Jonathan Lethem - Anatomie eines Spielers / A Gambler's Anatomy

  • Kurzmeinung

    Jean van der Vlugt
    Skurrile Figuren erleben Ungewöhnliches. Ohne klares Ziel, ohne "Moral". Faszinierend sinnlos. Wenig um "das Spielen".
  • Kurzmeinung

    mapefue
    Wortschöpfungen, noch nie in dieser Form gelesen, heben diesen Roman auf oberstes Niveau

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  • Jonathan Lethems neuer, an unglaublichen und emotional eindringlichen Szenen reicher Roman „Anatomie eines Spielers“. Ein literarischer Hochgenuss, ein Lesevergnügen der besonderen Art. Bei Tropen zu Recht in der Kategorie „Literarischer Krimi“.

    Wortschöpfungen, noch nie in dieser Form gelesen, heben diesen Roman auf oberstes Niveau. Höchste Anerkennung für Ulrich Blumenbachs Übersetzung.


    Und erst die Geschichte:

    Alexander Bruno, noch keine 50, ein selbstsicherer, vielbeschäftigter Berufs-Backgammon-Spieler möchte in Berlin Wolf-Dirk-Köhler, einen Superreichen, der unbedingt die Spielerlegende Bruno herausfordern will, abzocken. Nach einem Desaster in Singapur, sollen die angelaufenen Schulden abgedeckt werden. Doch da war er da: Der Fleck in seinem Auge: „Er war da, wenn er aufwachte. Wahrscheinlich auch, wenn er schlief. Der Fleck.“ Hatte Bruno den Fleck nur für das „heraufziehende Gespenst seiner Unaufmerksamkeit“ gehalten?

    Nach anfänglichen Spielglück musste er feststellen, dass der, den er nur für einen Abzuzockenden gehalten hatte, „ganz schön viel von einem Zocker hatte“. Auf der Wannsee-Fähre hatte Bruno ein deutsches Mädchen namens Madchen! kennenglernt. Köhlers Serviermädchen in auffälliger Halbkörperledermaskierung lässt Bruno „verstohlene Blicke auf das kosmische Mysterium zwischen den Beinen der maskierten Frau“ riskieren. Madchen? Bruno denkt nach über „das Rätsel seiner veränderten Beziehung zum Glück.“ Er kollabiert und muss in die Charité eingeliefert werden, wo hinter dem Auge ein Tumor festgestellt wird, der auf Grund seiner Lage und Größe als inoperabel eingeschätzt wird: Ein Meningeom, ein Tumor des Zentralnervensystems, das hinter seinen Augen wuchert und Ursache für die Sehstörung ist. Er lasse sich resezieren, also chirurgisch entfernen, aber nur von einem Spezialisten in San Francisco, von Dr. med. Noah R. Behringer.

    San Franzisco war eine futuristische Karikatur einer verschnarchten Schnuckelstadt (S. 149)


    Mit Keith Stolarsky, ein ehemaliger Schulkollege und durch Immobilienspekulation zu Reichtum gelangt, tritt ein Mensch in Brunos Leben, der ihn fortan beeinflusst, demütigt, aber auch finanziell unterstützt. Intellektuell fühlt sich Bruno seinem „Freund“ überlegen, doch dieser ungeschlachte Typ „sitzt am längeren Hebel“. Stolarsky – ein ins Tageslicht befördertes Nachtlebewesen (S. 122), der Brunos Operation samt Flug nach San Francisco bezahlt – nach dem Hochschieben der Sichtblenden flutete Skalpell scharfes kalifornisches Tageslicht herein (S. 121), ist nicht auf Dauer ein Wohltäter, er zeigt bald seine andere Seite und lässt seinen alten Schulfreund, der ohnehin schon durch medizinische Verbände gezeichnet ist, noch zusätzlich in einer Halloween-Kostümierung mit Schlinge um den Hals in einem seiner Fastfood-Betriebe die Kosten abarbeiten.


    Die Zeilen im emotional gravierendsten Kapitel des Buches sind die schmerzhaft-intensiven Schilderungen rund um die monströse 14stündigen Operation von Brunos als inoperabel geltendem Tumor. Der Leser steht körperlich fast unmittelbar im Operationssaal und scheint damit Zeuge der unvorstellbaren medizinischen Spitzenleistung geworden zu sein. Frappierend, wie Lethem mit unvermeidlicher Unausweichlichkeit diese Authentizität in Worte zu fassen im Stande ist. Jonathan Lethem läuft zur Hochform auf auch mit Noah R. Behringer, der exzentrische Figur des langhaarigen, in Sandalen und mit Rucksack und Bart ins Spital kommenden Ausnahmeneurochirurgen, der bei Jimi-Hendrix-Musik mit großem, im Schichtbetrieb arbeitendem Team auch Alexander Bruno erfolgreich operiert, was bedeutet, dass er zuerst sein gesamtes Gesicht abnimmt und es dann wie ein Lätzchen in die Schale auf seiner Brust legt!

    • „Nur der weiße Leinenkittel verriet, dass er (Noah) überhaupt irgendeine Zutrittsberechtigung zu diesem medizinischen Gebäude hatte, und der Kittel konnte er bei jedem Gartenflohmarkt oder in einem Halloween-Laden abgestaubt haben.“ (S. 150)
    • „Wenn sein Arzt verrückt, aber fantastisch war, war das vielleicht genau das, was sein fantastisch verrückter Zustand (Brunos) erforderte.“ (S. 151)
    • „Stellen Sie sich Ihr Gesicht als Tür vor. Wir werden sie ganz sanft aufmachen. Un dann heben wir sie aus den Scharnieren und legen sie beiseite, als ganze und unbeschädigt. Viel besser, als an der Tür selbst herumzubohren und -zusägen, finden Sie nicht auch?“ (Noah zu Bruno, S. 152)

    Nach erfolgreicher Operation kehrt Bruno nicht gleich in sein früheres Metier zurück, bevor er als „Mumie“ auch an Pokerspieltischen sitzt und sich im Romanfinale noch eine bizarr-ironische Backgammonpartie mit dem anarchistischen Sliderbrater liefert, bei der die dabei verkohlenden Bratlinge als Spielsteine benutzt werden.


    Jonathan Lethem 1964 in New York geboren und lebt derzeit in Kalifornien. Seit seinem Roman „Der wilde Detektiv“ bin ich ein Fan von Lethem.

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  • K.-G. Beck-Ewe

    Hat den Titel des Themas von „Jonathan Lethem - Anatomie eines Spielers“ zu „Jonathan Lethem - Anatomie eines Spielers / A Gambler's Anatomy“ geändert.
  • mapefue

    Danke für die Rezension.

    Bin auch Lethem-Fan. ("Festung der Einsamkeit" unvollendet wegen inoperabler multipler Sehfehler)

    Vielleicht warte ich doch lieber auf den nächsten Roman von Lethem. Dieses Thema in "Anatomie eines Spielers" ist mir echt zu heavy.

    Woher weiß Lehtem, wovor ich am meisten Angst habe ?


    Das Taschenbuch "Festung der Einsamkeit" liegt bei mir seltsamerweise seit einiger Zeit auf dem Tischchen vor dem Bücherregal. Obwohl ich doch gar keine Bücher lesen kann.


    Und nun stoße ich nach 1 Jahr "Büchertreff"-Abstinenz auf sofort auf diese Rezi. Das Gesetz der Anziehung.


    An das Märchen von genialen Chirurgen glaube ich nicht mehr.

    "Wer sich in Familie begibt, kommt darin um!" (Heimito von Doderer)

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