten

    Wahrscheinlich sollte ich mich nicht so drauf versteifen sondern einfach abwarten, was noch kommt. Ich selbst hab ja den unzuverlässigen Erzähler ins Spiel gebracht. :loool: Auf jeden Fall mindert es nicht meinen Lesespaß :study:

    viele Grüße vom Squirrel



    :study: Jaan Kross - Gegenwindschiff

    :study: Kai Seyfarth - Entscheidung in Aleppo: Walter Rößler, Helfer der verfolgten Armenier


  • Kapitel 2


    Ich fand diese Außensicht auf Schmidt echt spannend. Geprägt von der Eifersucht und dem Minderwertigkeitsgefühl Schmidt gegenüber, verrät Kelter Junior doch sehr viel Positives über Schmidt. Gleich seinem Vater ist er ein Selfmademan: er hat aus eigenem Antrieb heraus definitiv Großes geleistet, er ist anerkannter Meister seines Faches in der Fachwelt (die Welt, auf die es für Schmidt wohl ankommt), er ist ein durchaus offener Geist, der die Jugend für die Astronomie begeistern will, er brennt für das was er tut, er ist nicht korrumpierbar, ein Freigeist, der sich nicht einengen lassen will. Für mich ein überaus positives Bild. Die anhaltende Eifersucht und Geringschätzung Kelter Juniors interpretiere ich mal frei so, dass er selbst nicht diesen Erfolg hatte. Er war Sohn, hat hoffentlich die Firma gut erhalten können, aber herausragend war der nie. Deshalb fürchtete er auch die Konkurrenz durch Schmidt als ihm bewusst wurde, wie dringend sein Vater diesen Mann in seiner Firma haben wollte.

    Zwischen Kelter Senior und Schmidt sehe ich da durchaus Parallelen: ich denke, der alte Mann brannte schon auch für sein Metier und er brannte für den Erfolg. Daher hätte er sehr gerne Schmidt in seiner Firma gehabt. Menschenkenntnis? Naja, nicht so sehr, aber für die damalige Zeit hat er sein Bestes gegeben.


    Und dann ist es ja aufgetaucht, das Gegenwindschiff. :lol: Der Autodidakt Schmidt war also Denker und Tüftler auf mehreren Gebieten, nicht nur der Optik.

    viele Grüße vom Squirrel



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  • Und der Sinn des ersten Kapitels ist nicht nur "Außer Spesen nichts gewesen" sondern es brauchte ja diese lange Seereise - und das Bullauge -, damit Schmidt auf die Idee zur Lösung seines optischen Problems kommt.

    Ja, genau - in diesem (scheinbar) knappen Nebengeblänkel , kommt die große Erkenntnis für Schmidt und die zukünftige Lösung.

    Ich finde das wirklich genial vom Autor, mir gefallen so hingeworfenen Hinweise, die dann (wahrscheinlich) im Verlauf der Handlung noch sehr interessant werden. Wenn man sozusagen als Leser den ganzen Prozess mitverfolgen kann.

    Da du das Kapitel (für mich) gut zusammengefasst hast, schreibe ich jetzt nur noch meine Anmerkungen dazu, nicht nochmals den Inhalt - ich hoffe es ist so für euch in Ordnung.


    Bei den ersten Zeilen war ich etwas verwundert, der Erzählstil ist doch ganz anders, wir lesen hier eigentlich die Hintergrundrecherche des Autors zum Buch. Doch nach wenigen Minuten hatte mich die Neugierde gepackt und ich wollte noch mehr über Schmidt wissen.

    Wie ihr ja auch schon angemerkt habt ist Kelter kein Sympathiträger, wobei ich mir trotzdem immer denke das Erinnerungen ja sehr individuell gefärbt sind. Da musste ich wieder an dich Squirrel und deine Einschätzung des "unzuverlässigen" Erzählers denken.

    So wie bei der Beschreibung der Ungenauigkeit eines Spiegels, ob Schmidt wirklich mit einer Hand tastend das alles soooo genau gespürt hat? Oder konnte Kelter Senior mit dem Eichmaß nicht so gut umgehen?


