Ales Pickar - eine melancholische Selbstbetrachtung

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  • Ich bin noch nicht sehr lange hier, doch vielleicht lang genug, um mich an eine entsprechende Vorstellung heranzuwagen. Ebenso werde ich spätere und nachträgliche Postings und Buchvorstellungen immer nur hier fortsetzen, um nicht den Forumsbereich zuzumüllen. Ich habe nicht das Naturell einer Rampensau. Leider, denn heutzutage ist das ein zentrales Problem, kein digitaler Schreihals zu sein. Denn niemand belohnt Zurückhaltung. Doch ich kann auch nicht verneinen, dass die voranschreitende mediale Welt etwas ist, das meinem Verständins und meinem Zuspruch zunehmend entgleitet. Mit anderen Worten - ich werde alt.


    Geboren wurde ich 1971. Und das war ganz sicher nicht die "gute alte Zeit". Zumal ich meine Jugend in der erz-kommunistischen Tschechoslowakei verbracht hatte, zumindest bis ich zwölf wurde. Danach emigierten meine Eltern in das erz-katholische Oberbayern.


    Bruchstücke meiner Erinnerung lassen erkennen, dass ich schon als kleiner Junge ein gewisses Interesse am Schreiben gezeigt hatte. So begann ich mit acht Jahren (also ungefähr in 1979) einen mit Rechtschreibfehlern durchsetzten Abenteuer-Roman zu verfassen, dessen Plot sich um einen Tierschützer in der Serengeti dreht, der in Verzweiflung über seine Misserfolg eine Gruppe aus gewieften Öko-Terroristen gründet, die ihre Ziele fortan mit scharfer Munition durchsetzen. Ich brachte es nur auf 30 Seiten und auch diese sind zum Glück verloren. Witzig fand ich jedoch, dass ich damals schon den Text mit Hilfe von Schnellheftern wie ein Heft gefaltet und formatiert habe. Die Titelseite zeichnete ich dann mit Buntstiften. Offensichtlich besaß ich schon immer eine sinnliche Faszination für billige Groschenhefte. Oder ich war ein verkannter achtjähriger Selfpublishing-Visionär.


    Und dennoch sollte es 25 Jahre oder mehr dauern (inzwischen hatten die klappernden Schreibmaschinen dem WORD-Prozessor den Platz geräumt), bis ich das Schreiben erneut aufgegriffen habe. Und es war sichtlich keine leichte Geburt. Ich begegnete dem Thema mit der Arroganz eines jungen Narren, der tief davon überzeugt ist, all das perfekt zu beherrschen, ohne es jemals wirklich probiert zu haben. Als ich die ersten hundert Manuskriptseiten von der Lektorin zurückerhielt, mit mehr roten Strichen und Korrekturen als Absätzen, bekam ich den ersten "Reality Check". Ich musste feststellen, dass ich kein talentierter Wonderboy bin, dem große Literatur nur so aus dem Handgelenk fließt. Aber über die Jahre fand ich in einem maultierhaften Arbeitsprozess eine neue Qualität. Es bedeutet, bereit zu sein, mühsam geistige Gebäude zu errichten, Ziegelstein für Ziegelstein. Es gibt keine Abkürzung beim Schreiben. Es gibt kaum eine brauchbare Einschätzung des Resultats, solange das Werk nicht vollbracht ist. Und ist es wirklich jemals fertig? Insgesamt ist es ein Vorgang beseelt von Langatmigkeit, Ungewissheit und nicht selten von mangelnder Wertschätzung durch die Außenwelt.


    Ohnehin wird die Schreibzunft als "Kunstgattung" nicht immer respektiert. Und das mag damit zusammenhängen, dass schlechte Literatur leichter zur Vollendung kommt, als ein schlampiges Musikstück. Doch vor allem gibt es da eine unterschwellige Vorstellung, dass das Erlernen von "Lesen & Schreiben" in der Grundschule bereits die "halbe Miete" zur Schriftstellerei darstellt. Es passiert nicht selten auf Conventions - jemand tritt an mich heran und sagt: "Ach wie toll. So ein dickes Buch. Ich wollte auch schon seit Jahren eins schreiben, aber ich bin noch nicht dazu gekommen." Die Botschaft hier lautet: Jeder kann schreiben, aber du hast scheinbar mehr Freizeit als wir anderen, die zur Arbeit gehen müssen.


