Mario Schneider - Die Paradiese von gestern

  • Autor: Mario Schneider

    Titel: Die Paradiese von gestern

    Seiten: 556

    ISBN: 978-3-96311-614-8

    Verlag: mitteldeutscher verlag


    Autor:

    Mario Schneider wurde 1970 geboren und ist ein deutscher Regisseur, Autor und Filmkomponist. Nach der Schule absolvierte er eine Berufsausbildung zum Metallurgen für Hüttentechnik und studierte anschließend Musikwissenschaften, Philosophie und Kunstgeschichte, gefolgt von einem Kompositions- und Klavierstudium in Leipzig, im weiteren Verlauf München.


    Nach seinem Abschluss als Diplomkomponist gründete er eine Filmproduktionsfirma und begann als Dokumentarfilmer und Regisseur zu arbeiten. Bekannt wurde er u. a. durch die Mansfeld-Trilogie (2005-2013). 2014 erschien sein erstes Buch. Ein Jahr später erhielt er den Klopstock-Förderpreis für neue Literatur, danach den Deutschen Filmmusikpreis. Er ist Mitglied der Akademie der Künste Sachsen-Anhalt.


    Inhalt:

    Ella und Rene, ein junges Paar aus Ostdeutschland, verbringen nach der Wende ihren ersten Sommer in Südfrankreich. Dabei geraten sie in das marode Schlosshotel der Madame de Violet, einer Gräfin, die mit ihrem Diener wie in einer vergessenen Zeit lebt. Sie werden ihre letzten Gäste sein. Die beiden erleben die Verlockungen und Enttäuschungen einer neuen Welt und die Zerbrechlichkeit ihrer fest geglaubten Beziehung. (Klappentext)


    Rezension:

    Die Historie einer vergangenen Welt oder ein französischer Film mit Überlänge in Buchform. Dies ist der Eindruck, nachdem man in die Geschichte eines Sommers auftaucht, genauer ein junges Paar bei ihrer ersten großen Reise begleitet. Die politische Landkarte hat sich gerade gewandelt und so können Ella und Rene nach der Wende erstmals durch Europa reisen und landen in einer Szenarie einer untergangenen Welt.


    Wie aus der Zeit gefallen wirkt das marode Schlosshotel, welches auf einem zugewachsenen Hügel thront, ebenso wie auch seine letzten Bewohner von der Welt da draußen scheinbar vergessen wurden. Doch, Madame de Violet, alter französischer Adel, und ihr treuer Diener Vincent nehmen die beiden auf, was nicht nur ein Ende bedeuten soll, sondern alle Protagonisten vor persönlichen Herausforderungen stellen wird.


    Mario Schneider versteht es, einen Film vor dem inneren Auge ablaufen zu lassen, was nicht zuletzt an den von ihm geschaffenen Figuren liegt. Allesamt haben sie Ecken und Kanten, sind nicht gerade Sympathieträger, was sie jedoch im zunehmenden Handlungsverlauf zu interessanten Entscheidungen und damit verbundenen Wechseln treibt. Dabei werden mehrere Geschichten erzählt. Natürlich die Liebesgeschichte, die irgendwie immer vor französischer Kulisse vorkommen muss, aber eben auch das Vergehen von Epochen und das Aufeinanderprallen gesellschaftlicher Gegensätze. Gerade letzteres ist dem Autoren gut gelungen. Auf diese Dynamik kann man sich einlassen, wenn man sich auf den zu weilen sehr ruhigen Erzählstil eingelassen hat.


    Dreh- und Angelpunkt dieses Kammerspiels auf französischen Boden sind fünf belastete Figuren, die nicht nur gegenseitig, sondern auch bei Lesenden ein Wechselbad der Gefühle auslösen mögen. Kurze Sätze sind da selten. Mario Schneider beherrscht die Kunst der Ausschweifung, besonders wenn die Protagonisten sich selbst und ihren Gedanken ausgeliefert sind. Gegensätzlichkeiten werden hier teils bis zum Äußersten ausgespielt. Die Logik der Figuren erschließt sich erst nach und nach.


    Damit einhergehend ist ein ständiger Perspektivwechsel, der auch die Geschwindigkeit der Erzählung bestimmt. Nach und nach fügen sich so Puzzleteile zusammen, die zunächst für den Lesenden, dann erst für die Protagonisten ein Gesamtbild ergeben und spätestens nach der Hälfte der Seiten eine in sich schlüssige Erzählung. Auch Rückblicke der Figuren tragen zur Abwechslung bei, sonst wäre hier etwas Mehltau zu viel.