    Das mit den eingereichten Patenten hat mich auch sehr interessiert, besonders da ein Gastroskop erwähnt wurde (ich bin ja in der Pflege, da interessieren mich medizinische Dinge sehr). Ich habe dann ein bisschen recherchiert, seit 1868 wurde gastroskopiert :shock: , wobei scheinbar wurde 1932 ein felxibles Endoskop mit 51 Linsen als vorläufer der heutigen Endoskope zum Einsatz gebracht wurde. Eigentlich hätte Schmidt doch gute Chancen für ein Patent haben müssen ?(


    https://idw-online.de/de/news550570


    Zu Kapitel 2


    Kross ist ein gewiefter und gewitzter Erzähler. Das Kapitel 1 endete damit, dass sich Wolken vor die Sonne schoben und die Sonnenfinsternis nicht beobachtet werden konnte.

    Und das 2. Kapitel beginnt mit dem Besuch in der Villa Wolkenlos :lol: !

    Das ist mir tatsächlich auch nicht aufgefallen :-, , jetzt - beim nochmals nachlesen: du hast sehr genau aufgepasst, wirklich eine schöne Idee.


    Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass er auch Gedichte geschrieben hat??

    Das kann ich nicht beurteilen. Generell hab ich eher keinen Zugang zu Lyrik.

    Ich auch nicht :twisted: , aber so stellt sich "die kleine Gabi" das halt vor :loool: . Jemand der Gedichte schreibt hat ein besonderes Gespür für Sprache ....

    Liebe Grüße
    Gabi


    "Welchen Kummer deiner Seele du auch ertränken willst,
    deine Bibliothek ist der beste Keller!"
    Jean Cocteau

  • nicht nochmals den Inhalt - ich hoffe es ist so für euch in Ordnung.

    Für mich auf jeden Fall! Ich mag eher den Dialog als einzelne Statements.

    Squirrel s Zusammenfassungen schätze ich aber sehr :thumleft: : sie gehen über das rein Inhaltliche immer hinaus und zeigen den roten Faden auf. Und sind, finde ich, ein idealer Ausgangspunkt für ein Gespräch.

    :study: Jaan Kross, Gegenwindschiff. MLR.

    :study: Walt Whitman, Besondere Tage.


    "Der echte Bibliophile liebt mehr als Form und Inhalt eines Buches seine Existenz; er muss es erst gar nicht lesen" (Werfel, Die vierzig Tage des Musa Dagh, S. 49).

  • Kapitel 2

    Ich finde das wirklich genial vom Autor, mir gefallen so hingeworfenen Hinweise, die dann (wahrscheinlich) im Verlauf der Handlung noch sehr interessant werden.

    Mir gefällt das auch gut, das ist wie Puzzlen: im Verlauf der Geschichte setzt sich Steinchen an Steinchen und am Ende haben wir das gesamte Bild. Und überliest der eine etwas, so entdeckt das bestimmt einer der anderen hier. Das mag ich so an Leserunden.


    schreibe ich jetzt nur noch meine Anmerkungen dazu, nicht nochmals den Inhalt - ich hoffe es ist so für euch in Ordnung.

    auf jeden Fall! Wir möchten uns über das Gelesene austauschen, aber dazu muss ja nicht jeder von uns den faktischen Inhalt wiederholen. Aber was einem wichtig erscheint, das kann ja jeder für sich herausheben und dann ergeben sich ganz unterschiedliche Bilder des Gelesenen und die sind so verschieden wie das alleinige - spannend.


    Bei den ersten Zeilen war ich etwas verwundert, der Erzählstil ist doch ganz anders, wir lesen hier eigentlich die Hintergrundrecherche des Autors zum Buch.

    wie drawe schon schrieb: das Entstehen des Buches ist hier neben Schmidt das Thema, und das ist echt interessant. Ich hoffe, diese Wechsel bleiben bestehen, mich fasziniert das.

    So wie bei der Beschreibung der Ungenauigkeit eines Spiegels, ob Schmidt wirklich mit einer Hand tastend das alles soooo genau gespürt hat? Oder konnte Kelter Senior mit dem Eichmaß nicht so gut umgehen?

    Gute Frage und ich bin gespannt, ob Kross uns darauf eine Antwort gibt. Das Internet hat mir dazu noch nicht viel liefern können, über Schmidt ist da wenig zu finden. Hattet Ihr mehr Erfolg dabei, mehr als den Eintrag in Wiki zu finden?

