Helga Bürster - Eine andere Zeit

Cover zum Buch Eine andere Zeit

Titel: Eine andere Zeit

3,4 von 5 Sternen bei 4 Bewertungen

Verlag: Insel Verlag

Format: Gebundene Ausgabe

Seitenzahl: 250

ISBN: 9783458642855

Termin: März 2022

Aktion

  • Diesseits und jenseits der Grenze

    Helga Bürsters Ehrgeiz ist groß, will sie doch eine Familiengeschichte ausbreiten, wie sie sich vor der Wende diesseits und jenseits der innerdeutschen Grenze entwickelte, um abschließend darzustellen, welche innerfamiliären Veränderungen die große historisch-politische Veränderung unseres Landes hervorgebracht hat. Die Anlage ihrer Familiensaga ist durchaus geschickt: wiederholte Zeitsprünge schärfen den Blick des Lesers auf das Hüben und Drüben, auf das Vorher und Nachher. Zwei Schwestern und ihre Cousine aus dem Ruhrgebiet bilden das Kernpersonal, doch genau hier beginnen Bürsters Schwierigkeiten. Während ihr die Darstellung der no future Perspektive der Christina aus dem Westen in den 70ern durchaus überzeugend gelingt, ist die intendierte Kontrastierung von Enne und Suse nicht unbedingt nachvollziehbar. Warum die versponnene Jüngere als zurückgeblieben eingestuft wird, warum die bodenständige Ältere plötzlich Schauspielerin werden will, bleibt im Dunkeln. Mehr Geschick beweist die Autorin beim Entwurf der zahlreichen Nebenfiguren. Der aufrechte Vater, die Tante in prekären Verhältnissen, die Dorfbewohner, allen voran der treue Eddy, bieten ein aufhellendes Moment in Ennes Verdüsterung, da sie über Suses Verschwinden in den Wirren der Wende nicht hinwegkommt. Allzu viele Details erscheinen nicht wirklich durchdacht, dem geschilderten Naturell der Figuren nicht angemessen - genannt sei nur die Idee einer esoterisch angehauchten Bestattung der Suse nach dreißig Jahren, um sich von diesem Schatten der Vergangenheit zu befreien. Eine derartig gestaltete Zeremonie, auf Ennes Initiative in Angriff genommen, passt in keiner Weise zu dem Menschenschlag im östlichsten Zipfel Vorpommerns. Auch die nur in Andeutungen angerissene Figur der Ilse Pohl ist nicht überzeugend. Weder die realen Lebensverhältnisse nach so langer Zeit, noch die dieser Figur auferlegte Funktion als Auslöser des Ablöseprozesses machen ihr erratisches Auftreten plausibel. Schade - ein hochinteressanter Stoff wurde aufgrund vieler vermeidbarer Defizite auf diese Weise verschenkt. Deshalb nach meinem Urteil nur 3 Sterne

  • K.-G. Beck-Ewe 18. April 2022 um 17:55

    Hat den Titel des Themas von „Eine andere Zeit - Helga Bürster“ zu „Helga Bürster - Eine andere Zeit“ geändert.
  • Wendewunden

    Was ist aus Suse geworden? Auch nach 30 Jahren kann ihre Schwester Enne nicht mit dem ungewissen Schicksal abschließen, dass Suse bei der Grenzöffnung in Ungarn 1989 im Gewühl der Menge verschwunden ist. Suse ist fort und Enne ist geblieben, in dem winzigen Ort an der Ostsee, in den auch die Cousine aus dem Ruhrpott gezogen ist. Christina hat schon als Kind ihre Ferien im Osten verbracht und fühlte sich dort wohler als im Westen. Als im Haus gegenüber von Enne eine gewisse Frau Pohl einzieht, die sich sehr geheimnisvoll gibt, brechen bei allen alte Gefühle auf.

    In ruhigem Ton, fast schon nüchtern, erzählt Helga Bürster in ihrem neuen Roman von der "Kriegsenkel"-Generation. Anhand einer Familie wird ein Netz von Schicksalen aufgezeigt. Da ist die Elterngeneration, die als Kinder und Jugendliche den Krieg erlebt haben, vieles verdrängt und totgeschwiegen haben. Die nächste Generation wiederum (Suse, Enne und Christina) wächst im geteilten Deutschland auf. Während Enne fest an den Arbeiter- und Bauernstaat glaubt, ist Christina mit ihrem Leben im kapitalistischen Westen unzufrieden und blüht nur auf, wenn sie nach Vorpommern an die Küste reisen kann.

    Helga Bürster wertet nicht, sie schildert Ost und West facettenreich. Weder ist hier alles gut, noch dort alles schlecht. Die Menschen stehen im Mittelpunkt und was sie aus ihrem Leben gemacht haben, welche Chancen sie hatten und welche sie davon genutzt haben oder auch nicht. Durch Rückblicke wird die Vergangenheit seit den 1970er Jahren herangeholt an die Gegenwart, als Frau Pohl auftaucht.

    Der Roman lebt von der spröden, direkten Sprache. Den kurzen Sätzen und klaren Ansagen, oft mit Humor gewürzt. Typisch Norddeutsch möchte man sagen. Wie bei "Luzies Erbe" liest sich dies wirklich wunderbar. Geschickt werden historische Fakten eingebaut, so der unglaubliche Lehrerüberhang in den 1980er Jahren, die Schneekatastrophe 1978/79. Gefallen haben mir auch die kleinen Dinge, denen die Autorin Aufmerksamkeit geschenkt hat: ein angebrannter Topf (noch gute Vorkriegsware) oder die RAF-Fahndungsplakate in den Postämtern. So wird nicht nur die Stimmung an der vorpommerschen Küste eingefangen, sondern auch die Atmosphäre in der kleinen Küche der Familie Jendrich.

    Wer eintauchen möchte, in eine ruhig erzählte Familiengeschichte, ist hier genau richtig. Es handelt sich nicht um einen Spannungsroman, wie vielleicht durch das Verschwinden von Suse und das plötzliche Auftauchen von Frau Pohl vermutet werden kann. Am Ende bleibt einiges offen, wie im richtigen Leben: Es gibt nicht auf alles eine Antwort.

    Ich habe das Buch sehr gerne gelesen und es hätte durchaus etwas länger sein können.

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