Isaak Babel – Mein Taubenschlag/история моей голубителны /Istoriya moyey golubitelny

  • Kurzmeinung

    tom leo
    Ausgezeichnete Einblicke in die Kindheit und Jugend des Autors - mit dem Abstand fiktiven Erzählens.
  • Original: Russisch, 1915-1932


    BEMERKUNGEN:

    Auf Deutsch ist also unter obigem Titel jetzt in neuer Übersetzung das erzählerische Gesamtwerk von Isaak Babel herausgekommen. Gleichzeitig ist es innerhalb dessen auch die Bezeichnung für den Zyklus von zehn Erzählungen, die inhaltlich von der Kindheit und Jugend sprechen. Babel liebe die kurze Form und ordnete die Werke im nachhinein verschiedenen “Zyklen” zu. Und so entstand eben auch der “Taubenschlag”. Doch chronologisch ist das nicht! Geschrieben wurden diese zehn Erzählungen zwischen 1915 und 1932! Es geht mir heute um diesen ersten Zyklus.


    Da ist der “Taubenschlag” auch der Name des ersten Stückes. Der Ich-Erzähler (wobei Babel die eigene Person, also autobiographische, und fiktive Elemente wohl vermischt) ist zehn Jahre alt als er in der Schule immer wieder als Jude Zurücksetzung erfährt und um seine Noten kämpfen muss. Doch in Mathe ist er so gut, dass er sich den gewünschten Taubenschlag verdient und sich drei Taubenpaare auf dem Markt besorgt. Doch ein Pogrom vernichtet diese Leben und beim Nachhausekommen ist der Onkel erschlagen…


    Erste Liebe” (Anspielung auf ein Stück Turgenjews?, den Babel sichtbar respektierte!) spielt wohl am selben Tag/Abend: der zehnjährige Isaak erzählt von seiner Liebe zur Nachbarsfrau Galina! Sie wird ihn trösten und waschen von den Spuren der auf ihm zerdrückten Tauben. Man überlegt in der von diesen Nachbarn aufgenommenen Familie Isaaks, wie man die Beerdigung und das Trauern um den Onkel gestalten will.


    In “Kindheit bei der Grossmutter” streift der Ich-Erzähler samstags nach sechs Schulstunden durch die Strassen und hat dann nachmittags noch eine Menge Lernstoff und Privatlehrer, die ins Haus kommen. Abends gibt es ein ordentliches Essen und Oma erzählt ihre “jüdischen Geschichten”.


    In einem Kellerloch” (Anspielung auf Dostojewski?) ist er ständig und überall Lesender – was für eine Leidenschaft! Nahedran ist das “Erzählen” und damit eine Vorstufe zum Schreiben… Es kommt zu einer Einladung beim ultrareichen Klassenkameraden Borgman: eine andere Welt! Er will es zurückgeben, richtet daheim alles ein. Doch der Besuch des Gefährten wird zum reinen Chaos…


    In “Das Erwachen” will der Vater in ihm – wie so viele Eltern in Odessa – das Musikspielen fördern. Stände damit nicht die Welt offen? Doch er will und kann nicht, geht nicht mehr zu den Privatlektionen, sondern gibt das dazu erhaltene Geld für Lesestoff aus. Und lernt, dass es darum geht, im Kontakt mit dem Konkreten, der Natur Erfahrung zu sammeln.


    Di Grasso steht für einen italienischen Komödianten, der mit seiner Truppe die Stadt besucht und begeistert…


    In “Mein erstes Honorar” befindet er sich als Zwanzigjähriger in Tiflis, das nur so Liebe ausstrahlt. Doch er ist allein. Und das fehlt ihm. Er geht zu Vera der Prostituierten, und nimmt sie sich für die Nacht, doch findet nicht zur Hingabe. Stattdessen fängt er an, eine Geschichte zu erzählen (vollkommen erfunden), wie er denn dort gelandet wäre und bricht Vera das Herz. Diese gibt ihm das Geld zurück: das erste Honorar.