    Ich frage mich, wie viele Bildhauer, Violinisten und Marathonläufer sich solche Dinge anhören müssen? Vermutlich nicht viele. Doch ich möchte mich nicht beschweren. Es ist eher eine amüsante Facette.


    Meine Buchbeiträge sind wohl der Phantastik zuzuordnen. Die Begegnung des Fremdartigen und des Vertrauten hat mich schon immer interessiert. Doch inzwischen bin ich etwas aus dem Gleis geraten. Vor drei Jahren habe ich meinen dementen Vater bei mir aufgenommen und ihn bis vor einigen Monaten gepflegt. Leider hat das dazu geführt, dass ich den aktiven Zugang zur Schriftstellerei verloren habe. Mein Alltag war dafür zu frustrierend, doch vor allem zu fragmentiert, um regelmäßig fünf oder sechs Stunden am Stück in einem kreativen "Flow" zu sein. Ich hätte mich in diesen drei Jahren vielleicht auf Haikus spezialisieren sollen. Oder auf Limmericks. Ich habe mir die ganze Zeit eingeredet, dass ich irgendwann wieder einsteigen werde. Doch wann, wenn nicht jetzt? Hic Rhodus, hic salta?


    Vielleicht werde ich das nicht mehr können. Und sollte an dieser Stelle nicht auch der Gedanke zulässig sein, dass jemand, der all die Jahre so erfolglos war, möglicherweise lediglich nicht sehr gut ist? Ockhams Rasiermesser ist überall!


    Doch obwohl mir alle Künstler, die ihr eigenes Werk nicht auch ein wenig verabscheuen, höchst verdächtig sind, fällt es mir schwer, so endgültige Selbstkritik an mich heranzulassen. Und in all den Jahren sah ich einige amateurhafte und höchst miserable Texte zu Weltruhm aufsteigen. Warum soll ich mich da als talentloser Dilettant bescheiden? Gerade angesichts dessen, dass in all den Jahren so viele Menschen nach der Lektüre meiner Bücher durchaus ihren euphorischen Zuspruch zum Ausdruck brachten. Und sie waren nicht alle über PR-Agenturen gekaufte Claqueure, wie es heute so oft der Fall ist. Ich mag ein grummeliger Misanthrop sein, doch ich habe einige herzerwärmende Rezensionen erhalten. Manche hoffen tatsächlich noch immer auf eine Fortsetzung von "In den Spiegeln", ganz sicher jedoch auf "Kalion IV".


    Und könnte ich es überhaupt? - Aufzugeben, es hinschmeißen, es einfach für immer bleiben lassen und noch ein paar Jahre den Mist dieser Welt konsumieren, ziellos die Zeit verrinnen lassen und dabei versuchen, Freude in den einfachen, kleinen Dingen des Lebens zu finden, bevor dann jemand endlich den Sargdeckel anbringt? Es ist zwar nicht leicht, die Lokomotive zurück ins Gleis zu hieven, doch ebenso schwer fällt es, es nicht zu versuchen und lediglich in einem entgleisten Speisewaggon zu sitzen und so zu tun, als wäre die Welt in Ordnung. Verdammter Martin Eden.


    Sicherlich würde ich gerne mal eine Leserunde ausprobieren, wie sie hier häufig stattfindet - nicht weil ich einen ausgeprägten Masochismus habe, sondern weil ich grundsätzlich das Experiment mag. Und es wäre gänzliches Neuland für mich. Es ist eine interessante Vorstellung, mit einer Gruppe von Menschen ein Buch aktiv zu lesen und die Chance zu haben, gewisse Motive und Beweggründe parallel zu kommentieren. In welch' wundersamen Zeiten leben wir... In solchen Augenblicken ist für mich all das Abscheuliche an Social Media vergessen.


    Natürlich mit Freiexemplaren. Ich liebe es, Bücher zu verschenken. Hauptsache es geschieht nicht mit der Absicht, sich auf diese Weise die positiv rezensierende Gunst der Leserschaft zu erkaufen. Mit diesen Dingen will ich nichts zu tun haben. Da warte ich lieber, dass meine Anerkennung post mortem kommt.


    Gibt es einen passenderen Schlusssatz für einen Düsterologen?


