Christina Dalcher - Q: In dieser Welt ist Perfektion alles / Master Class

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  • Klappentext


    In der nahen Zukunft besitzt jeder Mensch einen Q-Wert, der Intelligenz und Einkommen misst, und damit

    jedem seinen Platz in der Gesellschaft zuweist. Eine verführerisch einfache Antwort auf eine zunehmend heterogene Welt. Das glaubt auch Elena Fairchild, die an einer Eliteschule lehrt und regelmäßig das Potential ihrer Schüler testet. Je höher der Q-Wert, desto größer der Zugang zu Bildung und desto goldener die Zukunft. Wohin jeden Morgen die Busse die Kinder bringen, deren Q-Wert zu niedrig ist, weiß niemand so genau. Nur, dass sie nicht wiederkehren.


    Als Elenas 9-jährige Tochter durch einen Test fällt – und damit ihr Q-Wert auf ein erschreckend niedriges Niveau, lernt die Mutter die Kehrseite der schönen neuen Welt kennen. Was, wenn die Auslese der Besten nur der Anfang eines schrecklichen Plans ist? Was, wenn man ihr das eigene Kind nehmen will?


    Meine Meinung


    Wie die Autorin im Nachwort sagt, behandelt sie hier ein sehr aufwühlendes Thema. Ein Zukunftsszenario, welches viele Schrecken bereit hält, gerade weil man heute schon teilweise Ansätze dazu erkennt. Und es ist auch nicht so, als ob sie das alles aus der Luft gegriffen hat - Beispiele aus unserer Vergangenheit gibt es leider genügend, wie sie ebenfalls im Nachwort mit Quellen belegt.


    In der Zukunft von Elena Fairchild hat sich ein Stufensystem entwickelt mit dem Hintergrund, kluge Kinder zu fördern und nicht so begabte Kinder auf andere Art zu unterstützen, damit sie die "schlauen" in ihrem Lernprozeß nicht hindern. Es gibt Tests, um den Wert zu ermitteln, den Q Wert, der die Menschen einteilt in drei Kategorien von Intelligenz.

    Doch es zieht natürlich weitere Kreise und Christina Dalcher schildert sehr eindringlich, wie schleichend dieser Prozeß vonstatten geht, indem aus einer Idee, die scheinbar gutes bewirkt, eine schreckliche Klassengesellschaft entsteht, die mit Diskriminierung und brutaler Umsetzung sogenannter heerer Ziele einhergeht.


    Die Menschen nehmen vieles hin, in gutem Glauben, und erst die nächsten Generationen werden sehen, ob aus der Folgsamkeit der Massen tatsächlich etwas positives entsteht oder das Gegenteil der Fall ist.


    Vor drei Jahren hatte ich ja schon "Vox" von ihr gelesen und auch da fiel mir der eher nüchterne Schreibstil auf, der hier nach meinem Gefühl noch deutlicher wird. Auch fliegt man teilweise regelrecht durch die Ereignisse die nur angeschnitten sind und ich hatte das Gefühl, eher einem Bericht zu folgen. Das hat es mir etwas schwer gemacht mitzufühlen; mit der Protagonistin, aber auch mit den anderen Betroffenen und überhaupt der ganzen Situation.

    Auch wenn Elena schockiert ist, überrascht oder weint, das wurde für mich leider nicht transportiert und wirkte kalt und unnahbar.


    Den Gedankengang hier fand ich allerdings echt gut:

    Was ist so schlimm daran, dass man begehrt werden will - und zwar in jeder Hinsicht?

    Zitat Pos. 1898


    Mittlerweile scheint es ja bei vielen verpönt zu sein, dass Männer auf den weiblichen Körper ansprechen, Komplimente machen, eine Bemerkung fallenlassen oder sich gar trauen, auf der Straße hinterher zu pfeifen. Natürlich möchte auch ich nicht, dass Frauen auf das körperliche reduziert werden, aber der Körper ist nunmal da und er ist ebenso wichtig. Berührungen sind wichtig, Nähe ist wichtig, man möchte geliebt werden und zwar nicht nur im Geiste sondern auch im Bett ;)

    Ich weiß, dass es hier immens viele Grauzonen gibt und jeder anders empfindet, dennoch hab ich manchmal das Gefühl, das die Aussage "nur die inneren Werte zählen" zu sehr fokussiert werden. Natürlich interessiert mich das Aussehen nicht, wenn ich jemanden nicht mag, aber wie im Charakter sind auch die Geschmäcker vom körperlichen Anziehungspunkt her verschieden, ein Blick, eine Geste, ein Lachen, das kann so vieles sein ... und ganz ehrlich: jeder freut sich doch über ein ernstgemeintes Kompliment :)


    Die Handlung fokussiert sich sehr auf den Wendepunkt in Elenas Leben, die bisher sehr gut damit umgehen konnte, wie sich alles entwickelt hat.


    Selbst eine Außenseiterin hat sie jahrelanges Mobbing ertragen müssen - hat aber schließlich nicht erkannt, dass sie nach dem Umschwung genau die gleichen Gedanken hat und genauso handelt, wie sie es damals bei den anderen verachtet hat.

    Sie wirkt dadurch nicht wirklich sympathisch, da sie erst, als es um sie selbst und ihre Kinder geht, nachzudenken beginnt und handlungsbereit ist. Allerdings müssen wir uns da schon auch an der eigenen Nase fassen, denn wie oft lässt man etwas einfach laufen, schaut weg oder hält den Mund, weil es ja um "die anderen" geht.


    Durch diesen zentralen Schwerpunkt bleibt mir "der Rest der Welt" etwas zu sehr im Hintergrund. Natürlich erschließt sich vieles und man kann sich die Entwicklungen vorstellen, trotzdem hätte ich mir hier noch mehr Informationen gewünscht.


    Die Kampagne, mit der die Bildungsreform hier wirkt, setzt eine "wertvolle" Familie als Ziel. Das hört sich im ersten Moment vielleicht sehr schön an - allerdings muss man sich dann natürlich schon fragen, was denn unter wertvoll zu verstehen ist und wer das letztendlich entscheidet. Und wie man so ein Ziel erreichen kann und auf Kosten von wem?


    Das Thema umfasst einige wichtige Probleme wie die Geburtenkontrolle und die Ausgrenzung von Menschen, die nicht dem Ideal entsprechen - anwenden kann man das Prinzip allerdings auf viele Konflikte in unserer heutigen Gesellschaft. Man kann nur hoffen, dass wir endlich dazulernen und nicht wieder und wieder alte Fehler wiederholen.


    Auch wenn ich den Grundgedanken tiefgreifend und bedeutungsvoll finde, hat mir die Umsetzung nicht so wirklich gefallen. Dafür war es mir zu trocken und teilweise zu oberflächlich - was grade bei dieser Thematik für mich schon einiges ausmacht. Lesenswert ist es trotzdem!


    Mein Fazit: 3 Sterne


    Weltenwanderer

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