    In “Guy de Maupassant” wird er zum Übersetzer des französischen Schriftstellers und hilft nicht nur Raissa bei dieser Arbeit, sondern stellt die Geschichte eines Fehltrittes mit ihr nach.


    Die Reise” hin nach Petrograd wird ein schreckliches Erlebnis: er wird Zeuge von Hinrichtungen, Pogromen und hat “Glûck”, nicht selber zum Opfer zu fallen. Doch im ehemaligen Petersburg landet er bei Kalugin im ehemaligen Zarenschloss und geniesst einen ungeheuren Luxus…


    Die “Iwan-und-Maria” ist eins jener Versorgungsschiffe auf der Wolga. Zu diesem Dienst wurde er abgestellt und erlebt Leichtigkeit, Heiterkeit, und dann wieder – so unverbrüchlich verbunden – Gewalt und Irrsinn.



    Von den gesammelten Erzählungen hatte ich schon Isaak Babel – Die Reiterarmee

    gelesen und besprochen. Nun fing ich "am Anfang" an und begann mit dem ersten Erzählzyklus.


    Es ist unglaublich, wie sich hier Realismus und Poesie, teils brutale Beschreibungen und lyrische Anwandlungen die Hand reichen. Babel wollte wohl beides ausschöpfen, vielleicht sogar die Widersprüche aussöhnen, das Schöne und das Hässliche zum Ausdruck bringen.

    Er wird seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volk nie verleugnen, ja, wird selber quasi Zeuge und Opfer noch von Pogromen um die 1905 herum. Dabei wird nie ganz klar, wieweit die Autobiographie reicht, und wo er die Fiktion Überhand nehmen lässt. Wie er immer wieder inmitten dieser harten Stories Prisen von Humor einstreut ist einzig. Meines Erachtens ganz grosse Erzählkunst, die ich den Vorgewarnten empfehle!


    AUTOR :

    Isaak Emmanuilowitsch Babel (russisch Исаак Эммануилович Бабель; * 1. Juli(jul.)/ 13. Juli(greg.) 1894 in Odessa; † 27. Januar 1940 in Moskau) war ein russischer Journalist und Schriftsteller. Er wurde in eine Familie von jüdischen Händlern im Moldawanka Quartier in der ukrainischen Stadt Odessa geboren. Kurz nach seiner Geburt übersiedelte die Familie nach Nikolajew, wo es Babels Vater zu Wohlstand brachte. Im Winter 1905 kehrte Babel nach Odessa zurück und besuchte die nach dem Zaren Nikolaus I. benannte und angesehene Wirtschaftsschule von Odessa, die er 1911 abschloss. Inspiriert von seinem Lehrer für Französisch und Literatur, las Babel die Autoren Gustave Flaubert und Guy de Maupassant. Weiterhin begann er, auf Französisch erste Geschichten zu schreiben. Da ein Studium an der Universität von Odessa wegen der Quote für Juden nicht in Frage kam, ging Babel nach Kiew an das Institut für Ökonomie und Finanzen. Hier traf er Jewgenija Gronfein, seine zukünftige Frau. 1916 schloss Babel sein Studium ab und zog nach Petrograd (heute: Sankt Petersburg), das nicht zum Ansiedlungsrayon gehörte, in dem Juden sich in Russland niederlassen durften. In der Stadt traf er den Schriftsteller Maxim Gorki, der einige seiner Geschichten in seinem Magazin Letopis (Летопись) veröffentlichte. Gorki gab dem angehenden Schriftsteller den Rat, sich mehr Lebenserfahrung zu verschaffen.