    * * *


    Wer noch nicht gänzlich der Schwermut verfallen ist, kann sich hier weiter umsehen: https://pickar.de

    Aber natürlich freue ich mich über Reaktionen und eine grundsätzliche Einschätzung dessen, ob es sinnhaft wäre, eine entsprechende Leserunde zu planen. Ich weiß, ich weiß. Viele sitzen auf ganzen Türmen aus noch ungelesenen Büchern. Ich habe hier auch ein Profil als Leser - und ich kenne das Problem.

  • Tolle Selbstvorstellung.

    Den aktiven Zugang zur Schriftstellerei kann man im Übrigen wiederfinden. Wer sagt denn, dass ein Autor jeden Tag fünf bis sechs Stunden schreiben muss? Was macht er in der Zeit einer Schreibblockade? Wird er dadurch weniger Schriftsteller sein, wenn er weniger Zeit mit seinem Buch verbringt? Das ist unser Glück als Selfpublisher: Uns drängt ja keiner.


    Das wird also wieder. Und wenn nicht, hast du trotzdem einige Werke erschaffen, die bestehen bleiben und auch noch nach dir existieren. Wer kann das schon von sich behaupten? :-k :friends:

    "deine beschreiebung alleine lässt vermuten, dass es sich um schmöckerroman einzigartiger klasse handelt, nämlich übertriebenem bullshid, der mit der wirklichkeit keinene hinreichenden effekt auf die wirklichkeit erstreckt." (Simon Stiegler)

    Stimmt! Ich schreibe spannende Unterhaltungsliteratur, die den Leser aus der Wirklichkeit entführt, bis zum Ende gelesen wird und bei der der Leser am Ende fragt: Wann erscheint der nächste Band? Schreiben will halt gelernt sein

  • NACH DEM FIEBER


    Wie ich im Vorstellungstext geschildert habe, liegt seit 3 Jahren meine Arbeit an KALION brach. Ganz untätig war ich aber nicht. Ich wollte in dieser Zeit etwas schreiben, das einfacher in Umsetzung ist - mehr eine schreiberische Etüde, um nicht zu sehr aus der Form zu kommen.


    Das Schreiben begann im frühen Sommer 2019 und sollte eine Art Groschenroman-Pastiche werden. Der Schreibstil sollte äußerst leicht sein, mehr ein fiktives Tagebuch. Doch was als eine leichtfüßige Schreibübung begann, verwandelte sich zügig in eine vollkommen absurde Erfahrung für mich. Wie der nachfolgende Handlungsabriss schnell deutlich macht.

    Zitat

    Das Jahr ist 2063 und es ist vierunddreißig Jahre nach dem Ende der Welt. Und das ist auch das Alter von Kyra, die während des Großen Fiebers auf die Welt kam. Kyra zählt zu 1% der Menschheit, das immun gegen die Grippe ist. Doch mehr haben überlebt. Sie sind Resiliente, auch Aggros genannt. Ihre Widerstandsfähigkeit gegen das Virus hat einen grässlichen Preis - sie werden zu wilden Bestien, neurologisch mutiert, von dem Drang getrieben, das Virus durch Biss- und Kratzwunden immer weiterzugeben.


    Zusammen mit anderen Waisenkindern - wie Claudia, Tekla und Elias - wächst Kyra in dem post-apokalyptischen Mittelfranken auf. Allein die 39jährige Claudia erinnert sich verschwommen an die "Grellzeit" , wie nun die Jahre vor der Pandemie genannt werden.


    Mitteleuropa in 2063 ist eine staatenlose Region, in einem quasi-politischen Verbund genannt Europäische Konföderation (EUKON). Nur die Allrussische Sphäre, deren Demarkationslinie entlang der Elbe und der Donau verläuft, scheint eine zentrale Regierung zu haben. Als Kyras Siedlung von den russischen Streitkräften geplündert und besetzt wird, müssen die vier Freunde fliehen und fortan auf eigene Faust überleben. Schon bald stellen sie fest, dass die Trennlinie zwischen Freund und Feind nicht klar gezogen ist.


    Im Dezember 2019 hielt ich den ersten Stapel aus meinen "Groschenheften" in der Hand und wollte sie - ohne viel Ambitionen - für paar Euro in meinem Shop anbieten - was in meiner Welt eher darauf hinausläuft, dass ich gerne allen ein Heft umsonst schicke, die danach fragen. Es ging nur um einen leicht fetischisierten Spaß mit dem Groschenheftformat (und dass mein Pflegefall im Haushalt nicht wirklich erlaubte, an einer Riesenbaustelle wie "Kalion" zu arbeiten).