    Eigentlich hätte Schmidt doch gute Chancen für ein Patent haben müssen ?(

    Die Szene hat mich auch gewundert: Schmidt schien ein exzellenter Praktiker zu sein, mit vielen praktikablen und guten Ideen. Warum erhielt er für nichts ein Patent? Auch hier hoffe ich auf mehr Informationen im Verlauf der Geschichte.

    Und wie Du grad selbst erlebt hast: es ist spannend, nebenher zu recherchieren; spannend, was man da immer so entdeckt. Das machen drawe und ich ja auch immer mit Begeisterung und sehr ausgiebig, ich erinnere mich an den Musa Dagh. :lol:


    Das ist mir tatsächlich auch nicht aufgefallen :-, , jetzt - beim nochmals nachlesen: du hast sehr genau aufgepasst, wirklich eine schöne Idee.

    So gewieft wie Kross erzählt, sollte ich vielleicht nicht immer am Ende eines Kapitels das Buch zuklappen sondern direkt ins nächste Kapitel weiterlesen. :-,


    Squirrel s Zusammenfassungen schätze ich aber sehr :thumleft:

    das Kompliment kann ich gerne zurückgeben - wir ergänzen uns ja immer sehr gut. :friends:


    Kapitel 3

    bietet uns dagegen ein Bild von Schmidt als zweifelndem Menschen, der seine eigenen Fähigkeiten und sein Wissen nicht einzuordnen weiß. Er hat Minderwertigkeitsgefühle, kann sich selbst nicht als Wissenschaftler sehen und begreifen. Er leidet unter der fehlenden Ausbildung, dem fehlenden Studium, fühlt sich klein im Vergleich. Dabei weiß er eigentlich, wie gut er ist, welche Qualität er leistet und bietet und wie gut seine Erfindungen der Wissenschaft helfen. Aber er sieht sich dennoch nicht als ebenbürtig. Ich kann mich gut in ihn einfinden, ihn verstehen.

    Auch fühlt er sich getrieben von seiner Behinderung, die er verantwortlich macht dafür, dass "nur seine Behinderung" ihn zu dieser hohen Qualität in seiner Arbeit treibt. Aber irgendwie glaube ich das nicht. Für mich ist dieser Anspruch an seine eigene Arbeit in ihm drin, immanent und zu ihm gehörig. Wie seht ihr den Wissenschaftler Schmidt in diesem Kapitel?


    Beim Menschen Schmidt bin ich grad unsicher. Ist es wirklich nur sein Drang nach Unabhängigkeit, der ihn von einem Verhältnis mit Johanna abhält? Oder hat er einfach Angst vor der Bindung, fühlt sich als Behinderter nicht vollwertig für eine Frau, eine Familie?

    viele Grüße vom Squirrel



    :study: Jaan Kross - Gegenwindschiff

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  • Hattet Ihr mehr Erfolg dabei, mehr als den Eintrag in Wiki zu finden?

    Nur hier einen Beitrag aus der DLF Sternzeit. Und das in Mittweida die Grundschule nach ihm benannt ist :lol: .


    Und ich würde Squirrel zustimmen, was die Bindungsangst Schmidts angeht. Er ist fühlt sich ja schon zu Johanna hingezogen, achtet aber penibel darauf, ihr nicht zu nahe zu kommen.

    Es ist ja nicht nur eine Frage des Altersunterschieds zwischen den beiden, Johanna als 17/18 jährige und Schmidt schon über Vierzig. Über vorige Beziehungen Schmidts wissen wir ja nichts, was über das "Flintenputzen" hinausgeht oder ich hab´s überlesen. Ein Bedürfnis nach Familie hat er nicht oder traut er sich nicht zu? Ich kann ihn da schwer einschätzen.

    Veritas temporis filia - Die Wahrheit, Tochter der Zeit (Aulus Gellius)
    :study: Jaan Kross - Gegenwindschiff

    :study:William Maxwell - Zeit der Nähe


  • Na, alle irgendwo unterwegs bei dem schönen Wetter? :lol:

    Und ich würde Squirrel zustimmen, was die Bindungsangst Schmidts angeht. Er ist fühlt sich ja schon zu Johanna hingezogen, achtet aber penibel darauf, ihr nicht zu nahe zu kommen.