    Der Erste Weltkrieg und die darauffolgende russische Revolution veränderten Babels Leben vollständig. In den nächsten sieben Jahren kämpfte er im Ersten Weltkrieg an der rumänischen Front und arbeitete für die Tscheka als Übersetzer bei der Spionageabwehr. Neben weiteren Tätigkeiten war er Mitglied im regionalen Komitee der Bolschewiki in Odessa, einer Einheit zur Requirierung von Nahrungsmitteln, im Narkompros (Kommissariat für Erziehung und Bildung) oder Reporter für Zeitungen in den Städten Tiflis und St. Petersburg. Am 9. August 1919 heiratete er Jewgenija Gronfein in Odessa.


    Nach anfänglichen Erfolgen in der jungen Sowjetunion fiel er den stalinistischen Säuberungen zum Opfer. Man verhaftete ihn aufgrund einer Denunziation am 15. Mai 1939 gegen 5 Uhr morgens in seiner Datscha im Dorf Peredelkino. Er wurde in Begleitung seiner Frau (die nicht verhaftet wurde) in das große Moskauer Gefängnis Lubjanka gebracht und beschuldigt, für den Westen spioniert zu haben. Er wurde 1940, nach einer anderen Quelle 1941, hingerichtet; 1954 wurde er rehabilitiert.


    Am 23. Dezember 1954 wurde Babel öffentlich von den gegen ihn erhobenen Anschuldigungen freigesprochen. Dies ermöglichte die erneute Veröffentlichung seiner erhalten gebliebenen Werke ab 1957 durch seine Witwe.

    Quelle: Text arrangiert und gekürzt; mehr auch unter : http://de.wikipedia.org/wiki/Isaak_Emmanuilowitsch_Babel )



    Publisher ‏ : ‎ Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG; 3rd edition (29 Sept. 2014)

    Language ‏ : ‎ German

    Hardcover ‏ : ‎ 864 pages

    ISBN-10 ‏ : ‎ 3446243453

    ISBN-13 ‏ : ‎ 978-3446243453

    Dimensions ‏ : ‎ 12.6 x 2.8 x 19.1 cm

  • Ich las "Histoire de Mon Pigeonnier” in der französischen Übersetzung von Sophie Benech, 2011 innerhalb der französischen Erstveröffentlichung des (erhaltenen) Gesamtwerkes erschienen. Eine editorische Meisterleistung.


    So nebenbei will ich einladen, sich dieses meines Erachtens "gute Gesicht" auf dem Titelblatt anzuschauen…

  • Später wurde dieses Werk, dieser Zyklus in derselben Übersetzung auch separat editiert:


    Histoire de Mon Pigeonnier


    Merveilleux prosateur, Babel affectionnait la forme courte. Ses récits venaient ensuite s'insérer dans des cycles. Moins connus que ceux des deux recueils qu'il publia de son vivant, Cavalerie rouge et Récits d' Odessa, mais tout aussi saisissants, les dix récits d'Histoire de mon pigeonnier, consacrés à son enfance et à la naissance de sa vocation d' écrivain, sont ses textes les plus ouvertement autobiographiques. Et cependant, même lorsqu'il parle de lui-même, Babel préfère toujours une bonne fiction à la vérité des faits. L'imagination qui anime ses phrases est celle-là même qui rend à la réalité son intensité et sa cruauté.


    Éditeur ‏ : ‎ BRUIT DU TEMPS; 1er édition (21 octobre 2014)

    Langue ‏ : ‎ Français

    Broché ‏ : ‎ 148 pages

    ISBN-10 ‏ : ‎ 2358730734

    ISBN-13 ‏ : ‎ 978-2358730730

    Poids de l'article ‏ : ‎ 40 g

    Dimensions ‏ : ‎ 11 x 0.8 x 17.8 cm

  • K.-G. Beck-Ewe

    Hat den Titel des Themas von „Isaak Babel – Mein Taubenschlag/история моей голубителны“ zu „Isaak Babel – Mein Taubenschlag/история моей голубителны /Istoriya moyey golubitelny“ geändert.