Elisabeth R. Hager - Der tanzende Berg

  • Marie hat früh ihre Eltern verloren und wächst bei Tante und Onkel auf. Sie ist eine Außenseiterin, verschlossen und seltsam. Dann kommt eines Tages Youni in die Klasse, ein Junge aus Ex-Jugoslawien und der Jugendschwarm nicht nur von Marie. Es vergehen viele Jahre, die Marie in Wien lebt und es braucht den Zufall, dass sie Youni an einem ihrer seltenen Besuche wiedersieht, sie sich neu verlieben und Marie nach Tirol zurückkehrt, um die vom mittlerweile verstorbenen Onkel gelernte Kunst der Tierpräparation fortzuführen. Dass sie damit nur mäßigem Erfolg hat, darf nicht verwundern. Im Tiroler Land trauen die Jäger Weibsbildern gewisse Fertigkeiten nicht zu.


    „Wir sind Menschen für die zweite Reihe.“ Wie oft hatte Marie diesen Satz von ihm (dem Onkel Anm.) gehört?


    Unerwartet kommt eines Tages ein lukrativer Auftrag ins Haus. Für die reiche Hotelerbin soll Marie ihren kürzlich verstorbenen Chihuahua präparieren, allerdings in nur 24 Stunden. Just am selben Tag steht völlig unerwartet die Ursula, von allen „die Butz“ genannt, vor der Tür, die Herausgabe einer grünen Kiste bittend. Marie und Ursula kennen sich aus der Schulzeit und obgleich sie sich viele Jahre aus den Augen verloren haben, stellt sich heraus, dass sie beide eines gemeinsam haben: Youni.

    Wer wissen will, was sich an diesem Tag noch Weiteres ereignet, muss den Roman nun lesen.


    Meine persönlichen Leseeindrücke

    Dass der Roman bei „0“ anfängt, ist schon mal nicht alltäglich und präsentiert den Charakter des Buches. Mir wird beim Lesen schnell klar, dass es sich bei der Handlung um eine äußert klug konstruierte Provinzposse handelt, grandios umgesetzt, der mit feinen Kritikspitzen die etablierte, wohlwollende, großzügige Gesellschaft pickst. Dabei driftet die Handlung keineswegs ins Kitschige ab, sondern präsentiert viel mehr mit Nonchalance die lichten und die dunklen Seiten eine Nordtiroler Dorfgemeinschaft. Das gefällt mir ganz ausgezeichnet.


    Pech haben ist schon okay, aber immer und immer wieder?


    Alle Romanfiguren stehen stellvertretend für gesellschaftliche Außenseiter und nichts ist schwerer, als gewollt oder ungewollt allein gegen den Strom zu schwimmen. Man muss es nur einmal versucht haben, um zu wissen, wie es sich anfühlt, ausgegrenzt zu sein, und ohnmächtig einer scheinheiligen, allgegenwärtig mitmenschlichen Freundlichkeit ausgesetzt zu sein!


    Aber eins sag ich dir: Die Welt von denen, die man so gut sehen kann, steht auf dem Schutthaufen von denen, die’s zerbröselt hat.


    Das explosive Finale beendet einen Tag, an dem zwei Frauen versuchen, die gewohnte Ordnung ein wenig ins Wanken zu bringen. Ein Lesevergnügen der besonderen Art – Chapeau.


    Fazit

    „Der tanzende Berg“ von Elisabeth R. Hager ist ein äußerst gelungenes Buch über das Funktionieren einer in sich geschlossenen Gesellschaft mit Tiroler Charakter. An ihren Romanfiguren erklärt sie mit bissigem Humor, wie das Leben in Tradition zu verlaufen hat und was nicht passt, hat in dem schönen Land nichts zu suchen. Am Ende kommt alles anders und der Berg beginnt tatsächlich im dunklen See zum Tanzen – Gott sei Dank!


    „Ein Mensch, der nix braucht, der tanzt nach keiner fremden Pfeife. Und wenn sie noch so herrlich spielt.“