Helga Bürster - Als wir an Wunder glaubten

Cover zum Buch Als wir an Wunder glaubten

Titel: Als wir an Wunder glaubten

4,7 von 5 Sternen bei 5 Bewertungen

94% Zufriedenheit

Verlag: Insel Verlag

Format: Taschenbuch

Seitenzahl: 285

ISBN: 9783458683698

Termin: Neuerscheinung Oktober 2024

Aktion

  • Kurzmeinung

    Emma Winter
    Ostfriesland nach dem Krieg: Vieles ist in Unordnung und verzweifelte Menschen glauben den falschen "Göttern".
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  • Das Mammut im Moor

    Das Mammut, das im Unnenmoor in Ostfriesland sein Unwesen treibt, ist aus Stahl. Mit seinem riesigen Pflug wühlt es die Erde auf, um das Moor trockenzulegen. Es soll endlich vorangehen nach dem Krieg, nach der Vertreibung, nach all der Unordnung und Ungewissheit, nach all dem Leid und Mangel. Edith, Annie und ihre Kinder haben die Höfe versorgt und warten auf die Rückkehr der Männer aus der Gefangenschaft. Ob doch noch jemand aus dem Zug steigt? Jahre nach Kriegsende? Als es bei einer Familie bergauf geht, die andere aber vom Pech verfolgt scheint, ist der Fortschritt auf einmal ganz weit weg. Was nicht mit rechten Dingen zugehen kann, ja, da muss doch einer nachgeholfen haben. Und so sind die alten Geschichten von den Hexen aus dem Moor plötzlich gar nicht mehr so alt.

    Gekonnt fängt Helga Bürster die schweren Nachkriegsjahre auf dem Land ein. Dabei stehen die Daheimgebliebenen den Soldaten, Kriegsheimkehrern und ehemaligen Gefangenen in ihrem Leid kaum in etwas nach. In dieser Welt, in der alles auf den Kopf gestellt ist, die von Flüchtlingen und Vertriebenen aus dem Osten überrannt wird, breitet sich an vielen Stellen Missgunst und Neid aus. Auf diesem Nährboden gedeihen die Predigten von sogenannten Wunderheilern prächtig. Wohin dies im Extremfall führen kann, zeigt der Roman. Und konnte man sich zuletzt noch am Alten festhalten, am Land und den Häusern mit den tief heruntergezogenen Reetdächern, so macht der Fortschritt auch hiervor nicht halt.

    Wunderbar sind die verschiedenen norddeutschen Charaktere dargestellt. Wortkarg und spröde, aber auch dickköpfig und mutig. Edith und Anni, die den Krieg gemeinsam überstanden haben, entwickeln sich in völlig verschiedene Richtungen. Ihre Schicksale stehen im Mittelpunkt des Romans, der aber ebenso von den anderen Figuren lebt. Den Kindern Betty und Willi, der alten Guste, dem Dorfwirt und dem Dorfreporter, der krummen Katie, die als Hausiererin über die Dörfer zieht, und Fritz, der weiß, wie man das Unglück wieder los wird, das einen am Wickel hat. Und immer wieder gibt es welche, die ihr Fähnlein nach dem Wind hängen und davonkommen.

    Mir hat das Buch sehr gut gefallen, besonders auch wegen des Niederdeutschen an vielen Stellen. Will seggen: Mi hebbt ok de veel plattdüütsch Inschuven gefullen. Dat maakt jüst de Dialoge temlich glöövlich. Der Roman vermittelt Einblicke in eine dramatische Zeit und beleuchtet durch die unterschiedlichen Figuren viele Facetten dieser Nachkriegsjahre. Besonders spannend ist, dass hier (wieder einmal) historische Ereignisse als Grundlage dienen. Wer "Marschlande" mochte, wird auch diesen Roman lieben.

  • Lesenswerte Nachkriegsgeschichte

    Worum geht es in dem Buch?

    In dem Moordorf Unnenmoor in Norddeutschland versuchen die Leute, sich nach dem Zweiten Weltkrieg wieder eine Existenz aufzubauen. Viele Soldaten sind noch nicht aus dem Krieg zurückgekehrt, wie zum Beispiel Josef, der Mann von Annie und Vater von Willi.

    Auch Edith vermisst ihren Mann Otto, der ebenfalls als Soldat im Krieg kämpfte. Sie zieht ihre Tochter Betty groß und verdient etwas Geld mit Näharbeiten. Auch wenn das Geld knapp ist, bringt Betty Guste, einer älteren alleinlebenden Frau, immer wieder einen Teller Mittagessen vorbei. Wenn Betty bei Guste ist, lauscht sie längst vergangenen Geschichten über ehemalige Einwohner des Dorfes. Diese Geschichten sind oft gemischt mit einer Portion Aberglauben.

    Annie versucht, sich alleine um ihren Hof zu kümmern. An Willi, ihrem behinderten Sohn, lässt sie oft ihren Frust aus und schlägt ihn.

    Die Situation ändert sich, als fünf Jahre nach Kriegsende Josef zu Annie zurückkehrt. Er hat beide Beine im Krieg verloren. Annie ist überfordert mit einem Mann, der nicht mehr auf dem Hof mithelfen kann, und einem behinderten Sohn. In der Not flüchtet sie sich in den Aberglauben ihrer Vorfahren. Jemand muss ihren Hof verhext und ihr Unglück heraufbeschworen haben! Eine schuldige Person ist schnell gefunden und ebenso jemand, der Methoden kennt, jeglichen bösen Zauber von ihrem Hof zu verbannen.

    Meine Meinung zu diesem Buch:

    „Als wir an Wunder glaubten“ ist ein Buch, das mich sofort mitgerissen hat. In dem aus der auktorialen Erzählperspektive verfassten Roman (also kein Ich-Erzähler) geht um Mut, Hoffnung und Aberglauben. Viele Menschen in Unnenmoor sind abergläubisch und vertrauen auf das, auf was schon ihre Vorfahren glaubten. So glauben manche an einen bevorstehenden Untergang, und manche Dinge spricht man am besten nicht aus, weil das Unglück bringen könnte.

    Edith und ihre Tochter Betty sind sympathisch. Betty stiehlt ein 50-Pfennig-Stück und meint eine Zeitlang, dass das Unglück bringen könnte. Sie kommt auf eine absurde Idee, das Geldstück loszuwerden.

    Edith war einst mit Annie befreundet. Mit Sorge beobachtet sie, wie sich Annie durch ihren Aberglauben zum Negativen verändert. Fritz Renk, genannt der „Spökenfritz“, schafft es, diesen Aberglauben zu befeuern und auch andere Leute davon zu überzeugen. So ist es kein Wunder, dass irgendwann die Situation aus dem Ruder zu laufen droht und für manche Leute gefährlich wird.

    All das ist anschaulich geschildert in einer Sprache, die die Denkweise der Leute treffend widerspiegelt. Als Leser beobachtet man betroffen manche Vorgänge in Unnenmoor und fragt sich: Was wird in dieser Geschichte siegen – Gesetze und der gesunde Menschenverstand oder der Aberglaube?

    Mir hat das Buch sehr gut gefallen. Ich vergebe fünf Sterne und eine Leseempfehlung.

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