Manuel Vilas - Die Reise nach Ordesa / Ordesa

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  • Zum Autor:


    Der spanische Schriftsteller Manuel Vilas (Vidal) wurde 1962 in Barbastro geboren und wuchs in Nordspanien auf..

    Als Lyriker debütierte er bereits 1982, ein Band mit gesammelten Gedichten erschien 2010 unter dem Titel »Amor«, eine vollständige Ausgabe 2016. In Spanien wird Vilas als Lyriker gefeiert. Seinen ersten von bislang sechs Romanen veröffentlichte er 2008. Sein sechster Roman »Ordesa« (2018) wurde in Spanien ein Bestseller, innerhalb eines Jahres wurden 14 Auflagen gedruckt, und das Buch wurde von Kritikern mehrerer Zeitungen zum Buch des Jahres gewählt. Die Rechte wurden in die USA, nach Frankreich, Italien, Portugal, Deutschland, Polen, Großbritannien, Kroatien, Albanien und in die Niederlande verkauft.

    Seine Werke wurden vielfach ausgezeichnet. Vilas lebt in Madrid und Iowa City.


    „Ordesa“ ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman des Autors.


    Klappentext:


    Wir sollten über unsere Familien schreiben, ohne jede Beschönigung, ohne dabei zu erfinden. Wir sollten nur von dem erzählen, was passiert ist, oder von dem wir glauben, dass es passiert sei.« Aus dieser Überzeugung heraus schrieb Manuel Vilas ein Buch über sich, seine Mutter, seine Kinder, vor allem aber über seinen Vater, den stets soignierten Handlungsreisenden, der vom sozialen Aufstieg träumte - und von Ferien in Ordesa ... Illusionslos und poetisch, in einer Sprache, die Realismus mit visionären Bildern verbindet, entsteht ein Lebensbild der letzten fünf Jahrzehnte Spaniens. Manuel Vilas, der als einer der großen Lyriker seiner Generation gefeiert wird, gelingt auch mit diesem kulturkritischen, feinfühligen ersten Roman ein wahrer Coup.


    Mein Leseeindruck:


    Zitat

    „Wenn man doch nur konkrete Zahlen statt ungenauer Worte hätte, um den menschlichen Schmerz zu beschreiben. Wenn wir doch nur wüssten, wie sehr wir gelitten haben, und wenn der Schmerz doch nur begreifbar und messbar wäre.“


    So beginnt dieses ungewöhnliche Buch, und mit diesen Sätzen ist der Grundakkord angeschlagen: ein wehmütiges, teilweise bitteres Buch über eine Kindheit in Armut und ein Spanien, das es nicht mehr gibt.


    Der äußere Anlass für seinen Blick zurück ist der Tod seines Vaters, dann der seiner Mutter, seine gleichzeitige Scheidung und ein finanzielles Desaster. Und so ziehen sich die Themen Tod, der Abschied von geliebten Menschen, Verlust der vertrauten Umgebung, Entwurzelung und Versage, aber auch Armut und sozialer Aufstieg durch das ganze Buch und werden in vielen Variationen vorgeführt.


    Es ist vor allem der Abschied von seinen Eltern, der ihn beschäftigt. Er stellt fest, dass er seine Eltern kaum kennt und versucht sich ihnen anzunähern, mit einer unglaublichen Obsession sucht er nach Erinnerungen an Eltern, Großeltern, Verwandte, teilweise unterstützt von alten Fotos, die er in den Text einfügt.

    Diese Annäherung ist gelegentlich nicht frei von Komik. So erinnert er sich z. B. an Familienausflüge mit dem über alles geliebten Auto des Vaters, einem SEAT, Statussymbol einer aufsteigenden Mittelschicht. Dieses Auto durfte nicht in der Sonne stehen – und so war jeder Ausflug geprägt von der Suche nach einem angemessenen Parkplatz. Die Komik hat aber einen bitteren Beigeschmack: als Leser hat man den Eindruck, dass der Vater dem Auto mehr Zuwendung und Interesse zukommen ließ als dem Sohn, der eher als Gegenstand wahrgenommen wurde. Umgekehrt scheint jedoch auch der Sohn mehr über das Auto als über seinen Vater zu wissen. Er bewundert ihn jedoch und hat ihn als stilvollen und immer eleganten Mann in Erinnerung – aber er weiß nichts über ihn. So erinnert er sich z. B. an eine Reifenpanne auf dem Weg nach Ordesa, einem Ferienort in den Pyrenäen, und sucht nun akribisch die genaue Stelle, um so Erinnerungen an den Vater auszulösen.


    Noch bitterer wird die Lektüre, wenn man die Sprachlosigkeit dieser Familie betrachtet. Jahre nach dem Tod der Eltern erkennt der Autor, dass sie kaum miteinander gesprochen haben, und der Tod seines Vaters wird im Nachhinein zu einer quälenden und reuevollen Erinnerung:

    Zitat

    "Und ich nahm nicht die Hand meines sterbenden Vaters. Niemand zeigte mir, wie man das macht."


    Das Buch besticht durch seine wunderschöne Sprache. Ob es die Farbsymbolik ist (der gelbe Schutzumschlag passt perfekt), die vielen mantraartigen Wiederholungen und Variationen, die Assoziationen, viele Sentenzen und Aphorismen, bestechend klare Bilder und auch die nicht-chronologische Anordnung der kurzen Kapitel – mit all dem bewegt sich der Text zwischen Epik und Lyrik. Sehr gut gefallen hat mir auch die Rolle der klassischen Musik: Vilas benennt wichtige Figuren nach Komponisten, deren Musik seiner Meinung nach zum Charakter der Person passt.


    Memoir oder Totenklage? Eines ist das Buch auf alle Fälle nicht: eine Bewältigung der Vergangenheit. Vilas bleibt im Klageton, der Blick geht ausschließlich zurück in die Vergangenheit, eine Versöhnung mit der Vergangenheit ist nicht in Sicht.


    :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertung1von5: :bewertungHalb:

    :study: Robert Macfarlane, Berge im Kopf. MLR.

    :study: Charles Dickens, Little Dorrit. MLR.

    :musik:Judith Herrmann, Daheim.

    :study: William Boyd, Trio.

  • K.-G. Beck-Ewe

    Hat den Titel des Themas von „Manuel Vilas - Die Reise nach Ordesa“ zu „Manuel Vilas - Die Reise nach Ordesa / Ordesa“ geändert.

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