    ...

    Ein Bedürfnis nach Familie hat er nicht oder traut er sich nicht zu?

    Ich fürchte, auf eine eindeutige Beantwortung dieser Frage müssen wir noch eine Weile warten. Wobei Kapitel 3 uns zeigt, wie diese eigenartige Beziehung zu Johanna entstand. Sie ging also eindeutig von Johanna aus und hatte die ganze Zeit einfach einen sachlichen Grund, nämlich Johannas Drang nach Wissen. Sie will studieren, muss sich das aber finanzieren, und hat Angst, den Anforderungen des gewählten Studiengangs nicht zu genügen. Helfen soll ihr bitte der sonderbare Herr Schmidt, was er nach kurzer Überlegung auch tut. Und durch diese schulische Hilfe entsteht ein vertrautes Verhältnis, das immer mehr auch eine gewisse Privatheit erlangt, wie z.B. die wenigen Ausflüge und Restaurantbesuche zeigen. Aber es bleibt ein distanziertes, freundliches, leicht freundschaftliches Verhältnis, mehr nicht. Und siehe da, am Ende ist es tatsächlich Johanna, die genauso tickt wie ihr Lehrer: sie will ihre Unabhängigkeit von Schmidt behalten, nimmt deshalb seine Hilfe nicht an in einer Zeit, in der sie diese sicher hätte gebrauchen können. Da sind also zwei Menschen, die den gleichen Geist haben, den gleichen Drang nach Unabhängigkeit, der ihnen über alles andere geht. Damit wären sie doch perfekt geeignet dafür, eine Art Beziehung nach ihren Bedürfnissen einzugehen. Aber das können sie sich wohl nicht vorstellen, haben beide Angst, dabei zuviel Kompromisse eingehen zu müssen. Wie spannend. Ich wüsste jetzt zu gerne, wie viel davon der Autor erfunden und wie viel durch Briefe o.ä. belegbar ist. :uups:


    Im übrigen hat Kross erneut so einen tollen Übergang geschaffen: Kapitel 2 endet mit dem Genie Schmidt während Kapitel 3 uns direkt in Schmidts Selbstzweifel und wissenschaftliche Minderwertigkeitsgefühle stürzt. Dafür endet es mit dem Moment, in dem Schmidt die praktische Erleuchtung überfällt, wie er seine Platte mechanisch schleifen kann, um dann in Kapitel 4 damit zu starten, wie er entkräftet während der galoppierenden Inflation zurück in seine Heimat flüchtet. Was für ein krasser Gegensatz!


    Im übrigen kann ich Schmidts Selbstzweifel gut verstehen: noch heute ist besonders die deutsche Wissenschaft getrieben von Titeln und Veröffentlichungen, von Abschlüssen und Zertifikaten. Ein Mann wie Schmidt hätte heute überhaupt keine Chance mehr, einen Fuß auf den Boden zu bekommen. Vier Jahr Dorfschulunterricht und die kurze Zeit am Technikum - er ist für echte Wissenschaftler keine Konkurrenz, wird von ihnen ganz sicher nicht als ebenbürtig betrachtet. Aber für ein paar der hellen Köpfe auf seinem Fachgebiet war er immerhin der praktische Magier, der ihnen die Lösung für ihre praktischen Probleme erarbeiten konnte. So findet er Unterschlupf in Hamburg, die Sternwarte bietet ihm das, was Kelter ihm nicht geben wollte: freie Hand und alle Mittel der Wahl, um seine Ideen umzusetzen. Und er nutzt diese Chance weil er weiß, dass seine eine Platte allein trotz der Beweisfotos nicht reicht, um in der Fachwelt zu bestehen. Er muss einen Weg finden, wie andere Optiker diese Platte nacharbeiten können, sonst bleibt es ein singuläres Ding ohne Zukunft und würde immer als Zufallstreffer angesehen werden.

    viele Grüße vom Squirrel



    :study: Jaan Kross - Gegenwindschiff

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  • Ich schätze die Zusammenfassungen auch sehr, allerdings habe ich ein bisserl Probleme beim Zitieren :roll: , da ich meist nur mit dem Handy oder max. am Tablet hier bin.