    Wer eine Liebesgeschichte sucht, ist mit "Die Paradiese von gestern", ebenso gut bedient, wie die jenigen, die französisches Flair genießen möchten oder gar, in nur punktuellen Ansätzen ein kontinentales "Downtown Abbey". Es ist jedoch auch die Erzählung über die Welten alten und neuen Adels, über das Zurechtfinden in einer neuen Welt, in der zum Ende hin einiges offen bleibt, wie dies auch, und hier sind wir wieder in der Nähe eines Films, einige Fragen offen bleiben, die man je nach Sympathie für die Figuren für sich selbst beantworten muss.


    Hier sieht man das Können Mario Schneiders, der als Filmregisseur und Komponist natürlich genau weiß, wo Auslassungen besonders funktionieren. Jedoch hätte der Autor dies auch im eigentlichen Handlungsverlauf beherzigen können. Was zum Ende hin klappt, hätte auch im eigentlichen Verlauf gut funktioniert. Dennoch muss ich konstatieren, dass sich meine Einstellung zum Roman, die sich vor allem über die Protagonisten gebildet hat, nach und nach ins Positive gewandelt hat, so dass eine runde Geschichte vorfindet, wer sich darauf einlassen und mehrere erzählerische Längen aushalten kann.

  • Zwei Welten stoßen aufeinander

    In Mario Schneiders übermäßig umfangreichen Roman ist alles auf eine fundamentale Konfrontation angelegt. Da ist einmal das junge Liebespaar aus Ostdeutschland, das zu seiner ersten großen Auslandsreise in den Westen aufbricht. Und da ist die altadelige Familie, die sich als nicht anpassungsfähig an die Erfordernisse einer neuen Zeit erweist. Eigentlich eine großartige Ausgangsidee, deren Ausführung allerdings zu wünschen übrig lässt. So sind Ella und René dafür, dass sie gerade erst den größten Umbruch der deutschen Nachkriegsgeschichte live miterlebt haben, politisch erstaunlich unbeleckt und ausschließlich mit der Seelenzerfleischung innerhalb ihrer anstrengenden und doch recht pubertären Beziehung beschäftigt. Auf der anderen Seite wird Melodram pur serviert, wenn die Gräfin von eigener Hand aus dem Leben scheiden will, da die Erfordernisse einer modernen Welt auf ihren überkommenen Wertekanon keine Rücksicht nehmen. Belastet wird diese aus der Zeit gefallene Figur mit allen nur denkbaren Problemen emotionaler wie auch wirtschaftlicher Art. Der Autor betreibt einen enormen verbalen Aufwand: es wird ungemein viel gesagt, ohne dass die Figuren aus dem Zustand von Pappkameraden hinauskämen. Insgesamt leider eine Enttäuschung!

    Mein Urteil: zwei Sterne

  • Wenn die Liebe kompliziert wird


    Sommer 1990 in Frankreich. Der erste gemeinsamer Urlaub von Ella und René aus der damaligen DDR nach der Mauerfall. Und ein verlassenes Hotel in einem baufälligen Schloss, deren Herrin die Gräfin Charlotte de Violet bereits eine endgültige Entscheidung getroffen hat. Ein Teil ihres Plans ist das exquisite Abendessen für die jungen Menschen, die auch die letzten Gäste des ehemaligen 5-Sterne-Hotels sind.


    Das vornehme Diner vor der Kulisse des halb verfallenen Schlosses, bildhaft vom Autor beschrieben, erinnert stark an eine Theatervorstellung. Bei der Szene habe ich das Gefühl gehabt, dass der Vorhang gerade aufgegangen ist und ich kann das Ganze hautnah miterleben. Dieses Empfinden wurde noch von dem dramatischen Zwischenfall mit dem Erscheinen von Alain, dem Sohn der Gräfin, deutlich verstärkt.


    Die Kulisse der Handlung verändert sich total, nachdem Alain und René gemeinsam nach Paris fahren. Der Autor präsentiert jetzt lautstarke Bilder der Weltmetropolie und ihrer schrillen Gesellschaft. Für René ist es eine völlig unbekannte neue Welt mit Erlebnissen, die seine Sicht auf viele Aspekte des Lebens verändern.


    Auch Ella, die währenddessen ihre Zeit im Schloss verbringt und lange Gespräche mit dem Diener Vincent führt, bekommt einen anderen Blick auf ihr bisheriges Leben und ihre Beziehung mit René.


    Erwähnenswert ist auf jeden Fall der Schreibstill des Autors, der mit seiner epischen Erzählweise wunderbar die jeweilige Atmosphäre vermitteln und ausdrucksstarke sprachliche Bilder erzeugen kann. Gut skizziert, obwohl etwas überspitzt dargestellt, sind auch die Protagonisten des Romans; ihre Schicksale interessant.


    „Die Paradiese von gestern“ ist ein Roman voller filmreichen Ereignissen, starken Gefühlen und vielen Emotionen. Es geht hier um Liebe, Glück, Treue und Zusammenhalt. Und um das Leben selbst, das so oft weit von einem Paradies entfernt ist.