    Ich hatte allerdings die erste Ausgabe an Jürgen Seibold von "Hysterika" geschickt, der tatsächlich eine sehr wohlwollende Rezension schrieb.
    Siehe: https://www.hysterika.de/2020/…-angriff-im-morgengrauen/


    Doch zwischenzeitlich passierte etwas - eine seltsame Grippe begann um die Welt zu gehen. Ich bekam das schnell zu spüren, da sich hier und da Leute darüber mockierten, ich würde auf der Pandemie "trittbrettfahren". Ich fand es umgekehrt wenig reizvoll, mich unentwegt zu erklären - dass ich eben früher als Covid dagewesen sei -, ohnehin erschien es mir etwas pietätslos, die Geschichte nun fortzusetzen.


    Doch dann geschahen genau jene Dinge, die geschehen mussten: große Filmproduktionsfirmen und Verlage haben gleich ihr Süppchen gekocht - und die Öffentlichkeit wird seit dem unentwegt mit Grippe-Apokalypsen in Film-, Serie und Buch geflutet. Meine Zurückhaltung war gewohnt überflüssig.


    Also schreibe ich nun frei von Zwängen an der Geschichte weiter. Dies ist die erste Erzählung, die ich im Präsenz verfasse, was eine eigene interessante Erfahrung ist. Ein anderer Reiz liegt sichtlich darin, dass es sich zwar um eine "Endzeitgeschichte" handelt, doch eben eine, die sehr regional konzipiert ist und sich im heutigen Frankenland abspielt. Es ist mehr mein eigenes Spiegelbild der Welt, in der ich lebe - und was die Leute davon halten, kümmert mich nicht so viel. Wie gesagt, es war ohnehin stets mehr eine Übung, allein für mich. Aber vor nicht langer Zeit dachte ich, dass es vielleicht doch interessant wäre, das ganze Manuskript auf eine Textplattform zu platzieren. Ich entschied mich erstmal für "MEDIUM", weil das Design angenehm ist. Aber nun genug des Plapperns.


    Falls du gerne in Zügen, Bussen oder Metros nach Abwechslung suchst, oder dir die Zeit in einem Wartezimmer vertreiben möchtest - hier sind die einzelnen Abschnitte von "Nach dem Fieber" (Episode 2 folgt in den nächsten Tagen).


    Ich weiß natürlich, dass sich auf diesem Planeten die Vorstellung durchgesetzt hat, dass alle Dinge die "umsonst" sind, irgendwie auch wertlos sein müssen. Das ist eine Ambivalenz mit der ich schon viele Jahre leben muss, als jemand, der nicht viel Freude am "Verkaufen" empfindet. Doch für mich ist "Nach dem Fieber" nicht wertlos. Es hat einen eigenen Charme, den ich selbst noch nicht gänzlich verstehe.


    Hier sind die Links (und die von MEDIUM geschätzte Lesedauer):


    https://nachdemfieber.medium.c…-teil-1-2019-adc1bf245d6d

    (Episode 1, Abschnitt 1, 8 Minuten)


    https://nachdemfieber.medium.c…hnitt-2-2019-5ad1872a515a

    (Episode 1, Abschnitt 2, 6 Minuten)


    https://nachdemfieber.medium.c…hnitt-3-2019-c13f8562257d

    (Episode 1, Abschnitt 3, 18 Minuten)


    https://nachdemfieber.medium.c…hnitt-4-2019-7232f52927cd

    (Episode 1, Abschnitt 4, 9 Minuten)


    https://nachdemfieber.medium.c…hnitt-5-2019-7c5bad9b2f04

    (Episode 1, Abschnitt 5, 10 Minuten)


    https://nachdemfieber.medium.c…hnitt-6-2019-43cc84487663

    (Episode 1, Abschnitt 6, 14 Minuten)


    https://nachdemfieber.medium.c…hnitt-7-2019-ca9536f8ec72

    (Episode 1, Abschnitt 7, 4 Minuten)


    PS: Und falls du lieber alles auf einmal im PDF-Format liest, gerne hier reinschauen:

    https://anna-macht-urlaub.de/ndf/garinka.html


    PPS: Und solltest du immer noch nicht genug haben:

    https://anna-macht-urlaub.de/ndf/dossier.html

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