    Zu deiner Frage bzgl. Verhältnis mit Johanna: ich habe das Gefühl, der große Altersunterschied ist doch ein Hauptproblem. Ob es etwas mit seiner Behinderung zu tun hat? glaube ich eher nicht, aber ich da beeinflusst mich sicher meine grundlegende Einstellung (und Erfahrung) sehr 8) . Ich hoffe auch, wir werden im Verlauf der Geschichte noch aufgeklärt.


    Na, alle irgendwo unterwegs bei dem schönen Wetter? :lol:

    Ich fürchte, auf eine eindeutige Beantwortung dieser Frage müssen wir noch eine Weile warten. Wobei Kapitel 3 uns zeigt, wie diese eigenartige Beziehung zu Johanna entstand. Sie ging also eindeutig von Johanna aus und hatte die ganze Zeit einfach einen sachlichen Grund, nämlich Johannas Drang nach Wissen. Sie will studieren, muss sich das aber finanzieren, und hat Angst, den Anforderungen des gewählten Studiengangs nicht zu genügen. Helfen soll ihr bitte der sonderbare Herr Schmidt, was er nach kurzer Überlegung auch tut. Und durch diese schulische Hilfe entsteht ein vertrautes Verhältnis, das immer mehr auch eine gewisse Privatheit erlangt, wie z.B. die wenigen Ausflüge und Restaurantbesuche zeigen. Aber es bleibt ein distanziertes, freundliches, leicht freundschaftliches Verhältnis, mehr nicht. Und siehe da, am Ende ist es tatsächlich Johanna, die genauso tickt wie ihr Lehrer: sie will ihre Unabhängigkeit von Schmidt behalten, nimmt deshalb seine Hilfe nicht an in einer Zeit, in der sie diese sicher hätte gebrauchen können. Da sind also zwei Menschen, die den gleichen Geist haben, den gleichen Drang nach Unabhängigkeit, der ihnen über alles andere geht. Damit wären sie doch perfekt geeignet dafür, eine Art Beziehung nach ihren Bedürfnissen einzugehen. Aber das können sie sich wohl nicht vorstellen, haben beide Angst, dabei zuviel Kompromisse eingehen zu müssen. Wie spannend. Ich wüsste jetzt zu gerne, wie viel davon der Autor erfunden und wie viel durch Briefe o.ä. belegbar ist. :uups:

    Diesen Teil habe ich sehr interessant gefunden, Johanna wird uns darin viel genauer vorgestellt und ich sehe es auch wie du, beide haben die gleichen Interessen bzw. keine Interessen an einer intimeren Beziehung.

    Übrigens musste ich bei mehreren Begriffen Dr. Google befragen, so auch zur "Flintenreinigung" - wobei es da kein passendes Ergebnis gegeben hat :mrgreen: . Allerdings denke ich es geht darum seinen sexuellen Bedürfnissen gerecht zu werden, oder was denkt ihr?


    Im übrigen hat Kross erneut so einen tollen Übergang geschaffen: Kapitel 2 endet mit dem Genie Schmidt während Kapitel 3 uns direkt in Schmidts Selbstzweifel und wissenschaftliche Minderwertigkeitsgefühle stürzt. Dafür endet es mit dem Moment, in dem Schmidt die praktische Erleuchtung überfällt, wie er seine Platte mechanisch schleifen kann, um dann in Kapitel 4 damit zu starten, wie er entkräftet während der galoppierenden Inflation zurück in seine Heimat flüchtet. Was für ein krasser Gegensatz!

    Ehrlicherweise war mir Schmidt in dieser Phase unsympathisch, ich verstehe schon die Selbstzweifel, trotzdem kam er bei mir nicht gut an. Erst als er dann wieder eine geniale Idee hatte, kam der selbstsicher, geniale Erfinder durch.

    Aber vom Autor natürlich genial gelöst!


    Ich habe jetzt auch das 3. Kapitel beendet, mir in diesem Kapitel aber bisher am schwersten getan. Einerseits den leicht raunzenden, unsicheren Schmidt andererseits auch die Wechsel in der Zeit - aber vielleicht liegt es auch an mir (gestern war es sehr spät / eigentlich früh :ergeben: ).