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  • REZENSION - Früher war alles besser? Es ist müßig, darüber nachzudenken oder den „Paradiesen von gestern“ nachzutrauern. Stattdessen gilt es, sich den Herausforderungen der neuen Zeit zu stellen und sein künftiges Leben danach auszurichten. Dies ist die Kernaussage des kürzlich im Mitteldeutschen Verlag veröffentlichten Romans „Die Paradiese von gestern“. In seinem eindrucksvollen Debütroman schildert Mario Schneider (52) in kleinen, scheinbar alltäglichen Szenen, wie seine aus drei völlig unterschiedlichen Gesellschaftsordnungen stammenden Protagonisten mit diesen Herausforderungen umzugehen lernen – oder auch nicht.

    Die junge Schauspielerin Ella und der angehende Musikstudent René haben nach dem Zusammenbruch des DDR-Sozialismus ihre ostdeutsche Heimat verlassen und prallen im Jahr 1990 auf ihrer Frankreich-Reise erstmals auf den Kapitalismus, im Roman vertreten durch den jungen Adligen Alain, in Paris als Makler für Luxusimmobilien erfolgreich. Er ist der scheinbar ungeliebte Sohn der Gräfin Charlotte de Violet, die als Nachfahrin eines tausend Jahre alten, ehemals hoch angesehenen, jetzt aber völlig verarmten Adelsgeschlechts aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Sie lebt auf ihrem längst verwahrlosten Weingut im verstaubten Schloss ihrer Ahnen allein mit Vincent, der ihr als einziger ihrer Angestellten als Diener, Koch und Gärtner treu blieb. Das ostdeutsche Liebespaar wird im leeren Schloss, das die letzten Jahrzehnte als Hotel herhalten musste und in Kürze verkauft werden soll, als letztes Gästepaar empfangen. In den nächsten Tagen lernt René in Begleitung Alains die Glitzerwelt von Paris und deren Jetset kennen, während Ella im Schloss zurückbleibt, um über sich und ihre Liebe zu René nachzudenken. Während ihrer Gespräche mit Diener Vincent erfährt sie, dass er seit einer kurzen Affäre mit der Gräfin vor 30 Jahren in Biarritz in sie verliebt ist, sich ihrer Liebe aber nicht sicher ist.

    Der Autor vermag es mit erstaunlicher Leichtigkeit, diese sich auf seine Protagonisten unterschiedlich auswirkenden neuzeitlichen Herausforderungen unaufdringlich zu verdeutlichen. Nach und nach werden, obwohl die Handlung des Romans scheinbar nur dahinplätschert, die gewaltigen Umbrüche erkennbar, die die neue Zeit von Gräfin Charlotte und ihrem „Lebensbegleiter“ Vincent fordert. Beide halten an veralteten Konventionen fest, die ihnen ein Liebesverhältnis verbietet, und kreisen seit Biarritz um einander „wie zwei Planeten, deren Elipsen sich einmal berührt hatten und die nun im festen Verbund … eine gemeinsame Bahn beschritten, nur wenige Meter voneinander entfernt.“ Während die Gräfin eine Zukunft nach Verkauf ihres Familienschlosses für sich ausschließt, erkennt Vincent eine neue Chance: „Das ist nicht das Ende, es ist der Anfang.“

    Auf anderer Ebene, aber nicht minder gewaltig, sind die Anforderungen, die die neue Zeit an René und Ella stellt. „Die Sachen, die vorbei sind, sind nicht mehr von Interesse. … Sie werden mit dem, was ist, was jetzt ist, umgehen müssen, und das wird Sie fordern, glauben Sie mir, es wird Ihnen alle Kraft abverlangen“ muss sich René in Paris sagen lassen. „Aber Sie sind jung. Schlagen Sie sich einen Weg durch den Dschungel!“ Nach den wenigen Tagen im Schloss und in Paris wird Ella und René bewusst, dass ihr Wunsch, nach ihrem Urlaub in ihre „verklärte Vergangenheit“ zurückkehren zu dürfen, unerfüllt bleiben muss und sie den „Liebenden, die sie noch vor Stunden gewesen waren … nie wieder begegnen würden“.

    Schneiders Roman verführt durch seine malerische, poetische Sprache, die die Lektüre der 550 Seiten leicht macht und durch bildhafte Schilderungen selbst kleinster Szenen für manche vermeidbare Länge entschädigt. Es ist diese Sprache und die liebevolle Charakterisierung seiner so unterschiedlichen Protagonisten, die uns tief ins Geschehen hineinzieht und, obwohl die Handlung ohne spannende Aktion auskommen muss, dennoch fesselt. Es sind die leicht und locker anmutenden, inhaltlich aber tiefgehenden, oft berührenden Dialoge und Selbstgespräche seiner Charaktere, die den Reiz und Wert dieses literarisch empfehlenswerten Romandebüts von Mario Schneider ausmachen.