    Heute lese ich nicht mehr weiter, morgen wieder mehr.

    Liebe Grüße
    Gabi


    "Welchen Kummer deiner Seele du auch ertränken willst,
    deine Bibliothek ist der beste Keller!"
    Jean Cocteau

  • Dr. Google befragen, so auch zur "Flintenreinigung"

    you made my day :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen: Natürlich denke ich das gleiche wie Du :mrgreen:

    Ehrlicherweise war mir Schmidt in dieser Phase unsympathisch, ich verstehe schon die Selbstzweifel, trotzdem kam er bei mir nicht gut an.

    Das finde ich jetzt interessant. Kannst Du das näher begründen, warum ausgerechnet der zweifelnde Mann Dir jetzt unsympathisch war?

    viele Grüße vom Squirrel



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  • Dr. Google befragen, so auch zur "Flintenreinigung"

    you made my day :mrgreen: :mrgreen: :mrgreen: Natürlich denke ich das gleiche wie Du :mrgreen:

    Ehrlicherweise war mir Schmidt in dieser Phase unsympathisch, ich verstehe schon die Selbstzweifel, trotzdem kam er bei mir nicht gut an.

    Das finde ich jetzt interessant. Kannst Du das näher begründen, warum ausgerechnet der zweifelnde Mann Dir jetzt unsympathisch war?

    Wahrscheinlich weil mit dieses gejammere, selbstzweifelnde und so wenig selbstbewusste unsympathisch ist. Schmidt müsste doch von seinen Kenntnissen zumindestens ein bisserl wissen, er hat ja bis dahin schon einiges erreicht und könnte doch etwas selbstbewusster sein.

    Liebe Grüße
    Gabi


    "Welchen Kummer deiner Seele du auch ertränken willst,
    deine Bibliothek ist der beste Keller!"
    Jean Cocteau

  • Na, alle irgendwo unterwegs bei dem schönen Wetter?

    Manchmal grätscht das reale Leben in die guten Lese-Vorsätze hinein.


    Zu Kapitel 3

    Sie will studieren,

    Ihre Begründung fand ich interessant bzw. witzig. Angela Merkel hat ihr Studium der Physik genau so begründet wie Johannas Vater auch: Physik ist weltanschaulich neutral.

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  • Na, alle irgendwo unterwegs bei dem schönen Wetter?

    Manchmal grätscht das reale Leben in die guten Lese-Vorsätze hinein.

    Wie gut, dass wir noch ein reales Leben haben :loool:

    Das ist wirklich eine interessante Einstellung, und Johanna ist mir in diesem Abschnitt als eine selbstbewusste, unabhängige und mutige Frau erschienen. Sie war ihrer Zeit sicher voraus und hatte wahrscheinlich einen interessanten Lebenslauf. Ich hoffe wir erfahren auch von ihr noch mehr.


    Ich werde erst Ende der Woche Zeit zum Weiterlesen haben :-,

    Liebe Grüße
    Gabi


    "Welchen Kummer deiner Seele du auch ertränken willst,
    deine Bibliothek ist der beste Keller!"
    Jean Cocteau

  • Ihre Begründung fand ich interessant bzw. witzig. Angela Merkel hat ihr Studium der Physik genau so begründet wie Johannas Vater auch: Physik ist weltanschaulich neutral.

    Wie spannend :D

    Johanna ist mir in diesem Abschnitt als eine selbstbewusste, unabhängige und mutige Frau erschienen

    mir auch. Diese Selbständigkeit war zwar zu einem guten Teil aus der Not geboren, aber auch tief in ihr drin.

    Ich werde erst Ende der Woche Zeit zum Weiterlesen haben :-,

    Da bin ich dann unterwegs zum Tanten-Nichten-Wochenende von Freitag bis Sonntag. Aber schreibt ruhig, ich hole Euch Sonntag Abend schon wieder ein. :)

    viele Grüße vom Squirrel



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  • Da bin ich dann unterwegs zum Tanten-Nichten-Wochenende von Freitag bis Sonntag. Aber schreibt ruhig, ich hole Euch Sonntag Abend schon wieder ein. :)

    Viel Spaß am Wochenende, wir kommen schon zusammen :lol:

    Liebe Grüße
    Gabi


    "Welchen Kummer deiner Seele du auch ertränken willst,
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    Jean Cocteau

  • Viel Spaß am Wochenende

    Danke, den werden wir haben. Hoffentlich mag uns Petrus ein bisschen. :uups:

    viele Grüße vom Squirrel



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  • drawe Du bist so auffallend still zu Kapitel 3 :lol:

    viele Grüße vom Squirrel



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  • Du bist so auffallend still zu Kapitel 3

    Gerade im Moment habe ich meine Notizen dazu herausgezogen!


    Zu Kapitel 3

    noch heute ist besonders die deutsche Wissenschaft getrieben von Titeln und Veröffentlichungen, von Abschlüssen und Zertifikaten.

    Ja.

    Kross lässt da seinen Protagonisten nachdenken, wie es zu einer genialen Idee kommt. Gamnz rational geht das nicht vor sich, sagt er. es braucht auch schon das, was er die Eingebung nennt; so etwas wie die Muse, die den Dichter küsst. Bei Schmidt ist es so, dass er die Natur beobachtet und :idea: da ist er: der Geistesblitz. Und der besteht darin, dass sich in ihm etwas verbindet: das, was er gerade beobachtet hat mit dem, was schon lange in ihm schmorte.


    Übrigens musste ich bei mehreren Begriffen Dr. Google befragen, so auch zur "Flintenreinigung" - wobei es da kein passendes Ergebnis gegeben hat :mrgreen: . Allerdings denke ich es geht darum seinen sexuellen Bedürfnissen gerecht zu werden, oder was denkt ihr?

    Äh - hast Du das echt gegooglet?

    Ich hab lachen müssen bei seinem Bericht über seine Flintenreinigungsprozedur! Ich habe den Begriff noch nie gehört, wie schön, dass man nie auslernt.

    Er bezeichnet diese Prozedur auch als "das Unumgängliche" (S. 95), er hat also eine recht sportliche Haltung dazu.

    Erstaunlich, dass Kross ihn auch diese intimen Dinge erzählen lässt, aber es rundet das Bild von Schmidt ab.

    Das Erlebnis mit Hildes Schwester zeigt auch seine Naivität bzw. seinen Anstand in diesen Dingen. Ich finde die Äußerungen der Schwester, die ihn über Anstand belehren will, plump und spießig. Sie werden Schmidt und Johanna nicht gerecht. Aber umgekehrt zeigen diese Äußerungen, wie das Verhältnis Schmidt + Johanna von der Mitwelt eingeschätzt wird.


    So nebenbei rauscht die Zeitgeschichte an uns vorbei, die Besetzung des Ruhrgebiets, die galoppierende Inflation, die unruhige Zeit. Und der Hunger Schmidts.

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  • Übrigens musste ich bei mehreren Begriffen Dr. Google befragen, so auch zur "Flintenreinigung" - wobei es da kein passendes Ergebnis gegeben hat :mrgreen: . Allerdings denke ich es geht darum seinen sexuellen Bedürfnissen gerecht zu werden, oder was denkt ihr?

    Äh - hast Du das echt gegooglet?

    Ich hab lachen müssen bei seinem Bericht über seine Flintenreinigungsprozedur! Ich habe den Begriff noch nie gehört, wie schön, dass man nie auslernt.

    Er bezeichnet diese Prozedur auch als "das Unumgängliche" (S. 95), er hat also eine recht sportliche Haltung dazu.

    Erstaunlich, dass Kross ihn auch diese intimen Dinge erzählen lässt, aber es rundet das Bild von Schmidt ab.

    Ja O:-) , und wie ich schon geschrieben habe waren es mehrere Begriffe die ich gegoogelt habe :mrgreen: . Natürlich war mir im Zusammenhang schon klar um was es geht, aber ich wollte wissen ob es für diesen Begriff eine Erklärung gibt.

    Liebe Grüße
    Gabi


    "Welchen Kummer deiner Seele du auch ertränken willst,
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    Jean Cocteau

  • ob es für diesen Begriff eine Erklärung gibt.

    :) Es hörte sich im Text so an, als ob das für Schmidt und seine Zeitgenossen ein üblicher Begriff war.

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